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12.06.2010 00:00 Alter: 9 Jahr(e)
Kategorie: Vorträge

Atheismus in der Diskussion

Vortrag beim Festakt zum fünfzigjährigen Bestehen der EZW in der Französischen Friedrichstadtkirche Berlin am 12.06. 2010 .


Meine Damen Herren, verehrte Gäste,

ein richtiges Thema für eine „Festrede“ ist der Atheismus, über den ich in den nächsten 30 Minuten reden soll, ja eigentlich nicht. Insbesondere im Kreise von Menschen, die sich die Verantwortung der christlichen Botschaft in den weltanschaulichen Orientierungen, die unsere Gesellschaft prägen, zur Aufgabe gemacht haben, dürfte es schwer sein, so etwas wie die Diskussion mit dem Atheismus auf die Ebene eines festlichen Geschehens zu heben – es sei denn der Theologe macht sich ein Fest daraus, die mehr oder weniger schwachen Argumente des neuesten Atheismus zu zerpflücken. Aber das wäre wohl ein etwas fades Fest. Denn wie immer sich der Atheismus in Vergangenheit und Gegenwart, in West und Ost und weltweit darstellt, erstlich und letztlich handelt es sich schlicht um das Phänomen der Gottesleugnung. Dieses Phänomen aber stimmt niemand in der Kirche festlich, sondern bestenfalls besorgt und schlimmstenfalls traurig. Dass unsere Kirche angesichts des in unseren Landen – und besonders des in unseren östlichen Landen – grassierenden Atheismus sich dennoch nicht besorgt und traurig in den Winkel ihrer Glaubenswelt zurück zieht, sondern das Gespräch mit dem Atheismus – mit den Menschen vor allem, die ihn vertreten – sucht, dafür steht exemplarisch an einem wichtigen Ort in Deutschland die „Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ gut. Das festliche Danke, dass wir ihr heute dafür sagen, kann aber nicht ohne Ausblick auf die Herausforderungen sein, vor denen sie steht. Dazu gehört nicht nur in Berlin, aber doch hier ganz besonders, die Herausforderung der Kirche durch den Atheismus. Ich skizziere sie im Folgenden groben Strichen, indem ich

            1. vom Atheismus ohne Diskussion und
            2. vom Atheismus in hitziger Diskussion

rede.

1. Atheismus ohne Diskussion

Wer nach Berlin kommt und sich für das weltanschauliche Klima in dieser Stadt interessiert, stößt sicherlich bald auf ein unterdessen schon geflügeltes Wort. Er sei hier in der „Welthauptstadt des Atheismus“, wird man ihm sagen. So hat der amerikanische Soziologe Peter Berger um die Jahrtausendwende seinen Eindruck vom weltanschaulichen Profil dieses Ortes auf den Punkt gebracht. Die organisierten Atheisten in dieser Stadt verstehen das – wie man ihrem „atheistischen Stadtführer“ entnehmen kann – als ein Lob für die Verbreitung ihrer Weltanschauung. Sie marginalisieren dabei aber den nicht nur ironischen, sondern auch den bedrohlichen Unterton, den dieser soziologische Spezialist fürs Religiöse mit dem Begriff „Welthauptstadt“ anklingen ließ.

Denn „Welthauptstadt“ ist bekanntermaßen eine Wortschöpfung von – Adolf Hitler aus dem Jahre 1942. „Reichshauptstadt“ war für das Nazireich zu wenig. Das Weltreich der Germanen sollte sein Zentrum in der „Welthauptstadt Germania“ haben. Der Untergang dieses größenwahnsinnigen Projektes in millionenfachem Tod und Trümmerwüsten hat die Kennzeichnung eines Ortes als „Welthauptstadt“ im Sprachgebrauch von heute darum zur Annonce von etwas ziemlich Gefährlichem oder mindestens Fragwürdigem und Bedenklichen werden lassen. „Welthauptstadt des Heroins“ ist das West-Berlin der Vorwendezeit gerne genannt worden. Als „Welthauptstadt der Hacker“ gilt heute Shaoxing in China, usw. „Welthauptstädte“ sind in der Wahrnehmung der Zeitgenossen von heute also offenkundig Orte mit unheilsschwangeren Potenzialen und problematischen Ansprüchen auf Weltgeltung. Eine „Welthaupthauptstadt des Atheismus“ ist davon nicht ausgenommen.

Denn als Berger sein Bonmot kreierte, war die Erinnerung daran noch frisch, dass der Kollaps des real-sozialistischen östlichen Weltreichs auch das Ende des Atheismus als einer staats- und gesellschaftstragenden Weltanschauung bedeutete. Die Unterdrückung der Freiheit der Religionsausübung, die Drangsalierung von Menschen mit anderen weltanschaulichen Überzeugungen – um von Schlimmerem und Verbrecherischem zu schweigen – hatte aufgehört. Der Atheismus – beraubt des Machtapparates und der Propagandainstrumente, die ihn stützten – wurde leise, wurde auf eine der vielen weltanschaulichen Orientierungen zurück geschrumpft, die in einer pluralistischen Gesellschaft das Leben der Menschen bestimmen.

         Auf diesem Niveau musste ihm aber nicht bloß ein amerikanischer Beobachter eine erstaunliche Vitalität bescheinigen. Während die Unterdrücker verschwanden, hatte sich die Mehrzahl der Menschen an eine ihnen verordnete Lebensweise und an einen Lebensstil gewöhnt, der nichts mit Religion und Kirche, geschweige denn mit Gott, zu tun hat. Da der Kontakt zur Kirche selbst die berühmten „Nischen“ gefährdete, in die sich ein DDR-Mensch vor dem Zugriff des Machtstaates zurück zu ziehen pflegte, wurde Religionsabstinenz auch in diesen Nischen heimisch. Auf solche Weise kam eine massenhafte Entfremdung vom christlichen Glauben und von den christlichen Traditionen auch im privaten Leben in Gang, die das Desaster des Atheismus auf der Weltbühne überdauerte. Es entstand ein Gewohnheitsatheismus, der gewissermaßen die erfolgreichste Hinterlassenschaft des real-existierenden Sozialismus ist und der sich beständig fortpflanzt. Christlicher Glaube oder christliche Frömmigkeit kommen in den Familien nicht mehr vor. Schon die Großeltern, vielleicht sogar die Urgroßeltern, waren nicht in der Kirche; die Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen sind es auch nicht. In den Schulen herrscht ein atheistisches Grundklima. So ist ein hartwandiges gesellschaftliches Milieu gewachsen, das Alles, was ausdrücklich mit „Religion“ zu tun hat, von sich abweist.

Dass dieses Milieu eine Herausforderung sondersgleichen besonders für die Evangelische Kirche ist, duldet keinen Zweifel. Es stellt nicht nur ihre ererbte Struktur einer über das ganze Land verbreiteten Religionsgemeinschaft in Frage. Es schiebt im gesellschaftlichen Bewusstsein ihre Glaubenswahrheiten unter die Schwelle der Konfliktfähigkeit. Mit der Religion wird nicht diskutiert. Religion hat man als abseitiges Relikt der Vergangenheit hinter sich. Die westlichen Pendants dieser Einstellung, der immerhin auch rund 25 % der Bevölkerung Deutschlands zuzurechnen sind, treten zwar zerstreuter in Erscheinung. Hier ist ein individuell selbst vertretener Atheismus, der noch kennt, was er verneint, überdies auch verbreiteter. Dennoch stimmen die Atheismen mit unterschiedlicher Genese durchaus zusammen, wenn es gilt, Einfluss und Verbreitung von Kirche und Glaube in der Gesellschaft zu verhindern. In einer Stadt wie Berlin kann man das besonders drastisch erleben, wie nicht erst beim gescheiterten Pro-Reli-Volksbegehren offenbar wurde. Das alltägliche Abweisen der Religion in den basalen Zusammenhängen des gesellschaftlichen Lebens ist viel aufdringlicher.

Angesichts dessen verwundert es doch sehr, dass die in den letzten Jahren entstandenen Zukunftspapiere der EKD und der Landeskirchen nur am Rande auf die Frage eingehen, wie sich Kirchen und Gemeinden auf dieses Milieu einlassen können. Das Äußerste, was man in dieser Hinsicht im Berlin-Brandenburgischen Perspektivpapier „Salz der Erde“ zu hören bekommt, ist, dass auf alles „Autoritäre“ zu verzichten ist, um in diesem Milieu „Akzeptanz und Sympathie“ zu erreichen. Von einem „Atheismus in der Diskussion“ kann in der kirchlichen und gemeindlichen Realität – alle Ausnahmen wie die EZW und einige „missionarische“ Aktivitäten zugebilligt – schlechterdings nicht die Rede sein. Dementsprechend wird der Frage in Breite wenig Aufmerksamkeit geschenkt, wie das Reden, Leben und Agieren der christlichen Gemeinden achtsam auf die Begegnung mit Menschen zu konzentrieren ist, die von Gott und vom Glauben gar nichts kennen und dennoch voller Ressentiments gegenüber Gott und Glauben sind.

Große Aufmerksamkeit findet in Kirche und Theologie dagegen die unterdessen fast zum Selbstläufer avanacierte Rede von der „Wiederkehr der Religion“ oder – wegen ihrer bunten Vielfalt – der „Wiederkehr der Götter“. Sie scheint die Hoffnung zu nähren, die schon bei der Vereinigung der deutschen Kirchen vor 20 Jahren eine dann sehr enttäuschende Rolle gespielt hat; die Hoffnung nämlich, das atheistische Milieu würde sich von alleine auflösen. Der „Gewohnheitsatheismus“ begegne schon heute nur noch in „Rudimenten“, können wir z.B. in einer Münchener Dogmatik von 2005 lesen. Das ist im Hinblick auf die weltanschaulich-religiöse Landschaft, die ich hier vor Augen habe, schlicht falsch. Dabei ist gar nicht zu bestreiten oder klein zu reden, dass es in Europa ein neu erwachtes Interesse am Religiösen gibt und dass die Religionen – wie auch immer – weltweit boomen. Was jene „Wiederkehr der Götter“ in unseren Breiten betrifft, so zeichnet sie sich nach der Beschreibung von Ulrich Beck in seinem Buch „Der eigene Gott“ jedoch dadurch aus, dass Menschen sich aus den unterschiedlichsten religiösen Traditionen einen individualisierten Glauben „zusammenbasteln“. Wo religiöse Traditionen im Leben von Menschen jedoch gar nicht mehr vorkommen, da gibt es auch kein „Material“ zum Basteln. Da schweigen die Götter, auch wenn es im atheistischen (wie in religiösen Milieus auch) natürlich Phänomene von Pseudoreligion gibt, d.h. der Überhöhung von Irdischem zu Gegenständen von religionsähnlicher Verehrung. Die Fußballweltmeisterschaft wird uns dazu wieder Anschauungsunterricht geben.

In einer Hinsicht partizipiert das atheistische Milieu allerdings am Trend zur Invidualisierung des Religiös-Weltanschaulichen und damit zum Zusammenbasteln der eigenen Überzeugung. Es kann sich unter keiner einheitlichen Theorie mehr bergen, nachdem sich die marxistisch-leninistische Behauptung in Luft ausgelöst hat, die Materie entwickele sich in „dialektischen Sprüngen“ zielstrebig auf die Menschheit zu, die diese Zielstrebigkeit geschichtlich in „Klassenkämpfen“ unter Beweis zu stellen habe. Die Frage nach tragenden Lebenseinstellungen trifft darum hier – wie Umfragen und die Erfahrung zeigen – auf einen Chorus diffuser Stimmen. Versatzstücke aus jener Ideologie und Elemente aus der europäischen ethischen Tradition sind darin ebenso anzutreffen wie gemäßigt hedonistische, aber auch existenzialistische und zuweilen nihilistische Anschauungen. Wohin dergleichen das gesellschaftliche Leben wohl bugsiert, war die besorgte Frage, die in Bergers Bonmot von der „Welthauptstadt des Atheismus“ steckte. Sie sollte in der Mitte unseres Jahrzehnts nun ausgerechnet aus seinem Heimatlande heraus eine Antwort angeboten bekommen, als sich sogenannte „Neue Atheisten“ mit dem Absolutheitsanspruch einer universalistischen atheistischen Theorie zu Worte meldeten.

 

2. Atheismus in hitziger Diskussion

Es ist hier nicht der Ort und die Zeit, die Argumente en detail darzustellen und kritisch zu beleuchten, die nach Sam Harris, Christopher Hitchens, Daniel Dennet, Richard Dawkins und anderen den „Neuen Atheismus“ ausmachen. Unterdessen liegt eine ganze Reihe von Analysen ihrer Schriften vor, welche die Selbstprofilierung dieses Atheismus als „neu“ im Grunde nicht mehr gestatten. Ich habe mich ausführlicher im Materialdienst der EZW (1/2009, 3-16) dazu geäußert. „Neu“ ist im Vergleich zu der in unserem Lande in Nischen der Ruhe gewachsenen Religionsabstinenz, die summa summarum von einer durchaus verträglichen Menschlichkeit geprägt ist, allenfalls der hitzige und wilde, religiöse Menschen verächtlich machende Ton, der im Jahre 2006/2007 z.B. Richard Dawkins Buch „Der Gotteswahn“ an die Spitze von Bestsellerlisten und auf die Titelseiten von großen Magazinen katapultiert hat.

Die Behauptung, dass religiöse Menschen wahnsinnig seien, erinnert dennoch an die schlimmsten Zeiten stalinistischer Religionsverfolgung. Dass Michael Schmidt-Salomon sie in seinem gerade in der 4.Auflage erschienen Buch „Jenseits von Gut und Böse“ nicht nur wiederholt, sondern sie noch fast zu „harmlos“ findet, lässt einen nach gehabten Erfahrungen besorgt fragen, was wohl geschähe, wenn dieser Atheismus die Beherrschung über den Wertekanon von Regierungen und Gesellschaftsinstitutionen gewönne. Dass der „humanistische Pressedienst“, der kein Organ des „Humanistischen Verbandes“ ist und mit diesem Verband nicht verwechselt werden darf, das Machwerk von Schmidt-Salomon „Wo bitte geht’s zu Gott, fragte das kleine Ferkel“ als „Heidenspaß“ für Kinder bewirbt, ist ein beunruhigendes Zeugnis für den Geist des „Humanismus“, der von diesem „Pressedienst“ verbreitet wird.

         Nichts desto trotz können die Elaborate der „neuen Atheisten“, die sich jenseits von Erfahrungen mit einem alles beherrschenden Atheismus bewegen, dazu dienlich sein, das Bewusstsein der Christenheit für die Situation zu schärfen, in welcher sie sich in einem atheistischen Milieu befinden. Ich begnüge mich hier mit dem Hinweis auf drei charakteristische Argumente des Neuen Atheismus, die sich dadurch auszeichnen, dass sie ein Christentum aufs Korn nehmen, in dem sich hierzulande kaum ein Christenmensch wieder erkennen kann. Es wiederholt sich hier, was das Gespräch mit dem Atheismus schon immer beschwerlich gemacht hat. Es steht entweder ein Christentum der Vergangenheit oder ein simpel biblizistisches Christentum der Gegenwart im Fokus. Das Kinderbuch, das jenem erwähnten Machwerk folgte („Susi neunmalklug erklärt die Evolution“), diskreditiert z.B. – offenkundig gegen besseres Wissen – den Religionsunterricht, indem es einen dummen Religionslehrer lächerlich macht, der die Kinder kreationistisch unterrichtet. Dieses Verfahren, das auch sonst die ja nun wirklich schon lange währende und breite Arbeit der christlichen Theologie an der Verantwortung des Glaubens unter den Bedingungen der Neuzeit einfach ignoriert, ist für die Atheisten aus Übersee ebenso kennzeichnend wie für die in antireligiösen Ressentiments beheimateten Partizipanten am atheistischen Milieu hierzulande. Dreierlei also kann das schlaglichtartig verdeutlichen.

1) Auslöser des „Neuen Atheismus“ war zweifellos der islamistische Anschlag auf der World-Trade-Center in New York im Jahre 2001. Er hat das Thema „Religion und Gewalt“ auf die Tagesordnung einer weltweiten Diskussion gesetzt. Für die „Neuen Atheisten“ ist es ein Zentralthema. Alle Religion tendiert notwendig zur Gewalt gegenüber Menschen mit einem anderen Glauben oder einer anderen Weltanschauung – lautet der Vorwurf. Er geht viel weiter als z.B. Jan Assmanns hinreichend widerlegte Theorie, nur der Monotheismus sei im Unterschied zum Polytheismus aggressiv und intolerant, weil er im Glauben an nur einen Gott alle anderen Götter und deren Anhängerschaft verneine. Der Grund für die religiöse Aggressivität sei vielmehr die Unwissenheit. Religiöser Glaube erfindet, weil Menschen es nicht besser wissen, absurde Vorstellungen über die Welt, die Menschen und die Vorgänge in Natur, Geschichte und individuellem Leben. Weil er seine unbeweisbaren Erfindungen für die allein richtigen hält, ist er unfähig, sie zu korrigieren. „Dummheit, gekoppelt mit [...] Überheblichkeit“ ist nach Christopher Hitchens das Wesen der Religion. Darum verbindet sich nach seiner Ansicht religiöser Glaube immer mit Hass und Vernichtungswut gegen andere Menschen, die ebenso unbeweisbare religiöse oder weltanschauliche Vorstellungen hegen. Wo keine Argumente sind, sprechen eben die Fäuste. Nur der Atheismus garantiere eine wesenhaft friedliche Welt, behauptet Sam Harris allen Ernstes.

         Die Christinnen und Christen, die 1989 gemeinsamen mit ihren atheistischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern die Losung „keine Gewalt“ auf die Straßen getragen haben, können wie unsere ganze von der Friedensbotschaft Jesu Christi bewegte Kirche derartig pauschale Behauptungen einfach nur abseitig finden, obwohl die Gewaltgeschichte des Christentums und aller anderen Religionen nicht leugnen, sondern vielmehr intensiv kritisch zu reflektieren ist. So ist denn längst vor den „Neuen Atheisten“ in Kirche und Theologie der Verbindung von christlicher Botschaft und Gewaltausübung eine eindeutige Absage erteilt worden. Nur sine vi, sed verbo (CA 28) kann diese Botschaft zu den Menschen getragen werden. Das ist heute unstrittig. Selbst ein halbwegs ehrlicher Atheist kann hier und heute nicht aus Erfahrung bestätigen, dass das Christentum gewalttätig ist. Ein aktueller Anlass, Atheist zu werden, ist diese Behauptung jedenfalls nicht. Viel eher dürfte die Verständigung darüber, dass weltanschauliche und religiöse Überzeugungen niemals mit Gewalt vertreten werden dürfen, die einfachste Ebene der Verständigung zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden darstellen. Ja, das ist sie im alltäglichen Leben faktisch schon längst.

         2) Der zweite Auslöser des „Neuen Atheismus“ jenseits des Atlantik ist der christliche Fundamentalismus in den USA, dessen Wogen freilich auch in manche Gegenden Deutschlands hinüber schwappen. „Fundamentalismus“ ist die Bezeichnung für ein Verständnis der Bibel, das nicht nur ihre Glaubensaussagen, sondern auch ihre weltbildhaften Vorstellungen und ethischen Überzeugungen für Definitionen göttlich offenbarter Wahrheiten hält. An diesem Fundamentalismus bilden sich die „Neuen Atheisten“ ihr Urteil von der „Dummheit“ oder vom „Wahnsinn“ der Religion. So gut wie unbeachtet bleibt dabei die theologische und kirchliche Kritik an diesem Fundamentalismus. Die Geschichte des Verhältnisses der Kirche zu den Naturwissenschaften wird aufs Einseitigste auf das Bild von einer prinzipiellen Wissenschaftsfeindlichkeit der Kirche bzw. des christlichen Glaubens verkürzt. Friedrich Schleiermachers Forderung nach einem „ewigen Vertrage zwischen einem lebendigen christlichen Glauben und der nach allen Seiten frei gelassenen wissenschaftlichen Forschung“, die wir gerade im Jahre des 200jährigen Bestehens der Berliner Universität ans Licht stellen, erscheint da als etwas völlig Unverständliches.

Da dieses Geschichtsbild ein gängiges Ressentiment in den östlichen und westlichen atheistischen Milieus bedient, ist es nötig, den Problemkomplex Schöpfungsglaube und Naturwissenschaft aus der Ecke einer Frage für ein paar Spezialisten herauszuholen. Die Aufgeklärtheit über dieses Verhältnis sollte zur selbstverständlichen Ausrüstung eines christlichen Lebens in der andauernden Begegnung mit Menschen gehören, die sich mit diesem Ressentiment Gott und Glaube vom Leibe zu halten. M.E. wird an der Basis der Kirche – vor allem in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen – viel zu wenig für diese Aufgeklärtheit gesorgt. Viele Texte der „Neuen Atheisten“ können in dieser Hinsicht sogar dafür verwendet werden, die eigene Urteilsfähigkeit zu entwickeln. Es braucht viel mehr Menschen, die in Beruf und Alltag darzustellen vermögen, dass man kein Atheist werden muss, um für die Freiheit der Wissenschaften einzutreten.

         3) Als ihr stärkstes Argument betrachten die „Neuen Atheisten“ die Tatsache, dass methodisch-atheistische wissenschaftliche Forschung mit ihren Mitteln Gott nicht „beweisen“ kann. Darum haben sie auch an den durch Deutschland tourenden „Atheismus-Bus“ den komplizierten Satz geschrieben: „Gott existiert mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht“. Diese Aussage bedient ein Wirklichkeits- und Wahrheitsverständnis, das Wirklichkeit und Wahrheit nur der objektivierbaren Realität zuspricht bzw. sie auf sie zurück führt.

An dieser Stelle kommt die Diskussion mit dem gegenwärtigen Atheismus an ihren eigentlichen Knackpunkt, die deshalb hier – auch von Seiten der etwas zu aufgeregten christlichen Apologetik – besonders hitzig zu werden pflegt. Es geht dabei um die Bedeutung des Glaubens an Gott für die Wirklichkeitserfahrung. Die atheistische Kritik versteht „Glauben“ als Fürwahrhalten von überirdisch gelenkten Naturvorgängen. Doch davon kann er als Glaube gar nichts wissen. Er hütet sich geradezu davor, den unverfügbaren Gott wie eine naturgesetzliche Tatsache dem menschlichen Verfügungswissen einzuverleiben, wie Dawkins alberner Vergleich Gottes mit einer im Weltraum herumfliegenden „Teekanne“ bzw. mit einem „Spaghettimonster“ unterstellt.

Denn Glaube ist das Vertrauen zur Wirklichkeit Gottes, das aufgrund personaler Begegnung mit Gott in unserer Existenz und in unserer Geschichte begründet wird. Solcher Glaube ist der grundlegende Zugang zu Gott. Im Lichte dieses Glaubens deutet die Christenheit alles das, was wir in wissenschaftlicher Erkenntnis vom Werden des Universums und des menschlichen Lebens wissen können. Sie grämt sich dabei keinesfalls darüber, dass die Erde, auf der wir Menschen leben, sich nur als winziger Punkt in den Weiten des Universums darstellt. Schon der lutherische Theologe und Astronom Johannes Kepler, dem wir den entscheidenden Durchbruch zur wissenschaftlichen Erkenntnis des Universums verdanken, hatte im 17. Jahrhundert diese Tatsache im Lichte der paulinischen Rechtfertigungslehre so interpretiert, dass Gott das Geringste – er sagt die „Kloake“ des Universums – erwählt habe, um seine Herrlichkeit kund zu tun.

Für den Atheismus der hier beschriebenen Art ist dagegen unserer Fähigkeit, alles Vorhandene und Wissbare mit unserem Bewusstsein transzendieren zu können, von der wir im Glauben Gebrauch machen, ein Zufallsprodukt der Evolution. Sie schreibt uns vor, dass und wie wir uns ohne den Glauben an Gott bzw. ohne Religion selbst zu verstehen haben. Das Entstehen von Religion, welches manche Evolutionsforscher geradezu als eine Triebkraft der Evolution ansehen, wird dagegen auf das Konto einer „Fehlfunktion“ der Evolution geschrieben. Diese selbstwidersprüchliche Aussage verdankt sich offenkundig auch einer existenziellen Entscheidung, allerdings einer, die vom Vorurteil des Nichtglaubens geprägt ist. Darum spitzt sich die Diskussion auf die Frage zu, an welchem Kriterium zu messen ist, was hier richtige Funktion und was „Fehlfunktion“ von uns mit Bewusstsein begabten Wesen ist.

Dabei ist unstrittig, dass Religion – auch „christliche Religion“ – in ihren vielen Facetten und geschichtlichen Erscheinungsweisen schon immer auch ein Feld für das Gedeihen von Illusionismus, Aberglaube, Irrtümern und tief problematischen Menschenbildern war und ist. Anders als religionskritisch können christlicher Glaube und Theologie nicht die für die Überzeugung eintreten, dass der Glaube an Gottes Klarheit der Liebe - und in dieser Weise als Religion! – uns menschliche Menschen in unseren großen Möglichkeiten und in unseren Grenzen werden lässt. Solange von atheistischer Seite diese Möglichkeit gar nicht Betracht gezogen, sondern nur polemisch negiert wird, bleibt die von den „Neuen Atheisten“ ausgelöste Diskussion ein bloßer Rumor, dessen wesentlicher Effekt die gegenseitige Abschreckung von Glaubenden und Nichtglaubenden ist.

 Ich wünschte mir dagegen angesichts der eingangs geschilderten Sprachlosigkeit in Sachen Religion, die vom atheistischen Milieu ausgeht und auch in unseren Kirchen waltet, dass die Diskussion mit dem Atheismus auf ein Niveau kommt, auf dem sich Menschen mit und ohne Religion bei ihren stärksten Seiten wahrnehmen und würdigen können und über ihre Schwächen und Nöte sine ira et studio zu reden vermögen. Wir hatten dieses Niveau ja wenigstens schon einmal angezielt. An Dietrich Bonhoeffers theologische Würdigung und Inanspruchnahme der „Religionslosigkeit“ ist hier ebenso zu erinnern wie an das Großmachen christlicher Impulse im Atheismus bei Ernst Bloch, Milan Machovec und Viteslav Gardavsky – um nur einige zu nennen. Wie es aussieht, wird das Zusammenleben von nichtreligiösen Menschen, die sich als Atheisten verstehen und Glaubenden noch lange unser gesellschaftliches Leben bestimmen. Theologie und Kirche sollten sich deshalb von einem hitzigen Atheismus nicht dazu verführen lassen, mit an schalldichten Mauern zwischen diesen Menschen zu bauen. Sie sollten so viel wie möglich dafür tun, dass Sprach- und Verstehensbrücken von hier nach dort und von dort nach hier entstehen.


 
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