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05.12.2018 17:47 Alter: 6 Tag(e)
Kategorie: Predigten

Ich schäme mich des Evangeliums nicht

Predigt am Reformationstag 2018 in der Nordendgemeinde berlin


Liebe Gemeinde,

der Predigttext des heutigen Reformationstages steht ganz am Anfang des Römerbriefes des Apostel Paulus. Es ist für die evangelische Christenheit ein wichtiger und denkwürdiger Text. Denn so wie uns Martin Luther selbst die Reformation, die Erneuerung der christlichen Kirche im 16. Jahrhundert beschreibt, hat damit alles angefangen und nicht etwa mit dem Anschlag der 95 Thesen über die Buße an das Tor der Schlosskirche von Wittenberg.

Er habe, so erzählt Luther, Tag und Nacht über diesem Text „gegrubelt“. Auf einmal aber habe sich Gott seiner erbarmt, so dass ihm der Sinn des Textes aufging und damit die Einsicht, dass die christliche Kirche nicht so bleiben kann, wie sie seinerzeit war. Reformation der Kirche ist eine Frucht von Bibellektüre. Wenn wir also heute der Reformation von damals gedenken, dann können wir das nicht besser tun als so, dass wir uns mit Blick nach vorne am Bibellesen von damals beteiligen. Wir tun das mit den Einsichten und Erfahrungen von heute und fangen so mit dem Versuch, den Apostel Paulus zu verstehen, noch einmal von vorne an. Er schreibt an jenem Anfang des Römerbriefes im 1. Kapitel, Vers 16 und 17:

Ich schäme mich des Evangeliums nicht. Denn es ist eine Kraft Gottes zur Rettung allen, die daran glauben, den Juden zuerst und auch den Griechen. Denn in ihm wird die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zum Glauben offenbar; wie geschrieben steht: der Gerechte wird aus Glauben leben. 

Das Erste, was uns natürlich auffällt, wenn wir das hören, ist der starke Ausruf „ich schäme mich nicht“, mit dem Paulus sich den Römern vorstellt. Ich weiß gar nicht, ob uns das wirklich gut gefällt. Denn wenn einer daherkommt und allzu laut verkündet: „Ich schäme mich nicht“, dann macht er sich erfahrungsgemäß verdächtig, dass er eigentlich Anlass hätte, sich doch zu schämen. „Ich schäme mich nicht, ein Deutscher zu sein“, habe ich neulich jemand sagen hören. Vielleicht hat er ja noch niemals in einem KZ der deutschen Nazis gestanden. 

„Ich schäme mich nicht“ – mit so einem stolzen Satz kann man also ganz gut allerlei Dunkles in unserem Leben ruck-zuck wegschieben. Macht der Apostel Paulus das auch, wenn er in der Hauptstadt des römischen Weltreiches als Erstes beteuert, dass er sich nicht schämt, hier mit dem Evangelium anzurücken? Man könnte es verstehen. Denn da ist die Pracht und Macht dieses Reiches auf der einen Seite. Da ist ein Kaiser, der sich sogar als Gott verehren lässt. Und da ist auf der anderen Seite ein kleiner Wandermissionar – mit nichts als Worten von einem in einer Provinz von Rom hingerichteten Menschen ausgerüstet.

Seit Jahren ist er mit diesen Worten unterwegs. Aber man hat ihm keine roten Teppiche ausgerollt. Verprügelt hat man ihn auf dem Marktplatz von Philippi, eingesperrt und vor die Gerichte gestellt, fast ertrunken ist er vor Samos. Reden kann er auch nicht. In Athen lassen ihn die Leute achselzuckend stehen. Die aber, die er gewinnt für diese Worte, stammen vor allem aus den untersten Gesellschaftsschichten. Das Christentum ist ja als eine Angelegenheit vor allem von Sklavinnen und Sklaven auf die Weltbühne getreten. Die römischen Bürger haben darüber gekichert und sich faule Witze erlaubt. Den „Aufstand der Minderwertigen“ habe Paulus bewirkt, hat Friedrich Nietzsche aus Röcken bei Leipzig in ihrem Geiste gut 1900 Jahre später gesagt. 

In so ein Klima der Verachtung für eine Botschaft, die den Sklavinnen und Sklaven sagt, sie seien der Größten und nicht der römische Prachtmensch, ist Paulus also damals herein gekommen. Ein bisschen erinnert uns das ja vielleicht an Situationen, in die wir unter den vielen sog. „konfessionslosen“ Menschen um uns her auch geraten. In Vergessenheit ist da versunken, dass es des Menschen höchste Auszeichnung ist, Gott nahe kommen zu können. Das Blödeste kursiert über die sog. „Religion“. Unsere Kirchen und Gemeinden haben Mühe, sich noch als außerordentliche Orte allen Menschen zugute, darzustellen.

Denn in einer Hinsicht unterscheidet sich die Kirche, in der wir heute in unserer Weltgegend leben, doch sehr von der jungen Kirche in Rom und auch von der Kirche der Reformation vor 501 Jahr. Wo Paulus hinkam, waren die Gemeinden mächtig im Wachsen und zu Luthers Zeiten hat eine Bewegung in der Kirche die ganze Welt verändert. Bei uns aber geht’s in die umgekehrte Richtung. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat trotz des gewaltigen Aufwandes des Reformationsjubiläums 2017 380 000 Menschen verloren. Sie hat Mühe, eine über das ganze Land verbreitete Kirche sein. 

Zwar gibt es auch bei uns nach wie vor viel Glanzvolles, und Gutes – womit ich nicht so etwas meine wie den Gottesdienst zum Tag der deutschen Einheit im Berliner Dom, der nur für Promis zugänglich war. Aber ich komme in meinem sogenannten Ruhestand viel in Deutschland herum, indem ich Vorträge halte und vieles Andere mehr dafür tue, damit der Graben zwischen den Gemeinden und der Theologie nicht wächst. Ich treffe da so viele phantastische, blühende Gemeinden und wunderbare Menschen an, dass es die reine Freude ist. 

Die Stimme der Kirche hat darüber hinaus in unserer pluralistischen Gesellschaft erhebliches Gewicht. In den Gottesdiensten sind sonntäglich – alles zusammen genommen – immer noch viel, viel mehr Menschen versammelt, als in den Fußballstadien. Und in den Gemeinden geschieht landauf, landab und täglich unabsehbar viel den einzelnen Menschen und der Gesellschaft zugute. Unser Land sähe völlig anders aus, wenn es die geistliche und geistige Kraft der Kirchen  nicht gäbe. Wir haben also überhaupt keinen Anlass, in uns das Bewusstsein von verschämten Kirchenmäusen wuchern zu lassen. 

Aber doch kennen wir allzu gut auch das Andere: Die zerfallenden Dorfkirchen im Lande Brandenburg und die ungenutzten Kirchen in unserer Stadt, die kümmerlich besuchten Gottesdienste, die zu wenigen Trauungen und Taufen, das fehlende Geld für die Dienste in der Gemeinde, das öffentliche Geschwätz davon, dass die Kirche den Menschen nichts mehr zu sagen habe. Ich brauche die Liste der Negativposten unserer Kirche hier nicht lange auszumalen. Der ob dessen resignierte, meckernde und mürrische Christenmensch gehört schon viel zu häufig auch zu unserem Erscheinungsbild. 

Wenn wir angesichts dessen das Wort „Reformation“, also Erneuerung der Kirche, in den Mund nehmen, dann fällt uns dabei sicherlich etwas Anderes ein als das, was Luther gegenüber der machtorientierten Kirche des Spätmittelalters mit dem Evangelium von Röm 1,17 geltend gemacht hat. Er hat ihr vorgeworfen, sie stelle sich mit einer selbst gebastelten Religion vor dieses Evangelium und vor das, was Gott aus lauter der Liebe und Gnade für uns Menschen tut. 

Uns aber macht eine klapprige, mager werdende Kirche Sorgen, die es nicht schafft, sich als Trägerin einer nichts als guten Botschaft für jeden Menschen darstellen. Es reicht ganz offenkundig nicht, dass diese Botschaft nur in den Händen von ein paar ausgebildeten Spezialisten liegt; in den Händen der Pfarrerinnen und Pfarrern und allen, die in der Kirche einen Beruf haben. Es wird auch nicht reichen, wenn unsere Kirche von ihren eigenen Mitgliedern als eine Art religiöses Dienstleistungsunternehmen betrachtet wird, das man ab und zu in Anspruch nimmt, wenn man es braucht. Wir stehen vielmehr vor der großen Reform-Aufgabe, die Spaltung der kirchlichen Realität in eine redende und eine schweigende, in eine aktive und eine passive, in eine wache und eine schlafende Kirche, in einen Kern und einen Rand zu überwinden.

Damit ist nicht nur gemeint, dass Menschen sich bereit finden, in der Gemeinde Ehrenämter zu übernehmen. Das ist zwar wichtig genug. Aber die evangelische Überzeugung vom „Priestertum aller Gläubigen“ reicht weiter. Sie meint, dass jede Christin und jeder Christ in seiner Familie, in seinem Berufsleben, in seiner Freizeit, unter seinen Freunden und Freundinnen in der Lage sein sollte, mit seinen Möglichkeiten davon zu reden und vorzuleben, was ihm das Evangelium wert ist. „Was aus der Taufe gekrochen ist“, hat Martin Luther in seiner drastischen Art gesagt, „ist schon zum Priester, Bischof und Papst, geweiht“. Der ist also ein freier, selbst verantwortlicher Zeuge des Evangeliums und verkriecht sich nicht mit seinem Glauben. 

Denn er hat das Evangelium ja so erfahren, wie Paulus das schildert und wie es allen geht, die mit ihm in echte Berührung kommen. Es ist für uns das Ende der Scham über unsere Untauglichkeit, Partnerinnen und Partner des Evangeliums und damit von Gottes Kommen in unsere Welt zu. Wer sich schämt, verzieht sich in den dunklen Winkel, damit ihn nur keiner ansieht. Wer sich schämt, traut sich nicht, aus sich heraus zu gehen, weil er Angst hat, sich zu blamieren. Die Entdeckung oder vielmehr das Erlebnis Luthers mit unserem Text war, dass das Evangelium uns davon frei macht. „Du bist gerecht, d.h. Du bist richtig. Du bist frei von allem, was gegen Dich spricht“, sagt es uns mit göttlicher Gültigkeit. „Du kannst dich in Freiheit aufrichten. Mit dem Evangelium auf Deiner Seite kannst Du Dich überall sehen lassen.“ 

Die Reformation war aus diesem Grunde eine große Stärkung des Selbstbewusstseins der einzelnen Christinnen und Christen. Sie sind nicht irgendeiner angemaßten Autorität in Sachen des Glaubens, aber auch in Sachen des Lebens unterworfen. Sie können und sollen – die Bibel in der einen Hand und die Erfahrungen mit dem menschlichen Leben heute in der Anderen – selbst prüfen und entscheiden, was die Kraft Gottes für ihr Leben bedeutet. Das ist evangelisch. Darin hat eine evangelische Kirche ihr Profil und wir sind froh, dass die römisch-katholische Christenheit heute darauf auch immer stärker drängt. 

Sie muss wie wir unter den Menschen, die Gott vergessen haben, erklären, wer überhaupt Gott ist, was Jesus Christus bedeutet, warum der Glaube an den Schöpfer vernünftig und warum die Hoffnung auf das ewige Leben begründet ist. Wir sitzen hier im gleichen Boot. Wir müssten uns des Evangeliums schämen, wenn es von uns verlangen würde, die Christenheit zu zerspalten. Es wäre dann keine wirklich gute Botschaft für alle mehr. Aber sie ist es. Das Drängen auf die Einheit der Christenheit werden wir darum im Geiste des Evangeliums niemals aufgeben. 

Aber wir müssen aufpassen, dass wir mit der Wirklichkeit unserer evangelischen Gemeinden hinter dem evangelischen Profil auch wirklich hinterherkommen. Denn wenn das eigene, selbstbewusste Vertreten des Evangeliums bei uns so eine Rolle spielt, dann besteht die Gefahr, dass statt eines Papstes auf einmal eine ganze Fülle von Päpsten auf dem Plan ist. Die Zersplitterung der evangelischen Kirche gibt davon Zeugnis und die berüchtigte protestantische Willkür auch. Aber das ist jetzt nicht unser Punkt. Uns geht es darum, aus einem Zustand herauszukommen, in dem viel zu viele Christinnen und Christen in unserer Kirche leben, nämlich irgendwie verkrochen, als schämten sie sich des Evangeliums. 

Doch ich will beileibe nicht hochmütig von solchen verschämten Gliedern unserer Kirche reden. Denn Christsein ist in der Tat heutzutage nicht ganz einfach. Da gilt es, hellwach zu sein und auf viele Fragen eine Antwort zu finden, die einmal von der Politik, einmal von den Wissenschaften, einmal von den Religionen und aus vielen anderen Ecken an uns gestellt werden. 

Genau genommen sind es sind es ja auch unsere eigenen Fragen, auf die wir keine Patentantworten haben. Dass wir unseren nichtglaubenden Mitmenschen deshalb auch selbst als Fragende begegnen, ist durchaus kein Grund zur Scham. Das gehört zur Freiheit von Christenmenschen, die das Evangelium aufruft, den Glauben an Gottes große Güte und Geduld mit uns selbst zu verantworten. Amen.

 

 

 

 


 
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