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22.05.2016 16:27 Alter: 341 Tag(e)
Kategorie: Vorträge

Die reformatorische Kraft des Evangeliums

Thesen für ein Gespräch mit Religionslehrerinnen und Religionslehrern in Brandenburg am 20. Mai 2016


Wir sind es doch nicht, die da künden die Kirche erhalten, unser Vorfarn sind es auch nicht gewesen, unser Nachkomen werdens auch nicht sein, Sondern der ists gewest, ist noch und wird’s sein, der da spricht, Ich bin bei Euch bis an der Welt ende. Wie Ebre 13 geschrieben stehet, Jhesus Christus Heri, et hodie, et in saecula. Und Apo 1. Der es war, der es ist, und der es sein wird (Vorrede D. M. Luthers, vor seinem Abschied gestellet, 1548, WA 54, 470).

 

1. Reformation und Reform der Kirche sind zu unterscheiden.

    1.1. Reformation ist die Erneuerung der Kirche durch Jesus Christus und Gottes Geist, die
           keine Kirche veranstalten und ins Werk setzen kann.

    1.2. Reform der Kirche ist die Erneuerung der Kirche, die sich dadurch vollzieht, dass all
           ihr Reden, Handeln und Verhalten auf Jesus Christus hinweist (wie Johannes auf
           dem Isenheimer Altar).

    1.3. Die Reform der Kirche, die der reformatorischen Kraft des Evangeliums von Jesus
           Christus vertraut, ist ständig nötig, weil sie als „als die allergrößte Sünderin“ (Luther
           Predigt Ostern 1531, WA 34/1, 276)
ihren Auftrag zum Hinweisen auf Jesus
           Christus immer wieder verdunkelt, verzerrt und in alle möglichen Richtungen weist.

2. Im 16. Jahrhundert bedeutete Reform der Kirche in reformatorischer Kraft: 

    2.1. Hören auf die Schrift im Unterschied zum Hören auf die Schrift und die Tradition der
           Kirche,

    2.2. Einprägen des Glaubens als Basis der Gottesbeziehung im Unterschied zur Vermi-
           schung des Glaubens mit „frommen Werken“,

    2.3. Orientierung an der Gnade Gottes, die Menschen im Unterschied zur Orientierung an

           ihren religiösen Leistungen (Ablass), umsonst als geliebte Geschöpfe Gottes bejaht,

    2.4. in Summa: Orientierung an Jesus Christus allein im Unterschied zur Marien- und Hei-
           ligenverehrung, zum Reliquienkult, zu Wallfahrten etc., etc.

3. Die Reform der Kirche in reformatorischer Kraft ist in den neu entstandenen Konfessions-
    kirchen zugleich auch verdunkelt und verzerrt worden, so dass die reformatorischen Impul-
    se heute nicht ohne Kritik an diesen Kirchen aufgenommen werden können. Zu kritisieren
    ist vor allem

    3.1. die neue Verbindung der Kirche mit politischer Macht (Landeskirchentum) und das

           Befördern von Konfessionskriegen,

    3.2. der Aufruf an die politische Macht zur Vernichtung bzw. Vertreibung von Täufern,
           aufständischen Bauern, Juden, Türken, Ketzern, „Hexen“ (und damit der ausgeprägte

           Teufelsglaube).

    3.3. die von Intoleranz geprägte Spaltung der reformatorischen Bewegung.

4. Die Reform der Kirche in der reformatorischer Kraft des Glaubens an Gottes Gnade in Je-
    sus Christus und im Hören auf die Schrift muss sich heute anderen Herausforderungen stel-
    len als im 16. Jahrhundert. Diese Herausforderungen sind:

    4.1. Der Atheismus und die Gottesvergessenheit, die Menschen überhaupt nicht mehr da-

           nach fragen lassen, wer Gott ist und was er für sie bedeutet,

    4.2. der religiöse Pluralismus, in dem Menschen sich einen Glauben zusammen „basteln“

           (Ulrich Beck), der sich am eigenen Wohlbefinden orientiert,

    4.3. die Krise der ererbten Gestalt einer über das ganze Land verbreiteten Flächenkirche

    4.4. die Aufgabe, Einsichten der Kirchenreform des 16. Jahrhunderts in eine dem Verstehen

           zugängliche Sprache des 21. Jahrhunderts zu übersetzen.

5. Um sich diesen Herausforderungen stellen zu können, ist es nötig, eine Grundeinsicht des
    reformatorischen Kirchenverständnisses nachhaltig zu aktualisieren und zu befördern. Das
    ist die Verantwortlichkeit aller getauften Christenmenschen für das Hinweisen auf Jesus
    Christus.

    5.1. In der ererbten Gestalt der „Landeskirchen“ wird dagegen überwiegend ein Christsein

           befördert, dass sich passiv von der Institution Kirche versorgen und bedienen lässt.

    5.2. Die Umdeutung der Taufe in einen Segnungsakt mit Wasser assistiert diesem Trend.

    5.3. Den Familien wie der Schule fällt demgegenüber die Aufgabe zu, in ein verantwortli-
           ches Christsein einzuüben, das in der Lage ist, über den Glauben an Jesus Christus in
           seiner jeweiligen Lebenswelt Auskunft zu geben und solches Christsein auch vorzule-
           ben.

6. Solches verantwortliche Christsein ist in der Lage, Kategorien der Theologie des 16. Jahr-
    hunderts kritisch zu bewerten und in den Vorstellungsmöglichkeiten unserer Zeit auszudrü-

    cken. Z.B.:

    6.1. Freiheit. Das ist nicht Freiheit zu allem Möglichen, sondern die Freiheit von der Zer-

           rüttung unseres Daseins und die Freiheit zum Einsatz für ein bejahbares Leben anderer
           Menschen.

    6.2. Sünde: Das ist in Kritik der unmöglichen kirchlichen Erbsündenlehre nicht ein dunkles

           Geschick, das über uns waltet, sondern die sinnlose Zerstörung unserer Lebensgrund-

           lagen.

    6.3. Gnade. Das ist nicht irgendein herablassendes Wohlwollen, sondern ein Ausdruck der
           Liebe Gottes zu jedem Menschen, die keinen Menschen verloren gibt.

    6.4. Erwählung: Das ist nicht das Aussondern einiger Menschen, sondern die Würdigung

           aller, Partnerinnen und Partner des ewigen Gottes zu sein.

    6.5. Gerechtigkeit. Das ist nicht ein abstraktes Prinzip, dass jedem zukommen lässt, was er

           aufgrund seiner Taten verdient, sondern das Lebenselexier des Anfangs eines neuen
           Lebens in der Gemeinschaft mit Gottes Geist und in der Gemeinschaft mit anderen

           Menschen.

7. Man kann die reformatorische Kraft in allen Reformen unserer Kirche nicht besser wahr-

    nehmen als so, dass man sich Gal 5, 13 vergegenwärtigt, wo der Apostel Paulus sagt:

    „Ihr aber […] seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht
    dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern.“

     

 

 

 

 

 


 
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