< Hoffnung am Grab?
01.03.2016 13:27 Alter: 2 Jahr(e)
Kategorie: Vorträge

Gottes Ebenbild. Das christliche Menschenverständnis vor den Herausforderungen der Gegenwart

Sonntagsvorlesung in der Nordendgemeinde Berlin am 28.02.2016


1.     Probleme mit „Menschenbildern“

Bilder sind ja eigentlich etwas, was man malt oder heutzutage auch fotografiert. Bilder von uns Menschen machen anschaulich, wie wir Menschen aussehen. Von solchen Bildern werden wir in unserem medialen Zeitalter geradezu überschüttet: Bilder von strahlenden Menschen in der Werbung. Bilder von geschundenen und leidenden Menschen in den Nachrichten. Bilder von dicken und dünnen Menschen, von gesunden und kranken, von schicken und verlotterten, von aus irgendwelchen Gründen Prominenten oder von ganz Unbekannten, die wir nur flüchtig wahrnehmen und für die sich keiner weiter interessiert. Wir könnten endlos fortfahren, solche Bilder von Menschen zu beschreiben.

Aber ergibt sich aus dem allem auch ein „Menschenbild“, das Menschenbild, das uns zeigt und sagt, wer wir Menschen eigentlich und in Wahrheit sind? Die Frage stellen, heißt sie verneinen. Wollten wir alle jene Bilder von Menschen gleichsam wie durchsichtige Folien übereinanderlegen, dann käme ein verschwommenes Wischiwaschi heraus. Die Rede von „Menschenbildern“ verdankt sich deshalb ganz offenkundig nicht einem direkten Abzeichnen und Widerspiegeln der Menschen, wie sie uns tatsächlich in ihrem Leben begegnen.

Sie ist allerdings auch nicht zu verwechseln mit dem Anpreisen eines Idealbildes von Menschen, das Friedrich Schillers Aufforderung in seinem Gedicht „Das Ideal und das Leben“ folgt:

dringt bis in der Schönheit Sphäre,

Und im Staube bleibt die Schwere

Mit dem Stoff, den sie beherrscht, zurück.

Nicht der Masse qualvoll abgerungen,

Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen,

Steht das Bild (!) vor dem entzückten Blick.

„Menschenbilder“ sind nicht „aus dem Nichts entsprungen“. Sie zielen schon auf uns wirkliche Menschen und lehren uns nicht die Verliebtheit in ein Bild im Unterschied zur Wirklichkeit (so wie Trill in Lessings „Sinngedicht“ mit dem Bild seiner Dorinde besser dran ist als Troll mit Dorinde selbst). "Menschenbilder" wollen das Wesentliche hervorheben, das einen Menschen zum Menschen macht. Sie sind insofern eine Abstraktion vom tatsächlichen Bild, das Menschen tagaus- tagein in tausend und abertausend Farben schillernd bieten. Kurz und gut: Die Konstruktion eines "Menschenbilder malt nicht ab. Sie zeichnet selber, - gewissermaßen auf einer höheren Etage - was Menschen eigentlich sein sollen. Eine solche Konstruktion ist mehr ein Imperativ als ein Indikativ. 

Das können wir z.B. ganz schön daran verdeutlichen, wie unsere Bundeskanzlerin heutzutage vom „christlichen Menschenbild“ redet. Es motiviert nach ihrem Bekunden die Politik der Öffnung Deutschlands für die vielen Flüchtlinge. Denn entsprechend den 10 Geboten und dem Gebot der Nächsten- und sogar der Feindesliebe sollen Menschen für andere in Not geratene Menschen eintreten. Es ist aber offenkundig: Eigentlich ist das gar kein „Bild“, sondern ein moralischer Aufruf. Er will, wie es heißt, den „Wert“ menschenfreundlichen Handelns und damit zugleich auch den Wert des den anderen Menschen zur Seite stehenden Menschen einprägen.

Das aber hat eine problematische Konsequenz. Wertvoll wäre ein Mensch demnach nur dann, wenn er sich dem Menschenbild, das ihm gezeichnet wird, gemäß verhält und dementsprechend handelt. Folgerichtig hat der Ministerpräsident von Sachsen Stanislav Tillich über die Menschen, die am 18. Februar im sächsischen Clausnitz unter lautem Gejohle Flüchtlinge daran gehindert haben, ihren Bus zu verlassen, gesagt: „Das sind keine Menschen, die so etwas tun“. Ja aber –, was sind sie dann? „Das sind Verbrecher“, hat Tillich weiter erläutert. Doch sind denn Verbrecher keine Menschen?

Wir merken, hier stimmt etwas nicht. Menschen ihr Menschsein abzusprechen, auch wenn sie sich – um einen biblischen Begriff zu gebrauchen – als scheußliche Sünder und Sünderinnen benehmen, ist ganz gewiss nicht „christlich“. Denn Jesus Christus selbst hat die Unterscheidung zwischen der Person eines Menschen, die ihn Mensch sein lässt und seinen Taten nachdrücklich eingeprägt. Es würde also völlig reichen, wenn unsere dem christlichen Glauben verpflichteten Politikerinnen und Politiker sich auf die christliche Ethik beschränken und nicht gleich auch noch Urteile über „den Menschen“ mittransportieren würden. Das Missverständnis, das Eintreten für eine Ethik der Mitmenschlichkeit verurteile zugleich Menschen, die ein „Menschenbild“ haben, das nichts mit dem christlichen Glauben an Gott zu tun hat, lässt denn auch nicht lange auf sich warten.

Maritta Tkalec, die Ressortleiterin Politik der Berliner Zeitung, hat z.B. am 28.12.2015 in dieser Zeitung einen Artikel veröffentlicht, der die Überschrift trägt: „Infam gegen die Gottlosen“. In diesem Artikel beklagt sie die Verunglimpfung der Mehrheit der Atheistinnen und Atheisten in unserem Landesteil durch das politische Befördern des „christlichen Menschenbildes“.  Ihnen werde unterstellt, dass sie zu keiner Ethik fähig seien. Sie werden deshalb als „seelische Krüppel“ und „Halbwesen, denen Entscheidendes zum Vollmenschen fehlt“ angesehen. Dabei bezieht sich Maritta Tkalec allerdings gar nicht auf das, was die Rede vom „christlichen Menschenbild“ ethisch eigentlich sagen will, nämlich dass die Bevölkerung unseres Landes sich gerade für die zu uns flüchtenden Menschen einsetzen soll, die in der Mehrzahl mit dem Christentum gar nichts zu tun haben. Sie zieht vielmehr den umstrittenen Schriftsteller Martin Mosebach heran, der sich selbst als „Reaktionär“ bezeichnet, um der Berufung auf das „christlichen Menschenbild“ dergleichen „Infamien“ unterstellen.

Ich lasse jetzt dahingestellt sein, ob ausgerechnet der „Humanistische Verband“ – wie Maritta Tkalec meint – dazu „prädestiniert“ (also vorherbestimmt) ist, unsere Gesellschaft im Ganzen mit einem Menschenbild, das keine Transzendenz kennt, zu orientieren. Auch die Behauptung, dass die ethische Verwahrlosung, die sich besonders im Osten Deutschlands gegenüber den Flüchtlingen zeigt, nichts mit dem Atheismus des überwiegenden Teils der Bevölkerung hier zu tun hat, wäre wohl zu diskutieren. Doch das ist hier nicht mein Thema. Was ich beklage, ist vielmehr, dass sich in der Rede vom „christlichen Menschenbild“ die Frage nach sogenannten „Werten“, die das Handeln von Menschen orientieren, mit der Frage nach dem „Wert“ von Menschen selbst – jedenfalls für die Optik von außen – äußerst missverständlich mischen.

„Wert“ ist ja eigentlich eine Kategorie aus der Handelsprache. Eine Ware wird da auf- und abgewertet und danach der Preis festgelegt. Dass diese Kategorie im Verständnis von Menschen als Menschen nichts zu suchen hat, hat den christlichen Kirchen – auch wenn sie sich das in der Sache und mit anderen Begriffen längst selbst gesagt haben – spätestens der große protestantische Aufklärer Immanuel Kant am Beginn der sogenannten Neuzeit ins Stammbuch geschrieben. Wir werfen darum einen kurzen Blick auf sein Verständnis der Menschenwürde im Unterschied zur Bewertung von Menschen nach ihrem Wert.

 

2.     Der Mensch: „aufrechter Gang“ – „krummes Holz“

In Immanuel Kants „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ steht der berühmte Satz: „Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist [...] das hat eine Würde“. Um seiner Würde willen verdient der Mensch „Achtung“. Sie macht ihn ist unantastbar. Der Mensch dagegen, welcher einen Preis hat, ist der grundsätzlich ersetzbare Mensch. Er wird nach seinen Leistungen, Fähigkeiten und Eigenschaften auf- und abgewertet. Er kann von Menschen als Zweck für irgendwelche Zwecke behandelt und in Anspruch genommen werden.

Diese Unterscheidung Kants zwischen  der Würde und dem Wert von Menschen kann sich das christliche Verständnis des Menschen – wie wir noch ausführen werden – zu Eigen machen. Denn – wie schon angedeutet – läuft im Geiste Jesu Christi die Unterscheidung des Menschen als Person, der Achtung gebührt, und seinen Werken auf dasselbe hinaus – allerdings auf andere Weise und mit anderer Konkretion als bei Kant. Denn Kant hat in der menschlichen Verstandes- und Vernunftbefähigung den Grund dafür gesehen, dass Menschen Achtung um ihrer selbst willen gebührt und sie niemals auf einer Wertskala nach ihrem Preis bewertet werden dürfen.

Beides „Verstand“ und „Vernunft“ sind Fähigkeiten unseres menschlichen Denkens.  Mit dem Verstand können wir wissenschaftlich forschen. Wir können die Wirklichkeit unter den Bedingungen von Raum und Zeit „objektiv“ erkennen und technisch gestalten. Mit der Vernunft aber entwerfen wir Ideen für das menschliche Leben, die darauf zielen, ein Zusammenleben von Menschen ohne Hass, Streit und Krieg zu ermöglichen – ein Zusammenleben eben, dass auf der Anerkennung der Würde jedes Menschen beruht.  Denn die Vernunft zielt immer auf die Einheit und das Zusammenstimmen von Verschiedenem und Gegensätzlichem Sie sagt uns, dass es unsere moralische Pflicht ist, für die Würde anderer Menschen einzutreten.

Beide Fähigkeiten des Denkens können aber nur recht wahrgenommen werden, wenn sich der Verstand und die Vernunft nicht irgendeiner fremden Instanz unterwerfen, die ihren Verstandes- und Vernunftgebrauch autoritär befehligt und Menschen so zum Zweck für irgendwelche Zwecke macht. Aufklärung bedeutet demgegenüber – wie es in der kleinen Schrift „Was ist Aufklärung?“ heißt – sich seines Verstandes „ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Die Losung lautet darum: „Sapere aude! (auf deutsch: Wage es weise zu sein bzw. wage es zu denken). Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Genau dies begründete für Kant die gleiche Würde aller Menschen. Jeder Mensch ist ein selbst denkendes Wesen und deshalb „ein gesetzgebend Glied im Reich der Zwecke“. Er ist kein Material für andere Zwecke. Er hat die Würde „aufrecht zu gehen und einen Himmel zu schauen“ heißt es in der Schrift „Über den Gemeinspruch ‚Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis‘“. Diese Würde darf ihm niemand absprechen.

Das Problem ist jedoch: Menschen sprechen sich diese Würde selber ab. Sie entwürdigen sich selbst, indem sie sich von ihren sinnlichen Neigungen und Bedürfnissen antreiben lassen statt ihre Vernunft zu gebrauchen, bzw. indem sie die Vernunft in den Dienst ihrer Neigungen und Bedürfnisse stellen. Sie sind von daher auf ihren Eigennutz bedacht, der die Menschenwelt entzweit, zerrüttet und zerstört. Kants Lobpreis der Würde eines selbst denkenden Menschen mit seinem aufrechten Gang steht darum sein Satz vom Menschen als „krummen Holze“ zur Seite, aus dem letztlich „nichts Gerades gezimmert werden“ kann.

„Man kann sich eines gewissen Unwillens nicht erwehren“, hat er darum in seiner „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ geschrieben, „wenn man (der Menschen) Tun und Lassen auf der großen Weltbühne aufgestellt sieht, und bei hin und wieder anscheinender Weisheit im Einzelnen doch endlich alles im Großen aus Thorheit, kindischer Eitelkeit, oft auch kindischer Bosheit und Zerstörungssucht zusammengewebt findet: wobei man Ende nicht weiß, was man sich von unserer auf ihre Vorzüge so eingebildeten Gattung für einen Begriff machen soll“.

Ein Menschenbild, das uns aufgrund unserer Begabung mit Verstand und Vernunft eine Idealgestalt vom Menschen malt und zum Imperativ macht, hatte dieser Aufklärer im Namen der Vernunft und des Verstandes am Beginn unseres wissenschaftlich-technischen Zeitalters ganz gewiss nicht im Sinn. Er war schon froh, wenn die Menschheit wenigstens durch Erfahrungen klug werden würde und „durch Kriege […], durch die Not, […], nach vielen Verwüstungen, Umkippungen, und selbst durchgängiger innerer Erschöpfung ihrer Kräfte  zu dem (kommen wird), was ihnen die Vernunft auch ohne so viel traurige Erfahrung hätte sagen können“.

Aber Kant war skeptisch, ob die Weltgeschichte alleine auf Grund solcher negativen Erfahrungen „in beständigem Fortschreiten zum Besseren“ begriffen sein werde. Denn wenn der Zuwachs an wissenschaftlicher Erkenntnis der Welt und der Einzelbestände unseres Menschseins die Menschheit nicht veranlasst, ihre Vernunft zugunsten der Würde jedes Menschen einzusetzen, dann wird sie sich – wie Kant sagt – mit Hilfe von Wissenschaft und Technik eine „Hölle von Übeln“ bereiten. Es klingt wie eine Prophezeiung der menschenmörderischen Kriege, des holocaust, der Umweltzerstörung, des Terrors aller Art im 20. und 21. Jahrhundert, wenn es in der „Kritik der Urteilskraft“ heißt, dass die Menschheit dann nur darauf warten könne, „bis ein weites Grab sie insgesamt verschlingt und sie, die da glauben konnten, Endzweck der Schöpfung zu sein, in den Schlund des zwecklosen Chaos der Materie zurückwirft, aus dem sie gezogen waren“.

Dass jedem Menschen Würde und Achtung gebührt und ihm darum das Menschenrecht freier Entfaltung seines Lebens gewährt werden muss, das hat der Königsberger Preuße eindrücklich gezeigt. Nicht ein Menschenbild, den Menschen selbst wollte er zu Ehren bringen. Aber daran, dass unsere vom Eigennutz immer wieder infizierte Vernunft der beste Anwalt dieser Würde sei, hat er am Ende selbst bezweifelt.

 

3.     Die biblische Anschauung von der Gottebenbildlichkeit des Menschen

Dass die Vernunft uns Menschen als Menschen auszeichnet, ist nicht erst in Aufklärungszeit entdeckt worden. Hier wird vielmehr eine lange Tradition christlich-abendländischen Verständnisses des Menschen aufgenommen. In dieser Tradition wird der Mensch als imago Dei, als Ebenbild Gottes, verstanden. Dabei handelt es sich auch nicht um ein „christliches Menschenbild“, dass wir uns vom Glauben an Gott und vom Auftreten Jesu Christi her – eine Etage über dem wirklichen Menschen – zurechtreimen. Die Vorstellung eines solchen Menschenbildes ist dieser Tradition ganz fremd. Diese Vorstellung ist vielmehr ein Produkt der neueren Zeit, in der Menschen sich nicht mehr selbstverständlich als Ebenbilder Gottes verstehen und sich deshalb fragen, von woher sie ihr Leben denn verstehen wollen.

„Der Mensch, wo ist er her?/ zu schlecht für einen Gott/ zu gut fürs Ungefähr“ – heißt es in Gotthold Ephraim Lessings Fragment „über die Religion“ aus dem Jahr 1753. Wenn Menschen sich als Ebenbild Gottes verstehen, sind sie solchem Fragen jedoch voraus. Dann sind sie in ihrem Dasein vielmehr selbst ein Bild, eine Wirklichkeit, in der sich Gottes Wirklichkeit spiegelt. Gottes Wirklichkeit aber wurde in der christlichen Tradition mit einer Kombination biblischen Denkens und Impulsen der griechischen Philosophie als höchste Vernunft verstanden, in welcher er in Freiheit die Welt und den Menschen schafft und sie lenkt. „Ebenbild Gottes“ zu sein, bedeutete demnach folgerichtig, mit Vernunft und freiem Willen begabt sein.

Das behält auch sein Recht, wenngleich die Vernunft nur eine Dimension unseres Bewusstseins ist. Mit Hilfe der Vernunft können wir erkennen, zusammenordnen und in Beziehung setzen, was uns in der Welt begegnet. Sie ermöglicht uns das Verstehen unserer selbst und unserer Welt. Was wir nicht verstehen, fällt uns in beziehungslosem Durcheinander auseinander. Die Vernunft kann darum gerade im Glauben an Gott, der uns zum Verstehen aufruft, nicht hoch genug geschätzt werden. Fundamentaler aber ist die Befähigung unseres Bewusstseins, uns von uns selbst und unserer Umwelt zu distanzieren und uns in ein Verhältnis zu uns selbst und unserer Umwelt zu setzen.

Denn wir sind nicht instinkthaft in die Natur eingepasst wie die Ameisen und andere Lebewesen. Wir vermögen der Natur gegenüber zu treten und gewinnen daraus die Fähigkeit, sie zu gestalten. Im Gegenüber zu Gott sind wir als seine Ebenbilder also selbständige Wesen und nicht seine Marionetten oder ein unlebendiges, unselbständiges Echo von ihm. Das wollte jene christlich-abendländische Tradition des Verständnisses von uns Menschen als Gottes Ebenbilder im Grunde auch zur Geltung bringen. Aber sie hat es nach unserem heutigen Verständnis in einem ziemlich fragwürdigen Gebrauch der biblischen Texte, die von uns als Gottes Ebenbild reden, getan.

Das Vorkommen dieser Charakterisierung von uns Menschen in der Bibel ist der eigentliche Grund dafür, dass dieser Begriff eine so große Bedeutung in der Christenheit gewann. Rein statistisch gesehen kommt er dort zwar nur ziemlich selten vor; im 1. Buch Mose dreimal (1. Mose 1, 26.f.; 5, 1; 9, 6) und dann in der Sache in Psalm 8, 5f., den Lessing mit seinem Verslein abgeändert hat. Nicht „Der Mensch, wo ist er her“?, sondern „Was ist der Mensch“? wird in diesem Psalmvers gefragt, indem Gott gefragt wird: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, das du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast Du ihn gekrönt“. Im Neuen Testament aber stechen zwei Stellen hervor (2. Kor 4,4 und Kol. 1,15), in denen Jesus Christus das „Bild Gottes“ genannt wird.

Vor allem die prominente Stelle gleich am Anfang der Bibel im 1. Kapitel aber hat dem Verständnis des Menschen als „Gottes Ebenbild“ in der christlichen Tradition Gewicht verschafft. Sie steht gegen Ende des sogenannten ersten Schöpfungsberichtes, der die Erschaffung der Welt in 7 Tagen schildert. Ein richtiger „Bericht“ das freilich genau so wenig, wie der zweite, wesentlich ältere, der den Ursprung der Menschheit in einer bewässerten Oase, im Garten „Eden“ verortet. Die vorneuzeitliche christliche Tradition hat beide Erzählungen vom Anfang der Welt und der Menschheit wie historische Berichte verstanden. Das sind sie aber nicht. Es sind Mythen, welche die Erfahrungen, welche Menschen in ihrem Leben mit der Welt und sich machen, mit Ursprungserzählungen zu erklären versuchen. Sie sind in anderer Weise wahr, als historische Berichte. Im Falle von uns Menschen wollen sie erklären, wie es kommt, dass wir im Unterschied zu den Tieren, die uns doch als belebte Wesen in vieler Weise ähnlich sind, die Freiheit haben, die Natur der Geschöpfwelt zu beherrschen und zu gestalten. Die Antwort von 1. Mose 1, 26+27 darauf lautet: Das ist so, weil Gott uns nach seinem Bilde geschaffen hat, nämlich uns als geschöpflichen Wesen vergleichbare Möglichkeiten gegeben hat, zu erkennen und zu handeln, wie er sie selbst hat.

Insoweit ist das klar. Weniger klar ist in der wissenschaftlichen Erforschung der Bibel von heute allerdings, was 1. Mose 1, 26+27 im ursprünglichen Textsinn genau bedeuten. Es heißt dort in Übersetzung der neuen Zürcher Bibel, die genauer ist als die der Lutherbibel:  „Und Gott sprach: Lasst und Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich. Und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels, über das Vieh und über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die sich auf der Erde regen. Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie“. Es gibt heute drei Deutungen dieser Bibelstelle.

Die erste Deutung geht von der alt-orientalischen Vorstellung aus, dass die Errichtung des Standbildes eines Königs in einem bestimmten Gebiet die Herrschaft dieses Königs über dieses Gebiet anzeigt. Die Menschheit ist demnach sozusagen das Standbild Gottes in der Welt, sein Repräsentant und Stellvertreter. Sie zeigt an, dass die Welt Gott gehört.

Die zweite Deutung bringt die Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit von Menschen mit der äußeren Gestalt von Menschen in Verbindung. Der Mensch ist darin Gott ebenbildlich, dass er eine aufrechte Gestalt hat – eine Vorstellung, die wir ja auch schon bei Kant fanden. Sie weist daraufhin, dass Menschen zum Herrschen über alle Geschöpfe bestimmt sind.

Die dritte Deutung schließlich legt den Ton darauf, dass 1. Mose 1,27 ausdrücklich hervor hebt, dass der Mensch kein einsames, einzelnes Wesen ist. Er hat sein Sein als Mann und Frau grundlegend in der Beziehung auf den anderen Menschen. So wie Gott nicht einsam ist, sondern in der Beziehung auf uns Menschen Gott ist, so sind wir nicht einsam, sondern in der Beziehung auf andere Menschen Mensch.

Es ist schwer zu entscheiden, welche von den drei Deutungen nun die richtige ist. Irgendwie haben sie alle Recht. Die Ehre, Repräsentant Gottes in der Welt zu sein, gebührt jedem Menschen, auch wenn er sich dieser Ehre nicht bewusst ist. Verantwortlich zu sein für diese Schöpfung ist jedem Menschen aufgegeben. In der Beziehung auf andere Menschen und im Angewiesensein auf andere Menschen sein Leben zu führen, ist grundmenschlich.

Hinzu kommt etwas ganz Wichtiges. Die Charakterisierung des Menschen als Gottes Ebenbild steht ja in einem Schöpfungsmythos. Er erklärt, wer wir Menschen sind, indem Gott uns – mit einem Wort von Johann Gottfried Herder geredet – als „die ersten Freigelassenen der Schöpfung“ werden ließ. Er versteht uns nicht darum als Gottes Ebenbilder, weil wir uns mit einiger Anstrengung ähnlich vollkommen wie ein Gott gerieren können. Gerade das aber versuchen Menschen seit Urzeiten und bis heute.

 

4.     Der Mensch als Verhältniswesen

 „Sein zu wollen wie Gott“  ist nach dem zweiten Schöpfungsmythos der große „Sündenfall“ von Menschen. Der Mensch, der anfängt, sich nach dem Bilde, das er sich von Gott macht, zu benehmen, zerrüttet und zerstört seine Geschöpflichkeit, wie es die in ihrer Weise wahre Geschichte vom Sündigen Adams und Evas, d.h. der Menschheit, in 1. Mose 3 zum Ausdruck bringt.

Erst wird das Gottesverhältnis zerstört, indem Menschen sich in einem tollen Missverständnis ihrer geschöpflichen Möglichkeiten die absolute Welterkenntnis und damit Weltherrschaft aneignen wollen. Dann gerät ihr Selbstverhältnis in Unordnung. Adam und Eva flitzen hinter die Bäume, weil sie sich schämen, so erbärmliche Menschen zu sein, die sich nicht mehr blicken lassen können. Dann geht die Mitmenschlichkeit flöten. Adam schiebt die Schuld auf Eva. Und schließlich wird das Verhältnis zur Natur beschädigt. Eva macht die Schlange als Repräsentantin der Natur dafür verantwortlich, dass die Menschheit die großen Möglichkeiten, die sie als Gottes Ebenbild hat, törichterweise pervertiert.

Die Theologie der früheren Zeiten hat aus dieser exemplarischen Geschichte vom Missbrauch der Gottebenbildlichkeit von uns Menschen die Konsequenz gezogen, dass sie uns damit entweder ganz oder teilweise verloren gegangen sei. Die Diskussion über diese Frage prägt die Theologie des ganzen Mittelalters und auch die Reformationszeit. Sie dreht sich vor allem um das Problem, ob wir als Sünderinnen und Sünder noch einen freien Willen haben. Wir lassen diese Frage hier auf sich beruhen. Die extremste Position in diesem Streit hat nach dem Tode Martin Luthers und mit Berufung auf Luther Matthias Flacius Illyricus (1525-1575) bezogen. Er behauptete, durch die Sünde sei der Mensch zur imago diaboli, zu einem „Ebenbild des Teufels“ geworden, zu einem bösen Nichtmenschen mit Stanislav Tillich von heute geredet.

Die reformatorische Bekenntnisbildung hat sich Gott sei Dank diesem Radikalismus nicht angeschlossen. Die Konkordienformel von 1580 – das abschließende Dokument der Lehren der lutherischen Kirchen – hat das mit dem spezifisch christlichen Argument abgewehrt, dass Jesus Christus dann nicht unser Menschenbruder hätte werden können. Dieser Menschenbruder, den das Neue Testament „Gottes Bild“ nennt, teilte mit uns nämlich die Strukturen unseres geschöpflichen Daseins, welche die Christenheit im Glauben an Gott als Ausweis der Zugehörigkeit jedes Menschen zu Gott versteht.

Indem Menschen mit ihrem Bewusstsein alles Irdische überschreiten, sind sie schon vor allem, was sie tun und lassen, auf Gott bezogen. Sie sind Wesen der Transzendenz, weil sie mit ihrem Bewusstsein „außer sich“ (extra se) zu sein vermögen und sich so Gott begegnen lassen können. Indem Menschen ein Selbstverhältnis haben, können sie freie, sich entscheidende Menschen sein so wie Gott sich in Freiheit dafür entschieden hat, ihr Gott zu sein. Indem sie in der Beziehung auf andere Menschen ihr Dasein haben, begrüßen sie andere Menschen als Bereicherung und Wohltat für ihr eigenes Leben, so wie Gott laut des neutestamentlichen  Gotteszeugnisses nicht ohne uns als seine Partnerinnen und Partner Gott sein will. Indem Menschen in der Beziehung auf die Natur ihr Leben fristen, sind sie dessen eingedenk, dass ihre unausweichliche Herrschaft über die Natur ihre Verantwortung zum „Hegen und Pflegen der Natur“, wie es 1. Mose 2, 15 heißt, einschließt.

Die Gottebenbildlichkeit von Menschen ist nach christlichem Verständnis also dem Sein jedes Menschen als Verhältniswesen eingezeichnet. Zu unterstreichen ist: jedes Menschen! Im Lichte des Glaubens an Gott spiegelt jeder Mensch in seinem Dasein als Verhältniswesen strukturell seine Zugehörigkeit zu Gott – ganz gleich, welche Religion er hat, welche Weltanschauung er vertritt, welcher Nation oder „Rasse“ er angehört und was er mit seinem Handeln und Verhalten aus seiner Geschöpflichkeit in den Spuren Adams und Evas faktisch macht. Ihnen allen gebührt als Menschen Achtung und Ehre, weil ihnen Gott die Achtung und Ehre erwiesen hat, als seine Geschöpfe, seine Liebe zu uns widerzuspiegeln; mehr noch weil er selbst in unsere Menschenwelt gekommen ist, um uns frei zu machen von allem, was hindert, als seine Ebenbilder in den Fußspuren Jesu Christi auch zu leben.

 

5.     Menschenwürde und Menschenrechte

Das Verständnis des Menschen als Gottes Ebenbild hat nach dem Gesagten also universale Bedeutung. Es betrifft jeden Menschen. Es versteht sich selbst nicht als partikulare Spezialsicht einer Religion. Leider haben unsere christlichen Kirchen das selber viel zu lange verdunkelt, indem sie meinten, die Gottebenbildlichkeit nur bei sich selbstam Besten aufgehoben. Sie haben deshalb lange, viel zu lange gebraucht, um zu erkennen, dass aus der Würde jedes Menschen Würde Menschenrechte der Freiheit für alle Menschen folgen: z.B. der Glaubens und - Gewissens- und Weltanschauungsfreiheit, Lebensrechte, die Diskriminierung ausschließen, Eigentums- und Besitzrechte, Teilhaberechte usw.

Wir können die Geschichte der Entstehung der Gewährung von Menschenrechten durch westlichen Staat hier nicht nachzeichnen. Durch die historische Forschung ist unterdessen klar, dass die Deklaration von Menschenrechten angefangen von der englischen bill of rights von 1689 (über die Virginia bill oft rights von 1776 und die französische Deklaration der Menschenrechte von 1789) bis hin zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Uno im Jahre 1948 ihre Wurzel im Verständnis der Gleichheit aller Menschen vor Gott als Gottes Ebenbilder haben. Allen Menschen kommen „gleiche Würde und gleiche Rechte zu“, heißt es Erklärung vorn 1948. Das Geltendmachen des christlichen Verständnisses von Menschen ist deshalb heute in den christlichen Kirchen selbstverständlich mit dem Geltendmachen von Menschenrechten verbunden.

         Es ist darum völlig abseitig, diesem Verständnis zu unterstellen, es wolle andere Menschen, die den christlichen Glauben nicht teilen, als „seelische Krüppel“ und „Halbwesen“ diffamieren. Gerade auch für ihre Würde und damit für ihre Freiheit, in den Verhältnissen und Strukturen Mensch zu sein, die unser Menschsein ausmachen, tritt das christliche Menschenverständnis auf alle Fälle ein. Es ist auch ganz sensibel dafür, dass bei Menschen anderer Religionen oder ohne eine Religion großartige und viele Zeugnisse echter Menschlichkeit anzutreffen sind, über die man sich als Lebensäußerungen von Gottes Geschöpfen nur freuen kann. Hier irgendetwas schlecht zu machen, verbietet sich von selbst.

Aber wir wären Traumtänzerinnen und Traumtänzer, wenn wir ausblenden würden, dass sich Menschen heute wie ehedem – mit Kant gesprochen – als „krummes Holz“, christlich gesprochen als „Sünderinnen und Sünder“, darstellen, die uns Verhältniswesen Knüppel zwischen die Beine werfen und den aufrechten Gang mehr als zum Stolpern bringen. Die „Religion“ aller Art beteiligt sich daran leider ebenso heftig wie Menschen, die Gott vergessen haben.

         Aber die Konsequenz daraus ist für den christlichen Glauben an Gott nicht, dass er angesichts des von Menschen verschuldeten Weltelends- und Unheils auf diese Welt pfeift und – um noch einmal Schiller zu zitieren - aus diesem „engen, dumpfen Leben“ in des „Ideales Reich“ Reich flieht, wo alle

„Alle Zweifel, alle Kämpfe schweigen

in des Sieges hoher Sicherheit,

ausgestoßen hat es jeden Zeugen

menschlicher Bedürftigkeit

[…] bis der Gott des Irdischen entkleidet

flammend sich vom Menschen scheidet (!)

und des Äthers leichte Lüfte trinkt.

Froh des neuen, ungewohnten Strebens

fließt er aufwärts und des Erdenlebens

schweres Traumbild/ sinkt und sinkt und sinkt“.

Weltflucht, eia popeia vom Himmel (Heinrich Heine) wird dem christlichen Verständnis von Menschen ja gerne vorgeworfen worden. Das Verständnis von uns Menschen als Gottes Ebenbilder weist jedoch in die umgekehrte Richtung. Es weist uns in die Möglichkeiten und Grenzen unseres Menschseins auf dieser Erde ein, auf der Gott unsere Füße „auf weiten Raum“ gestellt hat, wie es so wunderbar in Psalm 31, 8 heißt. „Wir sollen Menschen sein, das die Summa“, hat Martin Luther die Quintessenz der Reformation zusammen gefasst, weil Gott sich im Menschen Jesus selbst für unser Menschsein engagiert hat. „Ich glaube, dass ich nicht Gott sein muss“, hat ein bedeutender katholischer Theologe der neueren Zeit, Karl Rahner, ihm assistiert.

Mit der Frage, was es für sie bedeutet, Mensch zu sein, suchen Christinnen und Christen das Gespräch mit anderen Menschen, die anders als sie oder gar nicht an Gott glauben.  Sie sind offen dafür, zu hören, welche Einsichten und Erfahrungen ihr Verständnis von uns Menschen leiten, aber auch wie tragfähig es ist, jedem Menschen ein bejahbares Leben einzuräumen.

Sie tun das aber nicht so, dass sie aus der verwirrenden Vielfalt von Menschenbildern, die es gibt, eine Tugend machen und „Fraglichkeit“ für eine besondere Qualität unseres Menschseins halten. Dazu neigt die wissenschaftliche Erforschung der Elemente unserer physischen und psychischen Verfassung heutzutage, indem sie sich im Wald von lauter Einzelwissen über uns nicht mehr zu sagen traut, wer wir selbst sind. Menschen, die sich als Gottes Ebenbilder verstehen, trauen sich das.

        

 

          

 

        

          

  

 

 

 

 

 

        

 

 

 



 
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