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10.01.2014 20:21 Alter: 3 Jahr(e)
Kategorie: Radiosendungen

Hoffnung auf den ewigen Gott


 Ich kenne ein Dorf, wo viele Menschen von der Binnenschifffahrt leben. Da gibt es unter den Schiffern eine alte Tradition. Die meisten von ihnen treten in jungen Jahren aus der Kirche aus. Wenn sie dann aber das Rentenalter erreicht haben, treten sie wieder ein. Warum sie das machen, ist wie bei vielen alten Traditionen nicht ganz klar. Aber es signalisiert doch eines deutlich: Im Leben, wenn sie da mit ihren Kähnen auf Havel, Spree und Elbe herumschippern, hat die Kirche nicht viel zu suchen. Aber wenn das zu Ende geht, dann wird sie so langsam wieder etwas mehr zuständig. Sie sorgt für eine schöne Beerdigung und öffnet vielleicht sogar, wenn es so etwas denn wirklich geben sollte, ein Türchen zum ewigen Leben auch für einen wettergegerbten Fahrensmann.

 

Ich weiß nicht, ob ich es wirklich gut finden soll, wenn unsere Kirche da mitspielt. Denn hier gewinnt die Öffnung von Menschen für Gott nun doch etwas schlitzohrig Geschäftsmäßiges, das dem Ernst des Lebens und des Glaubens an Gott unangemessen ist. Auf der anderen Seite kann man aber doch auch nicht übersehen, das die Alten das Erscheinungsbild unserer Kirche ziemlich prägen. In der Regel ist das ja ein Grund zur Klage. Zu viele Alte: das heißt, die Kirche stirbt aus. Aber ich erinnere mich an diese Klage schon als ich selbst noch jung war – nämlich vor mehr als 50 Jahren – und die Kirche ist immer noch nicht ausgestorben. Die Alten, die damals im Gottesdienst saßen, sitzen heute immer noch da. Irgendwie müssen sie ja nachgewachsen sein. Wenn das aber so ist, dann hat die Kirche offenkundig für alte Menschen etwas besonders Attraktives.

 

Die Gründe könnten sein: Viele alte Menschen sind einsam. Hier finden sie eine Gemeinschaft, in der sie wichtig sind und in der sie sich wohl fühlen können. Hier erwarten sie mit Recht Verständnis für die Probleme des Altseins und Trost, wenn es ihnen schlecht geht. Nicht zuletzt aber ist hier ein Ort, an dem die christliche Hoffnung eine große Bedeutung für ihr alt gewordenes Leben bekommen kann. Denn wo eine christliche Kirche ist, wird von dieser Hoffnung geredet, mehr noch: Da sind Menschen, welche diese Hoffnung in sich tragen und andere zu ihr ermutigen. In der Sprache des Neuen Testaments handelt es sich um die Hoffnung, dass Gott uns vom Tode erwecken werde.

Leider gibt es heute innerhalb und außerhalb der Kirche viele Menschen, die eine solche Hoffnung nicht haben. Entweder glauben sie nicht an Gott. Dann können sie von ihm auch nichts erhoffen. Oder sie glauben zwar an Gott, meinen aber, dass er nur für dieses irdische Leben zuständig ist und deshalb auch gegenüber unserem Tod nichts ausrichten kann. Sowohl die Einen wie die Anderen müssen darum irgendeine Lebenskunst finden, wie sie damit fertig werden, dass sie sterben müssen. Die Meisten machen es so wie unsere Schiffer. Sie verdrängen den Gedanken an ihren Tod so lange es geht. Aber irgendwann geht das nicht mehr. Da meldet sich der Tod von alleine, z.B. wenn Menschen sterben, die uns nahe stehen, und ihr Tod schlimme Lücken in unserer Leben reißt, wenn wir selber schwer erkranken und spätestens dann, wenn wir alt und älter werden. Dann nimmt die Macht, die unser Ende auf uns ausübt, deutlich zu. Denn die Zeit, in der wir sterben müssen, rückt schneller und schneller heran  und wir können immer weniger so tun, als lebten wir ewig. Unsere geistigen und körperlichen Kräfte schwinden langsam. Immer mehr der Bekannten und Verwandten um uns herum sterben. Wir sind auf die Hilfe von Anderen angewiesen, um überhaupt noch unsere Lebenstage zu bewältigen. „Was gibt es jetzt noch für mich zu hoffen“? – diese Frage kann man sehr häufig von alten Menschen hören.

Es ist eine tieftraurige Frage, eine Frage, die schon vom Tod infiziert ist. Denn sie erwartet die Antwort „Nichts“. „Nichts, Schluss, Aus“ ist die Sprache des Todes, die sich nach und nach des alten Menschen bemächtigt. Das Schlimme, das sie uns sagt, besteht darin, dass sie unser ganzes Leben als nichtig durchstreicht und selbst die Zeit, die wir noch haben, entwertet. Sie macht auch Angst vor den Schrecken des Sterbens, so dass Menschen beginnen, sich auszumalen, wie es ist, wenn sie ersticken, oder wenn sie die Alzheimer-Krankheit bekommen, bei der ihr Bewusstsein verlöscht und ihr Leib – dieser schöne, blühende Leib von einst – für andere bloß noch eine Last ist. Der Tod, der seine mächtigen Schatten in das Leben von alten Menschen wirft, kennt viele Arten, sie in seine Fänge zu nehmen und sie den Tod erleiden zu lassen, längst ehe sie sterben.

Ich bin darum froh, zu einer Gemeinschaft von Menschen zu gehören, in der diese Sprache, die das ganze Leben am Ende mit dem Tode infiziert, nicht wuchert. Und ich bin auch froh, dass alte Menschen diese Gemeinschaft suchen, damit die Wellen des Todes ihr Leben nicht ganz überschwemmen. Hoffnung heißt immer, dass dem Tode die Macht genommen wird, im Leben von Menschen mit seinen langen Schatten herumzuwüten. Hoffnung gibt der Zukunft des Lebens ein Plus vor dem Sterben und Vergehen. Das ist auch ohne den Glauben an Gott so. Wer von der Zukunft nichts mehr erhofft, fühlt sich wie tot. Jeder neue Tag wird ihm zum Totengräber. Er schaufelt das Leben bloß mit der Vergangenheit zu; je älter er wird, um so mehr.

Die Hoffnung dagegen spannt die Flügel unserer Seele aus, so dass wir voran fliegen in Zeiten schöner Erfahrungen, in Zeiten der Erfüllung unserer Wünsche, in Zeiten neuer Erkenntnis und vieler Überraschungen, die uns Freude bereiten. Solche Hoffnung macht sogar vor der Grenze unseres Todes nicht halt. Deshalb gibt es auf der Welt sehr viele religiöse Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod. Sie stehen zwar alle im Verdacht, nur Illusionen zu sein. Doch selbst Atheisten träumen davon, in ihren Kindern weiter zu leben. Derartige Träume der Hoffnung schenken uns offenbar Lebensmut, weil wir uns, solange wir leben, nur schwer vorstellen können, dass unser Leben bloß dazu war, in Schmerz und Trauer wieder zu verschwinden. Die Frage „Was kann ich hoffen“?, muss darum bei alten Menschen nicht eine vom Tode infizierte Frage sein. Sie kann Ausdruck des Mutes werden, mit dem wir gerade in der Nähe zur zeitlichen Grenze unseres Lebens unser Alter als besondere Lebenszeit anzunehmen vermögen.

Allerdings braucht eine solche Hoffnung auch gute Gründe. Auf den Flügeln unserer Träume können wir zwar sehr weit fliegen. Wir können aber auch ganz schön hart abstürzen, wenn sich herausstellt, dass sie keinen richtigen Anker in unserem wirklichen Leben hatten. Und das stellt sich leider oft und besonders in den Härten des Alters heraus. Auch die christliche Hoffnung ist gegen einen solchen Absturz nicht gefeit. Schon im Neuen Testament hatte es Paulus mit Leuten zu tun, die sich Christen nannten, aber bei denen der Grund der christlichen Hoffnung nicht richtig in ihrem Leben geankert hat. Sie haben darum gesagt. „Es gibt keine Auferstehung der Toten“ (I Kor 15, 12). Paulus hat darauf geantwortet: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, dann sind wir die elendesten unter allen Menschen“ (15, 19). Warum? Wir trauen dann dem ewigen Gott gar nichts zu, der uns in Christus begegnet ist. Wir machen ihn zu einem Gott von begrenzter Reichweite, eingeschränkt auf den Aktionsradius seiner sterblichen Geschöpfe, also letztlich zu einem Götzen. 

Wer an Gott glaubt, lebt in der Tat zuerst in seiner Gegenwart, in der er uns mit seinem Geist belebt, uns bejaht und aufrichtet und uns ermutigt, wie seine Geschöpfe zu leben. Aber indem das geschieht, berührt uns er uns ja schon mit seiner Ewigkeit, in der er vor Beginn unseres Lebens lebendig war und auch am Ende unseres Lebens lebendig sein wird. An Gott glauben, heißt im Lebensgefühl existieren, vom ewigen Gott von allen Seiten umgeben zu sein. Wo ich als Christ auch hingehe, hoffe ich darum, dass er mir entgegenkommt und mit seinen göttlichen, ewigen Möglichkeiten für mich da ist. Hoffnung auf Gott beginnt darum ganz gewiss nicht erst im Alter. Wahrscheinlich haben es Menschen, in deren Leben die Hoffnung auf Gott keinen Anker fand, als sie auf der Höhe ihrer Lebenszeit waren, sogar besonders schwer, diese Hoffnung zu fassen. Ich bin da im Blick auf unsere Havelschiffer nicht sehr optimistisch. Sie denken vermutlich, in der Kirche sollen sie Zutrauen zu irgendwelchen Unsterblichkeitspraktiken fassen. Vielleicht machen sie sich auch die abenteuerlichsten Vorstellungen über das, was in der Bibel „Auferstehung“ heißt.

Doch an irgendwelchen Vorstellungen über irgendwelche jenseitigen Zustände hängt das Aufleben der Hoffnung nicht. Es hängt vielmehr an der Erfahrung des ewigen Gottes, in dessen Händen es allein liegt, was aus mir wird, wenn ich sterbe. Er hat ja schon mein kleines irdisches Leben mit dem Pulsschlag seines ewigen göttlichen Lebens überreich gemacht. Was soll mich hindern, darauf zu hoffen, dass er mich in meinem Tode mit dem göttlichen, mit dem ewigen Leben auffangen wird? „Mit wem Gott redet, der ist wahrhaft unsterblich“, hat Martin Luther gesagt. Christinnen und Christen hoffen darauf, dass er sie bei ihrem Namen rufen wird, wenn sie sterben und dass sein ewiges Leben darum auch sie – über alles hinaus, was wir uns vorstellen können – verewigen wird.

Wer in dieser Weise auf der Höhe seines Lebens hoffen gelernt hat, wird in sein Alter sicherlich nicht bloß irgendwie hineinstolpern. Doch gerade das erleben wir immer wieder bei alten Menschen. Zuerst erscheint der Rentenbeginn als die große Chance, frei vom Stress des Berufsalltags in Ruhe sein Leben genießen zu können. Aber bald wirkt er wie der große Hammer, der vom nützlich-tätigen Leben abschneidet. Es dauert nicht lange, dann folgt der große Jammer, der alten Menschen früher die Bezeichnung „Greis“ oder „Greisin“ eingebracht hat. Dieses Wort ist von „gries“ abgeleitet und bedeutet einerseits „zermahlen“ und andererseits „grau“. Ein „Greis“ ist ein vom Leben zerriebener und gebrechlicher Mensch, ein graues, verschwindendes, griesgrämiges Wesen. Dieses Wort ist Gott sei Dank heute aus unserer Sprache verschwunden. Man nennt die Alten „Seniorinnen“ und „Senioren“, um mit diesem Fremdwort irgendein besonderes Gewicht und eine besondere Aktivität von alten Menschen zum Ausdruck zu bringen. Das ist ja auch gut so. Mir käme es mit meinen 66 Jahren auch komisch vor, wenn man mich einen Greis nennen würde.

Aber so wie einer, der auf den ewigen Gott hofft, in sein Alter hinein geht, fände ich es auch nicht schlimm, ohne Fremdwort-Geschwefel nüchtern damit zu rechnen, dass alte Menschen nun in einem Alter sind, in dem der Tod sich in ihrem Leben nachdrücklich melden kann. Für eine Christin und für einen Christen meldet er sich ja schon lange. Jeden Morgen, wenn ich in mein Arbeitszimmer gehe, werfe ich seit langem einen Blick auf den Gekreuzigten. Der erinnert mich täglich daran, dass ich sterblich bin und dass jeder Tag eine einmalige Gelegenheit ist. Mit der heute so beliebten Todesverdrängung kommt ein Christ darum bestimmt nicht in seinem Alter an. Aber auch nicht mit all der Jammerei darüber, dass das Leben nun irgendwie ins Nichts abrutscht. Es rutscht nicht ab. Denn was abzurutschen scheint, das fängt Gott auf, auf den ein Christenmensch hofft.

Altwerden im Hoffen auf Gott gibt uns darum die Kraft, zwischen dem zu unterscheiden, was wir selbst vermögen und dem, was wir getrost in Gottes Hände legen können. Dieses Hoffen schenkt uns eine eigenartige Gelassenheit, die wir so in unserer Jugend nicht kannten. Wenn wir jung sind, dann strotzt alles nur so voller Möglichkeiten. Wenn wir erwachsen sind, haben sich unsere Möglichkeiten auf das eingependelt, was wir vermögen. Wenn wir aber alt werden, dann freuen wir uns der Möglichkeiten, die wir haben, auf besonders intensive Weise und trauern nicht den Gelegenheiten nach, die wir nicht mehr haben. Was gestern war, hat der ewige Gott unterdessen ja längst in seine Umsicht aufgenommen, so dass wir uns darüber keine quälenden Gedanken machen müssen. Was aber Morgen sein wird, darauf können wir nach wie vor gespannt sein. Vielleicht lässt Gott uns so alt werden, dass wir am Ende wie Abraham lebensüberdrüssig werden oder mit Johann Sebastian Bach singen: „Ich habe genug“. Vielleicht stehen uns auch schwere Prüfungen unserer Hoffnung bevor. Wir wissen es nicht. Die Hoffnung auf Gott ist ja überhaupt kein Wissen. Aber ein Lebenselixier des Alters – das ist sie schon.


 
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