< Jesus und Paulus
01.01.2007 00:00 Alter: 11 Jahr(e)
Kategorie: Radiosendungen

Vergessene Buße - verharmloste Sünde

Plädoyer für zwei „verlorene Wörter“


Das Wort „Sünde“ hat in unserer Zeit einen großen Bedeutungsverlust erlitten. Es sagt nichts mehr, was Menschen unbedingt angeht, sie umtreibt und beunruhigt. In einem DDR-Wörterbuch wurde als erste Bedeutung für das Wort „Sünde“ der Begriff „Fehltritt“ angegeben. Das bedeutet: Wir tapsen ein wenig daneben, essen und trinken ein bisschen zu viel, leisten uns „sündhaft“ teure Sachen und schlagen hier und dort über die Stränge. Aber darüber wird mit Augenzwinkern und nicht selten sogar mit einer gewissen Art von Stolz geredet. Nur bei den „Verkehrsündern“ wird’s deutlich ernster. Da muss man zahlen, wenn man erwischt wird. Und genauso ergeht’s den „Umweltsündern“ oder den „Dopingsündern und -sünderinnen“. Sie haben mit Strafen zu rechnen, weil sie anderen Menschen und letztlich sogar sich selbst schaden.

Harmlos  sind solche „Sünden“ also ganz bestimmt nicht mehr. Insofern klingt das Wort „Sünde“ hier schon etwas bedrohlicher als in launigen Werbesprüchen. Wer Flüsse vergiftet und Landschaften verseucht, bedroht unser Leben. Und was Doping anrichten kann, führen uns die Opfer des Leistungssports vor Augen. Das ist zwar schlimm, aber es ist, weil’s ja bloß eine „Sünde“ ist, nicht ganz schlimm. Ein Verkehrssünder steckt in keiner auswegslosen Sackgasse. Die Blitzermeldungen im Morgenradio helfen ihm, beim Verkehrssündigen gut durchzukommen. Umweltschäden kann man angeblich flicken und in zwei Jahren bringen die Dopingsünder wieder Höchstleistungen.

Vermutlich hängt dieser menschliche Untaten verharmlosende Gebrauch des Wortes „Sünde“ damit zusammen, dass dieses Wort in der christlichen Tradition die Klangfarbe des Verzeihlichen hat. Wo menschliche Sünde ist, da ist auch Gottes Vergebung, lautet die Botschaft des Evangeliums. Vergessen wird dabei heute in der Regel nur, dass Gott zwar vergibt, doch menschliche Untaten niemals verharmlost und verniedlicht. Das geschieht aber, wenn Menschen anfangen, sich selbst zu vergeben. Sie versuchen dann, sich aus der Verantwortlichkeit für ihre Taten herauszumogeln. Sie verniedlichen, was sie getan haben und stellen es als irgendetwas Harmloses dar.

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Zusammen mit dem Wort „Sünde“ ist darum auch ein anderes Wort in seinem eigentlichen Sinne aus unseren Sprachgewohnheiten verschwunden. Es ist das Wort „Buße“. Die evangelische Kirche erinnert am kommenden Mittwoch mit der Feier des Bußtages an dieses Wort. Der Bußtag ist zwar als staatlicher Feiertag abgeschafft. Aber das Anliegen der Buße darf in einer Kirche der Reformation nicht in Vergessenheit geraten. Es gehört geradezu zur ihrer Identität. Denn die erste der berühmten 95 Thesen, die Martin Luther 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug, redet davon, dass im Sinne Jesu Christi unser ganzes Leben eine Buße sein soll. Das bedeutet: Im Glauben an Gott lernen Menschen, sich selbst und ihre Taten ohne alle Verschönerung zu sehen und sich dann so zu verhalten, dass ihr Leben vor den Gottes Augen und den Augen der Menschen bestehen kann.

Genau das aber fällt Menschen schwer, die aus den Augen Gottes fliehen. Schon der alte Mythos von Adam und Eva am Anfang der Bibel hat realistisch dargestellt, was bei solcher Flucht geschieht. Beide haben Gottes Weisung missachtet. Aber wenn sie dann zur Rede gestellt werden, flüchten sie hinter irgendein Gebüsch und verfallen auf Ausreden. Adam schiebt die Schuld auf Eva, Eva schiebt sie auf die Schlange. Wir können diese Geschichte bis heute in abertausend kleinen und großen Geschichten weiter erzählen. Wir können sie besonders angesichts dessen weiter erzählen, wie sich in Deutschland die Meisten nach dem Ende von zwei unterschiedlich schlimmen Diktaturen verhalten haben. Wie viele haben mitgemacht, aber danach will es keiner gewesen sein! Höchstens kleine Fische im großen Meer von Untaten sind sie gewesen. Die Schuldigen sind Andere. Die allein haben Unverzeihliches angerichtet. Das aber wird auffälligerweise nicht „Sünde“ genannt. Da redet man von Verbrechen, so als sei das eigentlich keine Sünde. Doch das stimmt nicht.

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Mit dem Wort „Sünde“, wie es heute gebraucht wird, hat es also eine eigenartige Bewandtnis. Auf der einen Seite klingt es wie etwas nur halbwegs Schlechtes, mit dem wir selbst zurechtkommen können. „Sünde“ ist zum Verharmlosen unseres Tuns nützlich. Darum bedarf es auch keiner Buße. Wer dieses Wort im Internet bei „Google“ aufruft, erfährt da hauptsächlich etwas über „Busse und Bahnen“. Es  kommt heute höchstens noch bei Bußgeldbescheinigungen vor. Auf der anderen Seite aber wird das wirklich Schlimme, das Menschenmörderische, von der Sünde abgekoppelt. Wo sie ganz unerträglich, ganz brutal auf den Plan tritt, da wird sie verschwiegen. Da reden wir allenfalls vom Bösen, das gänzlich unverzeihlich ist.

„Sie soll nicht wagen, ihm zu vergeben“, sagt Iwan Karamasow in Dostojewskis Roman von der Mutter, deren kleiner Sohn vor ihren Augen von der Hundemeute eines russischen Generals zerfetzt wurde. „Sie dürfte ihm noch nicht einmal dann vergeben, wenn das Kind selbst ihm verziehen hätte“, sagt Iwan weiter. Denn das unermessliche Leid, das Menschen über unschuldige Menschen, über Kinder, bringen, ist durch nichts zu entschuldigen und wir verstehen, warum das so ist. Auch wir sind damit überfordert, wenn wir den Tätern des Holocaust vergeben sollten. Denn das hieße für unser Mitempfinden: die Opfer beleidigen. Uns bleibt nur die Trauer um die Menschen, die Opfer von Rassenwahn und Antisemitismus wurden. Diese Menschen aber verpflichten uns, ohne alle Verschleierung davon zu reden, wer für ihr Leid verantwortlich ist. Es war nicht irgendein anonymes Böses. Es war erst recht nicht Gott. Es waren Menschen, die für ihre Taten Verantwortung tragen.

Am heutigen Volkstrauertag im Gedenken an die „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ ist diese Einsicht besonders wichtig. Es ist sowohl ein Tag der Trauer wie der Erkenntnis von Schuld, die sich nicht wiederholen darf. Es ist aber auch kein ganz einfacher Tag. Denn er erinnert an Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Gründen den Tod erleiden mussten. Da ist an das Leiden Unschuldiger ebenso zu erinnern wie an die Schuld von Menschen. Da muss von Verstrickung und Verblendung ebenso die Rede sein wie vom Mut zur Wahrheit und zum Widerstand. Nicht immer gelingt es heute, das Alles gerecht zu beurteilen und in ein angemessenes Verhältnis zu setzen. Aber im Gedenken an die Toten verbietet sich alles Zurechtbiegen menschlicher Taten und alle Verharmlosung menschlichen Leids. Hier muss das Verdrängen und Verschweigen enden, das für die Sünde charakteristisch ist. Der Volkstrauertag hat deshalb durchaus eine Beziehung zum Bußtag. Er ruft Menschen auf, im Gedenken an die Toten selber ganz wahrhaftig zu sein. Er braucht Menschen, die es schon in ihrem eigenen Leben gelernt haben, gegen das Verharmlosen von Sünde und das Vergessen von Buße anzugehen.

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Die Schwierigkeiten, die wir heute haben, mit dem Wort „Sünde“ sinnvoll umzugehen, haben einen einfachen Grund. Sünde ist in der Bibel zuerst die Abkehr von Gott. Ohne Gott wird das Wort Sünde, wie wir gesehen haben, ein Alberwort oder es erstirbt uns auf den Lippen. Was Sünde wirklich ist – so glauben Christinnen und Christen - , kann der erkennen, dem Gott etwas bedeutet. Und da zeigt sich: Den Startschritt in die Sünde machen alle Menschen seit Adam und Eva auf die gleiche Art. Es ist der Startschritt raus aus dem Lichte Gottes hinein in die Lebenskunst ohne den Geist des Lebens, der Gott ist. Der abschüssige Weg, auf den Menschen dabei in ihrem Leben geraten, ist voll von Todesspuren. Denn alles Sündigen verletzt Leben, indem es sich von der Quelle des Lebens entfernt. Ob es nun die Zerstörung menschlicher Beziehungen ist, die Rücksichtslosigkeit im Umgang mit der Natur, der Raubau, den wir mit unserem eigenen Leben treiben – überall und nicht erst bei den ganz schlimmen Verbrechen meldet sich der „Tod als der Sünde Sold“, wie der Apostel Paulus das ausdrückt.

Die Einteilung der Menschheit in halbwegs harmlose kleine Sünder und in eine teuflische Welt ist darum vor Gott nicht möglich. Im Lichte Gottes lernen wir vielmehr, der tödlichen Tragweite der Sünde in allen ihren Gestalten schonungslos ins Gesicht zu sehen. Das erklärt, warum Menschen dieses Licht scheuen. Sie kommen sich dann mit ihren Lügen, den kleinen Schweinereien und schlimmen Taten so erbärmlich vor. Aber das müssen sie nicht. Denn das Licht, in dem die Sünde vor Gott sichtbar wird, gibt Menschen nicht der Verachtung preis. Es weist sie vielmehr in ein Leben ein, in dem Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst, Liebe gegenüber den Mitmenschen und Verantwortung für eine menschenwürdige Gesellschaft das Wichtigste werden.

Wenn Menschen aufgrund dieser Perspektiven für ihr Leben von ihrer Sünde ohne Scheu zu reden vermögen, dann müssen sie sich also keinesfalls schlecht vorkommen. Dann können sie sich im Gegenteil aufrichten, um mit einem besseren, einem menschenwürdigen Leben zu beginnen.  „Ich wäre gern ein Sünder gewesen“, sagt darum ein Zeitgenosse in Michel Houellebecqs Roman „Elementarteilchen“. Doch er fügt hinzu: „aber es gelang mir einfach nicht“. Dieser Zeitgenosse ist ein Mensch, dessen Lebensführung eine einzige Verachtung der Menschenwürde ist. Er hat die Fähigkeit verloren, überhaupt noch einen Sinn dafür zu entwickeln, was in unserem Leben gut oder böse ist. Wo das geschieht, verwischen sich die Konturen unseres Daseins in lauter Gleichgültigkeit, in der es kein wirkliches Glück und auch kein wirkliches Leid mehr gibt.

„Ich wäre gern ein Sünder gewesen“ – das ist darum auch nur auf den ersten Blick ein witziger Geck eines Menschen von heute. Bei näherem Zusehen merken wir, dass es hier auch um den irgendwie traurigen Ausdruck des Empfindens geht, einfach nur durchs Leben zu rutschen, ohne dass uns einer fragt „Wer bist du eigentlich“? Sünder –  das wäre wenigstens die Möglichkeit, zum Stehen zu kommen, sein Antlitz zu zeigen und die Chance der Antwort: „Hier bin ich, das bin ich“. Sünder – das würde auch die Frage nach einem neuen, anderen Leben sinnvoll machen. Noch nicht einmal mehr Sünder sein aber heißt: nur schiefe Ebene, nur Ausnutzen des Lebens ohne Hoffnung. Noch nicht einmal Sünder sein, ist trostlos, weil es Menschen ohne die Möglichkeit der Buße in ein horizontloses Leben stürzt.

Die Worte „Sünde“ und „Buße“ vor dem Zerfall zu bewahren, ist darum eine wichtige Aufgabe der Christenheit in der heutigen Zeit. Sie geben Menschen einen festen Stand in einem Leben inmitten von soviel Gleiten und Auseinanderfallen. Wer von der Sünde reden kann, hört mit dem Verschleiern und Vernebeln auf, das sie für ihr tödliches Wirken braucht. Er kann sich selbst und Anderen gegenüber wahrhaftig sein. Er bekommt den Mut zu einem Leben im Widerstand gegen die Mächte des Todes, die im Sündigen von Menschen Besitz ergreifen. Wer von der Sünde reden kann, der ist also schon dabei, sie in seinem Leben hinter sich zu lassen.


 
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