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02.01.2014 20:46 Alter: 6 Jahr(e)
Kategorie: Artikel

Essentials des Pfarrberufs, auf welche die theologische Ausbildung zielt

Sechs Thesen (2003)


1. Theologische Ausbildung schafft die geistigen Voraussetzungen zur freien, verantwortlichen Ausübung des Pfarrberufs. Sie vermittelt nicht eine bestimmte, wie eine Vorschrift anwendbare Theorie pfarramtlicher Praxis, sondern befördert Fähigkeit der Studierenden, in andauernder eigener theologischer Verantwortung selbst praktisch werden zu können.

2. Das Theologiestudium vermittelt selbstverständlich grundlegende Kenntnisse, ohne die der Pfarrberuf nicht ausgeübt werden kann. Es kann sich aber nicht um einen abgeschlossenen Kanon von Kenntnissen handeln, sondern nur um einen Anfang von Kenntnissen, der fortwährend selbständig zu erweitern und zu vertiefen ist. Wer ein Theologiestudium absolviert hat, hat ein brennendes Interesse an solcher Erweiterung.

3. Ein solches Interesse kann nur im Kontext des Strebens nach Erkenntnis entstehen, welches das Theologiestudium befördern und wecken soll, indem es die Methoden und Wege des Erkenntnisgewinns, des kritischen Umgangs mit verschiedenen Positionen und Konzeptionen und damit die eigene theologischer Urteilsfähigkeit einübt. Die Freude am Entdecken von Neuem sollte das Kennzeichen theologischer Existenz im Pfarramt bleiben. Dazu gehört unerlässlich das theologische Gespräch. Eine Kirche ohne dieses Gespräch, hört auf eine geistige Kraft zu sein.

4. Christliche Theologie ist eine Funktion der das Evangelium in ihren verschiedenen Diensten bezeugenden Kirche; wo sie das nicht ist, wird sie zur Religions- oder Kulturwissenschaft; wenn sie das ist, steht alle ihre Erkenntnisarbeit im Horizont der theologisch zu verantworteten Praxis der Kirche inmitten der Gesellschaft. Theologische Verantwortung der Praxis der Kirche stellt die Frage nach der Wahrheit, d.h. nach dem, worauf Menschen sich im Leben und Sterben unbedingt verlassen können. Von Pfarrerinnen und Pfarrern wird erwartet, dass sie in einer Situation des weltanschaulichen Pluralismus zur Wahrheitsfrage fähig sind.

5. Theologische Existenz von Pfarrerinnen und Pfarrern bedeutet Freiheit zu dieser Praxis und kritischer Abstand zu dieser Praxis.

5.1. Die Verkündigung und alle anderen Dienste der Kirche für die Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche sind selbst nicht im strengen Sinne Theologie, sondern eine eigene Dimension kommunikativer Artikulation und Darstellung der Wahrheit des Glaubens in den verschiedenen konkreten Lebensbezügen von Menschen. Ohne Theologie mangelt es an nötigen Freiheit für diese Aufgabe. Die Pfarrerinnen und Pfarrer verstricken sich in die Praxis und werden im schlechten Sinne "dogmatisch".

5.2. Theologie schafft einen kritischen Abstand zur eigenen Praxis und zur eingerasteten Meinung. Sie sorgt für das selbstkritische Verhältnis von "Amtsträgern" zu sich selbst, um aufgrund dessen intensiver und konkreter auf den Dienst zurückkommen zu können.

5.3. Ohne Zeit für die Theologie gibt es gar keinen Theologievollzug. Wer sich diese Zeit nicht zu nehmen vermag, ist in der Gefahr, ein religiöser Ideologe zu werden. Diese Gefahr besteht auch, wenn Theologie nur unter dem Gesichtspunkt des unmittelbaren Nutzens für die Praxis betrieben wird. Die theologische Existenz bereichend ist gerade die zweckfreie theologische Arbeit, die neue Dimensionen der Wahrheit entdecken lässt.

6. Wer Theologie studiert hat, wird sich nicht daran beteiligen, Theologie und Praxis in einen für beide Seiten schädlichen Gegensatz zu treiben, sondern wird zugunsten beider für ihr lebendiges Verhältnis sorgen.


 
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