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02.01.2014 20:43 Alter: 3 Jahr(e)
Kategorie: Artikel

Bonhoeffer – Faszination ?

Einige persönliche Beobachtungen (ZGP 24/2, 2006)


Dietrich Bonhoeffer sei eine „Lichtgestalt“ im Kampf der Bekennenden Kirche gewesen, war in der FAZ vom 12.10.2005 zu lesen. Das ist so einer von den Ehrentiteln, die diesem Theologen und Pfarrer aus Anlass seines bevor stehenden 100. Geburtstages gehäuft verliehen werden. Er ist der „Märtyrer“, der „Heilige“, „die Persönlichkeit“, der „Kämpfer“ und „Held“, der „Kluge“, der „Authentische“ und „Glaubwürdige“, der „große Theologe“. Dies und noch vieles Andere mehr entnehmen wir der Werbung, die derzeit für den Vertrieb von Bonhoeffer-Texten und Arbeiten über Bonhoeffer gemacht wird. Es gibt gleich drei neue Bonhoeffer-Biographien und einen richtigen Bonhoeffer-Roman. CDs, Kalender, Bilderbücher, Sammlungen von „Sinnsprüchen“, Gebeten und Gedichten versprechen, dass aus ihnen „Ruhe, Kraft und Besinnung“ zu schöpfen sei. Ein Video des Films „Bonhoeffer – letzte Stufe“ wird als „Denkmal eines großen Mannes“ angepriesen.

            Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendein evangelischer Theologe in den letzten Jahrhunderten in vergleichbarer Weise zur „Lichtgestalt“ stilisiert wurde. Ich verdanke einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Werk, aber auch mit dem Leben Dietrich Bonhoeffers sehr viel. Aber irgendwie bereiten mir diese überschwänglichen Töne, mit denen Dietrich Bonhoeffer hier in die Sphäre der Verehrung erhoben wird, doch ein Unwohlsein. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass meine Erstbegegnungen mit diesem Theologen so gar nichts von der Begegnung mit einem „Helden“ an sich hatten. Als ich 1959 aus dem Zuchthaus Waldheim entlassen wurde, in das man mich wegen „Hetze und staatsgefährdender Propaganda“ gesperrt hatte, schenkte mir mein Vater die DDR-Ausgabe von „Widerstand und Ergebung“. Noch ganz in der Seele ausgefüllt mit dem Klima einer Zellenexistenz, konnte ich das damals gar nicht zu Ende lesen. Es war zu beklemmend für mich.

Als ich dann später an der Kirchlichen Hochschule in Ostberlin (dem „Sprachenkonvikt“) studierte und lehrte, habe ich ein paar Häuserecken vom Dorotheenstädtischen Friedhof entfernt gelebt. Dort liegen Klaus Bonhoeffer, Rüdiger Schleicher, Hans John, Friedrich Justus Perels und Albrecht Haushofer begraben; vielmehr sie wurden dort mit vielen anderen Toten der letzten Kriegstage in einem Bombentrichter verscharrt, nachdem sie von der SS in der Nähe des Lehrter Bahnhofs erschossen worden waren. Ich weiß nicht, wie oft ich zu diesem Platz gegangen bin, an dem ein großer Stein unter einem Eisenkreuz auch an den im KZ Flossenbürg hingerichteten Dietrich Bonhoeffer erinnert. Aber von daher kann ich mir die Annäherung an das Leben, den Weg und das Werk Dietrich Bonhoeffers gar nicht anders vorstellen als so, dass ich traurig an einem Grabe stehe, welches mir alle großen, aufgeblasenen Töne austreibt. Wer einmal in dem jetzt ausgegrabenen Bunker im KZ Buchenwald gestanden hat, in dem Bonhoeffer auf dem Wege nach Flossenbürg in eine Zelle eingequetscht wurde, in der er noch nicht einmal liegen konnte, wird es ähnlich empfinden.

Und noch etwas kommt hinzu. Im Laufe der Zeit habe ich alles kennen gelernt, was Dietrich Bonhoeffer literarisch hinterlassen hat. Es ist für mich – wie gesagt – sehr wichtig geworden, besonders unter den Bedingungen der DDR. Dort hatte unterdessen die Einordnung Dietrich Bonhoeffers in die Reihe der „antifaschistischen Widerstandskämpfer“ begonnen. An der Sektion Theologie der Humboldt-Universität in Berlin wurde Bonhoeffer als ein Vorkämpfer des dialektischen und historischen Materialismus gefeiert. In seinem Namen hat man Spitzel auf Studenten angesetzt und unsere Kirchliche Hochschule drangsaliert. Ich habe eine Veranstaltung im Senatsaal der Humboldt-Universität erlebt, bei der es mich nicht gewundert hätte, wenn man ihn zum Ehrenoffizier der Nationalen Volksarmee ernannt hätte.

Ein Widerwille gegen die Funktionalisierung des Werkes, des Lebens und des Todes dieses Theologen hat mich seitdem nicht verlassen. Ich denke auch noch heute, dass wir ihm Unrecht tun, wenn wir ihn in solche Dimensionen der Unangreifbarkeit erheben, in denen er als eine Art Papst für alles Mögliche in Anspruch genommen wird. Ich habe als Mitherausgeber des Bandes 16 der „Dietrich Bonhoeffer Werke“ Texte von ihm ediert, die mir – ehrlich gesagt – die Zähne ausziehen. Sie werden in der Sammlung seiner „Sinnsprüche“ füglich verschwiegen. Denn wer ist heute noch empfänglich für ein „recht verstandenes Gottesgnadentum der Obrigkeit“? Wer kann einer Predigt etwas abgewinnen, die den Tod für das Vaterland preist? Wer möchte unterschreiben, dass die Bibel nicht in die Hand der Gemeinde gehört? Welche Frau will sich in dem patriarchalischen Tone angesprochen wissen, in dem Bonhoeffer mit seiner 18-jährigen Braut umgegangen ist?

            Das alles ist auch Dietrich Bonhoeffer. Man könnte noch Einiges hinzufügen, was heutzutage im Wesentlichen Kopfschütteln auslösen würde. Aber dann ist da noch etwas Anderes, das selbst in den für uns ziemlich unverdaulichen Passagen seines theologischen und dann auch kirchlichen und politischen Bemühens steckt. Ich habe es einmal so ausgedrückt, dass dieser Theologe mit dem, was er als wahr erkannte, immer aufs Ganze gegangen ist. „Keine halben Sachen“ – das ist offenkundig ein cantus firmus seines Denkens, aber auch seines Lebens gewesen. So begegnet er uns als kompromissloser Pazifist und als Teilnehmer an einer militärischen Verschwörung zum Tyrannenmord. So begegnet er uns als Protagonist einer Klosterexistenz und als Theoretiker eines religionslosen Christentums. So ist er mir eindrücklich geworden als ein ganz „Konservativer“ im Theologischen und Politischen und dann wieder als Einer, der alle Grenzen überschritten hat. Und beide Male hat er ohne Kompromisse vertreten und gelebt, was er als wahr erkannte.

Vielleicht ist es gerade das, was heute so viele Menschen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit an ihm fasziniert. Da steht einer zu seinem Glauben und zu seinen Überzeugungen, auch wenn ihn das in die Isolation und in die persönliche Erschöpfung treibt, auch wenn ihm das beruflich den Boden unter den Füßen wegzieht und sein Leben in Gefahr gerät. Da ist einer „authentisch“, sagt man heute charakteristischerweise. Denn unserer Zeit gebricht es an Wahrheiten, für man seine Existenz aufs Spiel setzen würde. Im Pluralismus gilt: Alles könnte vielleicht auch nicht wahr sein. Sogar in Kirche und Theologie ist dieser schwankende Geist eingezogen. „Ein Stück weit“ ist deshalb ein sehr beliebtes Wort auf Kanzeln und in sonstiger kirchlicher Praxis. Aber wenn man dann Bonhoeffer zitieren kann (und er wird sehr viel zitiert!), dann kommt die Sache irgendwie zum Stehen. Da haben wir, was uns fehlt, nämlich Einen, dem der Glaube und seine Konsequenzen für das Handeln so wertvoll sind, dass er mit seinem Leben dafür einsteht.

Können wir so weit gehen und sagen: An Bonhoeffer fasziniert in unserer pluralistischen Gesellschaft so viele Menschen gerade das, was sie nicht sind und vermutlich auch gar nicht sein können oder wollen? Denn das ist ja ein Charakteristikum unser Zeit, in der die Grundgewissheiten für das Leben zerfasern: Sie sucht sich „Lichtgestalten“, in denen Menschen so etwas wie das Erlebnis von Halt finden. Wahrscheinlich ist mir deshalb oben das Wort „Papst“ nicht bloß zufällig untergelaufen. Ein event von Authentizität wurde da in Rom und Köln medial inszeniert. Nach der Wahrheit aber haben selbst „Protestanten“, denen der römische Bischof die Bezeichnung „Kirche“ verweigert, kaum gefragt, als er im Lande der Reformation den mittelalterlichen Ablass spendete. Nach dem Wort „Wahrheit“ sucht man dementsprechend unter den Schlagworten auch vergebens, mit denen nun ein Mensch aus dem evangelischen Bereich wenigstens in die Nähe eines religiösen events gerückt werden soll.

Mir ist angesichts dessen wirklich zwiespältig zumute. Denn auf der einen Seite freue ich mich natürlich, dass eines der Ziele der über die ganze Welt verbreiteten „Bonhoeffer-Komitees“ in rasanter Weise realisiert wird. Wenn ich mich daran erinnere, dass es in der DDR nicht möglich war, Bonhoeffers „Ethik“ zu veröffentlichen, dann ist es doch nichts als gut, wenn nun der Schatz seines Nachlasses – und sei es mit übertriebenem Werberasseln – auf so vielfältige Weise in vielen Sprachen der Welt zugänglich ist. Ich habe auch gar nichts dagegen einzuwenden, dass Bonhoeffers 100. Geburtstag für so viele Vereinigungen und Vereine unter seinem Namen, für die Bonhoeffer-Häuser, Bonhoeffer-Gymnasien, Bonhoeffer-Kindergärten, Bonhoeffer-Krankenhäuser und was sonst seinen Namen trägt, Anlass ist, feierlich zu unterstreichen, warum ihnen gerade dieser Theologe wichtig ist.

Auf der anderen Seite müssen wir aber auch nüchtern bleiben. Werbegestützte „Bonhoeffer-Faszination“ als Ventil für den Druck der Probleme des religiösen Pluralismus in unserer Gesellschaft entfernt sich eindeutig von diesem in der Tat beeindruckenden Theologen, Pfarrer und Christen. Sie droht ihn zu einem Mythos zu machen, der den ernsten Herausforderungen nicht gerecht wird, vor denen die Christenheit heute steht. „Faszinieren“ heißt vom lateinischen Wortsinn her ja eigentlich „behexen“. Das Kennzeichen des „Behexens“ aber ist, dass es nichts mit Wahrheit, dafür aber umso mehr mit dunklen, Herz und Sinne betäubenden und beschlagnahmenden Emotionen zu tun hat. Dergleichen sollte nicht auf einen Menschen projiziert werden, der bei aller Bewegung, die sein Weg und Geschick in uns auslöst, Alles in das kritische und Leben spendende Licht der Wahrheit gestellt hat, was er gedacht und gelebt hat.

Die Möglichkeit, welche in der derzeitigen breiten Veröffentlichung von Bonhoeffer-Texten schlummert, besteht darin, dass Menschen, welche sie in die Hände nehmen, das auch bemerken. Denn diese Texte stehen quer zu allen scheinbar frommen Platitüden. Sie nötigen uns auf allen Stationen seines Weges, alle „Faszination“ fahren zu lassen. Sie stehen quer zu der allzu durchschaubaren Funktionalisierung eines nach der einen oder nach der anderen Seite ausschlagenden religiösen oder weltanschaulichen Bedürfnisses. Sie laden uns ein, an der Erkenntnis der Wahrheit mit zu arbeiten, die für ihn durchweg den kurzen Namen „Jesus Christus“ trug: Gott konkret mitten unter uns Menschen. Das kann hart werden. So leicht, wie Bonhoeffer es dem frommen Gemüt in seinen aus dem Zusammenhang seines Denkens gerissenen „Sinnsprüchen“ zu machen scheint, macht er es uns nirgends. So leicht hat er es sich selbst nicht gemacht. „Mach’s dir nicht leicht, mach’s Dir nicht billig! Trudele nicht in irgendeine Faszination hinein. Sei wach wie Christus in Gethsemane“ – so einen Imperativ für das Christsein und für das Theologietreiben in der realen Welt können wir in der Tat aus allen theologischen Arbeiten von Bonhoeffer, aus seinen Predigten, aus seinen Briefen und erst recht aus seinem Leben vernehmen.

Ich muss, wo nun all die Veranstaltungen zum 100. Geburtstag von Dietrich Bonhoefer geplant werden, einige Vorträge zu seiner Theologie halten und einige Aufsätze zu speziellen Fragen seines Denkens schreiben. Da geht es um  Themen bzw. um Aspekte von Themen, mit denen ich mich bisher nicht so intensiv beschäftigt habe. Doch darauf freue mich. Denn in die Arbeiten dieses Theologen einzukehren, bedeutet allemal, sich starken Texten auszusetzen. Sie mogeln nicht im Namen irgendeines religiösen oder politischen Interesses um die Sache des christlichen Glaubens herum. Sie konzentrieren sich darauf, worum es im Zentrum dieses Glaubens eigentlich geht. Selbst wenn sie zum Widerspruch reizen, ist das so. Es kann ja sein, dass nicht Wenige, denen die laufende Bonhoeffer-Werbung im Zeichen des religiösen Allerlei seine Texte ins Haus spült, das auch bemerken. Sie wären dann nicht „fasziniert“, sondern vom Geist der christlichen Wahrheit inspiriert. Solche Menschen braucht unsere Kirche heute. Dietrich Bonhoeffer jedenfalls ging es gerade um sie.


 
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