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09.11.2017 08:50 Alter: 36 Tag(e)
Kategorie: Artikel

Nur Gott kann mit der Sünde Schluss machen

Herausgeberkommentar in "die Kirche" Nr. 46 vom 12. November 2017


Im Titelkommentar der „Jubiläums-Ausgabe“ unserer Zeitung zum Reformationstag wird von Klaas Huizing aufgerufen, „Schluss mit Sünde“ zu machen. Gemeint ist laut Internetwerbung für diese Jubiläums-Ausgabe: Die Reformation solle so „weiterentwickelt“ werden, dass die Kirche aufhört, von der Sünde zu reden und Menschen darauf anzusprechen. Ein solcher Aufruf – so heißt es dort weiter –  tue „zum Ende der Reformationsfeierlichkeiten wohltuend gut“. Mit der Sünde haben demnach fortan weder die Verkündigung unserer Kirche noch die Menschen, an die sie sich wendet, etwas zu tun. Dieser Ansicht muss entschieden widersprochen werden. Sie „entwickelt“ die Reformation nicht weiter, sondern richtet sie zugrunde.

Zwar erkennt Huizing an, dass der „springende Punkt“ der Reformation die Rechtfertigung des Sünders war. Doch die Befreiung vom Ablasshandel und von „Höllenängsten“, die das damals bewirkte, sei heute nicht mehr unser Problem. Wir können vor allem das „sündenverbiesterte Menschenbild“ Luthers, das mit seiner Rechtfertigungslehre verbunden war, nicht mehr teilen. Unter „Sündenverbiesterung“ versteht Huizing Luthers Ansicht, dass jeder Mensch „grundsätzlich verdorben“ sei. Das ist nicht ohne Anhalt an Luthers Verständnis der Erbsünde, die auf jeden Menschen durch die Zeugung übertragen wird. Man kann dazu auch Luthers Überzeugung rechnen, dass jeder Mensch erst durch die Predigt des Gesetzes in die Verzweiflung über seine Sünde getrieben werden müsse, ehe ihm Gottes Gnade zugesprochen werden kann.

Doch diese „Sündenverbiesterung“ ist in der evangelischen Theologie längst kritisiert worden. Gerade Karl Barth, der von Huizing aus Unkenntnis oder Böswilligkeit zu den „Sündenverbiesterern“ gezählt wird, über die wir uns „empören“ müssen, hat diese Kritik nachdrücklich geübt. Im Unterschied zu Huizing aber hat er das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet und das Reden von der Sünde überhaupt gecancelt. Er hat vielmehr das reformatorische und biblische Verständnis der Sünde so „weiter entwickelt“, dass es zur Erkenntnis und zum Bekenntnis der Sünde nur kommt, wenn Gott Menschen durch seine Vergebung frei macht, unverstellt und wahrhaftig auf das zu blicken, was sie im Unglauben angerichtet haben.

Da wird an erster Stelle klar, was bei Huizing völlig unklar bleibt, nämlich was „Sünde“ überhaupt ist. Dieses Wort bezeichnet im biblischen Sprachgebrauch die Verachtung und Missachtung Gottes, die den ganzen Rattenschwanz der Zerstörung der Beziehungen, in denen wir unser Leben haben, durch unser Handeln und Verhalten nach sich zieht. Doch Gott ist für Huizing nichts weiter als eine „literarische Figur“. An der kann man sich gar nicht versündigen. Darum fällt für ihn die Sünde wie für die Atheisten, die sich andere Figuren suchen, um ihre „Selbständigkeit“ einzuüben, flach.

Zu der verworrenen Auslegung der Geschichte vom Brudermord Kains, der aus Scham so selbständig wird, dass er seinen Bruder killt, will ich mich hier nicht weiter äußern. Es ist jedoch nicht nur abenteuerlich, dergleichen zur Grundlage einer „radikalen Reformation“ unserer Kirche zu empfehlen, wie es unsere Zeitung – dick und rot hervor gehoben – tut. Es rührt an die Substanz der Kirche, wenn sie mit solchem Herumfunktionieren in der Bibel aufhört, „Ort des Sündenbekenntnisses“ zu sein (Dietrich Bonhoeffer). Denn wenn auch das Wort „Sünde“ in unserer Gesellschaft einen großen Bedeutungsverlust erlitten hat, so machen Menschen doch nicht damit Schluss, was dieses Wort meint.

Jedes Fürbittengebet unserer Kirche bringt den ganzen Jammer und das Elend, in welches die Gottes- und Menschenverachtung heute wie ehedem führt, in der Erkenntnis vor Gott, dass Menschen nicht in der Lage sind, von sich aus damit radikal Schluss zu machen. „Schluss mit der Sünde machen“ – das kann im Geiste der Reformation nur einer. Das ist Jesus Christus, der uns „täglich alle Sünden reichlich vergibt“ und Menschen ermutigt, sich im Vertrauen auf ihn trotzdem und unverzagt an der Überwindung des Weltelends zu beteiligen.  


 
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