< Kirche im Widerstreit. Eine Auseinandersetzung mit altem und neuem Atheismus
19.04.2012 00:00 Alter: 5 Jahr(e)
Kategorie: Vorträge

Über Gott reden - mit und nach Dietrich Bonhoeffer

Vortrag in der Seniorenakademie Berlin-Lichtenberg 19.04.2012


I. Die Gegenwart der „religionslosen Zeit“

„Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen; die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal sind, nicht mehr religiös sein“ (DBW 8, 403). Dieser Satz steht am Anfang von Dietrich Bonhoeffers Überlegungen zur „nichtreligiösen Interpretation biblischer Begriffe“ oder auch zu einem „religionslosen Christentum“ in seinen Briefen aus dem Gefängnis. Wir können getrost sagen: Es ist der in den letzten Jahrzehnten am Meisten diskutierte und umstrittene Satz Dietrich Bonhoeffers. Dabei ist es noch nicht einmal ein theologischer Satz. Er will nur die Situation beschreiben, in der sich die Kirche nach Bonhoeffers Meinung in der Mitte des 20. Jahrhunderts befunden hat und sich auch weiterhin befinden wird. „Religiös sein“, so meint er, ist für die meisten Menschen heute keine Option mehr, mit der sie die Probleme ihres Daseins auf der Erde, ihres Lebens bewältigen.

         Stimmt das? – das ist hier sofort zu Frage. Schauen wir in den theologischen und kirchlichen, aber auch in den nicht-theologischen und nicht-kirchlichen Blätterwald von heute, der sich mit dem „Religiösen“ in der Gegenwart beschäftigt, dann fällt die Antwort auf diese Frage ziemlich eindeutig aus. „Nein“, lautet sie, „das stimmt nicht“. Bonhoeffer hat sich mit seiner Prognose geirrt. Wir leben am Anfang des 21. Jahrhunderts in einer Zeit der „Wiederkehr“, ja der „Renaissance der Religion“. „Religion hat – trotz verbleibender Rudimente eines Gewohnheitsatheismus – „Konjunktur“. So heißt  es z.B. summarisch in einer neueren Dogmatik.[1] Mit den „verbleibenden Rudimenten“ einer nicht-religiösen Lebenseinstellung sind zweifellos vor allem die 75 % der Bevölkerung in den neuen Bundesländern Deutschlands gemeint, die sich permanent religionsabstinent zeigen. Sie repräsentieren zusammen mit den sog. „Konfessionslosen“, die sich in den alten Bundesländern nicht als „religiös“ verstehen, eine im Verschwinden begriffene Spezies.

         Stimmt das? – so kann man allerdings demgegenüber auch sofort fragen. Wir werden zumindest zögern, diese Frage mit einem glatten „Ja“ zu beantworten. Denn die sog. „Konfessionslosen“ in den neuen Bundesländern, die sich selbst als Atheisten verstehen, repräsentieren unbestritten ein höchst stabiles gesellschaftliches Milieu. Niemand kann sagen, ob und wann sie sich einmal wieder für irgendeine Art von konkreter Religion öffnen werden. Auch unsere Kirchen rechnen überhaupt nicht damit, dass sich hier in absehbarer Zeit etwas ändern wird. All die Umstrukturierungen der kirchlichen Dienste, die Fusionen und Regionalisierungen sind dementsprechend nicht beflügelt vom heißem Atem der „Wiederkehr der Religion“ in unserem Lande. Sie sind vielmehr vom Ächzen unter der Belastung bestimmt, welche die – verwenden wir nur dieses Wort – „Religionslosen“ für die strukturell über das ganze Land verbreitete Institution der Kirche darstellen.

Es sieht also so aus, als hätten wir in Deutschland in Sachen der Einschätzung von Bonhoeffers Prognose ein Ost-West-Problem. Dort, wo sich das Leben ohne „Religion“ als ein äußerst stabiles Element im kulturellen und gesellschaftlichen Leben Deutschlands erweist, reimt sich Bonhoeffers Prognose mit unseren Erfahrungen. Wir werden uns darauf einstellen müssen, uns in allen unseren kirchlichen Diensten dauerhaft auf die Religionslosigkeit im Sinne einer fundamentalen Entfremdung der Menschen von aller konkreten Religion zu beziehen. Dort, wo die „Wiederkehr der Religion“ beobachtet wird, veranlasst das Kirche und Theologie im Unterschied dazu, die Religion als einen Hoffnungsfaktor für den Dienst der Kirche anzusehen.

Ob das wirklich begründet ist, wird man fragen müssen. Denn die Religion, von der hier die Rede ist, ist ein höchst diffuses Phänomen. Seine Theoretiker meinen sogar, dass es wesenhaft aus der Kirche auswandert, statt in sie hinein zu drängen. „Die Wiederkehr der Götter“, wie auch gesagt werden kann, sucht sich in der pluralistischen Gesellschaft höchst private Gestalten. Menschen „basteln“ sich ihre Religion zurecht (U. Beck), welche die großen Kirchen offenbar nicht hinreichend befriedigen können. Außerdem steht in Frage, ob jene Neureligiosität überhaupt etwas mit Gott zu tun haben will. Die Menschen ohne Religion im Osten Deutschlands spüren es wohl, dass diese Art von Religion sie nicht beißt und finden sich durch die  die Mehrheit der Religiösen in Deutschland so gar nicht angefochten.

Mit der sog. „Wiederkehr der Religion“ ist also das Atheismusproblem keinesfalls erledigt. Wenn die Kirche es aber bewältigen will, indem sie entsprechend der religiösen Marktlage anfängt, die diffuse Religiosität für den Glauben an Gott zu reklamieren, dann begibt sie sich auf ein höchst gefährliches Terrain. Sie muss dann sie aufpassen, dass ihr das Zeugnis von Gott nicht unter den Hand zu einem von jenem Bedürfnissen beherrschten Zeugnis gerät. Wenn ich auch einmal ein bisschen Prophet spielen wollte, dann würde ich sagen: Die kirchliche Funktionalisierung von dergleichen wird mit einiger Sicherheit früher oder später die kräftige „Wiederkehr des religionskritischen Atheismus“ befördern. Er ist mit der Überzeugung, dass Menschen sich ihre Götter selber machen, in Wahrheit schon heute immer noch alles Andere als nur ein „Rudiment“ der Vergangenheit. Wir treffen ihn – wie im „Neuen Atheismus“ - nicht nur in den Medien und bei Intellektuellen in ganz Deutschland ziemlich tatkräftig, angriffslustig und öffentlichkeitswirksam an. Er liegt unreflektiert auch der massenweisen Gottesgleichgültigkeit innerhalb und außerhalb der Volkskirche zugrunde, die zu leugnen sich nur die pure Ignoranz der Realität einfallen lassen kann.

Zwar ermächtigt die massenhafte Gottesvergessenheit hierzulande nicht zu dem pauschalen Satz, dass wir „einer völlig religionslosen Zeit entgegen gehen“. Das weiß niemand. Aber dieser Satz hält uns dennoch dabei fest, die Situation der Religionslosigkeit heute und hier  60 Jahre nach Bonhoeffers Prognose ernst zu nehmen ist und sie nicht mit einer Ideologie der von alleine erwachenden Religion überspielt werden kann.

 

II. Christus – der Herr der „Religionslosen“

Dietrich Bonhoeffers Frage angesichts der von ihm konstatierten „Religionslosigkeit“ war: „Wie kann Christus der Herr auch der Religionslosen werden“ (DBW 8, 404) ? Gemeint ist mit dieser Frage nicht: Wie werden die Religionslosen religiös? Gemeint ist: Was hat Christus mit ihnen als religionslosen, sprich: als nicht an Gott glaubenden Menschen zu tun? Lässt sich zeigen, dass sie der Herrschaft Christi mit ihrer Religions- bzw. Gottlosigkeit beleibe nicht entkommen sind, dass sie zu Christus gehören, dann führt das aber notwendig zu der Frage, ob es auch so etwas wie ein „religionsloses Christentum“ geben kann, das in Solidarität mit den religionslosen Menschen existiert.

         Voraussetzung dieser Frage ist die Einsicht, dass Religion nur ein „Gewand“ (DBW 8, 404), eine geschichtlich gewordene Form oder Gestalt des Christentums sei. Ist das so, dann müsste ein solches Gewand durch ein anderes ersetzt werden können, nämlich durch das der Religionslosigkeit. Es gibt Interpreten Bonhoeffers, die schon dieses ganze Szenarium für verfehlt halten, das Bonhoeffer hier aufmacht. So hat z.B. Wolfgang Huber gesagt: „Religion bleibt eine notwendige Gestalt des christlichen Glaubens. Es erweist sich als vermessen, den Glauben ohne diese religiöse Gestalt haben zu wollen.“[2] Bonhoeffer hat sich nach Ansicht seiner Kritiker demnach nicht nur in seiner Analyse der Situation geirrt. Auch dem Wege, auf dem er sich dieser Situation stellen wollte, liegt ein Irrtum zugrunde, nämlich die Vorstellung der Ablösbarkeit der Religion vom Glauben an Jesus Christus.

         Dass hier Probleme bestehen, nicht zuletzt terminologische Probleme scheint klar zu sein. Dennoch sollten wir der Frage Bonhoeffers mit diesen Problemen nicht sofort dazwischen fahren und sie damit dann auch zugleich entschärfen. Diese Frage lautet ja, wie Christus der Herr der Religionslosen werden kann, Bonhoeffer kann auch sagen: „wer Christus heute für uns eigentlich ist“ (DBW 8, 402). Wenn ich recht sehe, hat er diese Frage nicht als Einstieg in ein Programm der Missionierung der religionslosen Menschen verstanden. An keiner Stelle in den Gefängnisbriefen werden methodische Überlegungen darüber angestellt, wie das aussehen soll, wenn sich ein Religionsloser unter Beibehaltung seiner Religionslosigkeit zum Glauben an Christus, an Gott bekehrt. „Dass die Sache der Christen eine stille und verborgene sein“ wird, bis sie das Wort Gottes unter den Religionslosen neu aussprechen können (DBW 8, 436), ist vielmehr Bonhoeffers Vermutung. Das klingt zweifellos nicht sehr „missionarisch“. Aber dennoch hat Bonhoeffers Frage einen Bezug zum Missionarischen, der Sendung der Gemeinde zu den Menschen, die nicht an Christus glauben. Dieser Bezug wird durch die Neubewertung der Situation geschaffen, in der die Kirche mitten unter religionsabstinenten Menschen lebt.

Gehört die religionslose Welt zu Christus, befördert sie – auch wenn sie nichts davon wissen will und die christliche Religion ablehnt – ein Anliegen Christi, dann ist sie für die christlichen Gemeinden nicht schlechthin eine ihnen fremde, feindliche Welt. Ich nehme die Pointe von Bonhoeffers Überlegungen vorweg: Dieses Anliegen ist die Befreiung der Menschheit zu echter Weltlichkeit, d.h. zur mündigen, selbst verantwortlichen Gestaltung des Lebens auf der Erde. Was Christus möchte, reimt sich insofern mit dem Anliegen der abendländischen Religionslosigkeit, wie sie sich seit der Aufklärungszeit entwickelt hat. Denn diese Religionslosigkeit zielt auf den autonomen, selbst bestimmten Menschen, der sich die Welt mit Hilfe der Wissenschaft erschließt und sie selbst verantwortlich gestaltet. Sie realisiert damit eine Intention Jesu Christi, selbst wenn sie nicht an Gott glaubt.

Religionslosigkeit kann deshalb eine von den an Christus Glaubenden hoch geschätzte Art menschlichen Lebens sein. Die Welt, welche sie autonom gestaltet, ist die Welt, die Christus bejaht, für die er bis zum Tode am Kreuz eingetreten ist. Bonhoeffer kann deshalb z.B. in der Auslegung von 1.Petr 3,9[3] am 08.06.1944 sagen: Wir „verwerfen, verachten, verdammen“ diese Welt nicht. „...wir rufen sie zu Gott, wir geben ihr Hoffnung, wir legen die Hand auf sie und sagen: Gottes Segen komme über dich“ (DBW 16, 657). Das ist ein wenig überschwänglich gesagt. Es gibt aber doch ziemlich gut die Grundeinstellung wieder, in der die Christenheit nach Bonhoeffer in der Erkenntnis Jesu Christi den religionslosen Menschen und der von ihnen geprägten Welt begegnet. Hier wird etwas vom Eigensten realisiert, was das Leben aus Glauben an Jesus Christus ausmacht. Die Christenheit sitzt deshalb mit den Religionslosen in dieser Hinsicht in einem Boot. Sie versteht sich auf die Gründe, die zur Religionslosigkeit führen. Sie sucht das Gespräch über diese Gründe. Sie zieht sich nicht in den religiösen Winkel zurück, sondern begegnet den religionslosen Menschen so, dass sie als Partnerin und Partner eines gemeinsamen Anliegens ansieht und anspricht.

Zwar wird es die religionslosen Menschen befremden, dass die Christinnen und Christen dabei von Gott reden. Aber das ist nun gerade im Blick auf sie ihre Aufgabe: So von Gott zu reden, dass dieses Wort von der Vorstellung einer märchenhaft klingenden Überwelt gereinigt wird. Mit ihm muss sich vielmehr die Vorstellung einer andauernden und durchhaltenden Kraft und Inspiration zu einem wahrhaft menschlichen, verantwortlichen Leben verbinden.

Insofern ruft das Zugehen der Christenheit auf die religionslosen Menschen nach Interpretation all der Begriffe, mit der Gottes Wirklichkeit und Gottes Handeln in der Bibel und in der christlichen Tradition unter den Bedingungen eines anderen Weltbildes ausgedrückt wurden. Bonhoeffer ist zu solcher expliziten Interpretation biblischer Begriff in seinen Überlegungen nicht mehr gekommen. Dennoch können wir ganz gut erkennen, worauf er gezielt hat. Aber bevor wir uns das klarmachen, müssen wir uns noch einem Einwand stellen, der gegen diese ganze positive Bewertung der Religionslosigkeit, zu der auch wir in der Begegnung mit religionslosen Menschen herausgefordert sind, erhoben werden kann.

 

III. Die Realität der Religionslosigkeit

Religion, gerade die christliche Religion, so wie Bonhoeffer sie erlebte und verstand, tut genau das Gegenteil von dem, was nötig ist, wenn Christus als der Herr der religionslosen Menschen erkannt ist. Sie versucht den religionslosen Menschen ihre Fehler und Schwächen nachzuweisen, um sie reif für Glauben zu machen. Sie macht sie „madig“, wie Bonhoeffer sagt. Damit soll ihnen die Notwendigkeit des Gottesglaubens vor Augen geführt werden. Und in der Tat, so wie die Mehrzahl der Religionlosen lebt, kann das schwerlich als mündiges, verantwortliches Leben ausgegeben werden. Dass Bonhoeffer dergleichen nicht thematisiert, sondern die religionslosen Menschen nur in ihrer von Christus in Anspruch genommenen Stärke in den Blick nimmt, wird ihm deshalb gerne als eine Art Realitätsferne vorgehalten.

Doch mit solchen Urteilen gilt es, vorsichtig zu sein. Bonhoeffer hat sich über das faktische Erscheinungsbild der Religionslosigkeit wahrlich keine Illusionen gemacht. Es wäre fatal, wenn wir uns durch ihn zu solchen Illusionen hinreißen ließen, wie das z.B. bei einer bestimmten Bonhoeffer-Rezeption der DDR der Fall war. In deren Sicht war der Atheist per se der Gutmensch, an dem die Kirche nichts zu kritisieren hat. Bonhoeffer dagegen wusste nur zu gut, dass ein Leben ohne Gott durchaus so etwas werden kann, wie der Absturz ins Nichts, in die Sinnlosigkeit, in die völlige Leere. „Uns ist die Welt entgöttert, wir beten nichts mehr an“, schreibt er in seiner Auslegung der „zehn Worte“, die zur gleichen Zeit entstanden ist, wie Überlegungen zur Möglichkeit eines religionslosen Christentums. „Wir haben die Hinfälligkeit und Nichtigkeit aller Dinge, aller Menschen und unsrer selbst zu deutlich erlebt, als dass wir sie noch zu vergöttern vermöchten. Wir sind am ganzen Dasein zu irre geworden, als dass wir noch fähig wären, Götter zu haben und anzubeten. Wenn wir noch einen Götzen haben, so ist es vielleicht das Nichts, das Auslöschen, die Sinnlosigkeit“ (DBW 16, 664). „Darin sind wir wirklich Nihilisten“, kommentiert er das in dem Gefängnisbrief vom 27.6.1944 (DBW 8, 499).

Das Leben ohne Gott im Ignorieren dieser Realität zu verklären, war deshalb ganz gewiss nicht die Intention seiner Einsicht der Inanspruchnahme der religionslosen Welt durch Christus. Wir dürfen zudem ja nicht vergessen, dass er das Alles angesichts der menschenmörderischen Exzesse der Nazis schreibt, die mit ihrer ins Religiöse überhöhten Religionslosigkeit nichts als die Verleugnung Christi schauerlich ins Werk setzten. Dass Religionslosigkeit jederzeit selber in eine totalitäre Pseudoreligion umschlagen kann, hat er in dem Ethikfragment „Erbe und Verfall“ aus dem Jahre 1940 eindrücklich dargestellt.[4] Nicht weniger war dem Nietzsche-Kenner Bonhoeffer bewusst, dass die Kehrseite der Stilisierung von Ideologien zu anbetungswürdigen Göttern der Absturz in ein haltloses Leben ist, das nirgendwo hingehört und darum als sinnlos empfunden wird und ist.

Er hätte dieses Profil der Religionslosigkeit, das weithin zu ihrem realen Erscheinungsbild gehört, also durchaus zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen machen können. Wir können in ihm Vieles bei unseren „Konfessionslosen“ von heute wiedererkennen, was er da zu seiner Zeit wahrgenommen hat. Wo Gott geleugnet wird und die Totalitarismen verblassen, greift eine eigentümliche Geschichtslosigkeit Platz. Es gibt dann „keine Zukunft und keine Vergangenheit“ mehr. „Es gibt nur noch den aus dem Nichts geretteten Augenblick und das Erhaschenwollen des nächsten Augenblicks. [...] Nichts haftet und nichts behaftet. [...] Ereignisse von weltgeschichtlicher Bedeutung ebenso wie unerhörteste Verbrechen hinterlassen in der vergesslichen Seele keine Spur. Mit der Zukunft wird gespielt. [...] Es gibt kein persönliches Schicksal und darum keine persönliche Würde. [...] An die Stelle der ‚großen Überzeugungen’ und des Suchens des eigenen Weges tritt das leichtfertige Segeln mit dem Wind. [...] Weil es kein Vertrauen zur Wahrheit gibt, darum tritt an ihre Stelle die sophistische Propaganda. [...] Auf die Frage, was bleibt, gibt es nur die eine Antwort: die Angst vor dem Nichts“.[5]

In der DDR hat die Zensur verhindert, dass dieser Text Bonhoeffers erscheinen durfte. Im theologischen und kirchlichen Lob der Religionslosigkeit wollten sich die mächtigen Protagonisten der Gottlosigkeit wohl sonnen. Dass die Religionslosigkeit auch in ein bodenloses und nichtiges Unterfangen abgleiten kann, aber wollten sie nicht wissen. Bonhoeffer wusste das. Er hat es ja über alle theologische Erkenntnis hinaus an Leib und Seele erlitten. Umso erstaunlicher ist, dass er sich gerade in dieser Situation nicht auf das fixiert, sonderd die beste Seite der Religionslosigkeit zum Leuchten bringt: ihre mündige Verantwortlichkeit für diese Welt.

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IV. Religion und Macht

Wir können uns das, was Bonhoeffer unter Religion verstanden hat, ohne jetzt länger auf seine theoretischen Erklärungen einzugehen, gut an einer bezeichnenden persönlichen Stelle in den Gefängnisbriefen klar machen. Da schildert er, wie er sich in praxi als Christ, der an Gott glaubt, den Religionslosen näher fühlt als den religiös Denkenden. Bei einem Fliegeralarm wenden sich einige Mitgefangene an ihn als „Kontingenzbewältiger“. Sie wollen von einem Pfarrer den Trost zu erwartender göttlicher Hilfe für ihr Überleben gespendet bekommen. Bonhoeffer aber sagt er ihnen: „Es dauert nur noch 10 Minuten“. Die Scheu, Gott als einen zaubrischen Problemlöser für eine höchst gefährliche Situation in Anspruch zu nehmen, lässt ihn religionslos, rein weltlich reden. Würde er „religiös“ reden, dann würde seinen Mitgefangenen sagen, dass Gott die Macht hat, den Fliegerangriff zu beenden und die Gefangenen zu retten.

Doch ein solcher Gott auf menschlichen Knopfdruck, ein „Deus ex machina“, ist Gott in Christus nicht. Er lässt uns in der Welt leben ohne solche Eingriffe, wie vor allem der Kreuzestod Jesu Christi klar macht. Gott gibt uns da „zu wissen, dass wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden“ (DBW 8, 533), sagt Bonhoeffer seiner viel zitierten Auslegung des Kreuzesschreis Jesu: „Mein Gott, mein Gott warum hast Du mich verlassen“? Wir müssen mit einem weltlich ohnmächtigen Gott leben, lehrt uns das Kreuz Jesu Christi. Wir können ihn nicht mehr als machtvollen Problemlöser ins Spiel bringen, weder in der Wissenschaft noch im Leben.

Das Wesen der Religion aber hat Bonhoeffer im Unterschied dazu darin gesehen, an der Macht Gottes, die weltlich demonstrierbar ist, orientiert zu sein. Religion und Macht gehören zuhauf, können wir geradezu sagen. Die Religion verspricht, dass Gott mit seiner Übermacht im weltlichen Lauf der Dinge etwas bewirkt, verändert, was Menschen nicht bewirken und verändern können. Gerade das können wir den religionslosen Menschen nicht mehr sagen. Darin teilen wir in der Orientierung am Kreuz Christi ihre Religionslosigkeit. Gott und die biblischen Begriffe, in denen wir ihn zur Sprache bringen, müssen vielmehr so interpretiert werden, dass Gott mit derartiger Macht nichts zu tun hat. Wir können den religionslosen Menschen also nicht sagen, dass sie Gott brauchen, damit er die Probleme ihres Lebens und der Erkenntnis der Welt mit seiner Kraft, der alles möglich ist, löst. Gott lässt sich dazu nicht gebrauchen. Er hilft nicht auf diese Weise. Wie aber dann? „Wo behält Gott nun noch Raum? fragen ängstliche (!) Gemüter“? nimmt Bonhoeffer selber diese Frage auf (DBW 8, 533).  Er gewinnt Raum, indem er uns in Christus ermächtigt, in mündiger verantwortung für andere einzutreten und „Kirche für andere“ zu werden, dienend für Notleidenden da zu sein. Hinzu kommt eine Zuspitzung seines Gottesverständnisses, die er merkwürdig unreflektiert gelassen hat. Sie tritt gerade in der Zeit zu Tage, in der er über die nicht-religiöse Interpretation biblischer Begriffe nachgedacht hat. Sie lässt fragen, ob er dem Religiösen, das er selbst kritisiert hat, nicht doch viel stärker verhaftet war, als seine Wendung gegen das Religiöse im dargestellten Sinne erkennen lässt. 

 

V. Die Führung des ohnmächtigen Gottes

Bonhoeffer hat selber in einem ganz starken Glauben an die Führung seines Lebens, ja der Geschichte durch Gott gelebt. „Gottes Hand und Führung ist mir so gewiß, dass ich hoffe, immer in dieser Gewißheit bewahrt zu werden. Du darfst nie daran zweifeln, daß ich dankbar und froh den Weg gehe, den ich geführt werde“, schreibt er an Eberhard Bethge (DBW 8, 576). Ich habe anderswo an einer Fülle diesbezüglicher Aussagen bei Bonhoeffer gezeigt, wie dieser Glaube seinen ganzen Weg bis in seine letzten Tage hinein bestimmt. Was aber ist da noch der Unterschied zu einer Religiosität, die von Gott erwartet, dass er in das Leben von Menschen eingreift? Wenn Gott „führt“, dann tut er das doch. Wenn alles, was uns widerfährt, „aus guten, guten Händen“ kommt, wie er an Maria von Wedemeyer schreibt, dann ist eine rein weltliche Betrachtungsweise der Ereignisse des Lebens und der Geschichte doch eigentlich ausgeschlossen.

Bei einem Theologen wie Bonhoeffer ist allerdings schwer vorstellbar, dass für ihn beide Dimensionen des Gottesverständnisses – sagen wir einmal die „religionslose“ und die „religiöse“ – unverbunden nebeneinander gestanden haben. Da er das Verhältnis zwischen beiden aber nicht ausdrücklich reflektiert hat, müssen wir selber nach der Verbindungsstelle zwischen Beidem suchen. Und sie gibt es in der Tat.

Am Ende von Bonhoeffers Auslegung des Kreuzesschreis Jesu, heißt es: „Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns. Es ist [...] ganz deutlich, dass Christus nicht hilft kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Schwachheit, seines Leidens“ (DBW 8, 534). Die weltliche Ohnmacht Gottes, in der er sich allmächtiger Eingriffe in die Welt enthält, bedeutet also nicht, dass Gott abwesend und unwirksam ist. Er hilft uns vielmehr, indem er uns im Kreuzesleiden Jesu Christi mit seiner Göttlichkeit vertraut macht, die so ganz anders ist, als die sogenannte „Religion“ es wünscht. Er hilft uns nicht durch kurzzeitige Hau-Ruck-Aktionen von der Art der „Wiederkehr“ der schillernden Götter, die uns morgen schon enttäuschen. Er hilft uns, indem er uns auf einen Weg schickt, mehr noch: uns auf einem Wege voran geht, der von seiner eigenen Art und Weise, für diese Welt da zu sein, geprägt ist, vom Eintreten für Andere.

         Denn er bleibt auch in seiner Ohnmacht Gott, ewige, dauernde Wirklichkeit. Wo er ist und im Glauben wahrgenommen wird, perspektiviert er darum das Leben von Menschen, das Dasein der Welt, das Leben der Glaubenden. Bonhoeffer hat diese Perspektivierung Führung genannt. Es ist eine Führung, die uns vor Unheil und Übel nicht zaubrisch bewahrt. Sie lässt uns teilnehmen am Leiden Gottes in dem Leid, dass Menschen sich zufügen, indem sie die Freiheit missbrauchen, die der vorsichtige Gott ihnen einräumt. Darin unterscheidet sich Gottes Führung von dem, was die Götter der Religion versprechen. Er macht uns nicht nur das Gute, das wir erfahren dürfen, sondern auch das Leiden zu Stationen auf einem Wege, auf dem er uns an seinem gewaltlosen Eintreten für seine Geschöpfe beteiligt.

 Es ist klar, dass ein solcher leidensfähiger Glaube nur möglich ist, wenn mit ihm zugleich die Hoffnung auf Gottes Reich verbunden ist. „Ich traue Deiner Gnade und gebe mein Leben ganz in Deine Hand“, kann Bonhoeffer beten. „Mach Du mit mir, wie es Dir gefällt und wie es gut für mich ist. Ob ich lebe oder sterbe, ich bin bei Dir und Du bist bei mir mein Gott. Herr ich warte auf Dein Heil und auf Dein Reich.“[6] Der Gott, der führt, führt zu sich. Das ist das Entscheidende. Das ist die große Dimension, in die auch das Eintreten für Andere in einem weltlichem Leben gehört, in dem Bonhoeffer die eigentliche Aufgabe der Kirche in der Welt der Gottesvergessenheit gesehen hat. Sie kann den Mut haben, in den Fußspuren Jesu Christi eine arme, unscheinbare Kirche zu sein, weil auch dies kein Endpunkt ist, sondern eine Station des Weges Gottes mit der Menschheit in sein ewiges Reich.

 

Schlussbemerkung

Ich muss zum Schluss kommen. Es bedarf keiner langen Nachweise, dass unsere Kirche keine solche Kirche für Andere ist, wie Bonhoeffer sie sich vorgestellt hat. Auch die Kirche in der DDR, die sich so nannte, war das nicht. Den Gründen, auch den guten Gründen, warum das so ist, können wir jetzt nicht mehr nachgehen. Aber wir müssen uns schon fragen, ob Bonhoeffers Überlegungen zu einem religionslosen Christentum bei uns nicht einfach schon durch unsere Existenz als institutionalisierte Religion versandet sind. Wir müssen uns damit zugleich fragen, ob wir die richtigen Voraussetzungen zur Mission unter den faktisch „religionslosen“ Menschen oder wie immer wir sie nennen wollen, haben. Denn so wollte Bonhoeffer die „Kirche für Andere“ ja verstanden wissen: als Voraussetzung dafür, dass Menschen „das Wort Gottes“ wieder so „aussprechen können, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert“. Die „Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes und das Nahen seines Reiches (!) verkündigt“ (DBW 8, 436), braucht eine Kirche, die deutlich macht, dass sie nichts für sich will, sondern nur für die Anderen; braucht ein christliches Leben, das sie beglaubigt, das ihr den Weg bereitet, können wir vielleicht mit einem Wort aus Bonhoeffers „Ethik“ sagen.

Wenn wir vielleicht den Eindruck erwecken, dass wir ein religiöses Sonderanliegen neben dem Leben betreiben, das alle führen, wird es jedenfalls schwer werden, unserer Mission den Weg zu bereiten. Dann bleiben wir im Winkel, in dem wir mit uns selbst beschäftigt sind und aus dem wir ab und zu mal auftauchen. Mission kann sich darum nicht in einer Reihe von erwecklichen Einzelveranstaltungen erschöpfen. Sie braucht die Kontinuität des Teilnehmens der Christenheit am Leben der Menschen, für die Gott zum Fremdwort geworden ist. Dafür sind wir noch längst nicht gerüstet, weil der Gegensatz zwischen einer aktiven und einer passiven Kirche noch immer unsere gemeindliche Wirklichkeit bestimmt. Es sind zu wenige in unserer Kirche, die sich für Darstellung des Glaubens im Alltag der konfessionslosen Menschen verantwortlich wissen bzw. dazu fähig sind.

Wächst diese Verantwortlichkeit, dann besteht zweifellos die Chance, dass Menschen, die Gott schon längst vergessen haben, merken, wie dass Wort Gott die Stärken ihres weltlichen Daseins ans Licht hebt und ihr ganzes Leben in einen Zusammenhang stellt, der es zu einem Weg macht und nicht bloß zu einem Ablauf. In diesem Kontext können wir uns auch der großen Verantwortung bewusst werden, die wir dafür haben, was das Wort Gott bei Menschen auslöst. Denn wo er gänzlich unbekannt ist, kommt es mehr als anderswo darauf an, wie wir mit ihm bekannt machen. Wenn Dietrich Bonhoeffer dabei unser Gesprächspartner ist, sind wir für die Aufgabe, auch wenn wir ihm da und dort widersprechen müssen, gut gerüstet.


[1] Gunther Wenz, Religion. Studium Systematischer Theologie, Band 1, Göttingen 2005, 47.

[2] Das Vermächtnis Dietrich Bonhoeffers und die Wiederkehr der Religion“ – Vorlesung in Stettin: www.ekd.de/vorträge/huber/051006_huber_stettin.html.

[3] Vergeltet nicht Böses mit Bösem, oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern dagegen segnet und wisset, dass ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.

[4] Erbe und Verfall, DBW 6, 113.

[5] DBW 6, 120f.

[6]DBW 8, 208.


 
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