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27.02.2011 00:00 Alter: 9 Jahr(e)
Kategorie: Vorträge

Wie kann Wasser solche großen Dinge tun? Der Sinn des Jahres der Taufe

Sonntagsvorlesung in der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Nordend am 27.02.2011


I. Taufe weich gespült

 „Wie kann Wasser solchen großen Dinge tun“? – diese Frage aus dem Kleinen Katechismus Martin Luthers fiel mir spontan ein, als die Evangelische Kirche in Deutschland – also der organisierte Zusammenschluss aller deutschen Evangelischen Kirchen mit Sitz in Hannover – das Jahr 2011 zum „Jahr der Taufe“ erklärt hat. Denn dieses Jahr soll Großes bewirken, nämlich einen regelrechten Aufbruch der evangelischen Christenheit in Deutschland. Dieser angezielte Aufbruch gehört in den Kontext der Vorbereitung auf das 500. Reformationsjubiläum im Jahre 2017, das die Evangelische Kirche ganz groß zu begehen gedenkt. Auf dem Wege dorthin – so haben sich das die von Werbefachleuten unterstützten Planer ausgedacht – soll jedes Jahr unter einem besonderen Motto stehen. Das Jahr 2010, das wir gerade hinter uns haben, hatte z.B. das Motto „Reformation und Bildung“. Ich weiß nicht, wie viel Sie davon bemerkt haben. Martin Luthers humanistisch gesinnter Weggefährte Melanchthon sollte diesem Motto Triebkraft geben. Sie konnten vielleicht den einen oder anderen Vortrag oder Medienbeitrag darüber hören. Aber dass unsere evangelische Kirche landauf - landab als eine strahlende Triebkraft von „Bildung“ aus diesem Jahre hervor gegangen ist, wird man beim besten Willen wohl nicht behaupten wollen.

         Wenn die EKD in Hannover nun ein „Jahr der Taufe“ ausruft, fragt man sich natürlich auch, was dieses Jahr denn für ein Ergebnis haben wird, ja was für einen Sinn es hat. Nehmen wir den besten Fall, dass überall in den Gemeinden dieser Aufruf beherzigt wird, dann könnte ein solches Ergebnis sein, dass sich möglichst Alle, die zur Kirche gehören, dessen bewusst werden, was es eigentlich bedeutet, dass sie getauft sind. Wenn’s ganz ideal läuft, dann müsste dieses Jahr entgegen dem Trend, dass immer weniger Menschen getauft werden, möglichst Viele bewegen, sich taufen zu lassen.

Um das zu befördern, hat sich die EKD nun aber auf ein Niveau begeben, das mir geeignet erscheint, jene Ziele geradezu zu verhindern. Um Aufmerksamkeit zu erregen, sind zunächst eine Reihe von Tauf-events geplant (vgl. S. 28), z.B. acht Taufen an der Elbe in Coswig, Taufen am Timmendorfer Strand oder zwei Taufen im Stadion von Eintracht Frankfurt usw. Überdies kommt allerhand religiöser Kitsch auf den Markt: Schlüsselbänder mit der Aufschrift „Gottesgeschenk“, Armbänder, Kerzen und Handschuhe zum Abwischen des Taufwassers“, Mini-Puzzles, das Heft „Tauftropfen“, Postkarten und e-cards mit den Gesichtern von glücklichen Menschen, ein Taufkoffer für Pfarrerinnen und Pfarrer, der u.a. ein Taufkleid, einen Bronzeengel, blaue Glasnuggets, eine Flasche mit Seewasser und ein Ledersäckchen mit Muscheln enthält.

         Ich will über das Alles nicht abstrakt urteilen. Auch der Apostel Paulus hat zugestanden, er sei Allen Alles geworden, um Einige für Christus zu gewinnen. In unserer Medien- und Konsumwelt gehören dazu wahrscheinlich auch ein paar Zugeständnisse an das Bedürfnis nach religiösen Devotionarien und an den schlechten Geschmack. Vielleicht bewirkt ein Tauf-Schlüsselband namens „Gottesgeschenk“ in der Hosentasche ja mehr im Herzen eines Menschen als langwierige Erklärungen über die Bedeutung der Taufe. Aber das entlastet die Initiatoren des „Jahres der Taufe“ sicherlich nicht davon, die ernsthafte Bedeutung der Taufe zu vermitteln. Dieser Versuch ist denn auch unternommen worden. Die Taufe wird in den Materialien, die zum „Jahr der Taufe“ angefertigt wurden, als ein „Grunddatum christlicher Freiheit“ wichtig gemacht. So hat es der derzeitige Vorsitzende des Rates der EKD, Nikolaus Schneider, im Vorwort zu dem Magazin „Taufe und Freiheit“, gesagt, das man kostenlos in Hannover bestellen kann.

Ich habe das getan und Ihnen Allen ein Exemplar davon auf den Stuhl legen lassen. Sie sehen dort, dass als Begründung für die Gleichsetzung der Taufe mit einem „Grunddatum christlicher Freiheit“ folgendes Argument angeführt wird: Der Apostel Paulus versteht die Taufe als ein „Mitsterben, - begrabenwerden und –auferstehen mit Christus“. Wer sich taufen lässt, sei darum „gleichsam (!) tot für alles (!) falsche Leben auf dieser Welt, aber befreit zu einem neuen Leben aus der Liebe“ inclusive der Offenheit „für neue gesellschaftliche Fragestellungen“. Man darf also gespannt sein, zu erfahren, wie eine derart weit reichende Bedeutung der Taufe begründet wird. Aber da werden wir ziemlich enttäuscht. Schon das Titelbild sagt über die Taufe so gut wie nichts. Es zeigt ein in Richtung Meer hopsendes Mädchen, das uns Freiheit irgendwie im Zusammenhang mit Wasser signalisieren soll. Zum Einstieg wird dann weiter Werner Tübkes Riesenschinken der Schlacht von Frankenhausen präsentiert, auf dem die Bauern eine Fahne mit der Aufschrift „Fryheit“ schwenken. Inwiefern sich die Getauften, die sich hier gegenseitig tot schlagen, uns die Taufe als „Grunddatum christlicher Freiheit“ vermitteln sollen, hat sich mir nicht erschlossen.

Man erhofft darum Auskunft von den Texten dieses Magazins. Die meisten darin haben jedoch überhaupt nichts mit der Taufe zu tun. Die beiden ersten, die es damit tun haben, aber gehören so ungefähr zu dem Oberflächlichsten, wenn nicht sogar Falschen, was man über die christliche Taufe sagen kann. Das ist einerseits ein zwei halbe Seiten langer Text vom Chrismon-Journalisten Burkhard Weitz, der uns erklären will, „was bei der Taufe passiert“. Und das ist andererseits ein Interview des Oberkirchenrates Vicco von Bülow. Dort erfahren wir z.B., dass die Taufe ein „zentrales christliches Symbol ist“, „obwohl (!) Jesus selbst niemanden getauft hat“. Ja, warum ist es dann ein „christliches Symbol“? Und wieso Symbol und nicht „Grunddatum“? Oder wir hören, die „Lebenskraft von Gott“ komme „jedem Menschen, ob getauft oder ungetauft“ zugute. Die Taufe mache das nur „sichtbar, sie „erneuere“ nur die Freiheit, die jedem Menschen ohnehin von Gott zukomme, fügt Vicco von Bülow hinzu (13). Wenn das so ist, dass jeder Mensch die Freiheit schon hat, welche die Taufe noch einmal bringt, dann fragt man sich, – abgesehen davon, ob das überhaupt stimmt – was denn die Taufe so Besonderes sein soll. Wird dann noch hinzugefügt, die Freiheit, die wir meinen, sei auch die Freiheit, eine andere Religion oder keine Religion auszuüben, ist die Verwirrung vollends komplett. Die Taufe würde dann regelrecht die Freiheit begründen, sich nicht taufen zu lassen.

Glücklicherweise wird diese Konsequenz nicht ausdrücklich gezogen. Von der Taufe selbst gilt allerdings, sie sei wie alle religiösen Symbole „vielschichtig“ und „offen für neue Interpretationen“. Dabei wird an Luthers Rede vom „Ersäufen des alten Adam“, an altkirchliche Vorstellungen vom Schutz, den die Taufe vor Dämonen gewährt und an den ebenfalls altkirchlichen Brauch, sich aus Angst, auch nach der Taufe zu sündigen, erst auf dem Sterbebett taufen zu lassen, erinnert. „Allgemeiner Brauch“ war letzteres, wie abenteuerlicherweise behauptet wird, freilich mitnichten, sonst hätte die Kirche ja aus lauter Toten bestanden. Schließlich wird an eine Anschauung aus dem 5. Jahrhundert erinnert, wonach die Taufe ein „Geschenk des Himmels“ sei. „Um dies zu unterstreichen“, so lautet die neuartige Begründung der Säuglingstaufe, sei es „üblich“ geworden, Säuglinge zu taufen. Denn von denen „kann man noch nichts fordern, wohl aber kann man sie beschenken“ (11). Was ihnen da geschenkt wird, aber bleibt dunkel.

Es ist schwer zu verstehen, inwiefern dieses sich – entschuldigen sie das harte Wort – dem Unfug annähernde Gerede über die Taufe Irgendjemand reizen soll, sich mit der Taufe zu beschäftigen, wie der Ratsvorsitzende meint. Die Kundigen reizt es allenfalls zum Widersprechen und die Unkundigen macht es erst recht hilflos. Andererseits ist die verschwommene Art und Weise, in welcher die Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland hier die Taufe präsentiert, aber auch ein Hinweis darauf, dass unsere Kirche heute mit der Taufe ein Problem hat. Es bereitet Schwierigkeiten, den Sinn der Taufe, wie er in einer „Orientierungshilfe“ der EKD aus dem Jahre 2008 ganz gut beschrieben wird, Menschen unserer Zeit zu vermitteln. Deshalb wird zu allerhand Erklärungen gegriffen, die mit der Taufe nur weitläufig etwas zu tun haben, also z.B. dass sie ein „Gottesgeschenk“ sei, was man im Grunde auch von unserem ganzen Leben oder von unserer Gesundheit und vielem anderen sagen kann. Wenn es im Jahr der Taufe aber wirklich zu einer Erneuerung und Intensivierung des Taufbewusstseins und der Taufpraxis kommen soll, dann dürfen die Probleme, die mit der Taufe verbunden sind, nicht umschifft werden. Allem voran muss schlicht Antwort auf die Frage gegeben werden: Warum muss ein Mensch, wenn er Christ wird, mit Wasser begossen werden?

 

II. Taufe dogmatisch

Zunächst ein paar grundsätzliche Dinge zur Information, wobei ich ein wenig holzschnittartig vorgehe:

Dass der Satz „Die Taufe ist ein Grunddatum christlicher Freiheit“ so nicht stimmt, kann im Grunde jeder Bibelkundige merken. Im Galaterbrief steht: „Zur Freiheit hat euch Christus befreit“ und nicht „Zur Freiheit hat euch die Taufe befreit“. Dieser Satz erweckt den Eindruck, als sei die Taufe selbst so etwas wie das christliche Heilsereignis. Die alte Dogmatik, die so schlecht nicht war, wie sie manchen heute erscheint, hat dagegen zu Recht zwischen den Prinzipien des Heils und den Mitteln des Heils unterschieden. Prinzipien des Heils sind die Werke des Schöpfers, Versöhners und Erlösers. Mittel des Heils, die uns also mitteilen, was Gott für uns tut, aber sind im evangelischen Verständnis das Wort und die Sakramente Taufe und Abendmahl. Dabei – und das ist wichtig! – haben die Sakramente keinen qualitativen Vorzug vor dem Wort. Sie teilen dasselbe mit wie das Wort, nur auf andere Weise. Während das Wort sich an den Gehörsinn wendet, betreffen die Sakramente unser Fühlen, Sehen und im Falle des Abendmahls das Schmecken. Sie werden darum auch verbum visibile, sichtbares Wort genannt.

Was das lateinische Wort „sacramentum“ betrifft, so war es ursprünglich die Bezeichnung für den Fahneneid der römischen Söldner. Es bedeutet so viel wie Weihe. In der lateinischen Bibelübersetzung wird es für den Begriff Mysterium (= Geheimnis) verwendet. Es bezeichnet im Neuen Testament aber nie Taufe und Abendmahl, sondern das Geheimnis der Menschwerdung Jesu Christi. Die Bezeichnung der „sichtbaren Worte“ als Sakramente ist demgegenüber erst nach und nach in Brauch gekommen. Entscheidend für das evangelische Verständnis wurde das Sakramentsverständnis des Kirchenvaters Augustin (354-430). Danach gehört zu einem Sakrament ein sog. Element und ein Wort Christi. Im Falle der Taufe ist es das Wasser und der Befehl Jesu Christi zur Taufe aus Matthäus 28. Dementsprechend heißt es in Luthers Kleinem Katechismus: „Die Taufe ist nicht allein schlecht Wasser, sondern sie ist das Wasser, in Gottes Gebot gefasset und mit Gottes Wort verbunden“ (KK Taufe, 515,25ff.).

Das ist freilich nicht so vorzustellen, als wohne durch das Wort dem Wasser so etwas wie eine übernatürliche Kraft inne. Diese Anschauung wird von Luther vielmehr ausdrücklich verworfen. Das sollte unsere Kirche heute warnen, der Bedeutung des Wassers bei der Taufe eine selbständige Bedeutung zu geben. Die von unserer Landeskirche herausgegebene Taufunterrichtung namens „Die Taufe. Eine Verbindung, die trägt“ macht z.B. mit einer regelrechten Wassertheologie einen Nebenschauplatz auf, der vom eigentlichen Zusammenhang von Wasser und Christi Gebot nur ablenken kann. So wird gesagt, ohne Wasser versiege das Leben, weshalb sich Menschen zu allen Zeiten „in der Nähe von Flüssen, Bächen und Quellen niedergelassen“ haben. „Wasser erfrischt und macht rein [...] So wie wir Wasser zum Leben brauchen, brauchen wir Gott“ (9). Das mag sein. Bloß hat das Ausdeuten der Symbolkraft des Wassers im Allgemeinen mit dem Sinn der Taufe nichts oder nur am Rande etwas zu tun. Luther hat derartiges Rumdeuteln am Taufwasser kurz und barsch abgeblockt, wenn er im großen Katechismus sagt. Nimmt man das Wort vom Taufwasser weg, „so ist’s nicht ander Wasser, denn damit die Magd kochet“ (GK IV, 22, 695,19ff.).

Alles hängt beim Verständnis der Taufe also daran, dass wir das Taufgebot Jesu Christi richtig verstehen, um den Zeichencharakter des Wassers richtig bewerten zu können. Nun sagt der Taufbefehl in Matthäus 28 für sich und als solcher allerdings wenig über die Taufe. Der auferstandene Jesus gebietet seinen Jüngern, alle Welt zu seinen Jüngern zu machen, sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen und sie Alles halten zu lehren, was er ihnen befohlen hat. Das klingt dürr, aber dreierlei ist ziemlich klar:

Erstens Alle Menschen sollen zu Jesu Christi Jüngern werden und in seiner Nachfolge leben. Die Taufe steht demnach im Zusammenhang mit der Dynamik der Sendung von Menschen in die Welt.

Zweitens: Am Beginn ihrer Jüngerschaft sollen Menschen getauft werden, wie es Jesus selbst tat, als er sich von Johannes taufen ließ. Getauft wird, weil der selbst getaufte Jesus Christus das geboten hat. Die Taufe ist demnach das Merkmal der Zugehörigkeit eines Menschen zum Lebensweg Jesu Christi, auf dem er im Dienste der Verkündigung der Gegenwart des Reiches Gottes bis zu seinem Tode am Kreuz stand. Sie ist der Beginn des Eintretens eines Menschen in diesen Dienst. Luther und erst recht Calvin haben deshalb die Taufe mit dem allgemeinen Priestertum aller Glaubenden Verbindung gebracht, d.h. mit der Verantwortlichkeit aller Glaubenden für die Ausbreitung der guten Botschaft, die in Jesus Christus verkörpert ist.

Drittens: Die Johannestaufe war eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Das Taufwasser hat deshalb die zeichenhafte Bedeutung des „Abwaschens“, der Reinigung von den Sünden. Dabei bleibt es auch bei der Taufe, die Jesus Christus geboten hat, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied. Der auferstandene Jesus Christus wurde jetzt selbst als der Mensch erfahren, in dem Gott unsere Sünden „abgewaschen“ hat. Die Taufe „auf seinen Namen“, ja auf den Namen des dreieinigen Gottes, gewann dadurch eine besondere Bedeutung. Der „Name“ ist im biblischen Sprachgebrauch nämlich nicht nur die Benennung eines Menschen, die gut klingt. Er drückt das Wesen eines Menschen und im Falle Jesu Christi das Wesen dessen aus, was er für uns ist. Auf den Namen Jesu Christi und des dreieinigen Gottes getauft zu werden, bedeutete darum, in das, was Gott in Jesus Christus für uns ist, hinein gezogen zu werden, an seiner Überwindung der Sünde Anteil gewinnen. So wie das Wort von der Sündenvergebung macht uns die Taufe die Freiheit von der Sünde der Gottes -und Menschenfeindschaft sinnenfällig zur Ausgangsposition unseres Lebens.

Darin ist eine Konsequenz enthalten, die aus dem Taufbefehl nicht unmittelbar hervor geht, aber für die Urchristenheit selbstverständlich war. Sie ergibt sich daraus, dass das Ergebnis der Sendung der Jünger in die Welt das Entstehen der Kirche, der Versammlung der an Jesus Christus Glaubenden ist. Ist der erste Akt, der ein Christenleben kennzeichnet, die Taufe, dann bedeutet das, dass ein Mensch damit Glied der Kirche wird. Darum ist die Taufe zum Kennzeichen der Zugehörigkeit eines Menschen zur Kirche geworden. Das ist unumstritten.

Schon im Neuen Testament, in der Alten Kirche, auch in der Reformationszeit und bis heute kann aber der Ton beim Verständnis der Taufe auf unterschiedliche Schwerpunkte gelegt werden. Auf der einen Seite kann vor allem hervor gehoben werden, dass die Taufe der Beginn eines Lebens in der Nachfolge Jesu Christi und im selbst verantworteten Eintreten für den Lauf des Evangeliums ist. „Ich bin getauft“ – das bedeutet demnach: Das Eintreten für Jesus Christus, für das Evangelium und das Handeln und Verhalten im Geiste des Evangeliums ist der Sinn und die Aufgabe meines Lebens. Darauf habe ich mich bei der Taufe festlegen lassen.

Andererseits kann die Taufe vor allem als das zeichenhafte Zusprechen des in Jesus Christus erworbenen Heils verstanden werden, das von uns Menschen nur passiv erlebt werden kann wie eine Geburt, wie eine Wiedergeburt. „Ich bin getauft“ – das bedeutet demnach: Ich gehe davon aus, dass ich vor Gott ein sündenfreier Mensch bin und mir seiner Vergebung für all mein Tun und Lassen bis in die Ewigkeit gewiss sein kann. Im evangelischen Bereich steht die reformierte Tradition für die erste Schwerpunktsetzung und die lutherische für die zweite, obgleich in beiden Traditionen natürlich das jeweils andere Anliegen auch vertreten wird.

Unsere Werbeexperten in der EKD aber knüpfen mit Zustimmung des reformierten Ratsvorsitzenden deutlich an die zweite Schwerpunktsetzung an, wenn auch in verdünnter, weich gespülter Form. Sie verstehen nämlich den Zuspruch der Vergebung der Sünde ganz allgemein als eine Befreiung von den Mächten „falschen Lebens“. Im EKBO-Papier wird die Sündenvergebung gar nur noch als „Unabhängigkeit vom Lauf der Welt“ bezeichnet. Vergebung der Sünde kann man das beim besten Willen nicht nennen. Das Anliegen aber, die Taufe als Beginn des Eintretens eines Menschen in ein für den Lauf des Evangelium verantwortliches Christenlebens zu verstehen, fällt gänzlich unter den Tisch. Mehr noch: Jesu Christi Stellvertretung für uns wird in ein allgemeines Wohlwollen Gottes mit uns verwandelt, das auch ohne Jesus Christus gilt. Ein Schrittmacher dessen aber ist leider der Brauch und die Praxis der Säuglings- und Kindertaufe.

 

III. Taufe verantwortet

Es ist nicht schwer zu ergründen, warum der Sinn der Taufe als Beginn eines neuen Lebenswandels (Römer 6,4) und eines verantwortlichen Christenlebens heute ins Hintertreffen geraten ist und der Zuspruch der Sündenvergebung auf das Ideal eines unabhängigen Lebens zurück geschrumpft wird. Denn weder das eine noch das andere reimt sich so recht mit der Praxis der Säuglings- und Kindertaufe. Säuglingen und Kindern kann man schwerlich den selbst verantworteten Aufbruch in ein christliches Leben zumuten noch einen Abschied von Sünden erwarten, die sie gar nicht begangen haben können. Was deshalb geschieht, können Sie bei jeder Säuglings- und Kindertaufe heute selbst beobachten. Sie wird vollzogen, indem neben dem Taufbefehl das Kinderevangelium verlesen wird, laut dessen Jesus die Kinder herzte und segnete. Das hat dazu geführt, dass die Zusage von Gottes Segen für das Kind und sogar für die Mutter oder die Eltern den Sinn des Taufbefehls zurück drängt. Als ich junger Pfarrer auf dem Land war, haben die meisten Leute auf die Frage, warum sie ihr Kind taufen lassen, geantwortet: „Damit es gut gedeiht“. Bischof Markus Dröge sagt in seinem Vorwort zur Taufbroschüre der EKBO dasselbe: „Eltern wünschen sich Schutz und Segen für ihre Kinder“.

Unter dieser Leitvorstellung aber gewinnt die Taufe faktisch den Charakter einer Kindersegnung mit Wasser. Die Taufsprüche, Predigten und Symbole werden – fachtheologisch gesprochen – dementsprechend von der Schöpfungstheologie dominiert, vom Großmachen der Lebenskraft des Schöpfers und vom Preisen der Liebe, mit er jeden Menschen umfängt und in der auch das Kind geborgen ist. Trotz des Versprechens christlicher Erziehung durch Eltern und Paten gerät so ein wesentliches Anliegen des Taufbefehls an den Rand. Es müsste darum – was leider bei den Initiatoren dieses „Jahres der Taufe“ nicht geschieht – umso stärker bei der Tauferinnerung geltend gemacht werden, zu der das „Jahr der Taufe“ aufruft. Das gilt umso mehr, als im volkskirchlichen Milieu ohnehin die Tendenz besteht, die Säuglings- und Kindertaufe als einen Passageritus, der eine bestimmte Lebensetappe ritualisiert, zu verstehen, der weiter keine Konsequenzen für die eigene Lebensführung der heran wachsenden Kinder hat.

         Bedeutet das Alles, dass die Säuglings- und Kindertaufe theologisch und praktisch abgelehnt werden muss, so wie es die Baptisten und Mennoniten tun? Würde unsere Kirche das machen, hätte das sicherlich eine neue Kirchenspaltung, ein „Schisma“ zur Folge. Denn obwohl in keiner Kirche in Frage gestellt wird, dass Erwachsene getauft werden können, gilt in allen Kirchen die Säuglings- und Kindertaufe als rechte, grundlegende Taufpraxis. Mehr noch: die evangelischen Kirchen, die römisch-katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen erkennen die Taufe in den jeweils anderen Kirchen als gültig an. Die Taufe gilt darum – im Unterschied zum Abendmahl – als „Sakrament der Einheit“. Diese Einheit zu zerstören, kann niemandes Interesse sein.

         Dennoch steckt in der Säuglings- und Kindertaufpraxis gewissermaßen ein Konstruktionsfehler. Denn das Modell der Taufe im Neuen Testament ist ohne Zweifel die Taufe von Erwachsenen. Das war es auch weithin in der Alten Kirche, wo die Taufe mit dem Katechumenat, mit der Unterrichtung der Taufwilligen, verbunden war. Gleichwohl setzt auch hier schon das Taufen von Säuglingen und Kindern ein. Erst als das Christentum im 4. und 5. Jahrhundert die Religion des ganzen römischen Reiches und ganzer Völker wie der Franken wurde, ist die Säuglingstaufe allgemeiner Brauch geworden. Da Menschen jetzt gewissermaßen in die Kirche hinein geboren wurden, erschien es nahe liegend, ihre Zugehörigkeit zur Kirche gleich nach der Geburt mit der Taufe zu besiegeln. Der von mir so genannte Konstruktionsfehler aber lag darin, dass der Glaube des Täuflings dabei zwangsläufig ausfiel. Der ist aber wesentlich für das Verständnis der Taufe als Sakrament.

         Wir können uns das Problem, das mit der Einführung der Säuglings- und Kleinkindtaufe bewältigt werden muss, gut in unserer eigenen evangelischen Tradition, nämlich an Martin Luthers Erklärung der Taufe in den beiden Katechismen klar machen. Auf die Frage, was die Taufe bewirke, antwortet er da zunächst: Sie „wirket Vergebung der Sunden, erlöset vom Tod und Teufel, und gibt die ewigen Seligkeit allen, die es gläuben, wie die Wort und Verheißung Gottes lauten“, nämlich dass die, welche glauben und getauft werden, selig werden. Darauf folgt dann die Frage, die ich meinem Vortrag voran gestellt habe, in ihrem eigentlichen Sinne: „Wie kann Wasser solche großen Dinge tun“? In den Zeiten, als die Konfirmanden noch den Kleinen Katechismus auswendig lernen mussten, galt diese „große Wasserfrage“, wie Fritz Reuter sie genannt hat, als der Schrecken der Prüfung, die früher noch vor der Konfirmation absolviert werden musste. Denn die Antwort auf diese Frage ist sehr lang. Für uns aber ist der erste Satz dieser Antwort wichtig. Er lautet nämlich:

„Wasser tut’s freilich nicht, sondern das Wort Gottes, so mit und bei dem Wasser ist und der Glaube (!), so solchem Wort Gottes im Wasser trauet“. Dementsprechend heißt es im Großen Katechismus: Die Taufe „kann nicht anders empfangen (!) werden, als dass wir solches von Herzen glauben. Ohn Glauben ist es nichts nütz, ob es gleich an ihm selbst ein göttlicher, überschwenglicher Schatz ist“.

Glaube kommt aus dem Hören, Hören führt zum Verstehen und Verstehen führt zu eigener Entscheidung auf dem Lebensweg, nämlich sich taufen zu lassen. Alles das ist bei Säuglingen und Kleinkindern nicht vorhanden. Die theologische Rechtfertigung der Säuglings- und Kleinkindertaufpraxis muss darum zwangläufig zu einer Reihe von Argumenten greifen, welche diesen Mangel auszufüllen versuchen. Luther hat im evangelischen Bereich damit angefangen. Zunächst wettert er, als er im Großen Katechismus auf die Säuglingstaufe zu sprechen kommt, erst einmal richtig los, indem er ihre Infragestellung als eine Frage charakterisiert, mit welcher „der Teufel und seine Rotten die Welt verwirret“ und die Obrigkeit in Frage stellt. Da steht natürlich im Hintergrund, dass die Wiedertäufer der Reformationszeit zugleich ein sozial-politisches Programm der Erneuerung der Welt am Maßstab des Reiches Gottes vertraten. Hier würde im Grunde Tübkes Bild von den aufständischen Bauern als Illustration hinpassen. Doch wichtiger ist etwas anderes: Im glatten Gegensatz zu seiner vorher geäußerten Ansicht, dass der Glaube zum Empfang der Taufe unverzichtbar sei, sagt Luther nun: Es liege nicht die größte Macht daran ob der, der da getauft wird, glaube oder nicht. Der Glaube mache nicht die Taufe. Sie sei allein Recht aus Gottes Wort, das zu taufen gebietet.

 Einer Ausschaltung des hörenden Glaubens konnte dennoch nicht gut das Wort geredet werden, so dass bei Luther, auch bei Calvin und bis heute eine ganze Latte von Hilfsargumenten bemüht wird, um den Glauben der Täuflinge bei der Säuglingstaufe Taufe unterzubringen. Das sind u.a. z.B. die Argumente, die Eltern glaubten stellvertretend für ihre Kinder oder es werde auf ihren künftigen Glauben hin getauft oder Säuglinge hätten schon einen von Gott auf geheimnisvolle Weise gewirkten Glauben oder die Taufe demonstriere, dass Gottes Gnade allem Glauben und aller menschlichen Reaktion darauf voran gehe. Ich diskutiere diese Argumente jetzt nicht. Doch wie man es nun auch drehen wenden mag: Das alles sind keine im Taufgebot Jesu Christi verankerte, sondern einer geschichtlich gewordenen Praxis nachgelieferte Argumente. Sie müssen deshalb ja nicht nichtig sein. Aber am Geiste des Taufgebotes sollten sie schon teil haben. D.h. sie sollten verdeutlichen, dass die Taufe, welche die Zugehörigkeit eines Menschen zu Jesus Christus besiegelt, die eigene, im Glauben verantwortete Lebensführung unerlässlich macht.

Es geht darum z.B. nicht, dass Gemeinden selbst die Eltern in der Ansicht bestärken: „Wir lassen das Kind taufen und später soll es sich einmal selbst entscheiden“. Per Internet habe ich das Berliner Gemeindeblättern gefunden. Das kann so weit gehen, dass mancherorts sogar das Versprechen der Eltern und Paten für die christliche Erziehung des Kindes zu sorgen, mit der Frage entschärft wird: „Wollen Sie versuchen (!), ihr Kind im christlichen Glauben zu erziehen“? Die Taufe ist aber kein Experiment, sondern die nicht mehr rückgängig zu machende Festlegung auf einen bestimmten Lebensweg. Darum gibt es auch keine Wiedertaufe. Nur wenn das deutlich wird, dann können auch Elemente des Glaubens an Gott den Schöpfer und seines Segens ihren angemessenen Platz bei der Tauffeier haben. Überdecken diese Elemente den eigentlichen Sinn der Taufe, dann ist die Säuglings- und Kindertaufpraxis in der Gefahr, ohne Unterlass eine schlafende, greinende, passive, zur Verantwortung des christlichen Glaubens unfähige Christenheit zu kreieren.

Ich bin deshalb nach wie vor der Meinung, dass es in einer von dieser Gefahr ohne Zweifel bedrohten Kirche von zeichenhafter Bedeutung sein kann, wenn christliche Eltern mit ihren Kindern einen Weg auf die Taufe zu gehen und ihre Kinder sich dann taufen lassen, wenn sie zu hören und zu verstehen vermögen, was die Taufe bedeutet. Die Möglichkeit dazu wird in der Lebensordnung der Union Evangelischer Kirchen, zu der unsere Landeskirche gehört, auch ausdrücklich eingeräumt, charakteristischerweise aber in den Materialien zum „Jahr der Taufe“ noch nicht einmal erwähnt. Sie wird auch, wenn ich das richtig sehe, im Unterschied zu den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts viel weniger wahrgenommen.

Damals hat es unter dem Eindruck der Kritik, die einer der wichtigsten evangelischen Theologen in der neueren Zeit und besonders in der Nazizeit, Karl Barth, an der Säuglings- und Unmündigentaufe als einer „tief unordentlichen Taufpraxis“ geübt hat, eine ziemlich erregte Taufdebatte gegeben. Sie hatte das Ergebnis, dass die Möglichkeit des Taufaufschubs in unserer Lebensordnung eingeräumt wurde. Wo sie wahrgenommen wird, kann dem Bedürfnis christlicher Eltern, ihr neu geborenes Kind in der Liebe Gottes geborgen zu wissen und ihm seinen Segen zuzusprechen, durch eine Kindersegnung im Gottesdienst Rechnung getragen werden. Ich habe, als ich zu Beginn der 70er Jahre Studentenpfarrer in Halle/Saale war, mehrfach solche Segnungen durchgeführt und konnte nach Jahren auch erleben, welche wichtige Bedeutung die eigene Taufe dann im Leben der damals gesegneten Kinder gewann.

Dennoch ist solche Kindersegnung im beherrschenden Kontext der Säuglingstaufe kein überzeugender Ritus geworden. Da – wie oben gezeigt – in der Taufpraxis das Element der Kindersegnung das Taufgebot so sehr dominiert, haben mir viele gesagt: Das wirkt wie eine „Trockentaufe“. So ist es weitaus überwiegend dabei geblieben, dass das, was eigentlich vor der Taufe geschehen müsste, erst – hoffentlich (!) – nach der Taufe geschieht. Martin Luther hatte das ja als ein tägliches Vergegenwärtigen der Taufe verstanden, bei welchem dem „alten Adam“ der Sünde täglich Abschied gegeben wird und täglich ein neuer Mensch herauskommt, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewiglich lebe. Luther hat, weil das auch für den Lebensweg eines heran wachsenden Menschen gilt, eine Konfirmation als nachgeholter Bejahung der Entscheidung zur Taufe deshalb auch für überflüssig gehalten.

Im lutherischen Bereich ist die Konfirmation darum erst im 18. Jahrhundert allgemein üblich geworden, als man das Ja zur Taufe auch in einem ausdrücklichen persönlichen Bekenntnis der Getauften ausgedrückt sehen wollte. Damit hat sich unsere Kirche freilich noch einmal die Problematik eines den Sinn der Taufe durchaus nicht erhellenden Passageritus, nämlich die des Übergangs vom Kindsein zum Erwachsensein im Pubertätsalter auf den Hals geladen. Aber das will ich jetzt nicht mehr erörtern.

Mir kam es darauf an, zu zeigen, dass der Zusammenhang von Taufe und Freiheit, den das „Jahr der Taufe“ einüben will, nur dann im Selbstverständnis der Christinnen und Christen ankern wird, wenn die Taufpraxis selbst auf diesen Zusammenhang zielt. Diese Praxis ist nicht ein bloßer Akt, sondern zu ihr gehört ein Weg, auf dem ein getaufter Mensch die Freiheit, zu der ihn Jesus Christus befreit, und Worten und Taten selbst zu verantworten vermag.     


 
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