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27.10.2010 00:00 Alter: 9 Jahr(e)
Kategorie: Vorträge

Sprachräume für Gott in Lebensräumen für Menschen hinter Gittern

Vortrag auf der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Jugendstrafvollzug in Berlin am 27.10.2010


1. Du stellst meine Füße auf weiten Raum (Psalm 31, 9)

Dass das Reden von Gott und zu Gott Räume schafft, in denen sich unser Leben in besonderer Weise bergen und zugleich intensivieren und erweitern kann, ist eine Erfahrung, die ich als junger Mensch tatsächlich in den Räumen gemacht habe, in denen Sie sich als Gefängnisseelsorgerinnen- und seelsorger bewegen. Es waren zwar die Räume eines Stasigefängnisses und des DDR-Zuchthauses Waldheim, die nicht nur ein bisschen anders vergittert und extensiver von ideologisch aufgeheizten Drohkulissen zugestellt waren, als es vermutlich die Haftanstalten und erst recht die Jugendhaftanstalten in unserem demokratischen Staatswesen sind. Es waren zudem Räume, in die man sich unschuldig verfrachtet fand. Aber die Grunderfahrung des Verlustes von Freiheit oder des Eingesperrtwerdens durch andere Menschen dürften wohl alle Gefangenen – ganz gleich in welchem Staatswesen – teilen.

Bei dieser Grunderfahrung schlägt aufs Gemüt, dass Menschen in ganz elementaren Sinne des Wichtigsten beraubt sind, was zur Menschlichkeit des Menschen gehört. Sie können – was selbst der Neandertaler konnte – ihre Wege nicht selbst bestimmen und ihre Tage nicht selbst gestalten. Die Schlüssel in der Hand der Wärter und die Anstaltsordnung, die andere für sie ersonnen haben, stellen die Füße der Inhaftierten und damit ihr Leben auf engen Raum, drücken einen Menschen aufs Funktionieren in diesem Raum zusammen. Selbst wenn sich Gefangene beim Aufschließen der Türe nicht mit einer Nummer melden müssen, wie es im Stasi-Knast der Fall war, hat Gefangensein etwas Entwürdigendes, Entpersönlichendes für einen Menschen, für jeden Menschen. Selbst unsere demokratische Rechtsordnung ist neben dem Gesichtspunkt des Schutzes der Gesellschaft vor Kriminellen und des Anliegens der Resozialisierung dem archaischen Gerechtigkeitsbegriff verhaftet, wonach dem Übeltäter Übles zuzufügen ist. Das größte Übel nach der Todesstrafe und dem Zufügen von körperlichen Schmerzen aber ist der Freiheitsentzug.

 Ganz gleich ob schuldig oder unschuldig jedoch erniedrigt Freiheitsentzug einen Menschen, macht ihn zum Sklaven anderer Menschen, zumal wenn die Überwachung der Gefangenen mit Praktiken erfolgt, die für die Gefangenen nichts als beschämend sind. Ich habe mir neulich von den bayrischen Gefängnisseelsorgern erzählen lassen, dass sich auch in unseren Gefängnissen Menschen nackt ausziehen und in den After greifen lassen müssen, um zu überprüfen, dass sie nichts Verbotenes bei sich führen. Wer das – wie ich – mehrmals erlebt hat, wer die kleine persönliche Welt, die man sich rührend primitiv in einer Zelle zu schaffen versucht, (nach der Nachtschicht in einem Ausbeuterbetrieb) auseinander gerissen und verwüstet vorfindet, weiß: Du wirst hier zu Null gemacht.

         „Lebensräume hinter Gittern“ – ich will hoffen, der Strafvollzug in unserer demokratischen Gesellschaft ist sich dessen bewusst, wie nahe er in seiner alltäglichen Praxis dem Strafvollzug diktatorischer Regime kommen kann, welche Lust daran haben, das Übel der Entwürdigung eingesperrter Menschen nach Belieben zu steigern. Seelsorgerinnen und Seelsorger in unseren Gefängnissen – so stelle ich mir das vor – steuern dagegen. Mehr noch: Sie sind im Namen Gottes Anwältinnen und Anwälte der Menschenwürde und damit auch der Freiheit jedes Menschen, der sich an der Rechtsordnung unserer Gesellschaft vergangen hat.

        So ein wenig habe ich für meinen Teil damals gegen jenen Trend meiner Erniedrigung und derer, mit denen ich gefangen war, anzugehen versucht, indem ich mir im engen Raum der Stasi-Zelle und dann später in Waldheim von meiner literarischen Bildung, aber auch mit Worten Jesu Christi, mit den Worten der Psalmen, mit den klingenden Worten der Lieder unseres Glaubens einen Raum jenseits des Raumes geben ließ, in den ich eingesperrt war. In der Radiosendung „Zwei Schritte vorwärts und drei Schritte seitwärts – oder Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ habe ich davon zu erzählen versucht (vgl. Klaus Möllering [Hg.], Wo mein Glaube zu Hause ist. Heimatkunde für Himmelssucher, Leipzig 2006, 203-212). Die Quintessenz dieser Erzählung war, dass die „Sprachräume für Gott“ die „Lebensräume“ des Gefangenseins zu weiten vermögen, ja dass sie selbst zu „Lebensräumen“ zu werden vermögen, in denen sich Gitter, Mauern und Wächter relativieren.

         Es gibt viele, viel bedeutungsvollere Zeugnisse des Lebens im Gefängnis, in denen die Wandlung des Gefängnisraumes zu einem Raum mit einer Atmosphäre der Freiheit sogar die ergreift, die sie in äußerlicher Freiheit zur Kenntnis bekommen. Als ich an meinem 21. Geburtstag aus dem Zuchthaus Waldheim entlassen wurde, lag auf dem großen Gabentisch, den mir Menschen aus ganz Deutschland gedeckt hatten (ich stand auf einer sog. „Fürbittenliste“), auch Dietrich Bonhoeffers „Widerstand und Ergebung“. In diesen Gefängnisbriefen kann man aufs Intensivste wahrnehmen, wie „Sprachräume für Gott“ den Lebensraum des Leidens hinter Gittern, ja sogar des drohenden Todes zu einer „Station auf dem Wege der Freiheit“ werden lassen (vgl. DBW 8, 570-572). In diese Sprachräume gehört auch die „Welt“ hinein, „die unsichtbar sich um uns weitet“, wie es das im Gestapo-Keller in der Prinz-Albrecht-Str. verfasste Gedicht „Von guten Mächten“ ausdrückt (vgl. DBW 8, 607f.). Bonhoeffer hat unter diesen „guten Mächten“, wie er an seine Braut schrieb, nicht Engel, sondern die „Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher“ verstanden. Sie bilden ein „großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat“. Sie assistieren Gott, der den Gittern und Mauern der Gefängniszelle die Macht entzieht, das Lebensempfinden ganz zu bestimmen.

         Wir haben in diesen Tagen von einem anderen Christen erfahren, dem seine Frau Bonhoeffer-Texte ins Gefängnis bringen durfte. Es ist der chinesische Nobelpreisträger Liu Xiaobo. Bevor er wegen seines Eintretens für die Menschenrechte und die Demokratisierung Chinas zu 11 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, hat er ein mutiges und außerordentlich beeindruckendes Schlussplädoyer gehalten. In ihm bekennt er sich nachdrücklich zu diesem Eintreten. Darin findet sich aber auch eine Liebeserklärung an seine Frau, die sich mit dem berührt, was Bonhoeffer von den „guten Mächten“ an seine Braut geschrieben hat. Liu Xiaobo sagt dort unter anderem zu seiner Frau, die nicht im Gerichtssaal sein durfte: „Deine Liebe ist Sonnenlicht, das die Gefängnismauern und Gitterstäbe überwindet, jeden Zentimeter meiner Haut streichelt, jede meine Zellen wärmt, mich meine innere Ruhe bewahren lässt, großherzig und hell ist [...] Selbst wenn ich zermalmt werde, werde ich Dich mit der Asche umarmen“.

         Ich weiß im Unterschied zu Dietrich Bonhoeffers Gedankenwelt gar nicht, wie diese Liebeserklärung mit dem Glauben Liu Xioabos an Gott zusammen stimmt. Das Christentum in China, das sich vornehmlich in Hauskirchen ausbreitet, ist ja eine sehr stille, sich kaum in der Öffentlichkeit artikulierende Angelegenheit. Aber einen Grundzug können wir in Liu Xiaobos Plädoyer doch erkennen, der uns bei Bonhoeffer viel deutlicher begegnet und den ich erst lange nach meiner Entlassung aus dem real-sozialistischen Zuchthaus verstehen gelernt habe: Wo der Glaube an Gott den Raum hinter Gittern weitet, da wächst auch das Zutrauen zu den frei machenden Möglichkeiten von Gottes Geschöpfen; zur Liebe an erster Stelle, aber auch zur Wertschätzung von Menschen trotz ihres Tuns. „Ich habe keine Feinde und ich kenne keinen Hass“, hat Liu Xiaobo den Staatsanwälten, Polizisten und Richtern gesagt. „Ich hoffe, Hass durch Liebe zu entwaffnen“. Die „religionslosen“ Menschen, welche daran beteiligt waren, die Welt in das größte Verbrechen seit Menschengedenken zu stürzen, auf ihre „Mündigkeit“ zu verpflichten, war analog dazu das wichtigste theologische Projekt Bonhoeffers im Gefängnis.

         „Sprachräume für Gott“, die im Gefängnis gewonnen wurden, haben also – angefangen beim Philipper- und Philomenbrief des Apostels Paulus bis hin zu Dietrich Bonhoeffer, Nelson Mandela, Liu Xiaobo und vielen Anderen – in der menschlichen Geschichte schon sehr häufig über Gefängnismauern hinaus Lebensräume der Menschlichkeit mit Zukunft entstehen lassen oder an ihren mitgewirkt.

Nur scheint die Erinnerung daran nicht sehr hilfreich zu sein, wenn wir uns heute fragen, ob und wie solche Sprachräume, welche die Lebenswelt des Gefangenseins transzendieren, auch in den Haftanstalten eines Rechtsstaates Gestalt gewinnen können. Denn die gefangenen Menschen, an denen wir uns hier zunächst exemplarisch orientierten, saßen nach unseren Maßstäben unschuldig im Gefängnis. Die Schuld, die sie nach den Maßstabstäben von Unrechtsregimen auf sich geladen hatten, hatte von vornherein den Horizont des Mitwirkens an der Menschlichkeit und Freiheit der Gesellschaft, in der sie lebten und leben. „Ich fühle mich nicht schuldig dafür, dass ich mein verfassungsmäßiges Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen habe“, hat Liu Xiaobo in seinem Plädoyer gesagt. Als freie, verantwortliche „Schuldübernahme“ zugunsten der von der Vernichtung bedrohten Juden und der Millionen zu erwartenden Opfer des Krieges hat Dietrich Bonhoeffer seine Beteiligung an den Plänen der Verschwörer des 20. Juli 1944, Hitler umzubringen, verstanden.

Das ist ohne Zweifel etwas Anderes als die Schuld, die ein Mensch durch eine kriminelle Tat auf sich lädt. Das ist auch etwas Anderes, als die Gottesvergessenheit, die offenbar zum kriminellen Tun gehört, so dass Menschen, die auf diese Weise schuldig geworden sind, sozusagen gar nicht der Nährboden mit sich bringen, auf dem „Sprachräume für Gott“ entstehen. Oder doch? Ist, wie ich Berichten aus unseren Gefängnissen entnehme, nicht gerade die Konfrontation mit der eigenen Schuld für nicht Wenige ein Anlass, wenigstens „religiös“ zu werden?

„Sprachräume für Gott“, für deren Entstehen nach meinem Verständnis die Seelsorge an Gefangenen in den Haftanstalten unseres Staates Verantwortung trägt, kommt jedenfalls gar nicht darum herum, das, was von Gott zu sagen ist, mit menschlicher Schuld in Beziehung zu setzen.

 

2. Wir Menschen als Sünder im Raum coram Deo

Einer der Gefängnisseelsorger, mit denen ich unlängst über das Verständnis des „Bösen“ gearbeitet habe, hat erklärt, er lasse bei den Gottesdiensten im Gefängnis das Schuldbekenntnis weg. Das Motiv dafür ist klar. Es soll von Gott nicht so die Rede sein, dass inhaftierte Menschen dabei ob ihrer eigenen Schuld beschämt und klein gemacht werden. Es soll der Anschein der Anprangerung vermieden werden, welche für eine gesetzliche Predigt im Windschatten des reformatorischen usus elenchticus legis charakteristisch ist. Menschen sollen auf ihre besten Möglichkeiten und nicht auf das festgelegt werden, was sie zunächst einmal nieder drückt und sie veranlasst, sich dagegen zu wehren, als böse da zu stehen. Denn so ist es ja seit Adam und Evas Zeiten in der Tat: Wer Menschen gesetzlich darauf festlegen will, sich wegen ihres Tuns selbst zu verurteilen, provoziert sie regelrecht, sich selbst zu ent-schuldigen – wie das treffende deutsche Wort die Entsorgung von Schuld nennt. Adam schiebt die Schuld auf Eva. Eva schiebt sie auf die Schlange.

         Die Entscheidung, den Gefangenen beim Gottesdienst in einer Haftanstalt das Schuldbekenntnis zu ersparen, ist also durchaus schuldverständig, von Erfahrung getragen und in ihrer Wendung gegen das gesetzliche Reden von Gott auch theologisch bedachtsam. Dennoch ist es eine Entscheidung, die bloß eine Dimension im Blick hat, die bei der Thematisierung menschlicher Schuld immer mit im Spiele ist. Das ist die Dimension der Scham. Wiederum der alte Mythos von Genesis 3 vom Schuldigwerden der Menschheit an Gott, an den Mitmenschen und der Natur hat fest gehalten, wie Scham Menschen, die schuldig geworden sind, ins Verstecken treibt, wo sie nicht von den vernichtenden Blicken der Anderen bloß gestellt sind. Scham motiviert Menschen, sich vor dem Urteil zu schützen, dass sie ohne Gott und wider Gott, in der Wendung gegen ihr Menschsein und die Natur bloß „Dreck“ sind („Wesen aus Staub“; Gen 2, 7!) – wie E. Drewermann das ausgedrückt hat (Strukturen des Bösen III, 576).

Schamverständigkeit, die nach meinem Verständnis von Gefängnisseelsorgerinnen und Seelsorgern besonders gefordert ist, billigt schuldig gewordenen Menschen dieses Verstecken zu, weil auch Gott es ihnen zubilligt. Er kleidet, wie der alte Mythos erzählt, die Bloßgestellten. Er gibt ihnen das Recht, sich vor den Blicken der anderen zu schützen, damit sie überhaupt noch als handlungsfähige Subjekte unter den anderen Menschen auftreten können. Wiederum Dietrich Bonhoeffer, der sich fast als einziger unter den evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts an verschiedenen Stellen ausführlich mit der Scham beschäftigt hat, maß Gottes Bejahung der Scham eine große Bedeutung zu. Zwar bringe die Scham das Grundempfinden der Entzweiung von Gott und zwischen Menschen zur Geltung. Aber Gott schütze Menschen mit dem Zulassen der Scham zugleich auch, indem er ihnen Kleider macht und ihnen so zeichenhaft mit dem Verhüllen einen Rückzugsraum gewährt, aus dem heraus sie verantwortlich handeln können (vgl. Ethik, DBW 6, 307). Diesen Schutzraum hat Bonhoeffer als Vorschein des rettenden Handelns Gottes, der Vergebung, interpretiert, mit der Gott Menschen in Jesus Christus bekleidet.

Allerdings bedeutet dieser „Vorschein“ aber auch, dass Menschen nicht aus ihrer Verantwortlichkeit für ihr Handeln, das sie schuldig werden ließ, entlassen sind. Das bloße Tragen einer Maske oder das Spielen einer Rolle vor Anderen befreit Menschen nicht aus der Belastung ihrer selbst mit Schuld. Es kann als solches im Gegenteil die Schamangst wachsen lassen. Sie veranlasst Menschen, sich entweder unter sich selbst leidend immer weiter in sich zurück zu ziehen und sich selbst zu belügen. Oder sie stiftet sie an, sich mit maßlosen Taten und Worten vor Anderen selbst zu beweisen und so in einen Kreislauf des Schuldigwerdens hinein zu geraten. In der psychologischen, soziologischen und kulturwissenschaftlichen Schamforschung wird die Bedeutung der Schamangst für das Leben von Menschen in der Gesellschaft und die Folgen, die sie für das Sozialverhalten hat, derzeit breit beschrieben. Es wird nach Wegen ihrer Überwindung gesucht. Für die christliche Kirche und Theologie aber ist entscheidend, dass Menschen im Rückzugsraum der Scham ja gerade nicht isolationistisch auf sich selbst zurück geworfen werden. Sie bleiben in diesem Raum ja Menschen in der Beziehung auf Gott, Menschen coram Deo, also im Raum der Gottesbeziehung.

In diesem Raum ist das Tragen einer Maske, welche die Schuld verhüllt, sinnlos. Vor Gott stehen Menschen immer mit „aufgedecktem Angesicht“ (II Kor, 4,18). Wenn dieser Gott aber der Vater Jesu Christi ist, der die Schuld vergibt, dann muss man noch mehr sagen. Vor ihm werden Menschen von ihrer Schuld frei gesprochen, so dass sie auf das, was sie getan haben, wie auf etwas Vergangenes zurück blicken können. „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“, leitet Paulus seine Rede vom „aufgedeckten Antlitz“ ein (II Kor 4,17). In unserem Falle ist es die Freiheit des Bekennen von Schuld.

Sie ist so wertvoll, weil Menschen unter der Leitung von Gottes Geist jetzt einen von Entschuldigungen und Vertuschungen freien Blick auf ihr Sinnen und Trachten, Tun und Verhalten gewinnen, das sie schuldig werden ließ. Bekannte Schuld ist deshalb erkannte Schuld, während der Versuch von Schulderkenntnis ohne Schuldbekenntnis im Grunde gar keine Erkenntnis ist, welche Schuld in ihrem wirklichen Ausmaß wahrnimmt und etwas im Leben von Menschen ändert. Ich könnte das mit dem Verhalten der „Inoffiziellen Mitarbeiter“ des Staatssicherheitsdienstes der DDR nach der Wende, mit dem ich als Gründungsdekan der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Anfang der 90iger Jahre des vorigen Jahrhunderts ein gerüttelt Maß an Erfahrung habe, breit illustrieren. Doch das würde uns hier zu weit in andere Problematik als die, die wir hier bedenken, hinein führen.

Ich wollte mit dem Hinweis darauf, dass Schulderkenntnis und Schuldbekenntnis zusammen hängen, zunächst im Allgemeinen darauf aufmerksam machen, dass die Schamproblematik nicht dazu veranlassen sollte, im Gottesdienst und bei der Seelsorge unter Inhaftierten auf das Schuldbekenntnis zu verzichten. Die Unerlässlichkeit dieses Bekenntnisses im Raum von Gottes Vergeben bewahrt davor, dieses Vergeben „billig“ zu verstehen – so als nähme Gott die Schuld nicht weiter ernst und als könnten Menschen sie vor Gott locker und leicht nehmen. Es gilt, wo Gott vergibt, schon, das Ausmaß von Schuld unverstellt wahrzunehmen und zu artikulieren. Unausgesprochene Schuld wuchert im Leben von Menschen. Bekannte Schuld bricht ihre Macht, mit der sie Menschen wieder und wieder in ihren Bann zieht. Ich brauche Ihnen über die viel zu große Zahl der sog. „Rückfalltäter“ gerade unter Jugendlichen, die unter der Macht dieses Bannes aus der Haft entlassen werden, nicht viel erzählen.

Aber nehmen wir – trotz dieser traurigen Erfahrung – nun einmal an, die christliche Verkündigung und Seelsorge „zünde“ gewissermaßen unter den Inhaftierten in unseren Haftanstalten. Sollte das geschehen, dann befänden sie sich letztlich in keiner anderen Situation als die Unschuldigen, von denen wir eingangs geredet haben. Sie sind ja auf Grund von Gottes Vergeben unschuldig. Sie werden als Personen von ihren Taten unterschieden. Sie sind im Raum, den die christliche Verkündigung und Seelsorge ihnen eröffnet, geachtet in ihrer Würde als Menschen und Gottes Geschöpfe. Sie haben die Möglichkeit, ihr Gefangensein – die Gitter, Mauern, Wächter und Gefängnisordnungen – zu transzendieren und ein menschenwürdiges Leben in Freiheit zu antizipieren. Vielleicht ist die unveröffentlichte Geschichte von nicht Wenigen Unbekannten auch eine Freiheitsgeschichte auf der Linie der Freiheitsgeschichten aus dem Gefängnis, die wir uns eingangs vergegenwärtigt haben.

Ich will darum nicht ausschließen, dass ein derartiges Szenario christlicher Wirksamkeit in unseren Haftanstalten auch Realität ist. Ich vermute jedoch, dass dieses Szenario im Ganzen auf Sie eher so wirkt, wie die Erfindung eines Wolkenkuckusheims. Ich vermute, dass das Bemühen, unter Haftbedingungen „Sprachräume für Gott“ entstehen zu lassen, die Lebensräume der Freiheit begründen, vergleichbar schwierig ist, wie in der Atmosphäre von Gottesvergessenheit und Ressentiments gegenüber dem Gottesglauben im Osten Deutschlands, wo es gilt, Räume der Öffnung für Gott zu schaffen. Denn hier wie dort können wir eine wesentliche Voraussetzung nicht machen, die unserer Besinnung auf das Recht der Scham und das befreiende Potential des Schuldbekenntnisses zu Grunde lag. Das ist die Voraussetzung, jedem Menschen sei gegenwärtig, dass sein Leben in der Beziehung auf Gott ankert. Das aber ist die Voraussetzung der Glaubensüberzeugung, die Wurzel von Schuld in allen menschlichen Bereichen liege im Kappen dieses Ankers, im Unglauben und Nichtglauben Gottes. So – als Unglaube – wird ja die Sünde und damit alles aus ihr erwachsende Sündigen im Einzelnen klassisch definiert. 

Doch das Wort „Sünde“ ist heute umgangssprachlich fast zu einem Unwort geworden. Es bezeichnet eine Art Kavaliersdelikt, mit dem es nichts Ernstliches auf sich hat, bei dem man mit den Augen zwinkern kann, das unter Umständen auf ganz amüsante und erfreuliche Erlebnisse hinweist, auch wenn’s zuweilen ein bisschen ernster werden kann wie bei den „Verkehrs- und Umweltsündern“. Im Synonymwörterbuch der DDR wurde als erste Bedeutung für dieses Wort „Fehltritt“ aufgeführt. „Sünde“ heißt dann: Wir leisten uns bloß ein paar kleine Schweinereien. Mit ernstlicher Schuld bringt man die „Sünde“ nicht Verbindung.

         Um dieses Wort wieder mit der Bedeutung zu füllen, die es im biblischen Zeugnis hat, bedürfte es darum seiner Füllung mit dem Gewicht, die es von der Bibel her im Gottesverhältnis ausdrückt. Dann wird nämlich die Beziehung auf Gott als das Wichtigste verstanden, was das Dasein jedes Menschen trägt und ausmacht. Die Sünde der Gottesnegation aber gibt den Startschuss für den Aufbruch oder auch in das das Trudeln von Menschen ins Nichts, in die Zerstörung aller Beziehungen, in den Gott Menschen ihr Dasein schenkt. Um dieses lebens- und gottesfeindliche Gewicht der Sünde, das sich zerstörerisch in alle Beziehungen von Gottes Geschöpfen hinein frisst, zu ermessen, bedarf es der Einsicht, dass sich jeder Mensch – ob er es nun subjektiv wahrnimmt oder nicht – in einem Raum bewegt, den ihm Gott schafft. In diesen Raum über alle irdischen Grenzen hinaus einzuwohnen, ist nach christlichem Verständnis die Bestimmung von Menschen, ganz gleich ob wir inhaftiert sind oder uns bürgerlicher Freiheiten erfreuen. Der Ausbreitung dieses Raumes zu dienen, mit ihm vertraut und bekannt zu machen, ist die Aufgabe der unserer Kirche überall und so auch unter den besonderen Bedingungen von Haftanstalten.

 

3. Zwischenbesinnung: Gotteserfahrung als Raumerfahrung

Bevor ich fortfahre, ist vielleicht noch eine Bemerkung zur hervor gehobenen Betonung des „Raumes“ nützlich, die im Titel meines Vortrages auftaucht und die das durchzieht, was ich bisher gesagt habe. Diese Betonung des „Raumes“ verdankt sich der ganz einfachen Beobachtung, dass wir Menschen nur wahrnehmen und verstehen können, wenn wir sie an den Orten aufsuchen, an denen sie ihr Leben vollziehen. Wer jemand ist, kann nicht verstehen, wenn er nicht wahrnimmt, wo jemand ist. An einem Ort sein, aber bedeutet – wie das meiner Generation insbesondere Martin Heidegger beigebracht hat – : Bei etwas anderem sein: bei einem Haus, einem Baum, einem Menschen, einem Auto oder was immer es sei. Nirgendwo sein oder überall sein, geht nicht. Dieses „bei etwas“ an einem Orte aber hat für unsere Wirklichkeitserfahrung fundamentale Bedeutung. Es lässt – wie heute vor allem die „Neue Phänomenologie in den Spuren Heideggers heraus arbeitet (Herrmann Schmitz) – Wirklichkeit als eine bestimmte Atmosphäre erlebbar werden. In ihr fühlen wir uns entweder heimisch und angezogen, so dass wir gerne in ihr „einwohnen“ (Peter Sloterdijk). Oder die Atmosphäre eines Ortes oder Raumes menschlichen Lebens befremdet uns und weist uns ab.

Jeder kann das an ganz simplen eigenen Erfahrungen nachprüfen. Ich komme in einer Stadt auf dem Bahnhof an und eine bestimmte Atmosphäre dieser Stadt schlägt mir entgegen, noch ehe ich Einzelnes wahrgenommen habe. Vergleichbares gilt für Landschaftserlebnisse, für ästhetische Erfahrungen usw. Atmosphären sind „die erste und entscheidende Wirklichkeit“ vor aller Objektivierung und Subjektivierung von Wirklichkeit, sagt Gernot Böhme (Aisthetik. Vorlesungen über Ästhetik als allgemeine Wahrnehmungslehre, München 2001. 56f.). Das gilt natürlich erst recht für Räume, in denen Menschen sich begegnen. Das gibt es „dickwandige Atmosphären“ (P. Sloterdijk, vgl. Sphären II, 1003), in denen es Menschen ganz schwer haben, sich für andere Menschen und neue Erfahrungen zu öffnen. Und da gibt es dünnwandige Atmosphären, die es zulassen, dass – um noch einmal mit Sloterdijk zu reden – „Blasen“ mit der Atmosphäre von neuen Wahrnehmungen und Kommunikationen entstehen.

Die ostdeutsche atheistische Konfessionslosigkeit – um noch einmal darauf zurück zu kommen – ist z.B. eine mit lauter Vorurteilen und Ressentiments gegen alle Art von Religion verhärtete Atmosphäre. Sie ist vor allem ein Milieu und fast gar nicht ein auf Argumenten gebautes Programm, wie es z.B. die sog. „Neuen Atheisten“ vertreten. Die Dickwandigkeit dieses Milieus ist sicherlich einer der Gründe, warum in ihm so gut wie keine Selbstöffnung von Menschen für Erfahrungen des Gottesglaubens stattfindet und hier von einer „Wiederkehr der Religion“ schlechterdings nicht die Rede sein kann. Nur durch persönliche Begegnungen mit Glaubenden entstehen da und dort „Blasen“ der Öffnung für die Anliegen des Gottesglaubens.

Auf der anderen Seite muss man natürlich auch sagen, dass die christliche Kirche in ihren Lebensäußerungen, in ihrem Sprachgebaren und in ihren öffentlichen Darstellungen ein geschlossenes Milieu ist. Menschen, die dem christlichen Glauben entfremdet sind oder ihm fern stehen, haben es nicht ganz einfach, sich in die Atmosphäre, die hier herrscht, hinein zu finden. Ich weiß nicht, ob es Untersuchungen gibt, wie Menschen, die von Gott reden, in der Atmosphäre von Haftanstalten auf die jungen Menschen wirken, die dort einsitzen. Dass es da dicke Wände von Vorurteilen und Ressentiments ebenso gibt, wie diffuse Vorstellungen aus dem reichen Möglichkeitenfeld von Religiosität will ich wohl annehmen. In jedem Fall ist auch hier das Reden von Gott das Angebot eines Raumes, in dessen Atmosphäre Menschen spüren sollen, dass sich in ihr der Gefängnisraum auf die Zukunft ihres Lebens hin öffnet.

 

4. Sprachräume für Gott als vermenschlichende Atmosphären

Von Gott Raum eröffnend und Menschen in diesen Raum einladend zu reden, ist zweifellos ein Charakteristikum der neuestamentlichen Rede von Gott in Jesus Christus. Wenn Paulus vom „Sein in Christus“ (vgl. Röm 8, 1. 39; I Kor 1, 30; Phil 2, 5 u.ö.) oder vom Sein „im Geist“ (vgl. Gal 5, 16. 25) redet, dann meint er das nicht „mystisch“, wie Albert Schweitzer behauptet hatte. Paulus hat dabei vielmehr ganz räumlich den Raum menschlichen Lebens im Auge, der von Christus oder vom Geist Gottes geschaffen und bestimmt wird. Er redet also nicht von einem Raum, der sich in der Nebel irgendeiner Transzendenz hin weitet. Davon erhofft man sich ja da und dort in unserer Kirche ein neues Erwachen von Religiosität, während ein allzu bestimmtes Reden von Gott im Verdacht steht, den Zugang zum Gottesglauben atmosphärisch zu verengen oder gar zu blockieren.

Doch ein Reden von Gott, das sich nicht zu präzisieren getraut, wodurch der Raum für Menschen durch Gott konkret bestimmt ist, kann nur sehr schwankend und undeutlich davon reden, warum und inwiefern ein abstraktes Jenseits unserem Leben zugute kommen soll. Ein leerer Gottesbegriff geistert nur in einem leeren Raum herum. Ludwig Feuerbach hat den Rückzug von Kirche und Theologie ins Unbestimmte und damit Raumlose darum nicht ganz zu Unrecht dessen bezichtigt, dass sich in ihm ein „subtiler, verschlagener Atheismus“ melde (Das Wesen des Christentums, in: Ludwig Feuerbach. Gesammelte Werke, Band 5, hg. von W. Schuffenhauer, 21984, 50).

Demgegenüber eröffnet uns die Bibel nach meinem Verständnis Sprachräume für Gott, in denen sich Gott in seiner Göttlichkeit für uns so präzisiert, dass dabei eine Atmosphäre der Kommunikation über Grundmenschliches entsteht. Das Grundmuster solchen Redens von Gott können wir im neutestamentlichen Zeugnis sehr gut an Joh 1, 14 erkennen: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine δόξα, voller Gnade und Wahrheit“. Δόξα, כָבוֹד, ist neben der Heiligkeit die dominierende biblische Aussage für die Göttlichkeit Gottes. Sie wird meistens mit „Herrlichkeit“, aber auch mit „Glanz“ übersetzt. Luther hat sie an einigen neutestamentlichen Stellen mit „Klarheit“ wiedergegeben. Leider kommt das in unserer revidierten Lutherbibel nur noch in der Weihnachtsgeschichte von Lukas 2 vor. Die Metapher – das Bildwort –, mit der die Klarheit Gottes auch ausgedrückt werden kann, ist Licht. Damit ist schon etwas Wesentliches vom biblischen Gott gesagt. Seine Wirklichkeit ist Ausstrahlen. Joh 1, 14 sagt in diesem Sinne: Durch Gott, der in Jesus Christus in unserer Menschenwelt „einwohnt“ (σκενόω heißt hier nicht zelten), entsteht unter uns ein Raum, der durch die Strahlen der Klarheit Gottes, die Gnade und Wahrheit sind, konkret erfüllt ist.

Die christliche Tradition hat diese Raum erfüllende und prägende Wirklichkeit des unter uns „wohnenden“ Gottes durchaus zu Geltung gebracht. Aber sie hat eine Tendenz, den Raum, um den es hier geht, in der Spuren der Mystik nur in der frommen Innerlichkeit, in der Seele, im „Herzen“ zu sehen. „Zwar ist solche Herzensstube/ wohl kein schöner Fürstensaal,/ sondern eine finstre Grube;/ doch sobald dein Gnadenstrahl/ in dieselbe nur wird blicken/ wird sie voller Sonnen dünken“, heißt es J.S.Bachs Weihnachtsoratorium. „Mach in mir deinem Geiste Raum,/ dass ich dir werd ein guter Baum“ heißt es in Paul Gerhards Lied „Geh aus mein Herz (!) und suche Freud“ mit einer anderen Metaphorik.

Man wird diese Verinnerlichung der biblischen Raumerfahrung Gottes sicherlich nicht als einen Fehlweg diskreditieren dürfen. Wer sich im Glauben an Gott durch Gnade und Wahrheit bestimmt weiß, für den verändert sich auch der Raum seines Selbstverhältnisses. Er wird all sein Tun und Denken in dem Bewusstsein vollziehen, dass er auf das Gutmachen durch Gott angewiesen ist und dass er dessen bedürftig ist, von Gott als Person angenommen zu werden. Ohne Verinnerlichung in diesem Sinne kann uns Gott schwerlich zu einem Erlebnis werden, das uns selbst prägt und unsere Lebensvollzüge bestimmt. Aber der Raum, der durch den in der Welt einwohnenden Gott geschaffen wird, ist doch mehr als der Raum unserer Innerlichkeit. Das kommt schon dadurch zum Ausdruck, dass er auf Worte angewiesen ist, die in menschlicher Kommunikation eine bestimmte Atmosphäre schaffen.

Denn diese Worte sind nicht bloße Bezeichnungen für irgendetwas. Sie gehören zu den wesenhaft kommunikativen Worten, die Beziehungen stiften, uns froh oder traurig machen, uns beunruhigen oder beruhigen. Wie sehr Worte dieser Art auch abgesehen von der Gottesrede ganz alltäglich lebensprägend, erlebnisschwanger und raumfüllend sind, kann man beobachten, wenn Menschen von ihren Erfahrungen anderen Menschen berichten. „Da hat er gesagt“, „da habe ich gesagt“ usw. – in diesem Stil oder auch Jargon kann man die Leute endlos reden hören, die sich in der Straßenbahn unterhalten.

Unser menschliches Leben besteht auch sonst überwiegend aus Sprachräumen, die unsere Welt ausmachen und denen wir mit Menschen umgehen und uns Dinge aneignen. Selbst nonverbale Kommunikation ist auf das innerliche Sprechen angewiesen. Von der Art solcher Wirklichkeit schaffenden, verändernden, eröffnenden Sprache sind auch die Worte, mit denen wir das Wort Gott auf Grund seines Kommens in unsere Lebenswelt präzisieren. Sie machen nicht nur die Mitteilung: Gottes Wirklichkeit ist voller Gnade und Wahrheit. Sie wollen nicht nur Zustimmung finden und in diesem Sinne Glauben an Gott wecken. Sie sind kommunikativ, indem sie Gnade und Wahrheit auch zu einem menschlichen Lebensanliegen werden lassen. Wer Gnade erfährt, wird selbst zu einem gnädigen Menschen. Wer von der Wahrheit wahr gemacht wird, wird selbst zu einem Menschen, für den Wahrheit seinen menschlichen Lebensvollzug bestimmt.

Im Falle der Gottesprädikation „Gnade“ ist der Zusammenhang von Gottes Gnade und unserem Gnädigsein- oder Werden heute zwar nicht ganz einfach zu vermitteln. Denn Gnade gehört wie „Huld“, aber auch wie „Barmherzigkeit“ eher zu den Worten, die in unserer Sprache außer Gebrauch kommen. An „Gnade“ haftet der Geruch herrschaftlichen Gebarens des „gnädigen Herren“ aus feudalen Zeiten – wenngleich der Gebrauch dieses Wortes in der juristischen Sprache („Gnade vor Recht ergehen lassen“) vielleicht Inhaftierten mehr sagt, als Menschen in Freiheit.

Aber einerseits kann ja nicht mit diesem Wort sozusagen pur von Gott geredet werden. Alle biblischen Gottesprädikationen sind „Kurzfassungen“ von Geschichten (I. U. Dalferth, Religiöse Rede von Gott, BzEvTh 87, München 1981, 676), die beim Reden von Gott erzählend ausgelegt werden. Dabei wird unsere eigene Geschichte bzw. die Geschichte derer, zu denen wir reden, mit diesen Geschichten verschränkt und in sie einbezogen, so dass beim Reden Gott zugleich auch von uns die Rede ist. Es kann auf die Weise verständlich gemacht werden, warum Gnade üben auch zu unserer Menschlichkeit gehört. Andererseits ist Gnade, in der uns Gott in dem oben beschriebenen Sinne Sünden vergibt, eine Weise der Liebe Gottes. Dass Gott uns zu Liebenden macht, die ihrerseits ihren „Schuldigern vergeben“ und Menschen um ihres Menschseins willen bejahen und hochschätzen, wird deshalb die Atmosphäre, in der von Gott die Rede ist, wesentlich prägen. Sie schließt Hass, Selbstsucht, Trägheit und Hybris aus dem von Gott bestimmten Raum menschlichen Zusammenlebens aus.

In vergleichbarer Weise ist auch von Gottes Wahrheit als uns wahr machender Wahrheit zu reden. Wo Christinnen und Christen sind, kann sich deshalb eine Atmosphäre der Wahrheit bilden, in der wir uns selbst und Andere ohne die Verzerrung durch Illusionen, Ideologien oder einfach Lügen wahrnehmen. In dieser Atmosphäre ist Wahrhaftigkeit im Wahrnehmen und Aussprechen von Wirklichkeit selbstverständlich. Aber Wahrheit bedeutet ja noch mehr. Wo von Wahrheit im biblischen Sinne die Rede ist, da geht es um das, worauf Menschen sich in den Unwägbarkeiten ihres Lebens schlechterdings verlassen können. Wahrheit verleiht unserem Leben Beständigkeit. Wird das Wort Gott durch das Reden und Verhalten von Menschen raumbildend mit dem Wort Wahrheit präzisiert, dann ruft es die Erfahrungen auf, die Menschen mit Beständigem und Unbeständigem in ihrem Leben gemacht haben. Es weckt die Fragen nach dem, was durchhält und bleibt und dem, was mit Recht vergeht. Wo die Gottesrede Raum schafft, wird klar, dass Menschen nicht dazu da sind, ihr Leben in lauter Schein zu verbringen und sich auf das zu verlassen, worauf kein Verlass ist. Mit dem Worte Gott als dem intensivsten Anwalt eines in Wahrheit menschlichen Lebens werden Menschen also eingeladen, selber beständige und offene Menschen zu werden.

Wir könnten in dieser Weise noch eine Fülle von biblischen Gottesaussagen durchgehen, die das, was Gott charakterisiert, Raum bildend und atmosphärisch prägend auf menschlicher Ebene zum Lebensanliegen von Menschen werden lässt. Wir müssten da z.B. von Gottes Macht reden, die uns ermächtigt, mit seiner Schöpfung so umzugehen, dass sie ein guter Ort für alles Leben zu bleiben vermag. Wir hätten zu entfalten, wie das Reden von Gottes Ewigkeit uns verewigt, indem es eine Konzentration unseres menschlichen Leben bewirkt, in der es aufhört, ein verschwindendes Moment im Zeitablauf zu sein. Wir hätten von Gottes Langmut und Geduld zu sprechen, die uns langmütig und geduldig werden lässt. Der Reichtum der Möglichkeiten, im Anschluss an die Bibel und aus eigener Gotteserfahrung in eigener Artikulation „Sprachräume“ für Gott zu verantworten, in denen das Menschlichste aufblühen kann, ist im Grunde unerschöpflich.

Ich kann nicht abstrakt dekretieren, welche dieser kommunikativen Klarheiten Gottes in der Seelsorge und Verkündigung unter jugendlichen Straftätern vor allem zu bevorzugen und zu entfalten sind. Es handelt sich bei dem, was von Gott zu sagen ist, ja nicht um eine zeitlose und abstrakte, irgendwie abzuarbeitende Liste, wie sie die Lehre von Gottes sog. „Eigenschaften“ einmal zusammen zu stellen versuchte. Sie müssen als Seelsorgerinnen und Seelsorger an dem außerordentlichen Ort einer Haftanstalt für Jugendliche selbst entscheiden, was vor allem Not tut, um mit dem Reden von Gott eine Atmosphäre zu stiften, in der die besten, von Gott gewollten, menschlichen Möglichkeiten gerade junger Menschen aufblühen können. Wenn Jugendliche das Wort „Gott“ in den beschriebenen und anderen Konkretionen als raumbildendes Wort hören, sollten sie an erster Stelle spüren, dass sie hier um sie selbst geht und dass auch ihre Füße im „Sprachraum für Gott“ „auf weiten Raum“ gestellt sind.


 
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