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19.06.2010 00:00 Alter: 7 Jahr(e)
Kategorie: Vorträge

Karl Barth als theologischer Gesprächspartner. Persönlich akzentuierte Erfahrungen zwischen Ost und West mit einer heraus fordernden Theologie

Öffentlicher Vortrag anlässlich einer Tagung der Karl Barth-Gesellschaft in Münster am 19.06. 2010


1. Mit dem Anfang anfangen

Der Schweizer Theologe Karl Barth hat im vorigen Jahrhundert wie kaum ein anderer den Weg der deutschen Kirchen geprägt und mit seinen Einsichten in der theologischen Landschaft sowohl der Universitäten wie der Kirche Markenzeichen gesetzt. Mit seinem Namen ist der theologische Aufbruch der sogenannten „dialektische Theologie“ nach dem Ersten Weltkrieg verbunden, der die theologischen Auseinandersetzungen der zwanziger Jahre bestimmte. Sein Wirken in Deutschland als Professor für systematische Theologie in Göttingen, Münster und Bonn hat ihn zum führenden Kopf der Bekennenden Kirche werden lassen, die sich zu Beginn der dreißiger Jahre gegen das Eindringen der „Deutschen Christen“ in die Evangelischen Kirchen formierte. Aus seiner Feder stammt im Wesentlichen der Text der Barmer Theologischen Erklärung, der heute zu den Bekenntnisgrundlagen der reformierten und unierten Landeskirchen gehört. Er repräsentiert auch den ziemlich singulären politischen Widerstand gegen das Naziregime aus dem Raum der Theologie heraus, zu dem er, nachdem man ihm 1934 in Bonn die Professur entzogen hatte, von Basel aus als eine „Schweizer Stimme“ unermüdlich aufgerufen hat. Sein Name steht in den Auseinandersetzungen der 50ger Jahre um die Atombewaffnung Westdeutschlands für eine entschlossene Ablehnung dieser Rüstung gut. Er hat im politischen Felde nicht weniger für viel Aufregung gesorgt, als er sich weigerte, in die antikommunistische Propaganda des „Westens“ gegen den „Osten“ einzustimmen – eine Weigerung, die ihn in seinem Heimatlande bei Vielen in den Ruf eines „Kommunisten“ (was immer das sein sollte) gebracht hat. Seine Auseinandersetzung mit Rudolf Bultmanns Programm der „Entmythologisierung neutestamentlicher Texte“ bestimmte bis in die sechziger Jahre hinein die theologischen Fronten in Kirche und Theologie. Mit der Ablehnung der Kindertaufe als einer „tief unordentlichen Taufpraxis“ hat sich gegen Ende seines Lebens in den Kirchen noch einmal richtig unbeliebt gemacht.

         Das alles und noch viel mehr ist heute – über vierzig Jahre nach Barths Tode – Historie. Das gilt auch von dem Monumentalwerk, welches er uns hinterlassen hat: 13 Bände „Kirchliche Dogmatik“ und eine noch längst nicht zum Abschluss gekommene Gesamtausgabe seiner Schriften, Predigten, Briefe, Gespräche, die unterdessen bei Band 47 angekommen ist. In meinem Bücherregal nimmt Barth nicht weniger als vier Meter ein. Einem Menschen, der sich heute dieses Werk selbst erschließen will, wird also viel zugemutet. Er muss nicht nur die andere Zeit verstehen, in der es entstand. Er muss sich an die Sprache und an den Denkstil gewöhnen, den Barth pflegte. Das ist eine sich vorwärts tastende Sprache und ein sich gewissermaßen in Spiralen bewegendes selbstreflexives Denken, das die eigenen Einsichten immer aufs Neue noch einmal aufnimmt, um sie in Nuancen zu präzisieren und weiter zu entwickeln. Man kann diesen Denk- und Sprachstil sogar den Manuskripten ansehen. Sie zeigen uns eine Art Fließtext fast ohne Absätze, die dann erst später für den Druck eingefügt wurden. Das Geschriebene in der Ursprungsfassung sieht aus wie ein Strom, auch wenn der immer wieder durch Selbsteinwendungen und Umwege verlangsamt wird. „Wir müssen jetzt noch tiefer bohren“, lautet z.B. eine immer wieder kehrende Wendung in der „Kirchlichen Dogmatik“, mit der ein neuer Gedankenschritt eingeleitet wird. Weithin gewinnt diese Dogmatik darum ein fast epische Breite. Man muss sich Zeit nehmen, wenn man Barth liest. Für das heute in den schnellen Bachelor- und Masterstudiengängen so beliebte Verfahren, ein paar Seiten aus einem Buch in „hand-outs“ zugänglich zu machen, eigenen sich diese Texte überhaupt nicht. Es ist also für einen jüngeren Menschen nicht ganz einfach, Karl Barth durch seine Texte heute zum „Gesprächspartner“ zu gewinnen.

         Die andere Seite der Sache ist, dass diejenigen, die in jenem Strom eintauchen, in Gefahr geraten, einfach mitzuschwimmen und dabei das eigene „Nachbohren“ zu vergessen. Das hängt auch damit zusammen, dass Karl Barths Sprache weithin einen kerygmatischen, verkündigenden Charakter hat und sogar bekenntnishafte Züge annimmt. Die „Kirchliche Dogmatik“ will ja kritische Prüfung der Verkündigung und Praxis der Kirche sein und zielt zugleich auf eine bestimmte Art dieser Verkündigung und Praxis. Zumal wenn es um Sein und Nichtsein der Kirche ging, wie es in der Zeit des Nationalsozialismus der Fall war, drängt sie auf die Verbindlichkeit der theologischen Einsichten, die der Kirche helfen, wahrhaft Kirche Jesu Christi zu sein. Das hat da und dort nach 1945 in den Landeskirchen dazu geführt, dass Barths Theologie eine Art Haus- und Hoftheologie wurde und das Phänomen des Barthianismus entstand. Barth war dann nicht mehr „Gesprächspartner“, sondern Haupt einer theologischen Schule, die seine Einsichten nur wiederholte.

         Im Sinne unseres Baselers war das nicht. Gefragt, was er denn von „Barthianern“ halte, hat er geantwortet: „Ich bin jedenfalls keiner“. Er wollte „Gesprächspartner“ von Theologie und Kirche sein, der sie (wie Johannes mit seinem langen, ausgestreckten Zeigefinger auf dem Isenheimer Altar) immer aufs Neue auf ein Ereignis hinweist, an dem sie sich zu orientieren hat. Er wollte sie nicht auf noch so richtige theologische Prinzipien oder Systeme festlegen. Voraussetzung dabei war allerdings, dass in Theologie und Kirche Einigkeit darüber herrscht, dass jenes Ereignis ihr Lebensquell in jeder Hinsicht ist. Nicht die Religion als Praxis menschlicher Frömmigkeit, nicht der Kultus, nicht das Walten Gottes in der Geschichte, nicht die Ethik mit ihren Werten und erst recht nicht die Politik garantiert der Kirche ihr Leben und erteilt ihr die Aufgaben. Das alles kann an seiner Stelle zu seinem Recht kommen. Aber das Entscheidende ist das Ereignis des Kommens Gottes in die menschliche Geschichte, das sich im Menschen Jesus ereignete und kraft des Wortes und Geistes Gottes Ereignis bleibt. Mit diesem Anfang haben Kirche und Theologie immer wieder aufs Neue anzufangen, wie Barth besonders gerne sagte. Sie haben sich nicht auf irgendeiner Kanalisierung dieses Anfangs auszuruhen oder jenen Anfang in allen möglichen „ismen“, zu denen dann auch der Barthianismus zu zählen wäre, abzutöten.

 

2. Theologie der Partnerschaft zwischen Gott und Mensch

Als ein Theologe, der auf die beschriebene Weise immer mit dem Anfang angefangen hat, verstand Karl Barth sich selbst und nicht zuletzt darum ist seine Dogmatik so dick geworden. Er hat immer schon Gedachtes im Lichte jenes Ereignisses immer noch einmal neu bedacht, Unzureichendes korrigiert, Vernachlässigtes neu gewürdigt und Abgelehntes noch einmal geprüft und ihm das Beste abgewonnen. Anders denn als „Gesprächspartner“, der sich auf außergewöhnlich intensive Weise mit der Frage beschäftigt, was die Zentralstellung des Ereignisses Jesus Christus für die Kirche, für die Welt und nicht zuletzt das eigene Leben bedeutet, konnte ich auch selbst Barth in seinem theologischen Denken gar nicht wahrnehmen, als ich – zunächst unbeleckt von allen Kenntnissen über Barths kirchliche und politische Bedeutung – vor nun beinahe 50 Jahren begonnen habe, in der „Kirchlichen Dogmatik“ zu lesen.

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an die Umstände, unter denen das geschah. Das war im Herbst 1961. Ich wohnte damals als Student in einem Zimmerchen im 4.Stock des Berliner Sprachenkonvikts, der halb illegalen Kirchlichen Hochschule der Berlin-Brandenburgischen Landeskirche-Ost. Durch das Fenster konnte ich direkt auf die gerade errichtete Berliner Mauer quer über die Gartenstraße sehen. Abends wurde sie angestrahlt und der Osten donnerte mit sog. Schallkanonen den Freiheitschor aus Verdis Nabucco in den Westen, worauf der Westen mit dem Freiheitschor aus Beethovens Fidelio antwortete. Vielleicht war’s auch umgekehrt. Ich aber las im Scheine einer funzlichen Lampe, die mir die Augen verdorben hat, in der „Kirchlichen Dogmatik“ III/2, der Theologischen Anthropologie. Denn mein Lehrer, der fast so jung war wie ich, Eberhard Jüngel, hatte gerade einen Aufsatz geschrieben, der noch heute als das Gescheiteste gelten kann, was zu Barths Anthropologie geschrieben wurde, aber den ich Anfänger in der Theologie trotzdem nicht recht verstanden hatte. Darum habe ich zum „Urtext“ gegriffen und bin in jenen Strom des Nachsinnens bis der Morgen graute und die Schallkanonen schwiegen, eingestiegen. Er erschloss mir Sichtweisen auf uns Menschen, die mir vorher noch niemals in den Sinn gekommen waren und er machte mir das Herz leicht. Denn mich faszinierte mit Blick auf die Mauer die Grundgestimmtheit dieser Lehre vom Menschen auf die Freiheit von uns Menschen vor Gott und der von einem feinen Humor unterfangene Realitätssinn, mit dem beschrieben wird, was wir Menschen aus dieser Freiheit machen.

   Seitdem ist Karl Barth ein „Gesprächspartner“ auf meinem theologischen Wege geblieben. Ich habe ihn nie persönlich kennen gelernt. Ein Stipendium für ein Studium in Basel, das er mir zugedacht hatte, durfte ich nicht annehmen, weil mir die DDR-Behörden als einem wegen „Hetze und staatsgefährdender Propaganda“ Verurteiltem die Ausreise verweigerten. So ist es bei einem Gespräch geblieben, wie es auch heute Jeder und Jede führen können, die sich einen Menschen durch die Texte begegnen lassen, in denen ausgedrückt ist, was er dachte und wollte und vielleicht sogar, was er war. Ich selber hege, das kann ich nicht verhehlen, so etwas wie Hochachtung vor dem Lebenswerk dieses Theologen. Denn was eigentlich auf den ersten Blick so selbstverständlich klingt, nämlich dass die christliche Theologie in jeder Hinsicht dem Zentralereignis des christlichen Glaubens, Jesus Christus, verpflichtet ist, erweist sich im Horizont der Theologie- und Kirchengeschichte und erst recht der Theologie, die heute nicht nur an den Universitäten getrieben wird, sicherlich nicht als selbstverständlich. Karl Barth hat die Entscheidung zu einer christozentrischen Theologie, die er zu Beginn der 30ger Jahre getroffen hat, mit den Worten beschrieben: „Ich hatte [...]zu lernen, daß die christliche Lehre ausschließlich und folgerichtig und in allen ihren Aussagen direkt oder indirekt Lehre von Jesus Christus als von dem uns gesagten lebendigen Wort Gottes sein muß, um ihren Namen zu verdienen und um die christliche Kirche in der Welt zu erbauen, wie sie als christliche Kirche erbaut sein will“ (How my mind has changed, in: Karl Kupisch [Hg.], Karl Barth, „Der Götze wackelt“, Berlin 1964, 2.Aufl., 185).

Barth hat damals sicherlich selber noch nicht abgesehen, was diese Einsicht für den Problembestand der christlichen Theologie und für Zumutungen an die Kirche bedeutete. Denn alle christliche Theologie, angefangen von der Alten Kirche bis zu den Kirchen der Reformation und erst recht zu den Kirchen und Theologien unter dem Eindruck der europäischen Aufklärung und der Neuzeit haben sich der Geltung des christlichen Glaubens auch ohne Jesus Christus mit Argumenten aus Vernunft und Wissenschaft, aus religiöser Erfahrung und Welterfahrung vergewissert und sie so abgesichert. Barths Theologie arbeitet ohne ein derartiges Netz. Sie atmet das Zutrauen dazu, dass Alles, was Menschen zwischen Himmel und Erde bewegt und umtreibt, vom Kommen Gottes in unsere Welt gehalten und orientiert ist.

Das führt in der „Kirchlichen Dogmatik“ zu einem Umbau und zu einer Neufassung fast aller dogmatischen loci, der in der Theologiegeschichte einzigartig ist. Gott im ewigen Anfang aller seiner Wege und Werke, der Kosmos und die Menschheit auf ihren Wegen, das Ende der irdischen Welt und der Tod werden in das Licht des in Jesus Christus begegnenden Gottes gestellt und in diesem Lichte der Geschichte der Gnade Gottes mit der Menschheit zugeordnet. Die Darstellung des Zentrums dieser Geschichte in der Versöhnungslehre ist schon rein architektonisch ein Meisterwerk. In der Sache entfaltet sie, dass das Verhältnis zwischen Gott und der Menschheit als Geschichte einer Partnerschaft zu verstehen ist, für die der menschenfreundliche Gott unter uns Menschen eintritt und uns befähigt, selber als freie Partnerinnen und Partner Gottes ein Leben zu führen, das wahrhaft menschlich zu heißen verdient.

Barth hatte seinen theologischen Weg mit der Auslegung des Römerbriefes einmal begonnen, indem er angesichts der religiösen Verweltlichung Gottes in der Kirche scharf und streng den „unendlichen qualitativen Unterschied zwischen Gott und Mensch“ einzuüben trachtete. In der „Kirchlichen Dogmatik“ dagegen ist er unermüdlich dabei, dem unendlichen Reichtum nachzudenken, der für die Kirche und die Menschheit im Zusammensein von Gott und Mensch, für das der Name Jesu Christi gut steht, beschlossen ist. Seine Theologie der Partnerschaft zwischen Gott und Mensch lässt ihn darum Gesprächspartner für Alle bleiben, die es als Aufgabe von Theologie und Kirche erkannt haben, inmitten der Fragen und Herausforderungen ihrer Zeit von den Möglichkeiten Gebrauch zu machen, die Gott als Partner und Freund der Menschen aller Welt und jedem Menschen erschlossen hat.

Es gäbe nun viele Möglichkeiten, das anhand engerer theologischer Fragen zu illustrieren. Barth hat z.B. große Verdienste um die Neubelebung des trinitarischen Denkens im vorigen Jahrhundert, um die Begründung und Entfaltung des Schöpfungsglaubens, um die Verbindung dogmatischer Reflexion und Ethik. Zur Eschatologie, also zur Entfaltung des Wesens der christlichen Hoffnung ist er nicht mehr gekommen. Das, was davon in der „Kirchlichen Dogmatik“ schon erkennbar ist, reizt aber zur eigenen Entfaltung. Seine Kritik an der Kindertaufe dürfte immer noch aktuell sein. Es gäbe also viele theologische Bereiche, in denen Barth auch heute ein äußerst inspirierender Gesprächpartner ist. Ich begnüge mich hier damit, an die Bedeutung zu erinnern, die er für den Weg der Kirchen Deutschlands nach 1945 und besonders für den Weg der Kirchen in der DDR hatte, um von dort aus die Notwendigkeit zu unterstreichen, mit seine Theologie auch heute im Gespräch zu bleiben,.

 

3. Karl Barth und die Kirche unter Druck

Um zu verstehen, worum es mir im Folgenden geht, ist es erforderlich, dass wir uns kurz das Profil der deutschen Kirchen nach 1945 vor Augen führen. Es hat nach dem Ende der Naziherrschaft viele Menschen gegeben, welche der „Bekennenden Kirche“ angehörten, die hofften, die Deutsche Evangelische Kirche würde sich auf der Grundlage der theologischen Einsichten, die in der Zeit des Kirchenkampfes gewonnen und in der Barmer Theologischen Erklärung formuliert worden waren, neu konstituieren. Ihnen schwebte eine Neuordnung der Kirche vor, welche sich von der Versammlung der Gemeinde und ihrem Verkündigungsauftrag und Dienst in der Partnerschaft mit Gott her vollzieht. Sie intendierten eine „bruderschaftliche Leitung“, wie es gemäß dem Verständnis der Kirche als „Gemeinde von Brüdern“ (Barmen III) und als Dienstgemeinschaft (Barmen IV) her geboten erschien. Sie wollten Institutionen der Kirche, die auf diesen Dienstauftrag hin durchsichtig sind und also selbst Zeugnischarakter haben.

Das alles waren Intentionen von Barths Verständnis der Kirche als einer „Zeugnis- und Dienstgemeinschaft“, die er später noch durch die wunderbare Formulierung, die Kirche sei die „vorläufige Repräsentantin der ganzen in Christus versöhnten Menschenwelt“, ergänzt hat. Dass der Neukonstitution der deutschen Landeskirchen nach 1945 solche Intentionen vor Augen schwebten, aber wird man ganz gewiss nicht sagen können. Es wurde vielmehr die Art und Verfassung der Kirchen wiederhergestellt, wie sie vor 1933 bestanden hatte, d.h. die Kirchen formierten sich – staatskirchenrechtlich abgesichert – als Religion in der Gesellschaft, deren Mitgliederschaft durch ein breites Spektrum religiöser Orientierungen charakterisiert ist und für die Teilnahme an Zeugnis und Dienst der Kirche nicht Bedingung der Mitgliedschaft ist. Nennen wir das kurz „Volkskirche“, obwohl es zu diesem Begriff viel zu sagen gäbe.

Aus der Sicht von Barths Verständnis der Kirche gehört zur Volkskirche jedenfalls auch die Möglichkeit, dass unter ihrem Dach bekennende Gemeinden entstehen und dass Kirchenleitungen und Theologie das, was die Kirche eigentlich ist und sein sollte, wach halten. Durch die Besetzung vieler Ämter durch Leute aus der Bekennenden Kirche ist das auch geschehen. Entsprechendes geschah bei der Besetzung der Lehrstühle an den theologischen Fakultäten. Zu meinen Lehrern zählt z.B. auch der Weggefährte Karl Barths Heinrich Vogel, der 1946 einen Lehrstuhl an der Humboldt-Universität Berlin bekam, obwohl er wissenschaftlich dafür nicht qualifiziert war. Im Übrigen aber bildeten sich in manchen Landeskirchen sogenannte „Bruderschaften“ von Theologen und auch von Theologinnen, die sich gewissermaßen als Stimme Karl Barths immer wieder in den Gang der kirchlichen und auch politischen Dinge zu Worte meldeten und einmischten.

So sah die kirchliche Landschaft in Deutschland im Grunde auch noch immer aus, als ich 1961 begann, mir die „Kirchliche Dogmatik“ zu erschließen. Nur eines hatte sich gravierend geändert: Die Kirchen des Ostens Deutschlands waren unter das Regime eines atheistisch ausgerichteten Weltanschauungsstaates geraten. Was das bedeute, war mir aus eigenem Erleben hautnah gegenwärtig. Dieser Staat zielte mit seinen Machtmitteln darauf, die Kirche, die er gemäß seiner Religionstheorie als Repräsentantin des „Klassenfeindes“ verstand,

wenn nicht zu eliminieren, so doch zu dezimieren und ihres Einflusses auf die Menschen zu berauben. Dabei zeigte sich bald, dass die lockeren Partizipanten an der „Volkskirche“ dem nicht viel Widerstand entgegen zu setzen hatten. Die Kirche verlor den Kampf um die Aufrechterhaltung der Konfirmation für alle Kinder christlicher Eltern. Die fügten sich der Jugendweihe und nahmen sie schließlich als selbstverständlich in ihre Lebensführung auf – eine Selbstverständlichkeit, die bis heute andauert. Repressionen und Drohungen vieler Art sorgten dafür, dass nach und nach immer mehr Menschen ihre Kirchenzugehörigkeit fahren ließen oder in den Westen flohen.

Karl Barth hat – sicherlich durch Berichte aus der DDR unterrichtet – die Situation der Kirche damals als die einer „Kirche unter Druck“ treffend beschrieben. Das ist nämlich eine Kirche, der durch eine allmächtige Staatspartei der Mund verschlossen werden soll; eine Kirche, die man von der Gesellschaft und insbesondere von der Jugend abschneiden will; eine Kirche, die man auf den Kult zu reduzieren und in den Winkel zu drängen trachtet, „um sie dort um so leichter lächerlich, verächtlich, auch wohl verhasst“ zu machen; die Kirche leider auch, deren „wichtigste Wortführer“ man von ihr zu isolieren versucht und die dann „vermöge der öffentlichen und geheimen Organe“ sehr energisch vom Staat selbst geführt werden soll (so KD IV/2, 750). Ganz richtig, ganz zutreffend, tausendfach belegbar ist diese Beschreibung der „Kirche unter Druck“.

Umso mehr aber hat es mich irritiert, wie Karl Barth sich zu dem Staat geäußert hat, der die Kirche Jesu Christi derartig unter Druck setzte. Es ist unvermeidlich, dass der theologisch-politisch argumentierende Gesprächspartner Karl Barth in den Blick tritt, wenn es um seine Bedeutung für die „Kirche unter Druck“ geht.

 

4. Eine schwierige Gesprächlage

Ich hatte damals am Beginn meines Studiums keine Ahnung von theologischen Staatstheorien. Aber es war mir klar, dass ich mir über diesen sozialistischen Staat ein auch theologisch haltbares Urteil bilden musste, wenn ich unter seiner, die Menschen ganz beschlagnahmenden Machtentfaltung ein Pfarrer werden wollte. Dazu hatte ich mich nach dem Aufenthalt im Zuchthaus entschlossen, weil ich mir sagte, dass aus diesem Lande nicht alle Christinnen und Christen weglaufen dürfen und dass es eine große Lebensaufgabe ist, unter diesen Bedingungen für die Wahrheit des Evangeliums einzutreten. Mir hat darum das Kirchenverständnis Karl Barths sofort eingeleuchtet. Es stärkt die Gewissheit, dass Gott die Kirche erhält, auch wenn in ihr nicht die „triumphierende Anhängerschaft einer sogenannten Weltreligion“ versammelt ist. Es übt die Verantwortlichkeit aller glaubenden Partnerinnen und Partner Gottes für das Zeugnis von Gottes Menschenfreundlichkeit und eines freien Menschseins in Wort und Tat ein. Beides wird dafür sorgen, dass das Evangelium in diesem Lande nicht verstummt – dachte ich mir.

Aber war im Evangelium nicht auch das Interesse daran verankert, dass der Staat seine Ordnungsaufgabe zugunsten der Menschen wahrnimmt? Ist eine Christin und ein Christ darum nicht auch verantwortlich für den Staat? Weil Karl Barths Theologie der Partnerschaft nun eben einmal das, was mir verschwommen vorschwebte, in eine gewisse Ordnung brachte, habe ich ziemlich bald, nachdem ich mit der Anthropologie durch war, „Rechtfertigung und Recht“ und „Christengemeinde und Bürgergemeinde“ gelesen. Dort aber las ich, dass das Evangelium eine „Affinität zur Demokratie“, zur Verantwortlichkeit Aller für den Staat hat. In dieser Verantwortlichkeit aber sei ein Staat, der seine Macht zur Verbreitung einer Weltanschauung einsetzt, ist, „rundweg zu verneinen“ (Rechtfertigung und Recht, ThSt 1, 1944, 42). In der letzten Vorlesung Barths in den Jahren 1959-1961, der Ethik der Versöhnungslehre, heißt es dementsprechend:  „Wenn die Macht sich vom Recht löst [...], dann entsteht [...] die Dämonie des Politischen“, die die Staatlichkeit des Staates zugrunde richtet wie im „Faschismus, im Nationalsozialismus, im Stalinismus“ (Das christliche Leben, Karl Barth, Gesamtausgabe II, Zürich 1976, 374; 377). Daraus war nur zur folgern, dass das Eintreten für einen demokratischen Rechtsstaat und nicht für einen Machtstaat zur Mission der Christenheit in diesem Lande gehörte.

Es hat mich darum, wie gesagt, irritiert, dass Karl Barth gerade diesen Gesichtspunkt nicht geltend gemacht hat, als im Jahre 1959 der sogenannte „Obrigkeitsstreit“ tobte. Er war vom Berliner Bischof Otto Dibelius, einem alten Kontrahenten Barths, ausgelöst worden. Dibelius hatte die Auffassung vertreten, einem Staat, bei dem die Macht das Recht dominiere, sei ein Christ in seinem Gewissen nicht zum Gehorsam verpflichtet. Das Verständnis des Staates als „Obrigkeit“ sei überhaupt geschichtlich überholt. Man müsse heute Römer 13 so lesen: Alle rechtmäßige und nicht die unrechtmäßige Gewalt sei von Gott. Dibelius hatte sich für diese Position auch ausdrücklich auf Karl Barth berufen. Die Schüler Barths in den Kirchenleitungen und in der Theologie aber verfochten mit Vehemenz die Ansicht, das jede gegebene Obrigkeit gleich welcher Art Gottes „Anordnung“ sei. Der Staat sei vom Evangelium „unter die gnädige Anordnung Gottes“ gerückt, die in Geltung steht, „unabhängig von dem Zustandekommen der staatlichen Gewalt oder ihrer politischen Gestalt“, lautete die Formel, die auf einer EKD-Synode von 1956 geprägt wurde.

Ich aber fand, dass diese Formel durch Barths theologisches Staatsverständnis nicht gedeckt ist. Er wollte den Staat doch gerade nicht als eine Anordnung Gottes gleich welcher Art verstehen. Die Rede von einem von Gott wie auch immer „gegebenen“ Staat kommt bei seiner Begründung des Staatsverständnisses nicht vor. Solcher Metaphysik des Staates an sich gräbt auch die 5. These der Barmer Theologischen Erklärung das Wasser ab. Denn sie sagt nicht, dass jeder Staat eine Anordnung Gottes sei, sondern das jeder Staat nach Gottes Anordnung in menschlicher Verantwortlichkeit bestimmte Funktionen wahrnehmen soll, nämlich für Recht und Frieden zu sorgen, was man vom DDR-Staat nur ziemlich eingeschränkt sagen konnte. Barth aber wurde in jenem Streit für die theologische Legitimation des nun einmal „gegebenen“ DDR-Staates, also als „Obrigkeit“ in Anspruch genommen. Sie geriet darum in die Nähe der von Barth bekämpften „Zwei-Reiche-Lehre“, die in der DDR an hervor gehobener Stelle der Thüringische Bischof Moritz Mitzenheim vertrat. Er billigte der in diesem Staat konzentrierten „Diktatur des Proletariats“ fast alles zu, weil Gott mit seinem Gesetz die Welt nun einmal nach anderen Gesetzen regiert als die Kirche.

Für mich Studienanfänger war das damals alles sehr verwirrend. Ich habe mir darum Barths „Brief an einen Pfarrer in der DDR“ aus dem Jahre 1958 vorgenommen, der in der DDR nie veröffentlicht werden durfte. In diesem Brief versuchte Barth auf die mit vielen Erzählungen von unerträglichen Machttaten des DDR-Staates illustrierten Fragen dieses Pfarrers zu antworten. Er hat sich damit große Mühe gegeben und nichts klein geredet. Dennoch empfahl er der DDR-Christenheit „Loyalität“ gegenüber diesem Staat; eine Loyalität allerdings, die „den Vorbehalt der Gedankenfreiheit gegenüber der Ideologie, aber auch den Vorbehalt des Widerspruchs, eventuell des Widerstandes gegen bestimmte Explikationen und Applikationen einer vorgegebenen (sic!) Staatsordnung in sich“ bergen (Brief, 429). Geschluckt habe ich jedoch, als Barth zu erwägen gab, ob der stark an der sozialen Frage orientierte Totalitarismus des kommunistischen Staates nicht als „arg verzerrtes und verfinstertes [...] Gleichnis“ der aufs Ganze gehenden freien Gnade Gottes zu verstehen sei (Offene Briefe 1945-1968, Karl Barth, Gesamtausgabe V, 1984, 421). Diese Erwägung war für einen jungen Menschen wie mich, der ein Stasi-Gefängnis beim besten Willen nicht als Abglanz der freien Gnade Gottes wahrzunehmen vermochte, gänzlich nicht nachvollziehbar. Dass mir Barths Intention jenes Briefes dennoch nahe blieb, verdankt sich paradoxerweise einem schweren Schnitzer, den er sich gegen Ende dieses Briefes geleistet hat.

Da grüßt er nämlich die Menschen in der Mark, in Pommern, in Thüringen und Sachsen und anderen Landen und dazwischen auch im „Warthegau“(a.a.O., 438). Der Warthegau aber war seit 1945 ein Teil der Volksrepublik Polen. Bei aller Anteilnahme an der Situation der Christenheit in der DDR aus der Ferne hatte Barth von der Realität dort offenkundig keine rechte Vorstellung. Seine Position war, dass es darauf ankomme, dass sich die Kirche ihre Freiheit gegenüber den in den „kalten Krieg“ verwickelten westlichen wie östlichen Lagern erhalten müsse und keine Partei für eines der Lager ergreifen dürfe. Dass Dibelius das tat und die Kirche mit dem „westlichen Lager“ verwechselbar machte, hat er ihm vorgeworfen. Doch seine eigene Position war zweifelsfrei auch mit der westlichen politischen Perspektive verbunden. Denn seine Kritik am Westen zielte auf die westliche Politik der Abgrenzung und Verteufelung des Ostens. Sie war aber keine Infragestellung der demokratischen Konstitution der westlichen Gesellschaft; im Gegenteil: Barth hat immer wieder hervor gehoben, dass sie entschieden gegenüber dem Totalitarismus des Ostens vorzuziehen sein. Der Christenheit im Osten aber empfahl er, ohne hinreichende innere Begründung (verfinstertes Gleichnis der Gnade!), sich dem vorgegebenen Staatswesen zu fügen und in Einzelfällen „Widerspruch, ja Widerstand“ zu leisten.

 

5. Theologie, Ideologie und die Atmosphäre der Freiheit

Faktisch-praktisch ist so denn ja auch so gekommen, wie Barth es geraten hatte. Was diesem Staat an demokratischer Grundlegung fehlte, wurde von der Kirche in Hinblick auf die verschiedenen Gesellschaftsbereiche, in denen Unrecht geschah, angemahnt. Die 10 Artikel der Konferenz der Kirchenleitungen in der DDR über „Freiheit und Dienst der Kirche“ von 1963, die schon rein sprachlich „barthisch“ geprägt sind, sind ein guter Anschauungsunterricht dafür. Das Problem war nur: In einem totalen Staatswesen bedeutet die Infragestellung im Einzelnen die Infragestellung im Ganzen. Ich habe daraus für mich selbst den Schluss gezogen, dass die Kirche in dieser Gesellschaft nicht nur dieses und jenes Versatzstück der Demokratie schätzt, sondern in Freiheit und Ohnmacht selber Trägerin des demokratischen Staatsverständnisses ist und ihr Widerspruch im Einzelnen die Perspektive der Demokratisierung dieses Staates und dieser Gesellschaft hat.

Veröffentlichen konnte man das in der DDR nicht, auch wenn es mir gelang, die Zensur zu überlisten und diese Ansicht zwischen den Zeilen meiner in der Evangelischen Verlagsanstalt veröffentlichten Barmen V-Auslegung zu platzieren. Ein gemeinsamer Theologischer Ausschuss der EKU zu Barmen V aber kam übrigens deshalb nicht zustande, weil absehbar war, dass hier in dieser Sache Farbe zu bekennen sei. Aber dass selbst Menschen, die den Eindruck erweckten, die Grundkonstitution dieses Staates zu bejahen, heimlich meiner Meinung waren, zeigt die Äußerung von Albrecht Schönherr, eines der späteren Protagonisten der „Kirche im Sozialismus“, in seiner Biographie. „Der Staat der DDR und die Partei, die die tatsächlich regierende Macht war“, sagt er da, „haben nach meiner Überzeugung stets an ihrem 'Geburtsfehler' gelitten, daß das deutsche Volk sie nicht frei gewählt hat“ (Aber die Zeit war nicht verloren. Erinnerungen eines Altbischofs, Berlin 1993, 358). Vor Tische las sich das anders – leider.

Aber es gab auch nicht wenige, die Barths Kritik an der westlichen Politik im kalten Kriege und seine Versuche, dem real-sozialistischen Staats- und Gesellschaftswesen das Beste abzugewinnen, auf die Mühlen des Selbstverständnisses des DDR-Staates geleitet haben. SED und Ost-CDU haben versucht, das für ihre Propaganda auszunutzen. Nebenbei: Eine absurde Fußnote dessen hat Barth auf köstliche Weise beschrieben. Zu seinem 80. Geburtstag tauchte zur Verwunderung des ganzen Baseler Bruderholzes nämlich eine „riesige russische Limosine“ vor seinem Hause auf, in dem – bewaffnet mit einem Meißner Tee-Service – der Staatssekretär für Kirchenfragen Seigeweiser und der Ost-CDU-Vorsitzende Götting saßen. Es gibt auch einen Stasibericht von diesem Besuch. Darin haben die Funktionäre bekundet, dass Barth ihnen „unsympathisch“ sei.

Doch die Anspruchnahme Barths für den DDR-Sozialismus hatte auch eine ziemlich ernste Seite, die uns besonders in Berlin arg zu schaffen gemacht hat. Der Schüler von Heinrich Vogel Hanfried Müller entwarf nämlich unter Berufung auf Barth und Dietrich Bonhoeffer ein Konzept der völligen Bejahung der marxistisch-leninistischen Weltanschauung durch die Kirche, bei dem jegliche Kritik am Staat als „Klerikalismus“ ausgeschlossen wurde. „Barthianismus“ wurde auf Staatsebene gar zur Bezeichnung dieses Konzepts, als Müller Mitte der 60ger Jahre mit Hilfe des Staatssicherheitsdienstes versuchte, eine „linkbruderschaftliche“ Fakultät an der Humboldt-Universität zu errichten. Das Gespräch mit Karl Barth wurde durch diesen und andere Vorgänge, die zu schildern hier zu weit führen würde, zugleich zur Auseinandersetzung über das rechte Verständnis der Theologie Barths.

Zu einer vergleichbaren Auseinandersetzung forderte in den 70ger und 80ger Jahren aber auch die sozialistische Lesart der Theologie Barths in der Bundesrepublik und in Westberlin heraus. Barth wurde hier in Anspruch genommen, um die Notwendigkeit der sozialistischen Umgestaltung des „kapitalistischen Systems“, ja sogar eine „Revolution“ im marxistischen Sinne zu begründen und zu fordern. Ich erinnere mich noch gut an eine der ersten Reisen, die mir 1979 zu einer Leuenberg-Barth-Tagung in die Schweiz erlaubt wurde. Das war herrlich. Vier Tage Urlaub von der Diktatur! Doch er wurde nicht die reine Freude. Denn auf dem Leuenberg begegnete mir der sog. „Linksbarthianismus“ nicht nur in Büchern und Schriften, sondern zum ersten Mal in Breite life. Zu meinem großen Erstaunen wollten mir da viele seiner Vertreter beibringen, dass ich in der DDR eigentlich im Grundsatz in einer besseren Gesellschaftsordnung als sie lebte, deren kleine Mängel sicherlich bald überwunden werden würden. Sie waren enttäuscht von mir, dass ich diese Ansicht gar nicht teilen konnte und die Festlegung der politischen Ethik Barths auf die Ideologie des Marxismus als einen Missbrauch seines Wollens ansah. Sie konnten mich deshalb auch nicht dafür gewinnen, auf einer Tagung, die seiner Theologie galt, am Abend in die „Internationale“ einzustimmen.

Ich mache einen Sprung. Das Ende der DDR gehört in den großen Zusammenhang des Scheiterns des sozialistischen Weltsystems. In der DDR war es damit verbunden, dass das in der Kirche hier verbreitete demokratische Staatsverständnis öffentlich laut und öffentlich wirksam wurde. Post festum aber hat es unserer Kirche und auch der Theologie mit Recht eine kritische Aufarbeitung ihrer Vergangenheit zur Aufgabe gemacht. Sie hat viel ans Licht gebracht, auf das wir wirklich nicht stolz sein können. Ich meine damit nicht bloß die spektakulären Fälle der heimlichen und offenbaren Verquickung der Kirche und der Theologie mit der Partei- und Staatsmacht. Ich meine Alle, welche in diesem Weltanschauungsstaat versucht haben, der Kirche und der Stimme des Evangeliums eine Zukunft zu geben, welche auch irgendwie mit den Repräsentanten der Macht abzustimmen war. Aus diktatorischen Verhältnissen der geschilderten Art kommt am Ende niemand als ganz weißes Schaf heraus, zumal niemand damit gerechnet hat, dass wir da überhaupt heraus kommen. Aber die Aufarbeitung fand wenigstens statt, auch wenn sie zu manchen schmerzliche Fehlurteilen im Nachhinein geführt hat.

Das jedoch kann man von der Inanspruchnahme der Theologie Karl Barths für den Sozialismus in der Bundesrepublik nicht in vergleichbarer Weise sagen. Von einigen Ausnahmen abgesehen haben die Meisten, die sich daran in Kirche und Universität beteiligt haben, als der real-existierende Sozialismus am Ende war, mit dem Barth-haft theologisch unterfütterten Marxismus bloß sang- und klanglos aufgehört und sich anderen Ideologien zugewandt. Das hat – um es vorsichtig zu sagen – die Stimme Karl Barths in der Kirche und in der theologischen Wissenschaft von heute nicht gerade gestärkt, sondern seinen Teil zum Anwachsen von Vorurteilen gegenüber seiner Theologie beigetragen.

Ich kann heute kaum einen Vortrag zu Themen von Barths Theologie halten, ohne mich mit den immer wieder aktualisierten Einwänden auseinander zu setzen, sein Denken sei totalitär und autoritär, Menschen in ihrer Wirklichkeit vergewaltigend wie der Sozialismus. Damit ich demgegenüber nicht meinerseits in einer fruchtlose Polemik gegen den Kulturprotestantismus von heute verfalle, dessen Vordringen in Kirche und Theologie ja unübersehbar ist, wappne ich mich für solche Aufgaben, Barth zu interpretieren, einfach damit, dass ich seine Texte mit seinen „Bohrungen“ im Geiste des Evangeliums lese als wäre es das erste Mal. Dabei ergeht es mir fast regelmäßig so, dass ich auf etwas stoße, was ich bisher übersehen hatte und was mich zum kritischen Weiterdenken anregt.

Noch mehr aber ist es die eigenartige Atmosphäre von Freiheit, Entschiedenheit und Humor, welche diese Texte der Partnerschaft zwischen Gott und uns Menschen atmen, die mich da anrührt und bewegt. Ich wünschte mir, eine heran wachsende Generation von Theologinnen und Theologen würde sie zum Segen unserer Kirche als Zeugin der Partnerschaft von Gott und uns Menschen im Unterschied zum Bierernst von religiös verbrämten Ideologien schätzen lernen und selbst verbreiten.


 
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