< Partnerschaft im Dienst Jesu Christi. Zur aktuellen Bedeutung von Karl Barths Verständnis der Kirche
31.03.2019 17:42 Alter: 88 Tag(e)
Kategorie: Predigten

Markus 14, 43-52

Predigt am 31. März 2019 in der Alten Pfarrkirche Berlin-Lichtenberg


Liebe Gemeinde,

im Rahmen der Predigtreihe zur Passionsgeschichte Jesu wollen wir uns heute durch den Bericht des Markusevangeliums von der Verhaftung Jesu das Herz, aber auch den Verstand bewegen lassen. In diesem Bericht spitzt sich zu, was sich auf Jesu ganzem Wege ankündigt. Seine Verkündigung des Anbruchs des Reiches der Liebe und Gerechtigkeit Gottes steuert auf eine Katastrophe zu. Jesus selbst wird im Garten Gethsemane von der Angst heimgesucht, Gott habe sich von ihm abgewendet. Mit dieser Angst lassen ihn seine Jünger allein. Sie schlafen. Jesus muss sie aufwecken, als die Büttel heran nahen, die ihn an diesem stillen Ort ohne Aufsehen gefangen nehmen wollen. Im Anschluss daran heißt es:

Und sogleich, während Jesus noch redet, kommt Judas herbei, einer von den Zwölfen, und mit ihm im Auftrag der Priester, Schriftgelehrten und Ältesten eine Schar mit Schwertern und Knüppeln. Der Verräter aber hatte mit ihnen ein Zeichen verabredet und gesagt: Den, welchen ich küssen werde, der ist es. Den nehmt fest und führt ihn sicher ab. Und er kommt und geht sogleich auf ihn zu und sagt: Rabbi! Und er küsste ihn. Sie aber ergriffen ihn und nahmen ihn fest. Doch einer von denen, die dabei standen, zog das Schwert, schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab.

Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen; mit Schwertern und Knüppeln, um mich gefangen zu nehmen. Tag für Tag war ich bei euch im Tempel und lehrte und ihr habt mich nicht gefangen genommen. Aber die Schriften sollen erfüllt werden. Da verließen ihn alle und flohen.

Ein Jüngling aber folgte ihm. Der war mit einem Leinentuch auf der bloßen Haut bekleidet. Sie greifen nach ihm. Er aber schlüpfte aus dem Leinentuch und floh nackt.

Natürlich, liebe Gemeinde, fragen wir uns bei diesem Ende der Geschichte von der Verhaftung Jesu sofort, was denn das für eine merkwürdige Figur ist, die da mitten in der Nacht nackt durch den Garten Gethsemane rennt. Niemand weiß, wer das sein soll. Seine Erwähnung sei deshalb für das Verständnis der Passion Jesu Christi „völlig bedeutungslos“, habe ich neulich gelesen.

Doch will uns Markus, dessen ganzes Evangelium sich in der Passionsgeschichte zuspitzt, ausgerechnet hier etwas völlig Bedeutungsloses mitteilen? Zweifel sind angebracht. Darum blicken wir, um dem Geheimnis dieses Jünglings auf die Spur zu kommen, zunächst einmal auf den Vorgang der Verhaftung, wie ihn Markus erzählt.

Es beginnt damit, dass einer von Jesu Getreuesten sich als Spitzel verdingt hat, um eine unauffällige Verhaftung Jesu im Dunkel der Nacht zu arrangieren. Das ist ja die Methode von Unrechtsregimen bis heute geblieben: Menschen bei Nacht und Nebel aus dem Bette zu holen, um Aufsehen zu vermeiden. Besonders widerlich ist, wenn dabei auch noch Menschen dazu gebracht werden, ihre Freunde zu verraten. Im Falle von Judas ist es sogar eine Geste intimer Verbundenheit, ein Kuss, in welcher das Gift des Verrats steckt. Der „Judaskuss“ ist darum geradezu sprichwörtlich für ein gemeines, hinterlistiges Verhalten von Menschen geworden.

Bei dem Bericht des Markus aber fällt auf, dass vom diesem Judaskuss ganz nüchtern, ohne eine Regung der Empörung berichtet wird. Kommentarlos wird auch geschildert, dass da einer von Jesu Anhängern doch Widerstand leistete und einem Polizisten ein Ohr abschlug.

Normalerweise löst so etwas ja einen Tumult aus und ein solcher Widerständler gegen die Staatsgewalt kommt nicht ungeschoren davon. Die anderen Evangelien berichten denn auch davon, dass Jesus, um einen derartigen Tumult zu vermeiden, dieses Ohr wieder angeheilt und sich ausdrücklich gegen die Gewalt ausgesprochen habe.

Bei Markus fehlt diese Episode. Vielleicht ist sie beim Abschreiben des Evangeliums auch verloren gegangen. Sie, liebe Schwestern und Brüder, haben als auf aufmerksame Hörerinnen und Hörer unseres Textes sicherlich ja auch den Bruch in der Erzählung bemerkt. Nach der Schilderung des Ohrhiebs heißt es nämlich: „Jesus aber antwortete ihnen und sprach“, obwohl gar nichts gesagt worden ist, worauf er antworten konnte. Doch diese Lücke fällt im Fortgang der Erzählung gar nicht ins Gewicht. Viel wichtiger ist, wie Jesus selbst seine Verhaftung beurteilt: Er sagt: „Aber es müssen die Schriften erfüllt werden“.

Gemeint sind die Schriften des Alten Testaments. Unklar ist, welche Schriften genau gemeint sind. Am ehesten könnte man an Stellen im Alten Testament denken, wo vom unausweichlichen Leiden des Gerechten die Rede ist. Jesus sagt dann mit diesem Hinweis auf die „Schriften“: Was mir passiert, ist kein Zufall. In der Heiligen Schrift ist es vorgesehen. Es muss sein. Es steckt eine Absicht Gottes dahinter.

Die Reaktion der Jünger Jesu darauf ist erschreckend. Sie verlassen ihn alle und fliehen. Nicht die Truppe mit Schwertern und Knüppeln treibt sie in die Flucht. Erst als Jesus sagt, dass hier Gottes Wille erfüllt wird, suchen sie das Weite. Für Gott zu leiden, bei Jesus in seinem Leiden zu stehen, war ihre Sache nicht. Nur einer folgt ihm.

Die kirchliche Auslegung sich nun schon beinahe 2000 Jahre lang den Kopf darüber zerbrochen, wer das wohl sein könnte. Die beliebteste Auslegung ist, dass sich der Evangelist Markus hier selbst ein Denkmal gesetzt hat. Doch zu solcher Selbststilisierung will die merkwürdige, ja peinliche Aufmachung dieses Jünglings gar nicht so recht passen. Unsere Lutherbibel hat diese Merkwürdigkeit ein bisschen verschwinden lassen, indem sie übersetzt: Der Jüngling sei mit einen Leinengewand, also mit einem damals üblichen Kleidungsstück bekleidet gewesen. Doch der griechische Begriff, den Markus hier verwendet, bedeutet schlicht Leinentuch oder auch „Laken“.

Markus will uns also offenkundig sagen, jener Jüngling habe keine Zeit gehabt, sich richtig anzuziehen. Er wird uns geschildert wie einer, der unbekleidet geschlafen und sich schnell das Bettlaken über die nackte Haut geworfen hat, um zum Ort der Verhaftung Jesu zu eilen. Das erklärt auch, warum er sich so fix aus dem locker auf dem Körper liegenden Leinentuch wickeln konnte, als die Häscher Jesu ihn zu packen versuchten. Nur warum in aller Welt legt Markus in seinem sonst so knappen Text solchen Wert darauf, uns ausgerechnet diesen Vorgang so genau zu erzählen?

Ausscheiden können wir sicherlich eine eher lächerliche Erklärung, die das sog. „geheime Markusevangelium“ gibt, das angeblich Mitte des 2. Jahrhunderts in Alexandrien existiert haben soll. Aus diesem Evangelium ist nur eine Geschichte bekannt. Sie wird vom Leiter der Katechetenschule von Alexandrien, Clemens, in einem Brief wiedergegeben. Demnach soll es sich bei unserem Jüngling um den auferweckten Lazarus gehandelt haben. Diesem Lazarus, von dem es auch heißt, es sei bloß mit einem Leinentuch bekleidet gewesen, habe Jesus eine Nacht lang die „Geheimnisse des Reiches Gottes“ erklärt. Clemens wehrt sich in jenem Brief dagegen, dass das bedeute, Lazarus sei der Geliebte Jesu gewesen. Diese Geschichte wird heute natürlich genüsslich ausgeschlachtet. Im Internet finden sich über 4000 Einträge dazu. Auch der Schlagersänger Roberto Blanco hat sich des Themas angenommen. Nichts desto trotz ist jener Clemensbrief ein Fälschung, die wir vergessen können.

Sinnvoller ist es, auf  Jesu eigenen Hinweis auf die Schriften des Alten Testaments zu achten. Wo da von der Flucht nackter Menschen die Rede ist, haben wir vorhin bei der Lesung aus dem Propheten Amos gehört. Die mutigen Helden fliehen nackt, wenn Gott Gericht über sein untreues Volk hält. Sie sind – entkleidet all ihrer Uniformen, Waffen und sonstigen Gehabes bloß jämmerlich. Sie bieten nur das beschämende Bild von Menschen, die sich wie einst Adam und Eva fliehend irgendwohin verkriechen müssen, damit nicht offenbar wird, welches Unheil sie angerichtet haben.

Wollte uns Markus vielleicht, indem er den fliehenden nackten Jüngling in die Nachbarschaft mit den fliehenden Helden Israels rückte, etwas Ähnliches sagen? Versuchte er anzudeuten, dass mit dem Sterben Jesu ein Gericht Gottes über uns Menschen herein bricht, dem niemand standhalten kann? Dann wäre der nackt fliehende Jüngling so etwas wie eine Symbolfigur für die in Gottes Gericht verlorenen Menschen. Ihre Bekleidung mit Macht, Ehre und Mut kann, wenn Gott ernst macht, so leicht herunter gerissen werden wie ein übergeworfenes Laken. All das Bestreben von Menschen, sich mit einem Lebensgewand zu kleiden, das etwas hermacht, wird hier zunichte. Wenn Gott Gericht hält, kann keine Bekleidung bedecken, wer wir wirklich sind.

Man zögert, liebe Gemeinde, sicherlich mit Recht, dem nackten Jüngling eine derartig große Bedeutung zuzusprechen. Es ist aber auch nicht beiseite zu schieben, dass in den mit der Passionsgeschichte Jesu einhergehenden Fluchtgeschichten seiner Anhänger so etwas wie eine menschliche Urangst zur Realität wird. Das ist die Realität, in der Menschen entblößt von allen schützenden Hüllen, die sie sich überwerfen, nur noch die Flucht ins Dunkel bleibt, wo keiner mehr sehr sieht, wer sie in Wahrheit sind. Das ist die Realität, in der Menschen wie die feigen, untreuen Jüngern und der letztlich lächerliche nackte Jüngling am liebsten vor Scham in den Boden versinken möchten.

Der andere Text aus dem 2. Korintherbrief des Apostels Paulus, den wir vorhin gehört haben, geht sogar noch weiter. Für ihn ist unser ganzes irdisches Dasein so eine Hülle, von der, wenn wir sterben, nichts weiter übrig bleibt, als ein nacktes, bedeutungsloses, sinnloses Stück Fleisch. Seine Christuserfahrung war allerdings so, dass sich das Leben Gottes durch den Kreuzigungstod Jesu hindurch stärker erwiesen hatte als der Tod. Wenn wir sterben – war seine Gewissheit – wird unser Leben auch so ausgehen wie das Sterben Jesu ausging. Gott wird uns mit seinem ewigen Leben überkleiden. Wir werden darum nicht nackt dastehen, wenn unser Leben zu Ende geht. Gott wird uns so bekleiden, dass wir uns in niemals mehr zu schämen und vor seinem Gericht niemals mehr zu fliehen brauchen.

Für Markus – vermutlich ein Begleiter von Paulus und mit seiner Verkündigung vertraut – wäre es darum schon einigermaßen verwunderlich, wenn er der beschämenden Nacktheit eines fliehenden Menschen das letzte Wort über die erteilen würde, die mit Jesus auf dem Wege waren. Bei der Nacktheit unseres Jünglings kann es nicht bleiben, wenn die den Tod Jesu besiegende Gotteskraft auch die Seinen umfängt und sie überkleidet, wie Jesus Christus selbst. Darum kommen wir nicht umhin, liebe Gemeinde, zum Schluss noch auf eine letzte Eigentümlichkeit des Markusevangeliums hinweisen. An seinem Ende begegnet nämlich tatsächlich ein – angezogener Jüngling. Das Evangelium schließt so, dass drei Frauen nach dem Grabe Jesu sehen wollen. Als sie ankommen, treffen sie aber im Grabe nur einen mit einem „langen, weißen Gewand“ bekleideten Jüngling an. Er sagt ihnen, dass Jesus auferstanden ist, überkleidet mit Gottes ewigem Leben. Sie sollen nach Galiläa gehen, wohin die Jünger geflüchtet waren. Dort wird er ihnen erscheinen.

Die Evangelien von Matthäus und Lukas, die schon mit dem nackten Jüngling nichts anzufangen wussten, haben mit dem angezogenen erst recht nichts im Sinne gehabt. Sie haben ihn in zwei Engel verwandelt. Das ist insofern verständlich, als weiße Gewänder in der Sprache der Bibel die Kennzeichen von Engeln sind.

Weiße Gewänder tragen zum Zeichen ihrer Reinheit in den Bibel aber auch die aus dem Gericht Gottes erretteten Menschen. Auszuschließen ist es deshalb nicht, den Jüngling am Grabe als Repräsentanten der Menschen zu verstehen, die am neuen Leben Jesu Christi Anteil gewonnen haben. Oder sollte es bloß ein gedankenloser Zufall sein, dass Markus die Passionsgeschichte Jesu mit einem nackt fliehenden Jüngling und die Auferstehungsgeschichte mit einem überkleideten Jüngling beginnen lässt?

Niemand kann das mit Sicherheit sagen. Aber so wie wir heute das Markusevangelium anhand der Geschichte von Gefangennahme Jesu kennen gelernt haben, müssen wir doch dafür offen sein, dass dieser Evangelist uns mehr bieten will als nur irgendeine platte Reportage. Mit seiner knappen und dennoch bedeutungsschweren Darstellungsweise fordert er uns vielmehr heraus, den Spuren, die er gelegt hat, selber nachzugehen. In diesen Spuren aber werden wir nicht nur vor die Abgründe des Lebens von Menschen geführt, die sich bei der Passion Jesu Christi auftun. Sie weisen auch einen Weg, auf dem das Licht neuen Lebens aufscheint.

Nur darum kann die Passionsgeschichte zum Evangelium, zur guten Botschaft für uns werden. Es geht hier sehr wohl darum, wie jämmerlich nackt und beschämt wir dastehen, wenn es gilt, für unser Leben vor Gott gerade zu stehen. Aber es geht noch mehr darum, dass es bei dieser Nacktheit nicht bleibt, wenn Gott uns mit dem Leben aus dem Tode von dem Einen bekleidet, der nicht geflohen ist.

In jenem Jüngling, der nackt flieht und bekleidet Botschafter des Lebens aus Gottes ewigem Leben für uns wird, können wir uns deshalb selbst wieder erkennen. Wohl sind wir nackt, wenn wir vor Gott alle übergeworfenen Laken über unser Leben fallen lassen müssen. Aber noch mehr zählt das Kleid des Lebens Jesu Christi aus dem Tode, das Gott uns anzieht. Amen.


 
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