< Herausforderung; Gottesvergessenheit. Wie können Kirche und Theologie das massenhafte Vergessen in Europa unterbrechen?
07.09.2018 11:36 Alter: 42 Tag(e)
Kategorie: Predigten

Von Jesus Sanftmut lernen (Galater 5,25 - 6,2)

Predigt in der Luther- und Nordendgemeinde Berlin am 09. September 2018


Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist unser Leben führen. Lasst uns nicht nach eitlem Ruhm trachten, einander nicht herausfordern und beneiden. Brüder und Schwestern, wenn ein Mensch etwa bei einer Verfehlung ertappt wird, so helft ihm wieder zu Recht mit einem Geist der Sanftmut, ihr, die ihr geistlich seid. Und sieh‘ auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des anderen Last. So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

 

Liebe Gemeinde,

wo immer eine Gruppe oder gar eine Masse von Menschen versammelt sind, herrscht eine bestimmte Atmosphäre. Das ist so ein Klima gemeinschaftlicher Stimmung der Gefühlswelt, die von solchen Gruppen oder gar von Massen, die sich versammeln, ausgeht.

Wer von außen dazu tritt, bemerkt sofort, ob er es z.B. bei einer Familie mit einem freundlichen, unfreundlichen oder gereizten Klima zu tun bekommt. Ihn kann die Stimmung anziehen oder abstoßen, die in einer Parteiversammlung, in einem Sportverein, in einem intellektuellen Debattierclub, bei einer Demo oder bei einem Rockkonzert herrscht.

Atmosphärische Stimmungen sind ohne Zweifel nicht bloß Luft- oder Seifenblasen, die über uns bedeutungslos zerplatzen. Atmosphärische Stimmungen sind vielmehr die harte Wirklichkeit, in der wir uns täglich in unserer Gesellschaft und unter Menschen bewegen. Die Stimmung am Arbeitsplatz, die Atmosphäre in der Familie, beim Besuch von Behörden (in Berlin besonders prickelnd!), in der Straßenbahn oder wo immer es sei, besorgt uns ein Wohlsein oder Unwohlsein, das unser Lebensempfinden tagtäglich aufleben lässt oder niederdrückt.

Heutzutage sind es in ja besonders die Medien, die für Stimmungen in unserer Gesellschaft sorgen, welche Menschen so oder so regelrecht beherrschen. Da gibt es Stimmungen des Hasses, in die sich Menschen durch das Internet und andere Kanäle hinein ziehen lassen, so dass es dann zu solchen Ausbrüchen von Gewalt kommt, wie jetzt gerade  in Chemnitz. Da gibt es Stimmungen, welche Menschen beflügeln, sich für eine menschenfreundliche Gesellschaft zu engagieren, die aber auch Verachtung für die Menschen verbreiten, die nicht mit den Ideen für eine solche Gesellschaft zusammenstimmen. Das gibt es Stimmungen, die unser Leben auf den Ton der Sinnlosigkeit stimmen und Menschen veranlassen, nur noch an ihrem ihren eigenen Nutzen interessiert zu sein. 

Wir könnten lange fortfahren, zu schildern, wie heute in unserer pluralistischen, vielfältigen Gesellschaft viele solcher Stimmungen oder Atmosphären aufeinander treffen, ja auf aufeinander prallen. In allen sind Argumente auf dem Plan. Sie können eigentlich nur im nüchternen Dialog mit den Menschen, die ihre Argumente in einer anderen Atmosphäre verankert haben, ausgetauscht werden.

Aber Stimmungen haben leider die Eigenschaft, der nüchternen Argumentation nicht das erste Wort zu geben. Sie sind gefühlsbesetzt. In ihnen spielen Angst und Hoffnung sowie positive und negative Erfahrungen, die das Gemüt prägen, eine Rolle. Solche Gefühlsstimmungen, in denen Menschen sich heimisch fühlen, aber veranlassen zum Abschotten. „Hartwandige Blasen“ im Gesellschaftsleben hat der Philosoph Peter Sloterdijk die vielen Atmosphären genannt, in denen jeder Mensch irgendwie beheimatet ist. Und inmitten von alledem existiert nun auch die christliche Gemeinde.

Auch sie zeichnet sich zweifellos durch eine bestimmte Atmosphäre aus. Was das für eine Atmosphäre ist oder sein sollte, bringt der Apostel Paulus uns in dem heutigen Predigttext nahe. Er spricht uns Christinnen und Christen da als Menschen an, die „im Geist“ sind. Vom Geist ist da also die Rede wie von einem Raum oder einer Wohnung, in der unser Denken und Trachten, unser Fühlen und Gestimmtsein  und dann auch unser Handeln zu Hause ist. Die Atmosphäre dieser Wohnung aber wird mit einem Wort beschrieben, das heute in unserer Alltagssprache leider kaum mehr vorkommt. Dieses Wort heißt Sanftmut. 

Wörtlich genommen ist das der Mut, sanft miteinander zu sein. "Sanft" aber meint die behutsame, vorsichtige, manchmal sogar zärtliche Umgangsweise mit anderen Menschen. Ein sanftmütiger Mensch strahlt Ruhe und Güte aus. Man merkt das an der Art und Weise, in der er sich freundlich auf die Menschen einlässt, mit denen er zusammen lebt und an ihren Problemen teilnimmt.

Ein sanftmütiger Mensch ist also anders als die, von denen der Apostel sagt, dass eitle Ruhmsucht der Antrieb ihres Verhaltens ist. Solche Menschen gab es offenbar auch schon in der urchristlichen Gemeinde von Galatien. Sie sind der Versuchung erlegen, die in jeder menschlichen Gemeinschaft und also auch in der christlichen Gemeinde lauert. Paulus warnt vor dieser Versuchung, weil sie die Atmosphäre des Lebens im Hause des Geistes der Sanftmut kaputt macht. 

Er nennt zum Beispiel den Neid auf das, was andere sind und darstellen, als eine Triebkraft, welche die Sanftmut erlahmen lässt. Er warnt davor, dass Christinnen und Christen anfangen, sich gegenseitig herauszufordern. Das heißt: Sich auf Kosten anderer und zu ihrem Schaden selbst zu profilieren und in Szene zu setzen. Da geht es dann nur noch darum, dass ich selbst recht habe und die anderen klein gemacht werden müssen. Schlagworte werden ausgetauscht, die auf die Anschauungen der anderen einhauen. 

Wir kennen das – wie gesagt – alles schon angesichts der Unduldsamkeit, die in den atmosphärisch „hartwandigen Blasen“ unseres Gesellschaftslebens anzutreffen ist. Die Verrohrung der Sprache in den sogenannten sozialen Medien weist das nur allzu deutlich aus. Wir kennen das aber auch in den Gemeinden, in der verfassten Kirche mit ihren Bürokratien und erst recht in der streitsüchtigen christlichen Theologie, die doch eigentlich dem Geiste der Sanftmut dienen sollte. Die christliche Kirche wäre vermutlich nicht in die vielen Konfessionen von heute zersplittert worden, wenn die zweifellos gewichtigen Auseinandersetzungen um die Wahrheit des christlichen Glaubens in einem Geiste gegenseitiger Sanftmut ausgetragen worden wären. 

Beschreibt der Apostel Paulus darum im Grunde nicht ein Wolkenkuckucksheim, wenn er davon ausgeht, dass die christliche Gemeinde grundsätzlich im Geiste der Sanftmut lebt? Wir treffen in ihr ja ganz gewiss nicht wenige einzelne Menschen an, die uns in der Freundlichkeit, Güte und Ruhe ihres Gemüts beeindrucken. Und das ist immer wunderbar! Aber dass sich unsere Kirche und die Menschen, die zu ihr gehören, in der Realität als eine Wohnung der Sanftmut ohne harte Wände darstellen, kann man doch beim besten Willen nicht sagen. 

Wenn Paulus, der auch seine Erfahrungen mit diesen Wänden der Hartherzigkeit und Rechthaberei in der Gemeinde hatte, dennoch vom Geist der Sanftmut nicht lassen will, so hat das einen einfachen Grund. Er würde, wenn er das täte, den Geist abwürgen, der das Leben Jesu Christi bestimmt hat. Er würde die Gemeinde damit von diesem Leben abkoppeln. „Gesetz Jesu Christi“ nennt er darum die Sanftmut, in der einer des anderen Last zu tragen bereit ist. 

Doch das darf nicht so verstanden werden, dass wir Christinnen und Christen einen Befehl bekommen, sanftmütig zu sein. Eine derartige Stimmung des Gemüts kann man nicht befehlen. Sie stellt sich ein, wenn uns ein sanftmütiger Mensch mit der Atmosphäre der Güte seiner Menschenfreundlichkeit begegnet und berührt. Ein solcher Mensch war Jesus nach der Darstellung der Evangelien. 

In die Worte des Apostels Paulus klingt darum deutlich die Stimme Jesu Christi selbst hinein, der nach dem Zeugnis des Matthäusevangeliums zu den „Mühseligen und Beladenen“ gesagt hat: „Kommt her zu mir alle. [...] Lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“ (Matthäus 11, 29). Die Unruhe, in der Menschen danach jagen, über die anderen Menschen zu triumphieren, war dem Leben dieses Menschen fremd. Sie war ihm fremd, weil Gott sein Leben mit dem beständigen Geiste gesegnet hatte, für die einzutreten, auf deren Schultern die Lasten menschlicher Erhebung der einen über die anderen liegen. 

Denn das war Jesu Mission in dieser Welt, sie durch sein eigenes Beispiel darüber aufzuklären, dass Gottes Schöpfung nur eine Zukunft hat, wenn sanftmütige Menschen sie bevölkern. Gott widersteht den Hochmütigen, heißt es darum in der Epistel des heutigen Sonntags aus dem 1. Petrusbrief zu Recht. Er widersteht denen, die unsere Erde in Kampfplatz verwandeln, in dem das Gesetz des Stärkeren, des Erfolgreichen, der die Schwachen niedertritt, die Weltatmosphäre prägt. 

Aber er widersteht diesen Wüterichen in Gottes Schöpfung nicht so, dass er nun seinerseits dazu aufruft, sie niederzumachen. „Einer trage des anderen Last“ – das hat nichts zu tun mit dem Schlachtruf der Degen schwingenden „Drei Musketiere“: „Einer für alle und alle für einen“. 

Nein, inmitten solcher Kampfparolen, an denen es auch zu antiken Zeiten nicht mangelte, ruft der Mensch Jesus Menschen zu sich, die mit Sanftmut das Kampfgetümmel auf unserer Erde unterbrechen. Er ruft damit Menschen an seine Seite, welche in den Feuern der Kämpfe auf unserer Erde  Schneisen einer wahrhaft beständigen Zukunft des Lebens von Gottes Geschöpfen anlegen.

„Heil den Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen“, lautet darum einer der Spitzensätze der Verkündigung Jesu in der Bergpredigt. Es ist sicherlich ein Satz voller überbordender Zukunftshoffnung auf eine Welt, in der Menschen anfangen, endlich so zu leben, wie Gott uns gemeint hat, als er uns schuf. Es ist ein Satz, gegen es heute zudem tausend und abertausend Einwände im Namen von Wissenschaften, Ideologien und Politik gibt, die durchaus in Frage stellen, ob wir zur Sanftmut überhaupt fähig sind. Und doch ist es ein realistischer Satz. Denn anders als so, dass sich Menschen und Völker in einem Geiste der Sanftmut gegenseitig beistehen, sieht die Zukunft unserer Erde düster aus. 

Dem Apostel Paulus, der bei Jesus in die Schule gegangen ist und dort gelernt hat, was Sanftmut heißt, ist es bitter aufgestoßen, dass in der Gemeinde von Galatien das Lernen von Jesus offenbar in Vergessenheit geraten war. Er hat darum das „Gesetz Christi“, die werbende Einladung, in die Fußspuren Jesu und seiner Sanftmut zu treten, nachdrücklich in Erinnerung gerufen. 

„Kommt her zu mir und lernt von mir“ – das ist der Ruf Jesu, der auch heute zu uns durchdringen will; zu uns, die wir so vielen Atmosphären und Stimmungen ausgesetzt sind. In der Sprache der Bibel bedeutet von Jesus lernen, seine Jüngerinnen und seine Jünger zu werden. Es ist darum entschieden nicht gut, dass die neue Übersetzung der Lutherbibel im sogenannten Taufbefehl Jesu von Matthäus 28 seinen Auftrag, „alle Völker zu Jüngern zu machen“, gecancelt hat. 

Da war die Sorge am Werke, dass hier irgendein christlicher Hochmut am Werke sei, der Menschen mit anderen Religionen oder Weltanschauungen abspricht, etwas von Gott zu verstehen und die deshalb „missioniert“ werden müssen. Doch Jüngerin und Jünger Jesu, die von ihm Sanftmut als Grundstimmung ihres Lebens gelernt haben, sind nicht solche hochmütigen Typen. Obgleich sie wissen, dass sie mit der Sanftmut Jesu nur Schneisen der Menschlichkeit in unserer zerrissenen Welt anlegen können, sind sie darauf aus, Menschen ohne alles überhebliche Getue für die Menschlichkeit Jesu zu gewinnen. 

Was aber unser eigenes Leben betrifft, so wissen wir wohl, wie oft in ihm der Geist der Überheblichkeit und des Eigennutzes in unserer Stimmung wuchert. Darum ist es gut, dass uns Jesu eigene Stimme und die seines Jüngers Paulus aufs Neue ermutigt, den Aufbruch in ein Leben der Sanftmut zu wagen. Amen.

 

 

 

 

  

 

 

 


 
Sie sind hier: Vorträge