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25.06.2018 11:46 Alter: 56 Tag(e)
Kategorie: Predigten

Mein schönste Zier und Kleinod

Predigt im Abendgottesdienst der Berliner Nordendgemeinde am 24.Juni 2018


Liebe Gemeinde,

wer den Text zu dem Lied, das wir eben gesungen haben, geschrieben hat, wissen wir nicht. Es erschien zum ersten Male im Jahre 1598 in einer Leipziger Liedsammlung des Thomaskantors Seth Calvisius. Und doch verrät uns dieses Lied etwas von dem Menschen, der es gedichtet hat. Es muss nämlich jemand gewesen sein, der sich durch und durch, ja minutiös, in der Bibel auskannte. Denn dieses Lied wimmelt geradezu von biblischen Zitaten und Wendungen in der Sprache der Lutherbibel, die wir, wenn wir dieses Lied singen, gar nicht so recht bemerken.

Das geht schon gleich mit der ersten Zeile los. Da wird Jesus Christus als „schönste Zier und Kleinod“ eines Christenmenschen angeredet. Auf diese Liebeserklärung an Jesus Christus – denn darum handelt es sich hier – ist unser Dichter durch den Propheten Hesekiel gebracht worden. Dort lesen wir im 16. Kapitel, dass Gott sein geliebtes Jerusalem geschmückt hat wie eine schöne Frau. „Ich zierte dich mit Kleinoden“ heißt es dort im Vers 11.

Was ein „Kleinod“ ist, wissen heute jedoch vermutlich nur noch wenige Menschen. Denn es kommt in unserer Umgangssprache kaum noch vor. In einem „Lexikon der bedrohten Worte“ steht es sogar an erster Stelle. Es wurde vom Wort „Schmuckstück“ verdrängt. Das ist auch nicht falsch. Denn ein Schmuckstück, das einen Menschen ziert, ist ein Kleinod zweifellos. Aber es ist kein x-beliebiges Schmuckstück, keine Massenware und auch nichts Protziges. Ein „Klein-od“ ist – wie ja schon das Wort sagt – etwas durchaus Kleines und Zierliches wie etwa der dünne Goldring der Urgroßmutter, den die Enkelin trägt. Er ist so kostbar, weil er einzigartig ist. Mit ihm verbinden sich Geschichten und Erinnerungen an ein Leben, von dem nur dieses Ringlein ein letztes, sichtbares Zeugnis ist. 

Beim Propheten Hesekiel ist natürlich nicht an derartige Kleinoden gedacht, die man sich an den Finger stecken kann. „Kleinod“ ist hier Bildwort für die einzigartigen und kostbaren Erweise der Liebe Gottes für Jerusalem, der Stadt seines erwählten Volkes. Unser Liederdichter aber nimmt diese Sprache der Liebe auf, indem er Jesus Christus nicht nur als das nicht als Kostbarste, sondern auch als das Schönste bekennt, das sein Leben ziert und schmückt. 

Dass Menschen, die sich lieben, in gewissem Überschwang des Herzens zu solchen Bildern greifen, um ihrer Liebe Ausdruck zu verleihen, ist grundsätzlich eigentlich nichts Ungewöhnliches. Auch die Dichtung ist voll davon. „Du bist wie eine Blume“, heißt es in Heinrich Heines „Buch der Lieder“, dem viele Kose-Bilder für geliebte Menschen wie „Sonnenschein“ oder „Stern meines Lebens“ und eben auch „mein schönste Zier und Kleinod“ hinzuzufügen wären.

Aber ist diese Sprache der Liebe, die eigentlich eine Sprache der Verliebtheit, der jungen, frischen Begeisterung von Menschen aneinander ist, dem Verhältnis eines Menschen zu Jesus Christus eigentlich angemessen? Ist sie nicht unernsthaft und viel zu locker angesichts dessen, dass Jesus Christus uns die schwersten und tiefsten Probleme unseres Lebens tragen hilft?

Solchen Fragen verdankt es sich vielleicht, dass unser Lied in der kirchlichen Liedtradition keine große Karriere gemacht hat. Es taucht jahrhundertelang in den Liederbüchern unserer Kirche nur sporadisch auf. Das hat sich erst im vorigen Jahrhundert geändert. Da wurde dieses Lied in der christlichen Jugendbewegung, in der wir ein Sensorium für die Verliebtheit vermuten können, regelrecht ein Renner. Es ist von da aus zu einem der beliebtesten Lieder geworden, das gesungen wird, wenn sich christliche Gemeinden und Gruppen – insbesondere junge Gemeinden und Gruppen – am Abend versammeln. 

Damit wurde aber zugleich ein Verständnis Jesu belebt, das in der christlichen Frömmigkeit und sogar auch in Theologie von altersher durchaus auch verankert ist. Dort herrschte nämlich der Meinung, dass der Mensch, in dem Gott sich uns Menschen zuwendet, kein hässlicher Mensch gewesen sein könne. Ihm wurde Schönheit des Körpers und der Seele zugesprochen. Man hat das nicht als Widerspruch dazu empfunden, dass er auch der gemarterte Gottesknecht war, der nach Jesaja 53 „weder Gestalt noch Schönheit“ hatte. Denn das von Schmerzen verzerrte Antlitz des gekreuzigten Jesus haben Menschen verschuldet. Hinter diesem Antlitz aber die Christenheit immer auch den Menschen wahrgenommen, in dessen Gesicht sich rein und klar und schön Gottes Liebe spiegelt. 

Unser Lied „Mein schönste Zier und Kleinod bist auf Erden du Herr Jesu Christ“ ist dieser Wahrnehmung zuzuordnen. Es gehört insofern mit einem Lied zusammen, das auch in unserem Gesangbuch steht. „Schönster Herr Jesus“, heißt es. Soweit ich mich erinnern kann, haben wir es in unserer Gemeinde noch nie gesungen. Der vielen von uns bekannte Liedermacher Gerhard Schöne hat es auch tüchtig zerpflückt. Der „schönste Herr Jesus“, der hier besungen wird, passt in seiner Optik nicht mit dem leidenden, gekreuzigten Jesus zusammen.

Doch dieses Lied bringt trotzdem – wenn auch etwas zu überschwänglich und vielleicht ein wenig kitschig – eine Wahrheit zu Ausdruck. Das ist die Wahrheit, dass uns der Mensch Jesus nicht auf die Finsternis der Untaten fixiert, die Menschen an ihm verüben. Das ist die Wahrheit, dass uns in seinem Leben ein Mensch begegnet, der unser Leben mit seiner überwältigenden Menschlichkeit reicher macht als alles, was uns in dieser Welt an Schönem fasziniert. Wir können dieses Lied – wenn auch da und dort mit ein wenig mit Schmunzeln – darum durchaus singen. 

Lied: Schönster Herr Jesus, EG 403, Zweite Melodie   

Kehren wir nun zu unserem Liede „Mein schönste Zier und Kleinod“ zurück! Es ist ohne Zweifel nicht so überschwänglich oder gar heiter wie das eben gesungene Lied. Denn es übertönt nicht die negativen Erfahrungen, die wir auch machen, wenn wir mit Jesus Christus auf unserem Lebenswege unterwegs sind.

Nicht bloß „in Lieb“, sondern auch „in Leid“ will der, welcher Jesus Christus liebt, ihn „in seinem Herzen“ halten. So heißt es gleich im ersten Vers im Anklang an das Gleichnis Jesu vom „Unkraut unter dem Weizen“  von denen, die Gottes Wort in „einem feinen, guten Herzen“ bewahren. „Nicht Tod, nicht Angst, nicht Not“, sagt der nächste Vers, kann uns von der Liebe Gottes trennen. Auch dies ist ein Bibelzitat, nämlich aus Römer 8, in dem der Apostel Paulus bekennt, dass uns nichts von Liebe Gottes trennen kann, die Christus Jesus ist, unserem Herrn.   

In verliebtem Überschwang, der blind macht für das wirkliche Leben, wird Jesus Christus also hier also sicherlich  nicht als „Kleinod“ des Lebens von uns Christinnen und Christen gepriesen. Aber dieses Lied lässt sich trotzdem den Geist und die Sprache der Liebe, die weiter trägt als irgendeine Verliebtheit, nicht abwürgen. Es hält den Ton des Liebesliedes Gottes, den es sich von Hesekiel hat geben lassen, für Jesus Christus durch.

„Dein Lieb und Treu vor allem geht“ – setzt der zweite Vers ein und gibt damit unseren Erfahrungen von „Tod, Angst und Not“ einen größeren Horizont als diesen dunklen und schmerzlichen Sackgassen des Lebens. In wiederum biblisch gesättigter Sprache klingt da die Bitte Abrahams aus 1. Mose 47, 29 an. Gott möchte ihm „Liebe und Treue“ erweisen, bittet da dieser Urvater Israels. Er hat sie erwiesen und erweist sie, weil sie uns auch in den Dunkelheiten unseres Lebens aufrichtet, bekennt unser Lied. Sie ist das Band, das uns mit Jesus Christus und Jesus Christus mit uns unlösbar verbindet. 

Um das auszudrücken, lässt unser unbekannter Dichter in sein Liebeslied für Jesus Christus in der dritten Strophe auch ein ganz weltliches, spätmitteralterliches  Liebeslied hinein klingen. Schon Martin Luther hatte das in seinem berühmten Reformationslied „Nun freut euch lieben Christeng’mein“ aufgenommen.

Es lautet ins Hochdeutsche von heute übersetzt:

„Du bist mein,/ ich bin dein,/des sollst du gewiss sein./Du bist beschlossen/ in meinem Herzen,/ verloren ist das Schlüsselein,/du musst immer darinnen sein.“

Bei Luther heißt es im 7. Vers seines Liedes in deutlichem Anklang daran von seiner Beziehung zu Jesus Christus: „Denn ich bin dein und du bist mein, und wo ich bleib, da sollst du sein“. Unser Lied sagt es umgekehrt. „Du bist nun mein und ich bin dein, Dir hab‘ ich mich ergeben“.  Vielleicht verdankt sich diese Umkehrung auch dem alttestamentlichen Hohen Lied der Liebe, in dem die Geliebte mehrmals jubelt: „Mein Freund ist mein und ich bin sein“, (2, 16; 6, 3).

Wovon beide Male die Rede ist, aber ist klar: Was „mein“ ist, kann von mir nicht mehr getrennt werden. Es gehört zu mir. Ich kann selbst nicht mehr ohne den sein, mit dem ich zusammen gehöre. Mein Sein ist Zusammensein. Mein Leben ist Zusammenleben. Ich bin kein vereinzeltes Wesen, das irgendwie in der Welt herum irrt. Ich gehöre zu dem, der „mein schönste Zier und Kleinod“ ist. 

Begründet wird das in unserem Lied damit, dass Christi wahres Wort Menschen in dieses Zusammensein und Zusammenleben mit ihm hinein nimmt. Auch das wird wieder in original biblischer Sprache ausgedrückt; diesmal mit Psalm 33, 4: Des Herren Wort ist wahrhaftig und was er zusagt, hält er gewiss“ – im Tod und auch im Leben, fügt unser Lied hinzu. 

Wir stutzen vielleicht, dass hier zuerst der Tod und dann „auch“ das Leben genannt wird, in dem wir mit Jesus Christus zusammen sind. Denn nach unserer Erfahrung ist es doch so, dass uns Jesu Christi wahres Wort zuerst im Leben in das Zusammensein mit ihm einweist. Unser Lied ist jedoch im Horizont noch einer anderen Erfahrung verfasst, in der die Liebe Jesu Christi sich zuerst in seinem Tode erweist und daraufhin auch in unserem Leben.

Der letzte Vers unseres Liedes stößt uns darauf. Er bezieht sich auf die Begegnung von zwei Jüngern Jesu, die auf dem Wege nach Emmaus den auferstandenen Jesus treffen. Sie erkennen ihn nicht. Aber sie bitten ihn bei Anbruch der Nacht: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget“.

Die beiden Jüngern bitten also den, bei ihnen zu bleiben, der dem Tod die Macht genommen hat, uns von der Liebe Gottes zu scheiden. Von daher ist unser Lied eigentlich ein Osterlied. Es preist Jesus als „schönste Zier“ eines Christenlebens und mit Psalm 119, 105 als „Licht auf unserem Wege“,  das die Todesschatten vertreibt. Im ältesten erhaltenen Druck dieses Liedes von 1598 ist es deshalb auch unter der Rubrik „An Ostern“ überliefert worden.

Von Hause aus ist unser Lied also sicherlich kein Abendlied, das die Erfahrungen bedenkt, die wir machen, wenn wir täglich mit der Nacht und ihren Dunkelheiten konfrontiert werden. Es ist ein Lied, das unser ganzes, endendes Leben in das Licht der Liebe Gottes stellt, die dem Tode standhält. 

Wenn es heute dennoch zu einem der beliebtesten Abendlieder unserer Kirche geworden ist, hat das einen einfachen Grund. Der Abend ist nun einmal die Zeit in unserem Leben, in der wir täglich unsere Erfolge und Misserfolge, unser  Freuen und unser Trauern loslassen müssen, um Schlaf zu finden und Mut zu schöpfen für den neuen Tag. Mit einem Osterlied im Herzen und im Sinn, das trübes, schlafloses Sinnieren vertreibt, aber lässt es sich täglich gut einschlafen. Amen. 


 
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