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23.12.2017 10:58 Alter: 299 Tag(e)
Kategorie: Predigten

Gottes Freundschaft (Titus 3, 4)

Christvesper am 24.12.2017 im Lutherhaus Berlin-Pankow


Im Brief des Apostel Paulus an Titus, der zu Weihnachten auch an uns gerichtet ist, heißt es: 

Erschienen ist die die Freundlichkeit und Menschenfreundschaft Gottes, unseres Heilands.

Liebe Gemeinde,

„Mit freundlichen Grüßen Ihr X Y“. Diese Floskel beendet die meisten Briefe. So schreiben uns unsere Bekannten. So grüßen uns gänzlich Unbekannte, die uns besonders zu dieser Weihnachtszeit mit Werbebriefen irgendetwas aufschwatzen wollen. So steht es selbst unter den Briefen von Behörden, die alles andere als freundlich sind. Wer wirklich Freundlichkeit rüberbringen will, wählt deshalb einen anderen Gruß. „Mit herzlichen Grüßen“, „mit lieben Grüßen“ oder auch „mit warmen Grüßen“ endet die meiste Weihnachtspost, die ich in diesem Jahr erhalten habe.

Der Weihnachtsbrief an Titus hat derartige Schwierigkeiten mit den abgegriffenen „freundlichen Grüßen“ offenkundig nicht. Denn bei ihm hängen sie nicht bloß wie ein bedeutungsloser Schnörkel am Ende seines Briefes. Bei ihm sind sie die Überschrift. Mit Freundlichkeit wendet er sich an uns. Freundlichkeit soll auf uns ausstrahlen, wenn wir diesen Brief öffnen und lesen. So wie das ist, wenn eine Freundin oder ein Freund uns besucht, soll es sein. Da kommt nicht jemand Wildfremdes, der sich bloß eine freundliche Maske aufgesetzt hat. 

Wenn eine Freundin oder ein Freund kommen, dann geht das anders zu. Dann füllt sich die Silbe „Freund“ in der Freund-lichkeit mit Leben. Freundinnen und Freunde sind einander Vertraute, die ein Band der Sympathie verbindet. Auf Freundinnen und Freude können wir uns verlassen. Sie wissen, was uns erfreut und was uns traurig macht. Sie gehen vorsichtig mit unseren Schwächen um und ermutigen uns, unsere Stärken zu zeigen. Fast könnte man sagen: Freundinnen und Freunde machen uns diese Welt zur Heimat, zum Raum, in die wir gehören. 

Gäbe es nicht solche Räume oder solches Netzwerk von Freundlichkeit rings um uns her, kämen wir uns beständig vor, wie vor die Tür gesetzt. Nur ein in Freundlichkeit mit anderen Menschen vernetztes Leben erleben wir als ein gutes Leben. 

Man kann solch ein gutes Leben allerdings nicht befehlen. Freundlichkeit, die unser Lebensempfinden mit lauter kleinen Blasen der Freude aneinander füllt, stellt sich ein, wenn Freundinnen und Freunde sich treffen. Sie „erscheint“ sagt unser Brief an Titus. Sie wird nicht verdient mit noch so viel weihnachtlichen guten Werken. Sie kommt nicht Knopfdruck. Sie findet sich auch nicht in den Chat-rooms des Internet, in denen heutzutage Millionen junger und nicht mehr junger Menschen auf der Suche nach Freundinnen und Freunden herum stöbern. Solcher chat-room ist in Wahrheit aber ein ziemlich gespenstischer Raum, in den man mit falschem Namen eintritt, in dem sich keine Gesichter, sondern nur die Schatten von uns begegnen. Im Chatroom wird es darum sicherlich nicht wirklich Weihnachten werden.

Denn Weihnachten ist das Fest des neuen Freundes, der in unseren realen Lebensraum eintritt. Vermutlich sind die Bibelübersetzer ganz erschrocken gewesen, als sie hier im Titusbrief darauf gestoßen sind, dass Gott seine Freundschaft mit uns unter Beweis stellt, indem er im Menschen Jesus zu uns kommt. Denn Gott als Freund von uns Menschen – das klingt ja ziemlich verwegen. Freunde können ja eigentlich nur die werden, die sich auf gleicher Augenhöhe begegnen. Kann man das von „Gott in der Höhe“ und von uns hier auf Erden, hier in Pankow sagen? Man zögert. Also steht jetzt in unserem deutschen Neuen Testament mit theologischer Vorsicht: Die Menschenliebe Gottes ist erschienen.

Das ist ja auch nicht falsch. Es ist jedenfalls besser als Luthers ursprüngliche Übersetzung. Gottes „Leutseligkeit“, sagt er, sei uns erschienen. Das klingt so nach ausnahmsweise guter Laune eines sog. gnädigen Herrn. Aber warum hier rumdeuteln? Ist Gott denn weniger göttlich, wenn er unser beständig neuer Freund wird, dessen Freundlichkeit sich im Unterschied zu unseren Freundschaften nicht abnutzt? Diese Angst, Gott klein zu machen, wenn wir ihn unseren Freund nennen, nimmt Gott uns selbst. Er nimmt sie uns, indem seine Freundlichkeit in einem Menschen wie wir es sind, auf der Erde Raum gewinnt und von dorther auf uns überströmt. In diesem Menschen schließt er uns gewissermaßen an sein göttliches Leben an. 

Wer aber da angeschlossen ist, der starrt nicht mehr trübsinnig und unzufrieden mit sich selbst auf all die Niederlagen menschlicher Freundlichkeit, von denen es auch in unseren Tagen unendlich viel erzählen gibt. Der flüchtet nicht in Kunst- und Scheinwelten. Für den ist Gott ein Sonnenkraftwerk der Freundlichkeit, das uns die Energie zuführt, selber in unserem Lebensumkreis ausdauernd freundlich zu sein. 

Solche Energiezufuhr brauchen wir in unserer von so vielen Feindseligkeiten geprägten Gesellschaft, in unserer zerrissenen, globalen Welt und auch in unserer von viel Kleinmut heimgesuchten Kirche. Denn günstig waren die Verhältnisse für das Ankommen Gottes, unseres Freundes, mit seiner Freundlichkeit in unserer Welt noch nie. Es ist keine Ausnahme, dass sie es auch heute nicht sind. Aber dennoch ist es wunderbar, dass Gott nicht locker lässt, sein Netzwerk der Freundlichkeit für uns ohne Schielen nach rechts und links zu stiften – und damit zu jedem Weihnachten aufs Neue anfängt. Amen.

 

 

 


 
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