< „Neuer Atheismus“ – alter Atheismus. Erkundungen in einem religions- und christentumsfeindlichen Milieu
31.10.2009 00:00 Alter: 10 Jahr(e)
Kategorie: Vorträge

Atheismus - Herausforderung für die Kirche in Ost und West

Vortrag in der St. Kilians-Kirche Heilbronn am 31.10.2009


1. Der Atheismus im Mutterlande der Reformation

Unser Thema an diesem Reformationstag wird manchen von Ihnen vielleicht etwas merkwürdig vorkommen. Gedenken an die Reformation ist die Erinnerung an die Erneuerung der Kirche im 16. Jahrhundert. Für die lutherische Kirche, die daraus erwuchs, ist sie untrennbar mit dem Namen Martin Luthers und mit seinem Anschlag der 95. Thesen an das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg am 31. Oktober 1517 verbunden. Martin Luther ging es darum, dass die Kirche Jesu Christi endlich wieder anfängt, auf die Bibel als Gottes Wort zu hören und sich von ihrem Geist leiten zu lassen. Er wollte, dass sie von der „babylonischen Gefangenschaft“ einer weltlichen Machtinteressen und menschlicher Willkür dienstbaren Kirche frei wird. Denn in solche „Gefangenschaft“ war die römisch-katholische Kirche jener Zeit nach seinem Urteil geraten. Freiheit von der Welt im gottgeschenkten Glauben an Jesus Christus und Freiheit für Welt in einem Leben im Hören auf Gottes Gebot wurde so zu einem Grundanliegen der Reformation.

Wir können sicher sein, dass heute überall in Deutschland, wo das Reformationsfest gefeiert wird, die Freiheit des Glaubens und die Freiheit zu einem selbst verantwortlichen christlichen Leben als die eigentliche Leistung der Reformation gefeiert wird. Wir fallen da offenkundig irgendwie aus dem Rahmen, wenn wir uns ausgerechnet an diesem Tage mit einem Phänomen in unserer Gesellschaft beschäftigen wollen, das weder mit dem Glauben noch mit christlicher Freiheit noch mit der Kirche etwas zu tun hat. Wir stören das Reformationsfest irgendwie, indem wir den Atheismus, worunter wir zunächst einmal schlicht den Nichtglauben an Gott verstehen, zum Thema unserer abendlichen Besinnung machen. Doch ich persönlich empfinde das gar nicht so aus dem Rahmen fallend.

Ich bin vor vier Wochen in Wittenberg gewesen, um dort an Luthers Heimstatt, wo heute das Predigerseminar der Unionskirchen des Osten Deutschlands untergebracht ist, mit Pfarrerinnen und Pfarren im sog. „Entsendungsdienst“ theologisch zu arbeiten. Dortselbst steht alles schon im Zeichen der Vorbereitung der 500jährigen Jubiläums-Reformations-Feierlichkeiten im Jahre 2017. Schlangen von Bussen fahren heute schon Reformations-Touristen aus aller Welt in dieses geographische Herz der Reformation. Wenn Du da sonntags in die vollen Gottesdienste der Stadt- oder der Schlosskirche gehst, kannst Du den Eindruck gewinnen, Du befindest Dich hier in einer blühenden Landschaft reformatorischen Christentums. Die Wahrheit ist: Man befindet sich dort in der trostlosesten Gegend massiver, atheistischer Entchristlichung der Menschen, die dort leben.

Jede Gemeinde um Wittenberg herum hat nicht nur unsägliche Mühe, den sonntäglichen Gottesdienst, sondern sich selbst am Leben zu erhalten. Der massenhafte Atheismus der Bevölkerung, der dort seit Jahrzehnten unter dem Druck einer sozialistisch-atheistischen Weltanschauungsdiktatur Fuß gefasst hat, drängt das Leben der Gemeinden immer mehr in die Ecke einer kleinen Minderheit. Wer ein wenig in dieser Gegend kundig ist – und ich bin es zufälligerweise, weil ich ein paar Kilometer weiter von Wittenberg in Dessau aufgewachsen bin – bekommt nicht aus dem Kopf, was hier aus der Reformation geworden ist. Da steht man im Luther-Museum vor den ganz ausgezeichnet präsentierten Zeugnissen dynamischen Christusglaubens in der Luther-Zeit und vor der Tür dieses Museums pfeifen die Wittenberger selbst in ihrer überwiegenden Mehrheit auf diesen Glauben – es sei denn, mit dem Reformationskult gibt es durch den Verkauf von Luther-Souveniers oder solchem Kitsch wie „Lutherbrötchen“ etwas zu verdienen.

„Atheismus –  Herausforderung für die Kirche im Osten“ – das kann man im Mutterlande der Reformation am Reformationstage wirklich nicht für ein abseitiges Thema halten. Es geht ans Herz und an die Nieren, dass eines der größten nicht nur kirchlichen, sondern weltgeschichtlichen Ereignisse in der Dübener Heide und den Landschaften, die sich darum herum im ganzen Osten Deutschlands weiten, in lauter Gottesgleichgültigkeit versandet ist. Die evangelische Christenheit macht dort noch nicht einmal mehr ein Viertel der Bevölkerung aus, in manchen Stadtteilen des Ostens von Berlin sind es 2-6 %. Die Frage, ob es noch einmal gelingen wird, Menschen, die sich in einem atheistischen Milieu eingerichtet haben, mit der reformatorischen Botschaft zu erreichen, ist deshalb für die Kirchen in den neuen Bundesländern die Herausforderung schlechthin. An ihr entscheidet sich, ob unsere Evangelische Kirche ihre ererbte Gestalt als ein im ganzen Lande gegenwärtige Kirche wird halten können.

2. „Wiederkehr der Religion“ contra Atheismus?

Aber wir sind hier nun in Heilbronn. Ich gestehe, ich weiß gar nicht gut Bescheid, ob und wie Sie, meine Zuhörerinnen und Zuhörer, den Atheismus von Menschen in ihrer Stadt wahrnehmen und ob Sie ihn überhaupt als „Herausforderung“ empfinden. Mir stehen nur die Zahlen vor Augen, welche die Zentrale unserer Evangelischen Kirche in Hannover sammelt. Danach verliert die Evangelische Kirche in ganz Deutschland gegenwärtig jährlich 250 000 Mitglieder. Rechnet man das hoch, dann wird unsere Kirche in 30 Jahren um ein Drittel ihres jetzigen Mitgliederbestandes geschrumpft sein. Es ist darum Reformprozess gestartet worden, der helfen soll, dieser Entwicklung zu begegnen. Im offenkundig reformatorisch klingenden Impulspapier „Kirche der Freiheit“ aus dem Jahre 2006 und in einer Reihe von „Zukunftskongressen“ oder Zukuntfswerkstätten werden Ideen geboren und Strategien entwickelt, die ein zahlenmäßiges „Wachsen“ unserer Kirche „gegen den Trend“ versprechen. Doch merkwürdigerweise spielt dabei die Herausforderung unserer Kirche durch den Atheismus so gut wie keine Rolle.

Dabei ist es ja keinesfalls so, dass die atheistische Verneinung Gottes und die Ablehnung des Gottesglaubens in der westlichen Bundesrepublik zu vernachlässigende Größen sind, wenn es um die Zukunft unserer Kirche geht. Wenn dem „Religionsmonitor“ der Bertelsmann-Stiftung zu trauen ist, sind atheistische Überzeugungen auch hier mindestens für ein viertel der Bevölkerung prägend. In Westberlin sind es ohne Zweifel mehr, so dass der amerikanische Soziologe Peter Berger unser deutsche Hauptstadt im Ganzen die „Welthauptstadt des Atheismus“ genannt hat. Angesichts dessen ist die Frage nicht von der Hand zu weisen, warum unsere Evangelische Kirche der Herausforderung, wie dem Atheismus der Menschen zu begegnen sei, so wenig Aufmerksamkeit schenkt. Die Antwort darauf gibt jenes „Impulspapier“ selbst. Sie lautet im Klartext: Der Atheismus ist dabei, von alleine zu verschwinden.

Denn in jenen Zukunftspapieren- und kongressen wird nicht geringe Hoffnung auf die „Wiederkehr der Religion“ gesetzt. Was damit gemeint ist, sagt jenes „Impulspapier“ gleich im Vorwort: „Es wird neu nach Gott gefragt. Religiöse Themen ziehen eine hohe Aufmerksamkeit auf sich. Menschen fragen auch wieder nach der eigenen religiösen Identität“. „Eine in den zurückliegenden Jahrzehnten verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber“ dem christlichen Glauben „weicht (!) einem neuen Interesse für tragfähige Grundeinstellungen und verlässliche Orientierungen“.. Die Überzeugung, dass der Atheismus angesichts des „Megatrends“ der „Respiritualisierung“ unserer Gesellschaft abgewirtschaftet habe, hat es unterdessen sogar bis in Lehrbücher der Dogmatik gebracht. Vom „Gewohnheitsatheismus“ seien nur noch „Rudimente“ übrig geblieben, lesen wir z.B. in einer solchen Dogmatik aus München, dessen Vf. vermutlich schon länger nicht die bayrisch-thüringerische Grenze überschritten hat.

Wir dürfen jedoch nicht meinen, hier würden nur kirchliche Wolckenkuckucksheime gezimmert. Auch von den Gesellschaftswissenschaften wird bestätigt, dass „Religiosität“ in unserer Zeit eine neue Bedeutung für die Menschen gewonnen hat. Orientieren wir uns einen Moment lang an Ulrich Beck, dem Verfasser der viel beachteten Bücher über die „Risikogesellschaft“, der sich jetzt gerade in seinem Buch „Der eigene Gott“ mit der neu auflebenden Religiosität beschäftigt hat, so gilt: Die sogenannte „Säkularisierungstheorie“ ist falsch.

„Säkularisierung“ heißt auf deutsch „Verweltlichung“. Damit hatte man sich lange Zeit das Absterben religiöser Lebensorientierungen und das Aufblühen des Atheismus in modernen, von Wissenschaft und Technik geprägten Gesellschaften erklärt. Mit der wissenschaftlichen Erkenntnis der Welt – so sagt diese Theorie – verliert der Glaube an Gott seine Funktion im Leben der Menschen. Gott ist demnach weder für die wissenschaftliche Erkenntnis noch für die Lebensorientierung erforderlich. Die Menschen wurden in den letzten 200 Jahren autonom, d.h. sie bestimmen ihre Geschicke selbst. Dietrich Bonhoeffers Urteil zum Beispiel, „dass wir einer völlig religionslosen Zeit entgegen gehen“, verdankt sich dieser Deutung des Selbstverständnisses von Menschen in unserem Zeitalter. Gott als „Arbeitshypothese“ der Erkenntnis und als „Problemlöser“ im Leben ist abgeschafft, hat er geurteilt. Die Menschen können deshalb „einfach nicht mehr religiös sein“.

Das ist nicht richtig, sagen Soziologen wie Beck. Die globalisierten Modernisierungsprozesse der von Wissenschaft, Technik und nicht zuletzt von der Wirtschaft geprägten Gesellschaft lösen beim Einzelnen keinesfalls Hochgefühle selbstbestimmter Weltbeherrschung aus. Die jüngste „Finanzkrise“ ist des Zeuge! Diese Prozesse verunsichern vielmehr die Menschen. Darum suchen sie Halt in einer Spiritualität, die ihnen ganz persönlich das Gefühl gibt, inmitten von lauter Haltlosigkeiten gehalten zu sein. Doch das Problem für unsere Kirche ist: Diese Spiritualität ist keinesfalls an den Wahrheiten des christlichen Glaubens interessiert. Sie ist durch und durch nach dem Empfinden der einzelnen Menschen „zusammen gebastelt“. „Cafeteria-Religion“ hat ein Zürcher Theologe sie getauft: „Versatzstücke der Weltreligionen, streßmindernde Meditationsrituale und esoterische Spekulationen, ein Häppchen Buddhismus und etwas Mystik nach Feierabend.“ Menschen, die sich für solche Religiosität öffnen, sind deshalb keinesfalls Verbündete bei der kirchlichen Auseinandersetzung mit dem Atheismus. Sie treten vielmehr aus der Kirche aus, um auf ihre eigene Weise „religiös“ sein zu können. „Um an Gott zu glauben bzw., um religiös zu sein, brauche ich keine Kirche“, kann man hier hören.

Deshalb trägt nicht bloß der Atheismus, sondern auch die individualisierte Religiosität zur Dezimierung der Christenheit in Deutschland bei. Dass die „Wiederkehr der Religion“ oder auch die „Wiederkehr der Götter“, unserer Kirche die Auseinandersetzung mit der Herausforderung durch den Atheismus erspare, wird man deshalb nicht behaupten wollen. Im religiös dürren Osten findet diese „Wiederkehr“ im Übrigen so gut wie nicht statt.

 

3. Der neue und der alte Atheismus

Zur gleichen Zeit, als unsere Kirche den Schulterschluss mit der „Wiederkehr der Religion“ suchte, haben sie einige laute Fanfarenstöße des Atheismus aufgeschreckt. Die Buchläden waren auf einmal voll von Titeln sogenannter „Neuer Atheisten“. „Der Gotteswahn“, „Der Herr ist kein Hirte“, „Das Ende des Glaubens“ und ähnlich lauten solche Titel. Gewisse Medien wie der „Stern“ und der „Spiegel“, aber auch diverse Talk-shows haben es sich nicht nehmen lassen, dieser neuatheistischen Literatur und ihren Vertretern einen breiten Resonanzraum zu verschaffen. Die knallige Art und Weise, in welcher der Atheismus hier mit regelrechten Schimpfkanonaden auf die Religion auftrat, war natürlich ein gefundenes Fressen für die an Sensationen interessierten Medien. Sie machte Schluss mit den eher leisen Tönen, mit welchen der im „humanistischen Verband“ organisierte Atheismus, der sich auch die Stasi-Gründung des Freidenkerverbandes aus den letzten Zeiten der DDR einverleibt hatte, bisher auftrat. Zu diesen leisen Tönen war auch aller Anlass gegeben.

Denn es ist noch nicht vergessen, dass im Namen des Atheismus in der Sowjetunion, in ihren sozialistischen Vasallenstaaten und so auch in der DDR Menschen, die der christlichen Religion anhingen, unterdrückt und drangsaliert wurden. In der Sowjetunion fanden regelrechte Christenverfolgerungen statt. Unzählige Priester und Gläubige wurden ermordet, Klöster niedergebrannt und Kirchen zu Schwimmhallen und Kinos umgebaut. SED-Chef Walter Ulbricht ließ Anfang der 50ger Jahre des vorigen Jahrhunderts Pläne ausarbeiten, wie die christliche Kirche in Ost-Deutschland zu liquidieren sei. 1953 wurde versucht, diese Pläne ins Werk zu setzen, indem Junge Gemeinden und Studentengemeinden als „Agentenzentralen des amerikanischen Imperialismus“ verfolgt wurden. Selbst als die Kirche in der DDR bereit war, dem atheistischen Sozialismus unter dem vieldeutigen Leitwort einer „Kirche im Sozialismus“ das Beste abzugewinnen, hörten die Übergriffe in das Leben von Christinnen und Christen nicht auf. Kindern christlicher Eltern wurde weiter der Zugang zur Oberschule und zur Universität verweigert, ganze Berufszweige waren für Christinnen und Christen verschlossen, wo es etwas zu schikanieren gab, wurde schikaniert usf.

Der organisierte Atheismus hatte also nach der „friedlichen Revolution“ allen Grund, sich so freundlich zu gebärden, wie nur möglich. So taten es ja auch die vielen Menschen, denen der real-sozialistische Staat den Glauben und die Kirche abgewöhnt hatte. Als Bürgerinnen und Bürger in unserer pluralistischen Gesellschaft hegen und pflegen sie nun die erfolgreichste Hinterlassenschaft des „real-existierenden Sozialismus“ – und das ist der Atheismus. Die Verwandten weiter westlich assistieren ihnen dabei, indem die Tanten und Onkels aus Stuttgart zusammen mit ihren Nichten und Neffen in Frankfurt/Oder schiedlich-friedlich atheistische Rituale wie die Jugendweihe feiern. Atheismus – ob westlich oder östlich motiviert – ist in der pluralistischen Gesellschaft eben gesellschaftsfähig.

Wer jedoch Erfahrungen mit atheistisch motivierter Machtausübung gegenüber der Kirche und ihren Gliedern hat, erschrickt unwillkürlich, wenn Atheisten nun wieder anfangen, mit Vorurteilen und Ressentiments unverhohlen den Hass auf die Religion zu schüren. Ich habe hier das Kinderbuch vor mir, das der Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael Schmidt-Salomon, 2007 verfasst hat. „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“, heißt dieses Machwerk, das der „humanistische Pressedienst“ unter dem Stichwort „Ferkelgott“ als „Heidenspaß“ anpreist. In diesem Buch werden die Vertreter der verschiedenen Religionen als dumme, hasserfüllte und gewalttätige Schreckensgestalten vorgeführt und lächerlich gemacht. Besonders schlimm sind die Illustrationen dazu, vor allem die Darstellung eines jüdischen Rabbis, die direkt der antisemitischen Nazipropaganda des „Stürmer“ entnommen zu sein scheint. Unterdessen ist noch ein zweites Kinderbuch dieser Art erschienen: „Susi neunmalklug erklärt die Evolution“. Es soll offenkundig dazu dienen, vom Religionsunterricht abzuschrecken. Denn dort wird ein hässlicher und blöder Religionslehrer bloß gestellt und verlacht, der die Kinder lehrt, die Welt sei in sieben Tagen erschaffen worden.

         Wie kommen deutsche Atheisten darauf – müssen wir uns wohl fragen – , in einem Tone, der direkt der atheistischen Propaganda in den finstersten Zeiten des Stalinismus entlehnt zu sein scheint, den christlichen Glauben und die Kirche derart zu verunglimpfen? Man kann den Kirchen und ihren Gliedern in unserem Lande ja allerhand vorwerfen. Aber Brutstätten von Unwissenheit und Gewalt sind sie in keinem Fall. Wir erinnern uns in diesen Wochen daran, dass die Losung „Keine Gewalt“ von unserer evangelischen Kirche auf die Straßen der DDR getragen wurde und Friedensfolgen von geradezu kosmopolitischen Ausmaßen gezeitigt hat. Jene beiden Hauptargumente gegen die Kirche, hier werde Dummheit und Gewalt gezüchtet, verdankt sich denn auch gar nicht der Anschauung der Wirklichkeit unserer Kirche. Dieser wilde Atheismus stammt auch nicht aus dem Osten, sondern aus dem wilden Westen. Er ist ein Import aus der anglo-amerikanischen Welt, vorzüglich aus einem ausgesprochen religiösen Lande, nämlich aus den USA.

 

4. Das atheistische Bild von den Religionen

Warum der Vorwurf dummer Unwissenheit und intoleranter Gewalttätigkeit im Zentrum der Polemik der „Neuen Atheisten“ gegen alle Religionen steht, verstehen wir, wenn wir uns seine beiden Auslöser in den USA vor Augen halten. Der eine Auslöser ist der dort in den Kirchen weit verbreitete christliche Fundamentalismus. Dieser Fundamentalismus versteht alle biblischen Zeugnisse von Gott, der Welt und den Menschen in gleicher Weise als zeitlos gültige Offenbarungen Gottes. Er verteidigt darum die biblischen Vorstellungen von der Entstehung der Welt und des menschlichen Lebens gegen die Astrophysik und gegen die Theorie von der Evolution des Lebens aus dem Tierreich. Er vertritt eine Ethik, welche die Vorstellungen der Bibel von Staat und Gesellschaft, Ehe, Sexualität und Familie direkt in unsere Zeit überträgt. Dieses Christentum zu bekämpfen, haben die „Neuen Atheisten“ sich vorgenommen, allerdings so, dass sie alles Christentum, ja alle Religionen mit diesem Fundamentalismus in einen Topf werfen.

Der andere Anlass für ihr Auftreten ist der 11. September 2001, der islamistische Terroranschlag auf das World-Trade-Center in New York. Das religiöse Motiv dieses Anschlags, nämlich die Vernichtung von Ungläubigen und die Verheißung des Paradieses für die Attentäter, hat sie auf die Idee gebracht, alle Religion sei notwendig gewaltsam gegenüber Andersgläubigen. Das wiederum schlussfolgern sie aus dem angenommenen fundamentalistischen Charakter aller Religion. Religiöser Glaube erfindet – meinen sie – aus Unwissenheit absurde Vorstellungen von der Welt und vom Menschen. Da er nicht in der Lage ist, solche Vorstellungen argumentativ zu vertreten, kann er sie nur so aufrecht halten und verteidigen, indem er dazu übergeht, Menschen mit anderen Vorstellungen von Gott, Mensch und Welt zu hassen und ihnen schließlich den Kopf einschlagen. „Dummheit, gekoppelt mit [...] Überheblichkeit“ und Vernichtungswut gegenüber anderen – das ist nach Christopher Hitchens Buch „Der Herr ist kein Hirte“ das Wesen der Religion und insbesondere des Christentums.

Nun wird man nicht bestreiten wollen noch können, dass Fundamentalismus eine Erscheinungsform des christlichen Glaubens ist, die es weltweit und so auch hier bei uns in Deutschland gibt. Noch weniger ist klein zu reden, dass mit der Geschichte der christlichen Kirchen und der Religionen eine Blutspur religiös motivierter Gewalt verbunden ist. Aber beides unterliegt in den christlichen Kirchen längst schon so eindeutig der Kritik, dass die „Neuen Atheisten“ mehr oder wenige offene Türen einrennen. Bei den nichtglaubenden Menschen jedoch beleben sie alte antireligiöse Vorurteile neu. Deshalb ist es wichtig, die Menschen geduldig über den Friedensdrang und die Wissenschaftsfreundlichkeit unserer Kirche aufzuklären. Es ist schön, dass wir das am Reformationstag mit urreformatorischen Einsichten tun können.

 

5. Reformatorische Positionen

Wir haben schon gehört, dass es ein wesentliches Anliegen der Reformation war, der Verquickung des Auftrages der Kirche mit weltlicher Macht ein Ende zu bereiten. Unser Augsburgisches Bekenntnis hält darum fest, dass die Verkündigung des Evangelium nur „sine vi, sed verbo“ – „ohne Gewalt, mit dem Wort“ – erfolgen darf. Wie sehr sich unsere reformatorischen Kirchen – Luther leider nicht ausgenommen – an diesem Grundsatz auch versündigt haben: Für uns ist er aufgrund der Friedensprophetie Israels und durch Jesus Christus, der Personifizierung der Liebe Gottes, verpflichtend. Gott stellt sich laut des Lebens und Sterbens Jesu Christi niemals auf die Seite der Hassenden und der Menschenschlächter. Dazu stehen wir, indem wir Reformation feiern.

Was den anderen Angriff auf die Religion betrifft, der die wissenschaftsfeindliche Dummheit religiöser Menschen anprangert, so sind die „Neuen Atheisten“ einfach schlecht informiert. Schon ein Blick das Wittenberg der dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts genügt, um die Mär von der grundsätzlichen Wissenschaftsfeindlichkeit des Christentums ad absurdum zu führen. Das grundstürzende System des Kopernikus konnte hier trotz seiner Ungereimtheiten ungehindert gelehrt werden. Andreas Osiander hat in Nürnberg das Hauptwerk des Kopernikus herausgegeben und mit einem Vorwort versehen. Ein lutherischer Theologe, Johannes Kepler, wurde ein paar Jahrzehnte später zum Begründer der neuzeitlichen Astronomie. Das war möglich, weil Gott uns nach reformatorischem Verständnis diese Schöpfung nicht nur zum Bebauen und Bewahren, sondern auch zum Erkennen frei gibt.

Natürlich hat es da in den folgenden Jahrhunderten Erschütterungen von Vorstellungen gegeben, die sich durch die Bibel und die christliche Tradition an den christlichen Glauben geheftet hatten. Auch die Kirche musste lernen, mit neuen Weltbildern umzugehen, die sich dem Fortschreiten der Wissenschaften verdankten. Aber dass die Vorstellungen und Einsichten vom Werden der Erde und der Menschen, wie sie etwa die beiden biblischen Schöpfungsberichte vermitteln, nur zeitbedingte, relative Einsichten von Menschen zum Ausdruck bringen, war schon im vorreformatorischen Mittelalter allgemein anerkannt. Den Unfug, die Kirche des Mittelalters habe gelehrt, die Erde sei eine Scheibe, verbreiten die „Neuen Atheisten“ z.B. fleißig. Allgemeine Überzeugung war damals im Gegensatz dazu das ptolomäische Weltbild. Danach ist dem die Erde eine Kugel, die im Zentrum von sie umgebenden Himmelssphären ruht. Die biblischen Schriftsteller im ersten Mosebuch redeten hier nur in einer dem Fassungsvermögen einfacher Menschen angepassten Weise, hat man sich diesen Widerspruch zur Bibel zu erklären versucht.

Es ist überhaupt ein Fehler, den christlichen Glauben mit dem Fürwahr-Halten von bestimmten Vorstellungen über die Welt- und Menschenentwicklung in eins zu setzen. Dieser Glaube kann sich – entsprechend unserem Wissen damals und heute – mit solchen Vorstellungen verbinden. Aber er erwächst nicht aus ihnen und sie sind nicht das, worauf Christinnen und Christen im Leben und Sterben vertrauen. Glaube als Vertrauen zu Gott wird vielmehr aufgrund von Erfahrungen mit Gott geweckt, die wir in unserem Leben machen. Im Falle des christlichen Glaubens sind das die Erfahrungen, die durch die Begegnung mit Jesus Christus und mit Israel zustande kommen. Sie wecken in uns das Vertrauen zu Gott als unverfügbarem Grund und Sinn unseres Leben, ja der Welt. Nur durch solchen Glauben erschließt sich uns Gott. „Gott und Glaube gehören zuhaufe“, gehören zusammen, hat Martin Luther in seinem „Großen Katechismus“ diese Einsicht kurz und bündig auf den Punkt gebracht.

Wissenschaftliche Erkenntnis aber kann solchen Glauben weder begründen noch außer Kraft setzen. Die neuen und die alten Atheisten befinden sich in einem Selbstirrtum, wenn sie behaupten, sie seien aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse vom Werden des Universums und von der Evolution des menschlichen Lebens Nichtglaubende. So verkündet es ja der gegenwärtig durch Deutschland tourende Atheismus-Bus – ich weiß nicht, ob er schon in Heilbronn war. Darauf steht der auf den ersten Blick etwas merkwürdig wirkende Satz: „Gott existiert mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht“. Das ist ein fast wörtliches Zitat aus dem Buch „Der Gotteswahn“ des Oxforder Evolutionsforschers Richard Dawkins. Er sagt, weil die Naturwissenschaften die Existenz Gottes nicht beweisen können, existiert er mit über 50% Wahrscheinlichkeit nicht.

Gott sei Dank, können wir da im Glauben an Gott nur zustimmen, ist Gott keine Wirklichkeit, die man in Naturgesetzen verorten oder errechnen und auf diese Weise Gottes Herrlichkeit vielleicht auch noch technisch verwerten kann wie die Atomkraft. „Einen Gott“, – so können wir im Anschluss an Dietrich Bonhoeffer sagen – „den es gibt (wie es die Menschen, die Dinge, die Sterne und Galaxien gibt) gibt es nicht“. Was Menschen als Gott zu errechnen oder experimentell zu nachzuweisen vermöchten, wäre mit Sicherheit nicht Gott, sondern nur ein Teil oder eine Dimension der Welt, also theologisch gesprochen: ein Götze, ein Produkt des Aberglaubens. Die Naturwissenschaften müssen sich darum mit dem Wissen begnügen und sollen vom Glauben wie vom Unglauben die Finger lassen.

Dawkins tut das denn auch in gewisser Weise, indem er am Ende zu dem Satz kommt: „Dass etwas nicht existiert, braucht auch gar nicht bewiesen zu werden“. Damit gibt er zuerkennen, dass seine Überzeugung von der Nichtexistenz Gottes überhaupt nicht durch naturwissenschaftliche Erkenntnis, sondern aufgrund mangelnder Glaubenserfahrung zustande gekommen ist. Hier redet schlicht ein Nicht-Glaubender, der versucht, das Vorurteil seines Nicht-Glaubens mit naturwissenschaftlichen Methoden zu begründen. Dabei macht er aus der Naturwissenschaft, die sich in Glaubensfragen nur der Stimme enthalten kann, ebenso eine antireligiöse Ideologie wie es schon der manifest falsche dialektische Materialismus getan hat.

Glaubende Menschen sind demgegenüber Anwältinnen und Anwälte einer freien und vorurteilslosen Wissenschaft. Sie machen sich die Wunschvorstellung vom Verhältnis des Glaubens zur Wissenschaft zu eigen, die der berühmte evangelische Theologe Friedrich Schleiermacher schon 1829 zum Ausdruck gebracht hat. Schleiermacher, der sich große Verdienste um die Gründung der Berliner Universität erworben hat, deren 200jähriges Jubiläum wir im nächsten Jahre feiern, wollte der Christenheit einprägen, dass der reformatorische Glaube ein Freund der Naturwissenschaften ist. Er hat darum noch ziemlich am Beginn des wissenschaftlichen Zeitalters gesagt, es gelte die Reformation zu vollenden und „einen ewigen Vertrag zu stiften zwischen dem lebendigen christlichen Glauben und der nach allen Seiten freigelassenen [...] wissenschaftlichen Forschung, so dass jener diese nicht hindert und diese jenen nicht ausschließt“.

 

6. Die Verantwortlichkeit aller Glaubenden für das Gespräch mit Atheisten

Ich muss zum Schluss kommen, wenngleich es zur Auseinandersetzung mit den neuen und alten Atheisten noch viel zu sagen gäbe. Denn die Herausforderung unserer Kirche durch den Atheismus berührt alle Bereiche unseres Lebens und nicht zuletzt unseres Handelns und Verhaltens. Darum ist es nötig, dass wir diese Herausforderung nicht bloß als eine Angelegenheit der Kirchleitungen und der Theologie betrachten. Nach der reformatorischen Lehre vom „Priestertum aller Glaubenden“ sind alle Christinnen und Christen dafür verantwortlich, den Glauben an Gott in ihrer Lebenswelt zu artikulieren und darzustellen. Sie sind auch die Wichtigsten, wenn es gilt, das Gespräch mit Menschen, welche atheistischen Überzeugungen anhängen, außerhalb des kirchlichen Raumes zu suchen. Denn erfahrungsgemäß schaffen es offizielle kirchliche Stellungnahmen und die Präsenz der Kirche in den Medien nicht, das atheistische Milieu zu erreichen.

Die persönliche Begegnung mit Menschen, die glauben, ist für die meisten, welche mit dem Glauben und der Kirche keine Erfahrungen haben, die einzige Möglichkeit, Anstöße zum Überdenken ihrer atheistischen Urteile und Vorurteile zu erhalten. Ob dabei eine neue Offenheit für den christlichen Glauben entstehen wird, kann heute niemand sagen. Glauben zu wecken ist ohnehin alleine das Werk des Heiligen Geistes. Wir können ihm nur den Weg bereiten, indem wir den Menschen ein anderes Bild des christlichen Glaubens und Lebens vor Augen führen, als es sich Menschen machen, die diesen Glauben in einer verzerrten Gestalt allenfalls von ferne kennen.


 
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