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25.05.2017 15:21 Alter: 87 Tag(e)
Kategorie: Vorträge

"Natürliche Theologie"versus Gotteserfahrung in der Natur

Vortrag am 25. Mai 2017 auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin zum Thema: Kann man in der Natur Glauben lernen?


  1. Was ist „natürliche Theologie“?
  2. Das „Lied in allen Dingen
  3. Drei Bedenken
  4. Ermutigungen zur Dankbarkeit

 

1.     Was ist „natürliche Theologie“?

„Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es wahrnimmt, ersehen aus seinen Werken“. So steht es in der gerade revidierten Übersetzung der Lutherbibel im Römerbrief des Apostels Paulus, Kapitel 1, Vers 20. Dieser Vers ist eine der Kardinalstellen für die Begründung einer sogenannten „natürlichen Theologie“ im Raum des Christentums. Doch was bei Paulus genau gemeint ist, darüber streiten sich die Gelehrten nicht erst seit heute. Man kann das schon daran sehen, dass es bis heute ziemlich verschiedene Übersetzungen dieses Verses gibt. In der ebenfalls jüngst revidierten Übersetzung der Zürcher Bibel lautet dieser Vers zum Beispiel: „Was von Gott unsichtbar ist, seine unvergängliche Kraft und Gottheit, wird seit der Erschaffung der Welt mit der Vernunft (!) an seinen Werken wahrgenommen“.

Der Unterschied zwischen beiden Übersetzungen ist leicht erkennbar. Die lutherische Version lässt offen, auf welche Weise der unsichtbare Gott aus seinen Werken wahrgenommen werden kann. „Aus seinen Werken“ – das heißt: aus der Schöpfung, wie sie uns in Erdteilen, in Landschaften und Meeren unter dem Himmel, in Tieren und nicht zuletzt auch in Menschen begegnet. Berührt Gott nach der Auffassung von Paulus mit diesen Werken unser Gemüt, unser Gefühl und alle unsere Sinne, mit denen wir sehen, schmecken und hören können? Oder stachelt er nicht vielmehr unsere Vernunft an, zu ergründen, wem sich dieses Wunderwerk, in dem wir leben, verdankt? Die Zürcher Übersetzung trifft in dieser Frage eine Entscheidung. Sie sagt: Es ist die Vernunft, die Gottes unsichtbare Kraft und Gottheit an seinen Werken wahrnimmt.

Mit dem Problem, welche Übersetzung die griechische Vokabel „wahrnehmen“ nun richtig deutet, will ich uns jetzt nicht weiter beschäftigen. Die Übersetzung der Zürcher Bibel taktet sich jedenfalls in eine Entscheidung ein, die schon in der Alten Kirche in den ersten Jahrhunderten des Christentums fiel. Sie lautet: natürliche Gotteserkenntnis und damit „natürliche Theologie“ ist Sache der Vernunft.

Doch damit wurde ein Begriff in das Christentum verpflanzt, der außerhalb des Christentums seine Wurzeln hat. Denn „natürliche Theologie“ ist ein Begriff aus der griechischen Philosophie. Er wurde kritisch gegen den Vielgötterglauben der antiken Welt entwickelt. Dieser Glaube wurzelte in Göttergeschichten. Man nannte so etwas theologia fabulosa, weit ausufernde Fabeln von den Göttern in allzu menschlicher Weise. Dem gegenüber fragte die „natürliche Theologie“ aufgrund ihrer Wahrnehmung der Welt mit der Vernunft nach dem einen Wesen des Göttlichen. Sie verstand also unter „Natur“ nicht unsere Umwelt, nicht Wälder, Wiesen und Auen, Meere und Berge. „Natur“ im Sinne der „natürlichen Theologie“ ist vielmehr das Wesen Gottes, das, was das Göttliche eigentlich ausmacht. In vergleichbarer Art verwenden wir den Begriff der „Natur“ ja auch noch heute. Wenn wir etwa sagen: Dieser Mensch hat eine fröhliche Natur, dann meinen wir auf Grund unserer Erfahrungen mit ihm: Er hat ein fröhliches Wesen. Gottes Natur, also sein Wesen zu erkennen, vermag dementsprechend nach jener alten Überzeugung unsere Vernunft. Denn sie konnte sich das Dasein unserer Welt nicht anders zu erklären als so, dass es sich einer unsichtbaren, göttlichen Kraft verdankt. So dachte die griechische Philosophie.

Dieses Denken hat sich die christliche Theologie der Vergangenheit zu Eigen gemacht. Sie ging zwar davon aus, dass Christinnen und Christen Gottes Natur so kennen lernen, wie sie uns in der Geschichte des Lebens und Sterbens Jesu Christi begegnet. Das Neue Testament nennt das Gottes Offenbarung. „Gott ist die Liebe“, konnte der 1. Johannesbrief z.B. auf Grund dessen das göttliche Wesen (sprich: die göttliche „Natur“) charakterisieren. Dieser Brief ging aber wie die ganze Bibel davon aus, dass Gott auch der Schöpfer der Welt ist. Zu seiner Erkenntnis verhilft jedem Menschen die „natürliche Theologie“. Sie hat die Aufgabe, das Entstehen des Glaubens Gott, wie er in Jesus Christus begegnet, vorzubereiten. Jeder Mensch, dem Gott in Jesus Christus nach dem Zeugnis der Bibel und der Kirche mit seinem Geist nahe kommt, kann sich vernünftigerweise immer schon sagen, dass Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, der Schöpfer ist.

Wir überspringen jetzt einmal die Schilderung dessen, wie die Art und Weise vernünftiger „natürlicher Theologie“, die im Altertum und auch noch zur Reformationszeit praktiziert wurde, Pleite ging. Denn sie war mit einem Weltbild verbandelt, nach dem die Erde der Mittelpunkt eines von göttlichen Sphären umgebenen Universums war. Sie schlussfolgte deshalb, dass Gott der erste Urheber und Beweger des Universums und der Erde sei. Dieses Weltbild aber wurde von den Naturwissenschaften der Neuzeit aus den Angeln gehoben. Berühmt ist die Antwort von Laplace auf die Frage von Napoleon, wo denn Gott in seinem System des Universums bleibe: „Ich brauche diese Hypothese nicht, Sir“, hat er geantwortet.

  Seitdem hängt dem christlichen Glauben die Nachrede an, „unwissenschaftlich“ zu sein. Viele Menschen haben sich deshalb vom christlichen Glauben verabschiedet. Sie schließen sich der atheistischen Deutung unserer Kenntnisse vom Werden des Universums, der Erde und des Lebens an, nach der unser Dasein sich den blinden, zufälligen Auswirkungen der Naturgesetze verdankt. Im Osten Deutschlands teilt die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung diese Überzeugung. Die sogenannten „Neuen Atheisten“ – Richard Dawkins mit seinem Buch „Der Gotteswahn“ hat am Meisten von sich reden gemacht –  geben sich alle Mühe, auch das Christentum von heute in die Ecke von Ignoranten der Wissenschaft und Phantasten zu drängen, die nicht ganz dicht im Kopfe sind.

Die Diskussion darüber, inwiefern es unsere Kenntnisse der „Naturgesetze“ vom Werden des Universums, der Erde und des Lebens sehr wohl erlauben, uns für eine „ewige Kraft und Gottheit“ in diesem Werden offen zu halten, können wir hier nicht führen. Sie würde uns in höchst abstrakte, eigentlich bloß hoch spezialisierten Wissenschaftlern zugängliche Gefilde der Quantenphysik, der Relativitätstheorie oder des Prinzips der Komplementarität führen. Doch das ist heute nicht unser Thema. Unsere Frage nach „Gotteserfahrung in der Natur“ hat es mit einem unmittelbaren, jedem Menschen möglichen Erlebnis der uns umgebenden Natur, zu der wir auch selbst gehören, zu tun.

 

2.     Das „Lied in allen Dingen“

Naturwissenschaftliches Forschen und Fragen vollzieht sich in der Abstraktion von der unmittelbaren Wahrnehmung der Welt, in der wir leben. Es stellt Versuche an und erkundet Gesetzmäßigkeiten. Doch das ist beileibe nicht die einzige Art, in der wir die „Natur“ um uns her und auch uns selbst erleben und erfahren. Wäre die Verortung in Naturgesetzen die einzige Möglichkeit, unsere Welt und uns selbst wahrzunehmen, dann verlöre unsere Welt alle Farben. Wir selbst würden uns in diesem Blickwinkel an erster Stelle unerträglich simplifiziert und degradiert vorkommen.

Menschen, die in einem Krankenhaus zum „Fall“ naturgesetzlicher Verfahren geworden sind, nach deren Empfinden niemand fragt, erfahren das leidvoll. Trotz der großen Hilfe, die ihnen durch die Wissenschaft ohne Zweifel zuteilwird, haben sie nicht den Eindruck, dass es hier um sie selbst geht. Darum können wir durchaus verallgemeinernd sagen: Was uns die Naturwissenschaft erschließt, ist nicht die Realität schlechthin. Es ist eine sehr wichtige bestimmte Dimension der Realität. Ihr steht aber in unserem Erleben eine andere Dimension des Wahrnehmens der Realität von uns selbst und unserer Umwelt gegenüber. Sie hat nicht weniger Recht, ernst genommen zu werden als die Verortung unserer Umwelt und unserer selbst in Naturgesetzen.

Das Wahrnehmen dieser anderen Dimension aber ist mit einem Überschreiten alles dessen, was wir objektiv von unserer Welt und unseres Lebens wissen können, unlöslich verbunden. Es ist sinnlos, Menschen im Namen der Wissenschaft dieses Überschreiten verbieten oder ausreden zu wollen. Es gehört zu uns mit Bewusstsein begabten Wesen. Uns spricht zum Beispiel die aufblühende Natur jetzt gerade im Frühling so an, dass sie unser Lebensempfinden steigert und wir ihr eine Bedeutung für unser Leben zuerkennen. Nehmen wir uns Zeit, bei dieser Empfindung zu verweilen, bewegt uns die Schönheit einer Landschaft, berührt uns etwas Geheimnisvolles am Ufer eines Meeres, in dem die Abendsonne versinkt. Es kann uns glücklich, aber auch wehmütig stimmen. Es schafft jedenfalls eine Atmosphäre eigener Art, die keine an objektiven Fakten orientierte Wissenschaft zu erfassen vermag. Hier spricht uns die Wirklichkeit, in der wir leben, mit einer anderen Sprache an als mit den Formeln der Wissenschaft.

 Die Dichterinnen und Dichter, die Musikerinnen und Musiker, die Malerinnen und Maler versuchen auch heute in unserem wissenschaftlich-technischen Zeitalter diese Sprache zu erlauschen. Wenn wir uns aber von ihren Wahrnehmungen mitnehmen lassen, haben wir das unabweisbare Gefühl, wirklicher zu sein, als es nur eine Zusammenballung chemischer und physikalischer Elemente sein kann.

„Schläft ein Lied in allen Dingen,

die da träumen fort und fort,

und die Welt beginnt zu singen,

triffst du nur ihr Zauberwort“,

hat Joseph Eichendorff gedichtet. Dieses Gedicht ist wahr – wahr allerdings auf andere Weise, als uns die Physik und die Biologie die Dinge darbieten. Es nimmt unsere Fähigkeit in Anspruch, uns von einem Geheimnis der Wirklichkeit angehen zu lassen, das uns anders berührt als Formeln und Lehrsätze. In der Dimension, in der die Wissenschaft die Wirklichkeit wahrnimmt, erstarrt das Wirkliche dagegen gewissermaßen zu einem Funktionszusammenhang. In Rainer Maria Rilkes Klage über den naturwissenschaftlichen Zugriff auf die Wirklichkeit, die sich direkt an Eichendorffs Lauschen auf das Lied in allen Dingen anschließt, führt das regelrecht zur Abwehr des naturwissenschaftlichen Umgangs mit der Wirklichkeit:

„Ich will immer nur warnen und wehren: Bleibt fern.

Die Dinge singen hör ich so gern.

Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.

Ihr bringt mir alle die Dinge um“.

Natürlich wäre es ganz töricht, sich durch eine solche Klage zu einer romantischen Verklärung der Welt oder gar zu einer Verneinung naturwissenschaftlicher Forschung verleiten zu lassen. Es geht nur darum, zu verstehen, dass jenes unmittelbare Erleben der Natur, aber auch unseres menschlichen Daseins durch die Wissenschaft niemals aufgehoben werden kann. Es lässt uns das, was wir „Sein“ oder „Wirklichkeit“ nennen, auf intensive Weise und in einer großen Bandbreite von Empfindungen nahe kommen, auch wenn wir es nicht ohne Rest durchschauen und berechnen können. Man kann vielmehr umgekehrt sagen: Gerade weil zu solchem unmittelbaren Erleben immer auch ein Horizont des Geheimnisses gehört, den wir niemals auflösen können, kommt uns das Wirkliche hier auf uns umtreibende, erhebende, aber auch niederschmetternde Weise nahe. Aber kommt uns auf diese Weise auch Gott nahe? Drei Bedenken sind es mindesten, die uns zögern lassen, diese Frage einfach zu bejahen.

 

3.     Drei Bedenken

Bedenken Nr. 1:

Nicht alle Menschen, die sich heute vom Geheimnis der Natur  berühren lassen, bringen dieses Geheimnis von sich aus mit Gott in einen Zusammenhang. Wenn sie es in ihrem Leben durch die Kirche oder andere Menschen nicht schon ausdrücklich mit Gott zu tun gehabt haben, fehlen ihnen einfach die Worte, um ihre Naturerfahrung mit einer Gotteserfahrung in Verbindung zu bringen. Es bleibt nur das Erlebnis des Staunens über der Wunderwerk der Natur, vielleicht auch der Ehrfurcht vor seiner Größe, die uns – mit Reinhard Mays Lied gesprochen – erahnen lässt, „wie winzig wird sind“ und dass es Größeres gibt als nur uns selbst. Das Naturerlebnis dieser Art kann Züge von Religiosität, also einer gewissen Naturfrömmigkeit, annehmen. Es vermag Menschen auch wohl zu motivieren, sich gegen die Zerstörung der Natur zu engagieren. Doch für die Menschen, welche eine Gotteserfahrung nicht schon immer mitbringen, bleibt das Empfinden des Geheimnisses der Natur ein Empfinden ohne einen Horizont darüber hinaus. Ich kenne in meinem östlich-atheistischen Umfeld jedenfalls eine ganze Reihe von Naturfreundinnen  und –freunden, die ihr Erleben der Natur durchaus nicht veranlasst, sich für den Gottesglauben zu öffnen und ihm nun auch in ihrem privaten und gesellschaftlichen Leben Raum zu geben.

 

Bedenken Nr. 2:  

Gegen die Erwartung, dass Menschen Gott in ihrer Naturerfahrung wahrnehmen können, spricht nach wie vor, dass sich die Natur auf unserer Erde keineswegs als Paradies reinen Glücks darstellt. Naturkatastrophen wie Erdbeben und Tsunamis, Dürreperioden und Überschwemmungen, Seuchen und Krankheiten kosten heute wie ehemals unabsehbar viele Menschen ihr Leben. Im Tierreich herrscht das Gesetz von Fressen und Gefressenwerden. Man mag die Filme, die das im Fernsehen drastisch darstellen, kaum noch ansehen. Die Erzählung von menschlichen Untaten ist eine sich durch die ganze Geschichte der Menschheit ziehende schauerliche Endlosstory, der auch heute von den 48 Kriegen auf unserer Erde weitere furchtbare Kapitel hinzugefügt werden. Das alles ist auch „Natur“.

Nach Martin Luthers Erklärung des 1. Gebotes im Großen Katechismus aber heißt „einen Gott haben“, von ihm „alles Gute“ zu erwarten. Ist das angesichts der vielen, vielen schlimmen Übel, die uns die Natur auch beschert, nicht eine Illusion? Der berühmte deutsche Schriftsteller Georg Büchner hat in seinem Drama „Dantons Tod“ gesagt, diese schauerliche Seite der „Natur“ sei der „Fels des Atheismus“, der Leugnung des Gottesglaubens. Ein guter Gott könne eine solche Welt nicht schaffen.

Um den Glauben an Gott dennoch zu retten, empfiehlt der katholische Religionsphilosoph Eugen Drewermann heute, den Glauben an den Schöpfer der Natur überhaupt fahren zu lassen. Nur in Jesus Christus könne man Gott als Gott der Liebe erkennen, von dem wir alles Gute zu erwarten haben. Die „Natur“ dagegen verdanke sich, wenn sie denn überhaupt auf das Wirken eines Gottes zurückgeführt werden kann, allenfalls einem unfähigen und grausamen Weltenhandwerker. So hatte schon im 2. Jahrhundert ein kleinasiatischer Presbyter namens Marcion gedacht. Bringt also die Erfahrung der Naturübel das „Lied in allen Dingen“, welches im Gotteslob mündet, zum Verstummen?

 

Bedenken Nr. 3:

Der Glaube an Gott den Schöpfer der Welt und damit der Natur, wie er in Israel entstanden ist und vom Neuen Testament selbstverständlich übernommen wurde, wendete sich gegen den im Altertum verbreiteten Glauben an Naturgottheiten. Die Schöpfung ist demnach kein Tummelplatz von göttlichen Kräften, die angebetet und gnädig gestimmt werden müssen. Weil der Schöpfer als klares, jenseitiges Gegenüber der Welt verstanden wurde, hat der biblische Glaube an Gott alle Vorstellungen verneint, welche Gottheiten, Geister und Dämonen in der Welt am Werke sahen. Der biblische Glaube an den Schöpfer der Welt hat diese Welt „entgöttert“, sagt die alttestamentliche Wissenschaft. Die Schöpfung, die Gott ins Dasein gerufen hat, ist demnach kein Ausfluss Gottes, kein quasi-göttliches Gebilde. Sie ist eine rein irdische Wirklichkeit. Die Menschen, die auf der Erde leben, sind darum auch keine Marionetten Gottes. Sie haben vielmehr den Auftrag, die Schöpfung mit ihren Möglichkeiten und Grenzen zu bebauen und zu bewahren (1. Mose 2,15).

Ich gehe jetzt nicht der Frage nach, inwiefern dieser Schöpfungsglaube auch zu den Voraussetzungen für das Entstehen der neuzeitlichen Wissenschaft gehört. Es kein Zufall, dass sich diese Wissenschaft – wenn auch mit vielen Irrwegen – auf dem Boden der vom christlichen Schöpfungsglauben geprägten Weltsicht entfaltete. Denn die Schöpfung zu bebauen und bewahren, hieß auch, sie in ihrer irdischen Art und Weise erkennen und erforschen zu dürfen. Eine Rückkehr zum „heidnischen“ Glauben an eine von Göttern und göttlichen Kräften durchwaltete Welt kann darum nicht gemeint sein, wenn das Naturerleben Menschen veranlasst, Gottes inne zu werden. Doch was kann das Erleben der Natur um uns her dann noch mit Gott zu tun haben?

 

4.     Ermutigungen zur Dankbarkeit

Die Bedenken, die sich gegen die Möglichkeiten von „Gotteserfahrungen in der Natur“ erheben, müssen wir sicherlich ernst nehmen. Dennoch besteht für Christinnen und Christen kein Anlass, sie als grundsätzliche Blockaden solcher Erfahrungen zu verstehen. Denn von Gott, der in Jesus Christus mit seiner Menschenliebe unsere Herzen gewinnt (Römer 10, 10), gehen nach dem Zeugnis des Neuen Testaments fortwährend Ermutigungen aus, Zeichen seiner Gegenwart in der Natur wahrzunehmen. Das Wesen von Zeichen ist, dass sie auf etwas verweisen. Man kann Gott nicht in ihnen wahrzunehmen, wie die Naturreligionen meinen, in denen es dann zur Anbetung von Tieren, Bäumen, Bergen usw. kommt. Aber diese Zeichen in der Natur verweisen auf Gott. Das ist der Dienst, den Naturerfahrung der Gotteserfahrung leisten kann.

Jesus selbst hat die Christenheit in das Lesen solcher Zeichen eingewiesen. In seiner Verkündigung von Gottes Friedensreich wurde ihm die Natur zum Gleichnis der Liebe Gottes. Die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde (vgl. Matthäus 6, 25-34) lehren uns, zu Gott „Vater“ zu sagen. Mit der Natur, wie wir sie wahrnehmen, hat Jesus seine Botschaft durchgehend konkretisiert. Die Übel, welche die Natur uns zufügt, hat er dabei keinesfalls verharmlost oder ignoriert. Er hat ihnen Widerstand geleistet, indem er Kranke heilte und der Lichtseite der Schöpfung das erste Wort gegenüber ihrer Schattenseite gab.

Dieser Umgang Jesu mit der Natur ist im Grunde das Muster, von dem für uns bis heute die Ermutigung ausgeht, trotz und entgegen allen Bedenken in der Natur Zeichen wahrzunehmen, die uns auf Gott verweisen. Sie durchbrechen und unterbrechen eine Mentalität, in der sich Menschen als Gefangene eines Naturgeschehens verstehen. Für die ersten „Freigelassenen der Schöpfung“, wie Johann Gottlieb Herder uns Menschen genannt hat, sind die Wunder Natur im Großen (angefangen vom „gestirnten Himmel über uns“!) und im Kleinen (angefangen vom Gänseblümchen!) immer neue Anstöße dafür, Gott zu danken, dass er uns das Leben in dieser Naturwelt geschenkt hat.

„Undank verstopft den Zugang zu Gott“, hat Dietrich Bonhoeffer gesagt. Das hat auch schon Paulus in der eingangs zitierten Stelle aus dem Römerbrief so gesehen (Römer 1, 21). Menschen, die nicht für das zu danken vermögen, was ihnen in der Natur begegnet, kennen die Richtung nicht, in die sie die „Vögel unter dem Himmel“, „die Lilien auf dem Felde“ und das ganze Wunderwerk unserer „schönen blauen Oase“ im Universum verweisen. Es sind für sie nur vergängliche Augenblicke, welche ihnen das Erleben der Natur beschert. In der Dankbarkeit aber öffnen uns diese Augenblicke beständig für den Gott, der uns die einmalige Gelegenheit schenkt, auf dieser Erde zu leben und sich dieses Geschenks zu freuen. Wer in der Dankbarkeit für Gott geöffnet ist, ist darum einverstanden mit seinem Leben – auch wenn das, wie wir schon gesagt haben – kein Leben in einem problemlosen Paradies ist.

Denn wir teilen das Geschick aller belebten Lebewesen in der Natur, die werden, aber auch vergehen. Das Vergehen aber fährt der Dankbarkeit über die Wunder der Natur in unserem Leben dazwischen. Denn wir sind begrenzt in der Zeit und müssen sterben. Der Schmerz des in Schwäche und Krankheiten schwindenden Lebens setzen jedem Menschen zu. Sollen wir dafür dankbar sein?

Wir sind begrenzt im Raum. Wir sind darum verletzlich und gefährdet durch Naturgewalten und menschliche Gewalt. Bringt das Hereinbrechen solcher Gewalten, das die ganze menschliche Geschichte begleitet, die Dankbarkeit, zu der uns die Sonnenseite der Schöpfung aufruft, nicht zum Verstummen? Auf zwei Antworten darauf, mit denen ich schließen möchte, verweist uns das dankbare Erleben der Zeichen für Gottes Werke in der Natur.

Einerseits: Ja, unser Leben in Dankbarkeit annehmen, heißt auch, es als endendes Leben annehmen. Dabei unterstützen uns die Zeichen, die uns im Einklang mit der Botschaft Jesu Christi in der Natur darauf weisen, dass dieses Leben in der Ewigkeit Gottes und nicht im Erdboden sein Ziel findet.

Andererseits: Nein, die Dankbarkeit muss nicht verstummen, wenn ihr Leid und Elend in der Welt die Luft abzuschnüren drohen. In den Fußspuren Jesu Christi sind wir vielmehr ermächtigt und aufgerufen, die Lichtseite der Schöpfung gegenüber ihrer Schattenseite zum Leuchten zu bringen, d.h. in Worten und Taten dafür einzutreten, dass für Gottes Geschöpfe nicht Tränen, sondern Freude an ihrem Dasein auf der Erde ihr Leben ausmachen.

 


 
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