24.10.2009 00:00 Alter: 10 Jahr(e)
Kategorie: Vorträge

„Neuer Atheismus“ – alter Atheismus. Erkundungen in einem religions- und christentumsfeindlichen Milieu

Vortrag in der Evangelischen Akademie von Mecklenburg/Vorpommern in Güstrow am 24.10.2009


1. Atheismus im real-existierenden Sozialismus und ein Erschrecken heute

Der Atheismus ist in Deutschland seit der friedlichen Revolution im Jahre 1989 eine verhältnismäßig zahme und unspektakuläre Angelegenheit geworden. Er gilt in unserer pluralistischen Gesellschaft als eine weltanschauliche Orientierung unter anderen weltanschaulichen und religiösen Orientierungen, die respektiert und geachtet werden. Denn eine den Grundsätzen der Menschenrechte verpflichtete Demokratie räumt jedem das Recht ein, sich zu den Grundfragen unseres Lebens eine eigene Meinung zu bilden und diese Meinung im friedlichen Streite mit anderen weltanschaulichen oder religiösen Überzeugungen und im Respekt vor den Menschen mit solchen Überzeugungen zu vertreten. Insofern ist nichts dagegen einzuwenden, dass es in unserer Gesellschaft Atheisten gibt, im Osten Deutschlands sogar massenweise, welche die Gottlosigkeit von Menschen für ein erstrebenswertes Ideal eines wahrhaft menschlichen Lebens halten und dafür zuweilen auch eintreten.

         Im Falle der Atheisten, die ihre Wurzeln im östlich-realsozialistischen Atheismus haben, ist es freilich nicht so einfach, ihre dort gewonnene Geistigkeit heute als Triebkraft friedlich-demokratischer Gesinnung und Gesittung wahrzunehmen. Denn es ist noch nicht vergessen, was der Atheismus angerichtet hat, der seit der Oktoberrevolution in Russland fast ein ganzes Jahrhundert lang die östliche Halbkugel unserer Erde dominiert hat und sich nach dem 2. Weltkrieg als allein richtige Weltanschauung in der DDR mit staatlich-dikatorischer Macht etablierte. Unter der Leitung der Zwangsvorstellung, dass Religion ein besonders verderbliches Werk des „Klassenfeindes“ sei, glaubten sich die atheistischen Weltanschauungsstaaten berechtigt, mit Gewalt und Unterdrückung gegen die Christen in ihren Ländern vorzugehen.

In der Sowjetunion fanden regelrechte Christenverfolgerungen statt. Im Namen der atheistisch-materialistischen Weltanschauung wurden unzählige Priester und Gläubige ermordet, Klöster niedergebrannt und Kirchen zu Schwimmhallen und Kinos umgebaut. Vasallen der Sowjetunion wie Walter Ulbricht haben Anfang der 50ger Jahre des vorigen Jahrhunderts Pläne ausarbeiten lassen, wie die christliche Kirche in Ost-Deutschland zu liquidieren sei. 1953 wurde versucht, diese Pläne ins Werk zu setzen, indem Junge Gemeinden und Studentengemeinden als „Agentenzentralen des amerikanischen Imperialismus“ drangsaliert und ihre Glieder in Stasigefängnissen gequält wurden. Dieser atheistische Furror in der DDR, der viele Christen in die Flucht aus diesem Lande getrieben hat, wurde selbst den Russen zu viel. Sie haben Ulbricht zurück gepfiffen und den Kirchen wurde daraufhin noch vor dem 17. Juni ein „neuer Kurs“ prophezeit.

Dieser neue Kurs hat aber nicht verhindert, dass durch die ganze DDR-Zeit hindurch Christinnen und Christen unterdrückt wurden und mit Druck darauf hingearbeitet wurde, die Mitgliederzahlen der Kirche zu dezimieren. Ganze Berufszweige waren für Christinnen und Christen verschlossen, Kinder christlicher Eltern wurde die höhere Schulbildung und das Studium verwehrt, wenn es etwas zu schikanieren gab, wurde schikaniert usf. Selbst als sich die Einsicht durchsetzte, dass die Religion unter den Segnungen des real existierenden Sozialismus wohl nicht ganz „absterben“ würde und die offizielle Kirche als „Kirche im Sozialismus“ irgendwie ihren Frieden mit diesem System zu schließen bereit war, gingen die Drangsalierungen der Glieder der christlichen Gemeinden und die Übergriffe in die Biographien christlicher Menschen weiter.

Diejenigen, die das Alles noch nicht vergessen haben, weil die Wunden, welche die atheistisch grundierte Machtausübung ihrem Leben geschlagen hat, noch nicht vernarbt sind, dürften deshalb besonders wache Ohren haben, wenn der Atheismus heute wieder beginnt, sein friedlich-humanistisches Mäntelchen abzulegen und mit verzerrten Darstellungen des Gottesglaubens, Vorurteilen und Ressentiments unverhohlen den Hass auf die Religion zu schüren beginnt. Ich habe hier das Kinderbuch vor mir, das der Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael Schmidt-Salomon, 2007 verfasst hat. „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“, heißt dieses Machwerk, das der „humanistische Pressedienst“ unter dem Stichwort „Ferkelgott“ als „Heidenspaß“ anpreist. In diesem Buch werden die Vertreter der verschiedenen Religionen als dumme hasserfüllte Schreckensgestalten vorgeführt und lächerlich gemacht. Besonders schlimm sind die Illustrationen dazu, vor allem die Darstellung eines jüdischen Rabbis, die direkt der antisemitischen Nazipropaganda des „Stürmer“ entnommen zu sein scheint.

         Zu dergleichen fühlen sich deutsche Atheisten offenkundig ermutigt, weil die Buchläden sich vor drei Jahren mit Produktionen sogenannter „Neuer Atheisten“ zu füllen begannen. Zu deren Profil aber gehört unverkennbar eine Sprache des Zorns und der Verächtlichmachung der Religionen und vor allem des Christentums. Nicht zuletzt auf Grund seiner zügellosen Sprache hat in Deutschland vor allem das Buch des Oxforder Evolutionsforschers Richard Dawkins Aufmerksamkeit gefunden. Es heißt „Der Gotteswahn“ und will dementsprechend sagen, dass Menschen, die an Gott glauben, irrsinnig sind, weil sie unter einem altertümlichen und gefährlichen Wahnsinn leiden, von dem sie der Atheismus zu heilen und zu befreien verspricht. Die Presse, wie die Illustrierte „Der Stern“ und das Magazin „Der Spiegel“, aber auch diverse Talk-shows, haben die Schimpfkanonaden auf die Religion und besonders auf den christlichen Glauben, an denen offenbar sorgfältig gefeilt wurde, mit der ihnen eigenen Sensationslust begierig aufgenommen und verbreitet.

Der sound, an dem sie dabei vor allem interessiert waren, klingt etwa so: Die Bibel – das ist eine „chaotisch zusammengestoppelte Anthologie zusammenhangsloser Schriften“ (327). Gott – das ist ein „psychotisches“ „grausames Ungeheuer“, ein „Monster“, nämlich „ein kleinlicher, ungerecht nachtragender Kontroll-Freak; ein rachsüchtiger blutrünstiger ethnischer Säuberer, ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, kinds- und völkermörderischer, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann“. Jesus – das ist der Vertreter einer jüdischen „Gruppenmoral“, die „Anweisungen zum Völkermord“ (358) gibt. Glauben – das ist „Gott in den Hintern kriechen“ (321f.). Christliches Leben – das ist eine „ethische Katastrophe“. Kirche – das ist Kindesmissbrauch, d.h. nicht nur „Fummelei in der Sakristei“ (440) und das Quälen von Mädchen durch „grausame Nonnen“, sondern das Verderben des Geistes von Kindern mit „Unsinn“ (453). Keine Gelegenheit zum Zynismus wird ausgelassen, so wenn etwa den Christen empfohlen wird, elektrische Stühle statt Kreuze um den Hals zu tragen und sich bei einer schlechten Krebs-Diagnose auf eine „schnellere Reise in den Himmel“ wie auf „einen Urlaub auf den Seychellen“ zu freuen.

Es ist kein Zweifel, so wie hier geredet wird, hat die atheistische Propaganda-Literatur in der Zeit des Stalinismus geredet. Ich habe mich darum erschrocken gefragt, was Menschen, deren Geistigkeit sich in einer solchen Sprache äußert, wohl mit den Christen machen würden, wenn sie Macht über sie gewönnen. Denn es ist ganz klar: Hier soll kein Dialog geführt werden. Hier wird abgeurteilt und diskriminiert. Es lohne sich gar nicht, sich mit dieser Literatur auseinanderzusetzen, haben darum viele Kritiker geäußert. Dawkins habe das Niveau eines „Dorfatheisten“, der Klischees aus der „Mottenkiste“ der Vulgäraufklärung mit Geschmacklosigkeiten garniert. Außerdem strotzt sein Buch von richtigen Fehlern. Alister Mc Grath hat sie in einer Retourkutsche auf Dawkins („Atheismuswahn“) alle aufgelistet.

Dennoch gibt es genügend Leute in Deutschland, die den Ball gerne aufnehmen und weiter spielen, den die „Neuen Atheisten“ ins Spiel gebracht haben. Jener Schmidt-Salomon z.B. hat seinem Ferkelgott-Buch jetzt ein zweites mit dem Titel „Susi neunmalklug erklärt die Evolution“ folgen lassen. Es soll offenkundig dazu dienen, vom Religionsunterricht abzuschrecken. Denn dort wird ein hässlicher und dummer Religionslehrer bloß gestellt und verlacht, der die Kinder lehrt, die Welt sei in sieben Tagen erschaffen worden. Hier werden ganz bewusst Lügen verbreitet. Denn in keinem Lehrplan für den Religionsunterricht wird das Thema „Schöpfung und Evolution“ so behandelt. Da solche Art von Atheismus-Verbreitung offenkundig in die Schulen drängt, ist es schon geraten, ernst zu nehmen, was da verbreitet wird und wie die „Neuen Atheisten“ bei uns popularisiert werden. Doch zunächst müssen wir fragen: Was ist denn überhaupt das „Neue“ an dem Atheismus, der in jüngster Zeit von sich reden macht?

 

2. Die Anlässe für den „Neuen Atheismus“

 „Neu“ ist der Atheismus, von dem wir hier reden, für uns zunächst einmal darum, weil er nicht aus unserer mitteleuropäischen Gegend stammt. Dieser Atheismus ist ein Import. Er stammt aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum und kommt hier durch Übersetzungen auf den Markt. Auch inhaltlich spielen bei seinen Vertretern die europäischen und deutschen religiösen Verhältnisse keine Rolle, geschweige denn die theologische und philosophische Literatur, die hier zum Thema „Atheismus“ erschienen ist. Der dominierende Kontext, auf den sich dieser Atheismus bezieht, ist vielmehr die religiöse Situation in den USA und dort vor allem der weit verbreitete christlichen Fundamentalismus, der auch auf die Politik einen starken Einfluss nimmt.

Dieser Fundamentalismus versteht alle biblischen Zeugnisse von Gott, der Welt und den Menschen in gleicher Weise als zeitlos gültige Offenbarungen Gottes. Er verteidigt darum die biblischen Vorstellungen von der Entstehung der Welt und des menschlichen Lebens gegen die Astrophysik und gegen die Theorie von der Evolution des Lebens aus dem Tierreich. Er zeichnet sich durch eine Ethik aus, die z.B. Homosexualität für gottwidrig hält und auch sonst die ethischen Vorstellungen der Bibel von Staat und Gesellschaft, Ehe und Familie, direkt in unsere Zeit überträgt.

Dieses Christentum zu bekämpfen, hat der „Neue Atheismus“ sich vorgenommen. Was er dagegen vorzubringen hat, darüber könnte man ja sicherlich mit vielen Christinnen und Christen, Kirchen und Konfessionen auf der Welt reden. Die stärkste und direkteste Kritik am christlichen Fundamentalismus wird weltweit in den Kirchen selbst und in der christlichen Theologie geübt. Doch das schert die „Neuen Atheisten“ nicht. Ihr besonderes Profil gewinnen sie vielmehr dadurch, dass sie alles Christentum auf der Welt mit diesem Fundamentalismus in einen Topf werfen. Christen müssen so sein, dass sie glauben, die Welt sei vor sechstausend Jahren erschaffen und Adam mit seiner Eva seien historische Figuren. Wir müssen alle Anweisungen aus Bibel befolgen wie z. B. den im Alten Testament geschilderten Heiligen Krieg gegen Menschen anderer Religionen. Ja mehr noch: Alle Religionen der Welt werden so beurteilt, dass sie längst veraltete, menschenfeindliche und vernunftwidrige, durch die Wissenschaft widerlegte, absurde Vorstellungen von der Welt und vom Menschen hegen.

Dieses Argument ist allerdings überhaupt nicht „neu“. Das kennen wir seit über 200 Jahren. Bleibt also nur die Behauptung, dass alle Religion in dem beschriebenen Sinne fundamentalistisch sein muss. Natürlich sehen die „Neuen Atheisten“ auch, dass es eine sehr große Aufgeschlossenheit im Christentum für die moderne, wissenschaftliche Zeit gibt und viele der bedeutendsten Naturwissenschaftlicher Christen sind. Doch das beurteilen sie gewissermaßen als einen Betriebsunfall der Religion, der nicht aus den Wurzeln des Gottesglaubens kommt. Dergleichen verdanke sich vielmehr dem Einfluss des Atheismus auf den Glauben. Darum werden die in Kirche und Theologie reichlich vorhandenen Erklärungen über das Verhältnis von Gottesglaube und Naturwissenschaft gar nicht erst zur Kenntnis genommen.

Hinzu kommt ein Weiteres, was in gewisser Weise „neu“ für den Atheismus ist. Es hängt mit der Zeit zusammen, in der sich in Amerika zu Worte meldete. Es ist die Zeit nach dem 11. September 2001, dem islamistischen Terroranschlag auf das World-Trade-Center in New York. Das religiöse Motiv dieses Anschlags, nämlich die Vernichtung von Ungläubigen und Verheißung des Paradieses für die Attentäter, hat auch bei uns eine Diskussion über den Zusammenhang von Religion und Gewalt ausgelöst, auf den wir noch zu sprechen kommen. In den USA aber ist diese Diskussion auf die Behauptung zugespitzt worden, alle Religion sei notwendig gewaltsam gegenüber Andersgläubigen. Sam Harris, ein amerikanischer Neurowissenschaftler, hat in seinem auch in Deutschland veröffentlichten Buch, „Das Ende des Glaubens. Religion, Terror und das Licht der Vernunft“ daraus die Konsequenz gezogen, nur der Atheismus könne die Welt vor solcher Gewalt bewahren. Der unwissenschaftliche Aberglaube an einen Gott sei dagegen eine immer wieder neu sprudelnde Quelle der Gewalt in unserer Welt.

Darüber aufzuklären, hat sich der „Neue Atheismus“ zum Ziel gesetzt. „Brihgts“, Aufklärer, nennen sich diese Atheisten deshalb. Sie klären darüber auf, „wie die Religion die Welt vergiftet“. So lautet der Untertitel des Buches des Journalisten und ehemaligen Trotzkisten Christopher Hitchens „Der Herr ist kein Hirte“. In diesem Buch, wie in dem von Sam Harris, wird eine Unmenge von Horrorgeschichten aus den Grundtexten der Religionen und ihrer Historie zusammen getragen. Sie sollen belegen, dass der Glaube an einen Gott oder an Götter mit Notwendigkeit zur Ausrottung von anders Glaubenden führen muss. Das Argument dafür ist: Weil religiöser Glaube aus Unwissenheit absurde Vorstellungen von der Welt und vom Menschen erfindet, ist er nicht in der Lage, sie argumentativ zu vertreten oder auch nur, sie zu korrigieren. Menschen mit einem solchen Glauben können derartige Vorstellungen nur so aufrecht halten und verteidigen, indem sie Menschen mit anderen Vorstellungen hassen und ihnen den Kopf einschlagen. „Dummheit, gekoppelt mit [...] Überheblichkeit“ und Vernichtungswut gegenüber anderen – das ist nach Christopher Hitchens das Wesen der Religion.

Allerdings die Religionskritik, die hier geübt wird, ist noch nicht Atheismus. Religionskritik – z.B. die Kritik an der Gewaltrechtfertigung durch die Anhänger einer Religion – gibt es in Breite auch innerhalb der Religionen. Atheismus wäre dagegen die die zwingende Darlegung dessen, dass Gott nicht existiert, wobei der Begriff „Atheismus“ meint, das Gott als personale Ursache allen Seins nicht existiert. Die „Neuen Atheisten“ müssen sich deshalb auch an dieser Darlegung und d.h. an der Deutung unserer wissenschaftlichen Erkenntnis vom Werden des Universums und des Lebens versuchen.

 

3. Neoatheistische Gottesbestreitung

Die Auseinandersetzung mit Einzelheiten der neoatheistischen Deutung unseres Wissens vom Werden des Universums und des Lebens würde uns hier zu weit führen. Uns kommt es auf den Grundzug der Argumentation an, die im übrigen nichts mit dem dialektischen und historischen Materialismus zu tun hat, mit dem die SED einmal den Menschen in der DDR den Glauben ausgetrieben hat. Dieser Materialismus hatte ja behauptet, dass sich die Materie in „dialektischen Sprüngen“ bis zum Bewusstsein des Menschen entwickele und sogar der Geschichte ihre Gesetzmäßigkeit vorschreibe. Dergleichen deterministische Vorstellungen, die etwa zum Verbot der Verbreitung der Thesen des Nobelpreisträgers Jaques Monod über „Zufall und Notwendigkeit“ in der DDR geführt haben, sind unterdessen unter die Schwelle der Konfliktfähigkeit gesunken.

Das Hauptargument z.B. von Dawkins gegen die Existenz Gottes ist vielmehr, dass die Naturwissenschaften, insbesondere die Kosmologie, die Astrophysik und die Biologie keinen Beweis für die Existenz Gottes, für einen übernatürlichen „Gestalter“ der Welt, liefern können. Sie vermögen im Gegenteil das Werden des Universums und des Leben ohne eine „Gotteshypothese“ zu erklären. Darum gilt mit über 50% Wahrscheinlichkeit, dass Gott nicht existiert (ebd.). So verkündet es ja auch der durch Deutschland fahrende alberne Atheismus-Bus – ich weiß nicht, ob er schon in Güstrow war – : Gott existiert mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht.

Gott sei Dank, können wir da im Glauben an Gott nur sagen, ist Gott keine Wirklichkeit, die man in Naturgesetzen verorten oder errechnen und auf diese Weise Gottes Herrlichkeit vielleicht auch noch technisch verwerten kann wie die Atomkraft. „Einen Gott“, – so können wir im Anschluss an Dietrich Bonhoeffers sagen – „den es gibt (wie es die Menschen, die Dinge, die Sterne und Galaxien gibt) gibt es nicht“. Zu Gottes unsichtbarer, geistiger, jenseitiger Wirklichkeit gibt es nämlich nur einen Zugang und das ist der Glaube. Glaube im christlichen Sinne aber ist nicht ein Für-wahr-halten von irgendwelchen Vorstellungen über das Werden der Natur, obwohl sich solche Vorstellungen in aller Relativität mit ihm verbinden können. Glaube ist das Vertrauen zu Gott als dem tragenden Geheimnis unseres Daseins, das in geschichtlichen, existenziellen Zusammenhängen, in Lebenszusammenhängen entsteht. Glaube ist diejenige menschliche Fähigkeit, mit der wir uns dessen vergewissern, worüber wir nicht verfügen können. So glauben wir z.B. an die Treue eines Menschen oder an seine Wahrhaftigkeit. Wir vertrauen der Freundschaft einer Freundin oder einer Freundes, obwohl wir gar nicht wissen können, dass diese Freundschaft auch in Zukunft Bestand hat.

In entsprechender Weise glauben wir auch an Gott. Natürlich ist da auch ein Unterschied zu dem Vertrauen, das wir einem Menschen gegenüber hegen. Dass dieser Mensch in Raum und Zeit existiert, ist selbstverständlich. Gottes Existenz aber spricht die Fähigkeit unseres Bewusstsein an, über alle raum-zeitlichen Grenzen hinaus Wirklichkeit wahrzunehmen. Sie erschließt sich uns durch bestimmte, alles Irdische tranzendierende Erfahrungen, die wir in unserem Leben und in der Geschichte machen. Im Falle des christlichen Glaubens sind das die Erfahrungen, die Menschen mit Jesus Christus machen. Sie wecken in uns das Vertrauen zu Gott als unverfügbaren Grund und Sinn unseres Leben, ja der Welt. „Gott und Glaube gehören zuhaufe“, gehören zusammen, hat Martin Luther in seinem „Großen Katechismus“ diese Einsicht kurz und bündig auf den Punkt gebracht.

Dawkins und seine neoatheistischen Kollegen operieren nun an diesem Gottesglauben herum und entwurzeln ihn aus dem Zusammenhang geschichtlicher, existenzieller Erfahrung. Sie verlagern ihn auf eine andere Ebene. Er wird als eine quasi-wissenschaftliche Aussage über die Entstehung der Welt und des Lebens, als „wissenschaftliche Hypothese“ oder einfach als Phantasievorstellung verstanden, die auf einer Linie mit dem Glauben an den Weihnachtsmann, an Feen und an Rumpelstilzchen liegt. Was das Verständnis des Glaubens als „wissenschaftliche Hypothese“ betrifft, so wird man jedoch gerechterweise zugeben müssen, dass die christliche Tradition, aber auch die Religionsphilosophie nicht nur im englischsprachigen Raum heute zu diesem Missverständnis auch einigen Anlass gegeben hat. Wie der Papst in seiner berühmten Regensburger Rede erinnert hat, war das Christentum immer bemüht, den Glauben an Gott zugleich als das vernünftigste Erklärungsprinzip der Welt zu interpretieren. Es hat sich darum um vernünftige „Gottesbeweise“ bemüht, die Gott als ersten Urheber der Welt einsehbar machen sollten. In den Spuren dieser Tradition wandelt heute z.B. auch der englische Religionsphilosoph Richard Swinburne, der mit dem Computer auszurechnen versucht, dass doch mehr als 50% Wahrscheinlichkeit für die Existenz eines göttlichen Urhebers der Welt sprechen.

Doch dieser Versuch ist ebenso abseitig wie der umgekehrte der „Neuen Atheisten“. Die Naturwissenschaften können mit ihrem Streben nach objektivierbaren Sachverhalten existenzielle Glaubensüberzeugungen weder begründen noch widerlegen. Sie sind – übrigens durch Christen wie unseren wunderbaren lutherischen Theologen Johannes Kepler begründet, welcher der eigentliche Vater der neuzeitlichen Astronomie ist – methodisch-atheistisch. Was sie als Gott zu errechnen oder experimentell zu nachzuweisen vermöchten, wäre mit Sicherheit nicht Gott, sondern nur ein Teil oder eine Dimension der Welt, also theologisch gesprochen: ein Götze, ein Produkt des Aberglaubens. Die Naturwissenschaften müssen sich darum mit dem Wissen begnügen und sollen vom Glauben wie vom Unglauben die Finger lassen.

Das tun die „Neuen Atheisten“ denn auch in gewisser Weise, weil sie merken, dass die leicht über 50 % liegenden Wahrscheinlichkeitsrechnungen nicht gerade ein starkes Argument für die Nichtexistenz Gottes sind. Theoretisch bliebe in diesem ganzen abstrusen Gotteskalkül immer noch die Möglichkeit, dass Gott in von uns nicht erkannten Dimensionen des Universum existiert bzw. hypothetisch als sein „Gestalter“ angenommen werden kann. Dawkins zieht sich deshalb ganz trickreich aus der von ihm selbst gelegten Schlinge, indem er sagt: Dass etwas nicht existiert, braucht auch gar nicht bewiesen zu werden. Wenn z.B. jemand behauptet, im Weltraum fliege eine Teekanne oder ein Spaghettimonster herum, dann ist es an dem, der das behauptet, dafür den Beweis anzutreten und nicht an dem, der das bestreitet.

Er begibt sich mit diesem Argument einerseits offenkundig auf das Niveau des ersten Weltraumfahrers Juri Gagarin, der auch verkündet hatte, dass er Gott bei seinem Schnupper-Weltraumflug nicht angetroffen hat. „Der Sputnik und der liebe Gott“ war ein massenweise in der DDR verbreitetes atheistisches Propaganda-Pamphlet. Es suggerierte, dass die Christen glauben würden, Gott sei ein im Weltraum herumschwebendes Ding – eben wie eine Teekanne oder Ähnliches. 

Gefangen von dieser Vorstellung ist es ein in gewisser Weise ehrliches Argument, dass die Neoatheisten sagen, so etwas Unsinniges braucht auch überhaupt nicht bewiesen zu werden. Das ist völlig richtig, belegt aber andererseits zugleich, dass die Überzeugung von der Nichtexistenz Gottes aufgrund mangelnder echter Glaubenserfahrung und überhaupt nicht durch naturwissenschaftliche Erkenntnis zustande gekommen ist. Hier redet in Gestalt von Dawkins z.B. schlicht ein Nicht-Glaubender, der in seinem Leben keine Erfahrungen mit Gott gemacht hat. Er setzt deshalb die Nicht-Existenz Gottes voraus und versucht, das Vorurteil seines Nicht-Glaubens mit naturwissenschaftlichen Methoden zu begründen. Dabei macht er aus der Naturwissenschaft, die sich in Glaubensfragen nur der Stimme enthalten kann, eine antireligiöse Ideologie.

Der christliche Glaube wird sich hüten, dem mit einer religiösen Ideologie von der Welt- und Lebensentstehung Paroli bieten zu wollen. Sicherlich beurteilt und deutet er das, was wir wissenschaftlich auf methodisch-atheistische Weise wissen können, im Lichte seiner Gotteserfahrung. In seiner Perspektive verdankt sich die Welt und wir selbst dem Geheimnis Gottes und nichts spricht aus dem Raum der Naturwissenschaft gegenwärtig dagegen, dass er das tut. Aber das ist dennoch ein Glaubensbekenntnis und kein unserem Wissen vom Werden des Universums und des Lebens mühsam abgezwirbelter Satz.

Was dieses Wissen betrifft, so kann und soll uns die naturwissenschaftliche Forschung davon so viel wie möglich besorgen. Je mehr wir wissen können, desto mehr wird uns das wunderbare, atemberaubend großartige, aber noch in so vielen Rätseln verschlüsselte Werk des Schöpfers gegenwärtig. Darum ist der Glaube ein Freund der Naturwissenschaften. Er wird sich aber dessen enthalten, der Wissenschaft Vorschriften zu machen, wie das etwa der atheistische Marxismus getan hat, als er in den 50er Jahren die falsche Lamarckistische Theorie Mitschurins von der Vererbung erworbener Eigenschaften zur Staatsdoktrin erhob und Menschen, die diese Doktrin mit Gründen bestritten, verfolgte. Die Älteren unter ihnen haben ja sicherlich noch den Lobpreis der sog. „Jarowisation“ des Getreides (der Vorkeimung unter ungünstigen Wetterbedingungen, um das Getreide widerstandsfähig zu machen) in Erinnerung, welche der Sowjetunion riesige Missernten bescherte.

Ihre Unschuld als Anwältin freier Wissenschaft hat die atheistische Gesinnung in den sozialistischen Zeiten ohnehin gründlich verloren, wie jetzt gerade aus Anlass des 200jährigen Jubiläum der Humboldt-Universität in erschreckendem Ausmaß dokumentiert wird. Dass die „Neuen Atheisten“ dabei sind, jene Unschuld zu bewahren, aber kann man angesichts ihres Bemühens, die Wissenschaft mit dem Vorurteil der Gottlosigkeit in einem Leben von Menschen ohne Transzendenz zu funktionalisieren, beim besten Willen nicht behaupten.

 

4. Die Religion und die Motte

Auch die „Neuen Atheisten“ bemerken natürlich, dass ihre Bemühungen um den abseitigen „Beweis“ oder „Nichtbeweis“ Gottes mit Argumenten, die den Naturwissenschaften entlehnt sind, ausgeht, wie das Hornberger Schießen. Darum schwenken sie nicht zufällig auf die gute, alte atheistische Schiene um, statt Gott die Glaubenden oder „die Religion“ ins Visier zu nehmen. Sie können ja nicht ignorieren, dass der bei weitem überwiegende Teil der Menschheit – inclusive der Wissenschaftler – religiös ist. Gerade heutzutage boomt Religion überall in der Welt, das Christentum explodiert auf den großen Kontinenten regelrecht. Die Rede von der „Wiederkehr der Religion“ ist in aller Munde. Nur in unserer Ecke der Welt, die sich mit ihrem Atheismus der Massen der Bevölkerung auf der religiös-weltanschaulichen Landkarte wie eine Absonderlichkeit ausnimmt, ist Religionslosigkeit zur Gewohnheit geworden. Wie kommt das, müssen sich deshalb auch die „Neuen Atheisten“ fragen, dass die Religion weltweit beileibe nicht „abstirbt“, sondern aufblüht, obwohl die wissenschaftlich-technische Welt ihr doch den „Sinn und Geschmack“ fürs Religiöse abzugewöhnen scheint?

         Soziologen wie Ulrich Beck, der Vf. der viel beachteten Studien über die „Risikogesellschaft“, antworten auf diese Frage: Das kommt daher, weil die Risiken des Lebens, welche die wissenschaftlich-technische Entwicklung in der globalisierten Welt verschärft, Menschen nach einem Halt in ihrem Leben suchen lässt, der ihrem grundmenschlichen Transzendierungsvermögen aller weltlichen Vorgänge entspricht und gerecht wird. Die sog. „Säkularisierungstheorie“, die einmal als Bastion atheistischer Gesellschaftsdeutung galt, ist falsch. Der Fortschritt von Wissenschaft und Technik führt gerade nicht zu einer völligen Verweltlichung des Lebens von Menschen, in der Religion überflüssig und funktionslos wird. Dieser ambivalente Fortschritt  provoziert vielmehr das Aufleben von Religiosität. Die sog. „Säkularisierung“, sagt Beck, legt in Wahrheit „den Grund für die Revitalisierung der Religiosität und Spiritualität im 21. Jahrhundert“.

Davon wollen die „Neuen Atheisten“ aber nun überhaupt nichts wissen. Sie begeben sich deshalb auf das Spielfeld, auf dem sich schon die alten Atheisten in der Geschichte der atheistischen Tradition in Europa getummelt haben. D.h. sie konstruieren eine Theorie vom Entstehen der Religion, die begründen soll, warum Religion eine verkehrte Art ist, in der Menschen von ihrem, alles Gegebene überschreitenden Bewusstsein auf überflüssige und verderbliche Weise Gebrauch machen. Für Ludwig Feuerbach, dem Karl Marx sich verpflichtet wusste, war das die illusorische Projektion menschlicher Wünsche an den Himmel. Bei Friedrich Nietzsche handelte es sich um das Werk einer mächtigen Priesterkaste, welche die starken Kräfte der menschlicher Lebensentfaltung durch den Gottesglauben zu schwächen trachtete. Sigmund Freud verstand Religion als eine aus dem Vaterkonflikt entstandene Neurose. Mir ist nicht bekannt, dass sich die atheistische Literatur je auf eine dieser Theorien geeinigt hat. Jedenfalls fügen die „Neuen Atheisten“ dem Markt der Möglichkeiten in dieser Hinsicht noch ein weiteres Angebot hinzu. Richard Dawkins behauptet: Dass Menschen beginnen, an Gott zu glauben, sei auf eine „Fehlfunktion“ der Evolution des menschlichen Lebens zurück zu führen.

Unter „Fehlfunktion“ wird dabei ein verkehrter Gebrauch einer eigentlichen nützlichen genetischen Anlage unserer Gattung verstanden. Das Beispiel von Dawkins dafür ist die Motte. Sie ist genetisch darauf  programmiert, sich am Mondlicht zu orientieren. Diese Programmierung verführt sie, sich mit tödlicher Konsequenz ins Kerzenlicht zu stürzen. Dementsprechend gilt: Wir sind genetisch darauf programmiert, unseren Eltern zu vertrauen und also zu glauben. Das verführt uns dazu, das Ziel unseres Vertrauens zu verselbständigen. Wir stilisieren dieses Ziel zu einer für sich existierenden „Überwelt“ Gottes. Durch sog. von Dawkins erfundene „Meme“ (Gedächtniseinheiten, die sich angeblich so vererben wie das Leben) soll sich dieser Glaube dann wie ein Virus fortpflanzen.

Einmal abgesehen davon, dass hier dem Atheismus mit der „Memen-Theorie“ eine gehörige Dosis Metaphysik verabreicht wird, ist die Widersprüchlichkeit dieser Art von Religionskritik mit Händen zu greifen. Erst wird uns erklärt, die wissenschaftliche Erkenntnis und damit auch die Einsicht in die Evolution des Lebens treibe uns den Gottesglauben aus. Dann aber wird behauptet, gerade diese Evolution veranlasse uns zu religiösen „Fehlfunktionen“. Doch wer entscheidet hier, was richtige Funktion von uns menschlichen Wesen und was „Fehlfunktion“ ist? Wenn wir einmal evolutionsbiologisch reden wollen, dann hat uns dieser naturgesetzliche Vorgang doch in die Freiheit gesetzt, das aufgrund unserer Erfahrungen mit unserem Leben und der Berührung unseres Geistes von der Transzendenz, die wir Gott nennen, selbst zu entscheiden. Zu den Möglichkeiten dieser Freiheit gehört, Unverfügbares in Existenz und Geschichte in einer alles Objektivierbare überschreitenden Weise als Wirklichkeit wahrzunehmen. Unsere Wirklichkeitserfahrung, ja unser Leben, unterläge auch abgesehen von der Gotteserfahrung einer unsäglichen Verarmung, wenn sie auf die Wahrnehmung von Objektivierbarem und Messbarem reduziert würde.

Was aber unsere Fähigkeit betrifft, einem uns entzogenen Grunde und guten Geheimnis unseres Daseins zu vertrauen, so ist das geradezu die Grundbedingung unseres Lebens. Ohne das Grundvertrauen dazu, dass unser Dasein bejaht und getragen ist, in einen sinnvollen Zusammenhang gehört und einen Horizont von weither hat, versinkt unser Leben nach aller Erfahrung in Verunsicherung und Sinnlosigkeit. Menschen sind darum unausweichlich religiös, auch die, welche sich der Gotteserfahrung verweigern. In die Stelle Gottes rückt dann, wenn sie das tun, irgendetwas Weltliches ein. Es entsteht allerlei Ersatz- und Pseudoreligiosität, in der Menschen rein Irdischem vertrauen wie einem Gott. Der Marxismus war in seinem Glauben an die Materie und das allmächtige Gesetz der Geschichte penetrant religiös und hat das in seinen Weihefeiern auch zum Ausdruck gebracht. Auch der Wissenschaftsglaube, den wir bei Dawkins finden, ist nicht zu Unrecht eine Religion genannt worden. Sam Harris verkündet im Unterschied dazu eine Art Buddhismus light und für meine atheistisch-konfessionslosen Nachbarn in Berlin-Pankow ist schließlich der Schrebergarten oder der Fußball ihr „Gottchen“, wie die Berliner sagen.

 

5. Kümmerliche Ratschläge und reiche Möglichkeiten

Doch ich will angesichts des diffusen Erscheinungsbildes vielfältiger atheistischer Lebensführung  nicht den Eindruck erwecken, hochmütig zu reden. Alle Religionen und nicht zuletzt das Christentum haben sich der Vermischung allzu menschlicher Gottesbilder mit echter, reiner Gotteserfahrung schuldig gemacht und irrtümliche Anschauungen von der Welt und vom Menschen im Namen Gottes verbreitet. An ihrer Geschichte hängt ohne Zweifel auch der Makel religiös motivierter Gewalt, der nicht klein geredet werden darf. Das Sündenregister des Christentums in dieser Hinsicht ist lang.

Nicht zuzugeben aber ist die Behauptung, der Glaube Gott führe mit Notwendigkeit zur Anwendung von Gewalt gegenüber anders glaubenden Menschen. Es ist auch nicht richtig, dass insbesondere das Christentum erst auf den Atheismus warten muss, um sich von der Vermischung der Ausbreitung des Gottesglaubens mit Gewalt und Intoleranz zu distanzieren. Diese Distanzierung beginnt schon in der Bibel, in der Friedensprophetie Israels und in Jesus Christus, der Personifizierung der Liebe Gottes. Gott ist die Liebe, wie der 1.Johannesbrief sagt (I Joh 4, 16). Er ist ein „ganzer Backofen voller Liebe“, hat Martin Luther das interpretiert. Er stellt sich im Leben und Sterben Jesu Christi darum auf die Seite aller Leidenden und Misshandelten und niemals auf die Seite der Hassenden und Menschenschlächter. Auf ihn kann sich keiner berufen, der anderen Menschen Gewalt antut. „Sine vi, sed verbo“, „ohne Gewalt, sondern mit dem Wort“ allein soll die christliche Verkündigung nach dem Augsburgischen Bekenntnis erfolgen.

Wenn man den „Neuen Atheisten“ etwas Gutes nachsagen will, dann nehmen sie in ihrer unangemessenen Weise das Anliegen auf, das in der Religionskritik Israels und des Neuen Testaments überall erkennbar ist. Sie rennen zumal in den Kirchen und Gemeinden hierzulande offene Türen ein. Denn dass diese Kirchen und Gemeinden Brutstätten von Intoleranz und Gewalt seien, kann bloß die pure Ignoranz unterstellen. Wir erinnern uns in diesen Wochen daran, dass die Losung „Keine Gewalt“ von unserer evangelischen Kirche auf die Straßen der DDR getragen wurde und Friedensfolgen von geradezu kosmopolitischen Ausmaßen gezeitigt hat. Indem die „Neuen Atheisten“ davon keine Ahnung haben und ihre Epigonen in Deutschland das wohl absichtlich verdrängen, wird erst das Bild der Christenheit als einer Ansammlung hasserfüllter und gewalttätiger Dummköpfe möglich.

Wo sind die Zeiten geblieben, möchte man angesichts dessen fragen, in denen Atheisten wie Ernst Bloch, Milan Machovec, Viteslav Gardavky, Roger Garaudy und viele andere in einen echten Dialog mit dem Christentum eingetreten und im Entwurf „konkreter Utopien“ nach gemeinsamen Wegen für die Zukunft einer gerechten Gesellschaft gefragt haben? Ich kann an diese atheistischen Denker nicht anders als dankbar denken. Sie haben die Vorstellung von einem „Sozialismus mit menschlichem Angesicht“ in unserer Kirche beheimatet, die in den Zeiten der „friedlichen Revolution“ eminent wichtig war.

Im Grunde verspielen die „Neuen Atheisten“ mit ihrer maßlosen Religionskritik das humane Freiheits- und Emanzipationspotenzial, das jene dialogbereiten Atheisten in den Zeiten des unterdrückerischen Atheismus zur Geltung gebracht haben. Man kann das auch an den kümmerlichen Ratschlägen für unser Leben sehen, die übrig bleiben, nachdem die Religion abserviert ist. Menschen unterscheiden sich (um einige Beispiele zu nennen) demnach nicht wesentlich von anderen Säugetieren. Ethik wird deshalb zu einem System der Selbsterhaltung, das nur darum den Anderen achtet, weil es einem selbst nützt. Experimente mit „Zellhaufen“ und ihre Abtötung stellen ebenso wenig ein Problem dar wie die Abtreibung und die Geringschätzung der Menschenwürde Behinderter im Sinne der Ethik von Peter Singer. Sterbehilfe mit „Narkose“ erscheint als beste Weg, das Leben zu beenden. Sam Harris bemüht sich sogar um die Rechtfertigung der Folter gegenüber Terroristen (Ende des Glaubens, 199-206) und befürwortet den Irakkrieg ausdrücklich.

         Wenn ich dergleichen den vielen atheistisch-konfessionslosen Menschen in unserem Lande unterstellen würde, müsste ich mir wohl mit Recht den Vorwurf gefallen lassen, ein Demagoge zu sein. Ich hoff jedoch, die Rezeption der „Neuen Atheisten“ durch die alten führt nicht zur Beherzigung von deren Ratschlägen für unser Leben. Denn der Glaube an Gott ist neben allem, was sonst noch ist, eine Ermutigung für jeden Menschen, nicht die kümmerlichsten, sondern die reichsten Möglichkeiten seines Lebens wahrzunehmen, die allesamt aus der Bestimmung von Menschen zur Liebe stammen.


 
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