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28.02.2017 08:31 Alter: 60 Tag(e)
Kategorie: Vorträge

Martin Luther als Endzeitprophet. Seine befremdliche Auslegung der Apokalypse

Sonntagsvorlesung am 26. Februar 2017 in der Nordend-Gemeinde Berlin


1. Der Weltuntergang und das Apfelbäumchen

 

„Wenn ich wüsste, dass Morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Dieses Zitat zählt heute sicherlich zu den bekanntesten Aussprüchen Martin Luthers. Zum Reformationsjubiläum dieses Jahres wird es vom christlichen Kunstgewerbe gerade wieder auf Postkarten, Postern, T-Shirts und allen möglichen „Souvenirs“ unter die Leute gebracht. Sogar der „Lutherbonbon“ mit Apfelgeschmack wird damit beworben. Aber nicht nur das. Christliche Gemeinden, die irgendetwas Schwieriges planen, schreiten gerne zur Tat, indem sie zum Zeichen ihrer Hoffnung auf das Gelingen ihres Unternehmens gegen alle Widerstände tatsächlich ein Apfelbäumchen pflanzen. Aber auch sonst gilt: Da in unserer Zeit wieder düstere Prognosen über die Zukunft unserer Welt und sogar über das Weltende herum spuken, wird dieses Wort immer wieder zur Ermutigung herangezogen, für die Erhaltung der Schöpfung trotzdem einzutreten. Das sei eben typisch Luther, kann man hören und lesen: „Die Welt mag untergehen, aber ich glaube trotzdem an eine Zukunft“ (Joachim Gerhardt, http://www.kirche-im-wdr.de/startseite/makePdf/programm/luthers-apfelbaeumchen). Das Problem ist nur: Dieses Wort stammt gar nicht von Luther, jedenfalls lässt es sich in seinem Schrifttum und sonstigen aufgezeichneten Äußerungen etwa bei Tische nicht nachweisen.

         Der früheste Beleg dafür begegnet vielmehr an – meinem 6. Geburtstag, nämlich am 05. Oktober 1944. Der Pfarrer Karl Lotz aus Hersfeld hat da – wie er sagt – „angesichts der gespannten Lage unseres Volkes“ am Ende des Zweiten Kriegskriegs in einem Rundbrief der Bekennenden Kirche geschrieben: „Wir müssen uns wohl nach dem Lutherwort richten: ‚Und wenn morgen die Welt unterginge, so wollen wir heute unser Apfelbäumchen pflanzen‘“ (zit. bei Martin Schlömann, Luthers Apfelbäumchen. Ein Kapitel deutscher Mentalitätsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, 2. Aufl., Berlin 2016, 28). Woher Lotz dieses Lutherwort hatte, ist bis heute unklar. Es hat jedenfalls nach 1945 in der heute geläufigen Version eine bemerkenswerte Karriere nicht nur auf T-Shorts, Postern und Bonbontüten gemacht, sondern auch in ernsthaften kirchlichen Verlautbarungen und theologischen Analysen.

Eine wichtige Frage war und ist dabei, ob das Apfelbäumchen-Zitat, wenn es sich bei Luther schon nicht nachweisen lässt, nicht doch wenigstens von Luther stammen könnte. Eines lässt sich in dieser Hinsicht zunächst mit Sicherheit sagen: So wie dieses Sprüchlein von 1944 bis heute akzentuiert wird, dürfte es schwerlich auf Luther zurückgehen. Denn es nimmt den „Weltuntergang“ nur als eine freilich sehr bedrohliche Möglichkeit in den Blick, die entweder – wie bei einem Atomkrieg oder bei der Zerstörung der Ökosphäre – von Menschen verursacht wird oder durch eine Naturkatastrophe wie – etwa einem Meteoriteneinschlag – einbricht.

Letzteres ist bis hin zum vielleicht möglichen „Wärmetod“ der Erde in Milliarden von Jahren von uns sowieso nicht zu verhindern. Deshalb wird der Apfelbäumchen-Spruch so verstanden, dass er uns auffordert und ermutigt, unsere Welt so gut wie möglich wenigstens für die „kommenden Generationen“ zu gestalten. Alles andere können wir ohnehin nicht beeinflussen.

Im anderen Fall, dass der Weltuntergang durch unverantwortliches menschliches Handeln droht, aber wird das Apfelbäumchen zum Signal und Aufruf, ihn geradezu verhindern. Der x-mal neu aufgelegte Bestseller Hoimar von Ditfurths aus dem Jahre 1985 mit dem Titel „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“ zielt genau darauf. Er will zeigen, wie das drohende Unheil des von uns verschuldeten Weltuntergangs abzuwenden ist. „Wenn alle Hoffnungen verdorr‘n/ mit dir beginn ich ganz von vorn“/ hat Reinhard Mey in dieser Zeit bei der Geburt seiner Tochter gesungen: Denn „du“ – so sang er - „bist das Apfelbäumchen, das ich pflanz.“

Das alles liegt sicherlich auf der Linie, auf welcher der Pfarrer Lotz das – weiß woher – aufgegabelte angebliche Lutherwort verstanden hat. Gegenüber dem weltuntergangsähnlichen Inferno des Ausgangs des Zweiten Weltkriegs soll eine andere, friedliche Welt gepflanzt werden. Das heißt aber: Mit dem „Weltuntergang“ wird hier trotz der Schrecken eines mörderischen Krieges im Vertrauen auf Gottes Erhaltung der Schöpfung nicht letztlich und ernstlich gerechnet. Es hört sich wie ein weltlicher Kommentar dazu an, wenn Zarah Leander zu der gleichen Zeit kurz vor dem Ende des Krieges mit einem der beliebtesten Schlager gesungen hat: „Davon geht die Welt nicht unter, sie wird ja noch gebraucht“.

Wozu sie noch gebraucht wird, bleibt in Zahra Leanders Schlager allerdings reichlich dunkel. Doch wie dem auch sei: Mit Martin Luthers Glaubens- und Erfahrungswelt,  in der unser Reformator zu Hause war, hat der Optimismus, den der Pfarrer Lotz aus dem angeblichen Lutherwort schöpfte, ebenso wenig zu tun, wie mit der diffusen Sehnsucht nach einem besseren Gebrauch der Welt als dem, den die Nazis von ihr gemacht haben. Es sind zwei unbestreitbare Tatsachen, die das belegen.

Tatsache Nr. 1 ist, dass der Weltuntergang für Luther nicht eine Möglichkeit in fernen Zeiten war und schon gar nichts, was Menschen verhindern können. Luther hat vielmehr fest damit gerechnet, dass es mit dieser Welt im 16. Jahrhundert ein Ende haben werde.

Tatsache Nr. 2 ist, dass er dabei nicht irgendeine allgemeine kosmische oder irdische Katastrophe im Auge hatte. Er meinte vielmehr ganz präzise den „jüngsten Tag“, an dem Jesus Christus wiederkehren wird, um dieser Weltgestalt ein Ende zu machen und die Lebenden und die Toten zu richten. „Ich halt dafür, der jüngste Tag sei nitt ferne“, hat er in der Hoch-zeit der Reformation 1522 in der „Adventspostille“ gesagt (vgl. WA 10/1,2, 95, 18f.). „Ich […] lasse mir daran genügen, dass der jüngste Tag vor der Tür sein muss. […] Es ist gewisslich alles am Ende“, schreibt er 1545 ein Jahre vor seinem Tode in der Vorrede zum Propheten Daniel (WA 11/2, 125, 15-20).

Die Überzeugung vom unmittelbar bevor stehenden Weltende ist also ein Kontinuum – ein sich durchhaltender Hintergrund seines Lebens und Denkens. Wer Luther verstehen will, müsste diesen Hintergrund eigentlich ständig vergegenwärtigen. Denn er hat gravierende Konsequenzen für das Agieren Luthers in den Konflikten, die seine Absicht der Erneuerung der Kirche seiner Zeit ausgelöst hat. Wer der Überzeugung ist, dass der „jüngste Tag […] nun nicht fern“ ist (wie christliche Gemeinden bis heute ziemlich gedankenlos zur Adventszeit mit Erasmus Albers Lied von 1546 „Ihr lieben Christen freut euch nun“ singen), den treibt nicht die Sorge um „kommende Generationen“ um. Dessen Einsatz für die wahre Kirche ist vielmehr – so hat der Historiker Marcus Sandl zugespitzt gesagt – „ein Unterfangen ohne Zukunft“  (Martin Luther und die Zeit der reformatorischen Erkenntnisbildung, in: Arndt Brendecke u.a. [Hg.], Die Autorität der Zeit in der frühen Neuzeit, Münster 2006, 2). Ihm kommt es darauf an, die Gegenwart vor dem Gericht zu verantworten, das mit dem Weltende jetzt über die Menschen herein bricht. Verantwortung für die Zukunft, die Menschen auf dieser Erde haben werden, ist weder sein Thema noch sein Problem.

Doch diese im Grunde einfache Einsicht, die sich aus Luthers Naherwartung des „Jüngsten Tages“ ergibt, steht ziemlich quer zum Grundton, auf den unsere evangelische Kirche und auch der Staat das Reformationsjubiläum dieses Jahres gestimmt haben. Luther und mit ihm die anderen Reformatoren in der Schweiz und in Europa werden als Erneuerer gefeiert, die das Tor zu einer neuen Zukunft von uns Menschen auf dieser Erde aufgestoßen haben. Es ist die Zukunft von freien Menschen, die sich ohne kirchliche Bevormundung auf den Weg der eigenen Verantwortung ihres Glaubens an Gott und eines Lebens im Einsatz für eine gerechte Gesellschaft begeben. Mit der Reformation bekommt in dieser Optik der Abschied vom Mittelalter und der Anbruch der sogenannten „Neuzeit“ Schwung.

In einer großen geschichtlichen Perspektive kann man das über alle Irrungen und Wirrungen der Reformationsgeschichte und der Geschichte der Folgezeit hinweg vielleicht sagen. Dem „historischen Luther“, der vom Weltende zu seinen Lebzeiten überzeugt war, aber wird das kaum gerecht. Dieser Luther bremst diesen Schwung. Es ist deshalb ein Erfordernis historischer Redlichkeit, dieses Bremsen, das durchaus auch gar nicht so erfreuliche Folgen bis heute hat, nicht zu verschweigen und mit süß-sauren Lutherbonbons weg zu lutschen. Darum wollen wir uns – ehe wir das mit den Apokalypse-Bildern der Lutherbibel illustrieren – zunächst in Kürze klar machen, wie Luther zur Überzeugung vom Weltende gekommen ist, welche Konsequenzen sie hatte und was ihn in dieser Überzeugung immer aufs Neue bestärkt hat.

 

2. Der „jüngste Tag“ und der „Antichrist“

Martin Luther war beileibe nicht der einzige, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts vom unmittelbar bevor stehenden Weltende überzeugt war. Diese Zeit war vielmehr voll von Prophezeiungen des Jüngsten Gerichts, das vor der Tür stehe. Es erhielt durch Luthers Auftreten sogar neuen Auftrieb. Sein Schüler Michael Stifel hatte z.B. das Jahr 1520 als Termin für die Wiederkunft Christi ausgemacht und am Ufer der Elbe Tag und Nacht vergeblich darauf gewartet. Im Jahre 1524 wurde von allen möglichen Prophezeiungen eine Sintflut erwartet.

Luther hat sich über den Versuch, den „Jüngsten Tag“ genau zu terminieren, lustig macht. Doch die Astrologie, die Sternenkunde, die dabei im Spiele war, hat in seinem Umfeld eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. Sie stand bei Luthers Mitstreiter Melanchthon im hohen Ansehen. Dieser Gelehrte hat sich nicht aus dem Hause und nicht über die Elbe getraut, wenn die Sterne ungünstig standen. Seine astrologischen Vorlesungen waren ein Renner an der Wittenberger Universität.

Besonders ernst genommen hat er die Prophezeiungen von Johannes Lichtenberger. Dieser Astrologe hatte 1488 in seinem Buche „pronosticatio“ (das bis ins 17. Jahrhundert hinein in über 50 Auflagen verbreitet war) auf Grund der Konjunktion der Planeten Saturn und Jupiter im Tierkreiszeichen des Skorpion im Jahre 1484 prophezeit, dass in diesem Jahre ein „kleiner Mönchsprophet“ geboren sei, der die römisch-katholische Weltherrschaft beenden werde. In einer Fülle von astrologischen Publikationen und Flugschriften wurde das zu Beginn der zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts natürlich auf Luther bezogen. Es gab sogar Versuche, sein Geburtsjahr ein Jahr später zu datieren. Luther jedoch hat die Identifizierung seiner Person mit dem astrologisch geweissagten „Mönchspropheten“ mit dem Argument abgelehnt, dass die Sterne nicht über seine Seele regieren können (vgl. Predigt über das 1. Buch Mose, WA 24, 44-19). Dennoch ist er von Lichtenbergers Prophezeiungen nicht unbeeindruckt geblieben. Das erklärt, warum er 1527 ein Vorwort zur deutschen Übersetzung „auf die Weissagung des Johannis Lichtenbergers“ geschrieben hat (vgl. WA 23, 7-11).

In dieser Vorrede kritisiert Luther zwar, dass die Astrologie eine viel zu ungewisse Kunst sei, was ihre falschen Voraussagen belegen. Dennoch spricht er sich nicht grundsätzlich gegen Zukunftsweissagungen aus. Denn Gott gebe am Himmel und auf der Erde durchaus Zeichen, die auf die Zukunft hinweisen. Man könne diese Zeichen aber nicht mit der Astrologie deuten, sondern müsse sie vom Wort Gottes her verstehen, wie es in der Bibel begegnet. In diesem Sinne hat er sich als Ausleger der Bibel tatsächlich auch als ein Prophet verstanden. Denn die Bibel des Alten und des Neuen Testaments enthält ja zweifellos Zukunftsweissagungen. Es komme nur darauf an, sie vom eigentlichen Zentrum der Bibel, nämlich ihrem Zeugnis von Jesus Christus her zu verstehen und zu aktualisieren. Für dieses Unterfangen aber kamen in der Bibel vor allem zwei Bücher in Frage. Das war einmal das Buch Daniel im Alten Testament und zum anderen die Johannesapokalypse im Neuen Testament.

Für Luthers Zukunftsschau war dabei zunächst das Buch Daniel wesentlicher als die Johannesapokalypse, zu der er – wie wir noch sehen werden – anfänglich durchaus kritisch stand. Wiederum im Adventslied „Ihr lieben Christen freut euch nun“ ist das mit der Strophe: „Wie uns verkündet Daniel/ o komm lieber Emanuel“ bis heute festgehalten. Luther hat sich aus diesem Buche voll phantastischer Zukunftsvisionen eines jüdischen Visionärs aus dem 2. Jahrhundert vor Christus die Vorstellung von den vier Weltzeitaltern zu Eigen gemacht.  Er deutet die vier Tiere, die nach dem Gesicht von Daniel 7 aus dem Meer aufsteigen, mit der kirchlichen Tradition auf das babylonische, das medisch-persische, das griechische und das römische Reich. Dieses Reich ist das letzte, d.h. an seinem Ende steht das jüngste Gericht und damit der Weltuntergang.

Ich schematisiere Luthers mannigfache und auch unterschiedliche Aussagen zum Verlauf der Weltgeschichte nun etwas. In summa ergibt sich da folgende Anschauung: Im römischen Reich bricht sich mit dem Auftreten Jesu Christi und der Ausbreitung der Kirche das eigentliche Ziel der Weltgeschichte im Reiche Jesu Christi Bahn. Aber es hat mit dem Widerstand des Satans zu kämpfen, der mit Christenverfolgungen und dem Einbruch von Ketzereien in die Kirche diesem Reich Widerstand leistet. Kurz vor dem Weltende, als das Evangelium in der reformatorischen Botschaft wieder rein erklingt, wird er jedoch noch einmal in voller Wucht losgelassen. Er tritt als „Antichrist“ oder im Antichristen in Erscheinung. Und dieser Antichrist ist das Papsttum.

Nach einigen Erwägungen, ob das wirklich so sei, hat Luther sich darauf  schon im Jahre 1521 in seiner lateinischen Antwort auf die Streitschrift des Dominikaners Ambrosius Catharinus festgelegt. Paul Speratus (uns bekannt als Dichter des Liedes „Es ist das Heil uns kommen her“) hat sie 1524 ins Deutsche übersetzt. Sie trägt den Titel: „Offenbarung des Endechrists aus dem Propheten Daniel wider Catharinum“.  Und Luther hat vierundzwanzig Jahre später 1545 noch eins drauf gegeben mit seiner Schrift „Wider das Papsttum zu Rom vom Teufel gestiftet“.

Nicht wenige Lutherinterpreten heute geben sich Mühe, diese Beurteilung des Papstums als einen peinlichen Ausrutscher in Luthers Denken darzustellen, der für seine eigentliche Bedeutung letztlich nicht ins Gewicht fällt. Für den „historischen Luther“ aber war die Beurteilung des Papsttums als „Antichrist“ beileibe nicht bloß ein polemischer Ausfall. Es war ein festes Element seiner Weltanschauung, die er sich aus dem Propheten Daniel und dann auch aus der Johannes-Apokalypse zusammen gereimt hatte.

Dabei hat er sich allerdings strikt gegen den sogenannten „Chiliasmus“ abgegrenzt. Das war die aus Offenbarung 20, 1-7 gezogene Schlussfolgerung, dass dem jenseitigen Reiche Christi ein tausendjähriges irdisches Reich voraus gehen werde, in dem die gerechten Christen mit Christus tausend Jahre lang ein Reich des Friedens, der Gerechtigkeit, der Liebe und Wahrheit errichten werden. Diese Vorstellung war in der Reformationszeit bei den sogenannten „Wiedertäufern“ und bei allen möglichen Wanderpredigern sehr verbreitet. Luthers einstmaliger Mitstreiter Andreas Bodenstein, genannt Karlstad, hat sie geteilt und erst recht Thomas Müntzer, der das Reich der Gerechten freilich mit Gewalt befördern wollte.

Luther hat diese Chiliasten als „Schwärmer“ bekämpft, die übersehen, dass auch die Christenheit auf dieser Erde in Sünde und Schuld verstrickt bleibt und den „Satan“ bei sich selbst bekämpfen muss. Es gibt nach seiner Rechtfertigungslehre keine Gerechten, die nicht auch Sünder sind. Gerade sie aber sind in der Zeit, in welcher nach Luthers Überzeugung der „Anti- oder Endechrist“ in Gestalt der Papsttums auf dem Plan ist, aufgerufen, seiner Zerstörung des wahren Reiches Christi, dessen man nur im Glauben gewiss sein kann, Widerstand zu leisten. 

Hinzu kommt ein Weiteres. Luthers Zeit war erfüllt von der Türkengefahr, ja der Türkenangst. Dass dem Christentum von einer anderen Religion ein Ende drohe, war eine reale Befürchtung. Die osmanischen Heere drangen seit dem Fall von Konstantinopel im Jahre 1453 bis nach Ungarn vor und konnten 1529 mit Mühe und Not von der Eroberung Wiens abgehalten werden, weil ihnen die Lebensmittel ausgingen. Luther aber hat das Vordringen der „Türken“ in die Welt der Christenheit als ein weiteres Zeichen gedeutet, das dem Auftreten des „Anti- oder Endechrist“ zugeordnet werden muss. Hören wir einmal eine Passage aus seiner „Heerpredigt wider die Türken“ aus dem Jahre 1529:

„Die Schrift weissagt uns von zwei grausamen Tyrannen, welche sollen vor dem jüngsten Tage die Christenheit verwüsten und zerstören. Einer geistlich mit […] falschen Gottesdienst und Lehre wider den rechten christlichen Glauben. […] Das ist der Papst. Der andere mit dem Schwert. […] Das ist der Türke. […] Also muss der Teufel, weil der Welt Ende vorhanden ist, die Christenheit zuvor mit beider seiner Macht aufs aller greulichst angreifen, […] ehe wir gen Himmel fahren“ (WA 30/2, 162, 1-14). Jetzt aber gilt es, dem Auftreten des „Antichrist“ mit dem Zeugnis vom wahren, biblischen Glauben Widerstand zu leisten. „Erhalt uns Herr, bei Deinem Wort/ und steure des Papst und der Türken Mord,/ die Jesus Christus, deinen Sohn/ wollen stürzen von deinem Thron“ hat Luther 1543 in einem Kirchenlied gedichtet, das er merkwürdigerweise als „Kinderlied“ verstanden hat und das heute noch im Evangelischen Gesangbuch steht; freilich in der abgemilderten Form: „…und steure deiner Feinde Mord“ (EG 193).

Luthers Überzeugung war also, sich in einem endzeitlichen Kampf zu befinden, in dem es nur noch um gut oder böse kurz vor dem Weltgericht ging. Darum fehlen in seinen Auseinandersetzungen mit Abweichungen von der reformatorischen Lehre je länger je mehr alle versöhnlichen, kompromissbereiten Zwischentöne. Wüste Ausfälle gegen die verweltliche römisch-katholische Kirche jener Zeit, gegen die Reformierten in der Schweiz und in Süddeutschland, gegen Humanisten wie Erasmus von Rotterdam, gegen die Wiedertäufer, gegen die Bauern, gegen die Juden, gegen die Türken und dann schließlich auch gegen alle, bei denen er den „Satan“ am Werke sah, verdanken sich meines Erachtens dieser Endzeitatmosphäre, in die Luther sich regelrecht hinein gesteigert hat. Doch nicht nur das. Er hat sie durch die von ihm veranlasste Bebilderung der Johannes-Apokalypse auch in seiner Übersetzung des Neuen Testaments verankert.

 

3. Die Apokalypse im Septembertestament

Luthers Übersetzung der Bibel in Deutsche gilt mit Recht als ein Meilenstein der Reformation und zugleich als kulturelle Hochleistung, die den Grundstein zu einer einheitlichen deutschen Sprache gelegt hat. Begonnen wurde mit der Übersetzung des Neuen Testaments auf der Wartburg. Vorläufig vollendet wurde sie 1522 nach Luthers Rückkehr nach Wittenberg im Eiltempo. Im September dieses Jahres wurde sie in ca 5000 Exemplaren gedruckt und verbreitet. Das war ein Riesenerfolg. Schon im Dezember dieses Jahres musste sie nachgedruckt werden.

Ihr besonderes Profil aber erhielt sie dadurch, dass nur die Johannes-Apokalypse mit Bildern versehen war! Diese Hervorhebung des letzten Buches des Neuen Testaments verwundert einerseits darum, weil es voll düsterer, bis heute rätselhafter Endzeit-Visionen ist, die kaum einen Anhalt am sonst im Neuen Testament bezeugten Leben und Sterben Jesu Christi haben. Im ersten Teil dieses Buches werden die Schrecken dargestellt, mit denen die Christenheit von Menschen, Tieren und allerhand Teufelsgestalten gequält, gefoltert und getötet wird. Im zweiten Teil wird der Kampf des Satans mit Christus und der Christenheit wiederum mit furchtbaren Mordorgien beschrieben, aus denen Christus schließlich als Sieger hervor geht.

Es war von Anfang an umstritten, ob dieses Buch überhaupt in den Kanon gehört. In der Ostkirche darf es bis heute nicht im Gottesdienst verlesen werden und in unserer Kirche tauchen im Gottesdienst nur ein paar Schnipsel daraus als Lesung oder Predigttext auf. Auch Luther war zunächst von der Apokalypse alles andere als begeistert. Er könne dieses seit jeher umstrittene Buch „weder für apostolisch noch prophetisch“ halten und nicht spüren, dass es vom Heiligen Geist verfasst sei, hat er in der Vorrede zu diesem Buch im Septembertestament gesagt. Es werde hier statt mit klaren Worten zu sehr in Bildern geredet. Es wird zu viel befohlen und gedroht. Darum bekennt  er: „Mein Geist kann sich in das Buch nicht schicken“, weil „Christus drinnen weder gelehrt noch erkannt wird“ (WA DB 7, 404). Warum er dennoch die Bebilderung dieses Buches bei Lucas Cranach, dem Älteren, in Auftrag gegeben hat und welchen Einfluss er selbst auf Ausführung dieser Bilder genommen hat, ist schwer zu sagen. Es erklärt sich wohl am Besten daraus, dass er die schwer verständlichen Visionen des Sehers Johannes realistisch untermalt wissen wollte.

Cranach hat dann den Auftrag zur Bebilderung der Apokalypse so ins Werk gesetzt, dass er sich bei den von ihm angefertigten 21 Bildern an den 15 Holzschnitten zur Apokalypse orientiert hat, die Albrecht Dürer im Jahre 1498 geschaffen hatte. Die Bilder des Septembertestaments stehen seither unter Verdacht, nur ein unvollkommener Abklatsch von Dürers Meisterwerken zu sein. Doch es ging Cranach nicht um einen künstlerischen Wettbewerb. Sein Auftrag war vielmehr offenkundig, möglichst textgetreu an Luthers Übersetzung orientierte Illustrationen herzustellen.

Wir können uns das beispielhaft gleich an dem 1. Bild klarmachen, das den „Menschensohn“ darstellt, der nach Offenbarung 1 dem Seher befiehlt, seine Visionen aufzuschreiben und an sieben Gemeinden Kleinasiens zu schicken; (die sieben Sterne in der rechten Hand sollen die Engel dieser Gemeinden symbolisieren und die sieben Leuchter die Gemeinden selbst). Bei Dürer ist dieser Menschensohn so dargestellt wie Gott in seiner Majestät. Er sitzt mit Nimbus (Heiligenschein) um den Kopf auf einem Regenbogen wie auf einem Thron und hält das Buch des Lebens in der Hand. Vor ihm kniet Johannes betend.

Bei Cranach (ich zeige hier ein coloriertes Bild des Septembertestaments) schreitet die Gotteserscheinung gemäß Offbg. 2,1 auf Johannes zu, der vor ihm umfällt wie ein Toter. Die Erscheinung steht „mitten unter den Leuchtern“ und nicht hinter ihnen. Sie trägt den goldenen Gürtel nicht um die Taille, sondern um die Brust. Ihr Gesicht ist von Strahlen gänzlich umfasst. Das Schwert geht direkt aus ihrem Mund hervor und schwebt nicht vor ihr.

So steht es alles im Text und derartige Korrekturen von Dürers Apokalypse-Bildern ziehen sich mehr oder weniger durch die ganze Illustrierung der Johannesoffenbarung im Septembertestament. Manchmal bleiben sie aber auch ganz nahe an ihrem Vorbild wie bei den berühmten „apokalyptischen Reitern“ (links: Dürer, recht Cranach). Text gemäß reiten sie eigentlich hintereinander und bringen nicht einer Phalanx auf einmal Verderben und Tod und Verderben. Nur der Kaiser, der links unten vom Höllenrachen verschlungen wird, ist bei Cranach weggelassen und auch der Mönch mit der Tonsur rechts unten. Man deutet das im allgemeinen so, dass es sich hier in Luthers Verständnis nicht um ein Strafgericht handelt, das alle Stände der Gesellschaft trifft, sondern dass hier nur die arme, geplagte Christenheit dargestellt werden soll.

Doch ist eine Vermutung. Denn Luther hat diese Bilder 1922 noch nicht kommentiert. In einem Bild spiegelt sich jedoch seine Überzeugung ganz besonders, dass das Papsttum der „Antichrist“ am Ende der Zeiten sei. Das ist die Vision von der „Vermessung des Tempels“ und dem „Tier aus dem Abgrund“ in Offenbarung 11, 1-7.  Uns interessiert jetzt nicht so sehr, dass dieses Bild sich einer falschen Übersetzung Luthers verdankt. In Offenbarung 11, 2 steht, dass der äußere Vorhof des Tempels nicht vermessen werden soll. Der sei für die „Heiden“. Luther aber hat diesen Vorhof als Chor für den Klerus hinter dem Altar verstanden, wie wir das aus mittelalterlichen Kirchen kennen. Der Altar, der am Ende dieses Chorraumes stand, wird zertrümmert. Es gibt nur einen Altar, um den sich alle Gläubigen versammeln. Das Bild bringt deshalb das „Priestertum aller Gläubigen“ zum Ausdruck.

Im Vordergrund des Bildes aber stehen zwei wahrhafte Zeugen Jesu Christi, die hier als Bürger zu Luthers Zeiten dargestellt sind, welche das „Tier aus dem Abgrund“ nach dem Text der Offenbarung töten wird. Dies Tier aber trägt die Tiara, die Papstkrone. Das hat eine derartige Empörung im katholischen Lager ausgelöst, so dass der Kurfürst angeordnet hat, dieses Bild bei der Neuauflage im Dezember 1522 ebenso zu korrigieren wie das von der babylonischen Hure mit der Tiara, die auf einem Tier mit sieben Köpfen und zehn Hörnern sitzt und vor der sich die Mächtigen der Welt beugen. Im Nachdruck vom Dezember ist die dreifache Krone deshalb weggeschnitten worden. Doch in den folgenden Auflagen des Neuen Testaments und der ganzen Bibel ist sie wieder da. Denn Luther und mit ihm Melanchthon haben nicht aufgehört, am Text der Bibelübersetzung zu feilen und damit auch die Bilder zur Apokalypse ihrem Erkenntnisstand anzupassen.

 

4. Die Apokalypse und die „Türken“

Im Jahre 1530 erschien eine Neuausgabe des Neuen Testaments, die nicht zuletzt vom Anstürmen der Osmanen auf Europa motiviert war. Die evangelische Christenheit demgegenüber in ihrem Glauben zu stärken, damit sie sich nicht von den „Türken“ verführen lassen, hat Luther deshalb als eine vordringliche Aufgabe angesehen. 1529 erschien sein „Großer Katechismus“, der vor allem der Pfarrerschaft Standfestigkeit im Glauben vermitteln sollte.

Für dieses Anliegen  hat er 1530 in einer Neuausgabe des Neuen Testaments auch die Apokalypse in Anspruch genommen. Warum er diese Sonderausgabe des Neuen Testaments vor der Vollendung der Übersetzung der ganzen Bibel veranstaltet hat, erklärt er in einer Widmung an den Kurprinzen Johann Friedrich so: „Die Welt eilt und läuft so trefflich sehr zu ihrem Ende, dass mir oft starke Gedanken einfallen, als sollte der jüngste Tag ehe daher brechen, denn wir die Heilige Schrift gar aus verdeutschen könnten“ (WA DB 11/2, 381, 4-7).

Wenigstens das Neue Testament noch vor dem „Jüngsten Gericht“ zu veröffentlichen, war also ein Motiv dieser angesichts der „Türkengefahr“ eilig veranstalteten Sonderausgabe. Darin wurde wiederum die Apokalypse illustriert, freilich mit anderen Bildern als im September-Testament. Ein Mitarbeiter Cranachs, den wir nur mit dem Monogramm „AW“ kennen, hat sie gestaltet. Luther aber erklärte in einer langen, neuen Vorrede zu diesem Buch, in der er jedes einzelne Kapitel kommentiert hat, dass er (im Unterschied zu 1522) eine Auslegungsmethode für sein Verständnis dieses Buches gefunden habe. Die Visionen und Bilder der Apokalypse würden sich nämlich aus der Geschichte der Christenheit (ihrer Verfolgung, des Auftretens von Ketzern in der Vergangenheit und des Satans in der Gegenwart) erklären. In diesem Kontext diene das Buch einerseits „zur Tröstung […] dass kein Gewalt noch Lügen, keine Weisheit noch Heiligkeit, kein Trübsal noch Leid werden die Christenheit unterdrücken“. Andererseits sei es eine „Warnung“ vor dem Einbruch von Ketzereien und Gewalt in die Christenheit kurz vor dem jüngsten Gericht.

Ich hebe jetzt (da wir hier unmöglich alle 26 Bilder dieses Zyklus betrachten können) nur beispielhaft zwei Bilder aus dieser Reihe hervor, welche die Türken dem Auftreten des „Antichristen“ durch das Papsttum zuordnen. Das eine Bild stellt die vier Euphratengel und die „Löwenreiter“ dar, die nach Offenbarung. 9 ein Drittel der Menschheit vernichten sollen. Luther hat dieses Bild auf das Auftreten des Islam im 7. Jahrhundert bezogen. Darum sind die Euphratengel hier als antike „türkische Krieger“ mit Krummsäbeln dargestellt und die Löwenreiter tragen Turbane. Luther hat dazu erläutert: Der Engel, der die Todesposaune bläst, ist „der schändliche Mahmeth, mit seinen Gesellen den Saracenen, welche mit Lehren und mit dem Schwert der Christenheit große Plage angelegt haben“ (WA DB 7, 413, 18-20).

Das andere Bild, das sich direkt auf die Türken bezieht, die Luther pauschal mit allen Mohammedanern gleich gesetzt hat, springt direkt in Luthers Gegenwart. Es illustriert das Losgelassensein des Satans kurz vor dem jüngsten Gericht, das in Offenbarung 20 geschildert wird. Diese Schilderung wird mit der Niederlage der Osmanen vor Wien in eins gesetzt. Wir erkennen auch ohne die Aufschrift auf der Stadtmauer den Stephansdom. Rechts oben sehen wir das Zeltlager der Türken, auf dem Gog und Magog steht. Das sind nach Offenbarung 20 legendäre Völker „von den vier Enden der Erde“. Sie werden allesamt als Türken dargestellt, die unter dem Feuer vom Himmel auf der Flucht sind. Der Sultan aber stürzt verfolgt vom Teufel mit ihm in die Hölle. Wiederum Originalton Luther dazu:  Die Türken sollen mit dem Satan „auch bald in den feurigen Pfuhl. Denn wir achten, dass dies Bild um der Türken willen gestellt sei. […] Auf die Türken folget nun flugs das jüngste Gericht“ (WA DB 7, 417, 32-38).

Mit diesen beiden „Türkenbildern“, die in der Ausgabe des Neuen Testaments von 1530 Luthers Anschauung vom Auftreten des „Antichrist“ im Papsttum ergänzen, haben wir im Grunde Luthers ganze Anschauung vom Verlauf der Kirchen- und Weltgeschichte erfasst. Daran hat sich bis zu seinem Tode auch nichts geändert. Nur an der Präzisierung dieser Anschauung hat er weiter getüftelt. Das zeigt die Gesamtausgabe der Bibel von 1534, die auch der Ausgabe letzter Hand von 1545 zugrunde liegt. Für sie hat er der Cranachwerkstatt den Auftrag gegeben, noch genauere Bilder für die Apokalypse herzustellen, die ihren Text wie seine Deutung so präzise wie möglich zum Ausdruck bringen. Erledigt hat das der mit Namen unbekannte „Monogrammist MS“. Wir werfen (da wir wiederum unmöglich alle diese Bilder betrachten können) abschließend einen Blick auf fünf der 25 Holzschnitte, die in der Cranachwerkstatt für einige der Prachtausgaben der Gesamtausgabe der Bibel ausgemalt wurden.

 

5. „…und Gott wird abwischen alle Tränen“

Die Bilderreihe zur Apokalypse geht in der Gesamtbibel so ähnlich los, wie das wir das schon aus dem Septembertestament kennen. Doch die Vision findet hier nicht mehr in einem wolkigen Himmel, sondern auf dem grünen Erdboden statt – wahrscheinlich ein Hinweis auf die Insel Patmos, wo sie sich ereignete.

Die apokalyptischen Reiter kommen im Unterschied zum Septembertestament jetzt von der anderen Seite und reiten hintereinander statt in einer Phalanx. Der erste ist mit seinem Krummsäbel unverkennbar ein Türke, der zweite ein Ritter – im Mittelalter berüchtigt für seine Raubzüge – und der dritte mit der leeren Waage in der Hand wahrscheinlich ein Bauer, der eine Hungersnot symbolisieren soll. Im Unterschied zum Septembertestament werden hier wieder wie bei Dürer alle Stände vom Tod getroffen. Den Kaiser verschlingt der Höllenrachen.

Der Wehe-Engel, der über einer befestigten mittelalterlichen Stadt schwebt und ein dreimaliges „Wehe“ ruft, ist ein Bild gewordener Übersetzungsfehler Luthers. Nach Offenbarung 8, 13 handelt es sich um einen Adler, der ruft: „Weh, weh, weh denen, die auf der Erde wohnen“.  In Luthers Verständnis ist es ein Engel des Unheils, der dreifach gesteigerte Plagen über die Christenheit ankündigt, die sich in ihrer schönen, befestigten mittelalterlichen Stadt so sicher wähnt.

Die babylonische Hure mit der Tiara auf dem Kopf und einem Renaissance-Pokal in der Hand ist hier anders als im Septembertestament nicht als verführerische Frau, sondern auf ihrem siebenköpfigen Tier als eine Ehrfurcht erbietende Herrscherin dargestellt, vor dem sich die Könige der Erde – allem voran der Kaiser – verbeugen. Dieses Bild soll die Verkommenheit der Renaissance-Päpste und der ihnen dienstbaren weltlichen Herrscher zeigen.

Anders als1530 wird im Neuen Testament von 1545 die Belagerung Wiens nicht so dargestellt, dass die Türken nur fliehen. Sie greifen nach wie vor an und sind deshalb eine nach wie vor drohende Macht. Sie scheitern aber an der Stadtmauer und fahren in die Hölle, in welcher der Sultan, ihr Anführer, als erster verschwindet.

Auf dem letzten Bild zur Johannesapokalypse sehen wir schließlich das neue Jerusalem, das Gott schaffen wird, nachdem mit Luthers Worten „alle Gottlosen verdammt“ und „samt dem Teufel in die Hölle“ gefahren sind. Ein Engel zeigt dem Seher Johannes von einem Berge aus diese Stadt, die so gezeichnet ist, wie sie in Offenbarung 21 und 22 beschrieben ist: Viereckig, gleich lang und breit, „hindurch fließt der Strom lebendigen Wassers“ (Offbg. 22,1), ein Ort der Vollkommenheit also. So richtig gut kommt auf diesem Bild allerdings nicht zur Geltung, dass die Mauern und Häuser der Stadt nach Offbg. 21 aus reinem Gold und Edelsteinen erbaut sind und die 12 Tore aus zwölf Perlen bestehen (so wie wir im Lied „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ singen: „Aus zwölf Perlen sind die Tore/an deiner Stadt/ wir steh’n im Chore der Engel hoch um Deinen Thron“).

Schade ist eigentlich auch, dass nach all dem Gemetzel, von dessen Schilderungen die Apokalypse voll ist, die Vision vom Leben in dieser Stadt nicht mehr ins Bild gesetzt wurde. Es ist eine Vision voll wunderbaren Friedens in dieser – wie Luther übersetzt hat – „Hütte Gottes bei den Menschen“ („Wohnung Gottes“ wäre wohl die bessere Übersetzung gewesen).  Jedenfalls kommt dieses Friedensreich der Vorstellung vom Reiche Gottes, das Jesus verkündigt hat, in diesem letzten Buch der Bibel endlich etwas näher. Denn es heißt in Offbg. 21, 4 von den Menschen, die dann dort leben werden: „ […] und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz“.

Dieser Vers zählt heute zu den am häufigsten zitierten Worten aus der Bibel, wenn es gilt, die Hoffnung auszudrücken, die mit dem Glauben an Jesus Christus verbunden ist. Aber er wird dann in einen anderen Kontext übersetzt als dem der blutigen Szenarien der Apokalypse. Das ist Kontext des Geistes Jesu Christi, der die Sanftmütigen, Barmherzigen und die, welche Frieden stiften, selig gepriesen hat. In diesem Kontext aber bringt er die Hoffnung für eine Zukunft des Friedens aller Menschen – aller Geschöpfe Gottes – zum Ausdruck – ganz gleich ob sie nun Juden oder Türken, Atheisten oder Menschen einer anderen Religionsgemeinschaft sind; ganz gleich, ob sie sich nun als katholische, lutherische oder reformierte Christinnen und Christen verstehen.  Mit einer solchen Hoffnung aber kann die Apokalypse des Neuen Testaments mit ihrer religiösen Kampfideologie nicht anders als durchgehend kritisch gelesen werden – so wie es Luther anfänglich ja auch getan hat, als er in ihr Jesus Christus nicht zu erkennen vermochte.

Wir müssen darum die spätere Untermauerung seiner Endzeiterwartung durch dieses Buch als einen schweren theologischen Fehler beurteilen, der auch seinen eigenen reformatorischen Grundsätzen widerspricht. Dieser Fehler hat sich – Gott sei Dank – von alleine erledigt. Denn der „jüngste Tag“ brach weder zu seinen Lebzeiten noch später an. Die Illustrationen zur Apokalypse samt Luthers Kommentaren dazu sind darum nach und nach aus den Luther-Bibeln verschwunden. Kaum jemand kennt sie heute mehr. Ohne diese Endzeiterwartung aber hängen seine Urteile über das Papsttum und die Türken als Manifestationen des „Antichrist“ kurz vor dem Weltende gleichsam in der Luft. Sie bieten uns keinen Anhaltspunkt mehr, um uns zu unserer Schwesterkirche und zu einer anderen Religion ins Verhältnis zu setzen.

Heute, wo Endzeiterwartungen wiederum herum spuken, die Angst machen, sind wir vielmehr alle aufgerufen, dieser Angst das Vertrauen in die Zukunft des Friedensreiches Jesu Christi entgegen zu stellen. Denn Angst, die den apokalyptischen Reitern und dem „Wehe-Adler“ über unserem Dasein die Zukunft anheim gibt, lähmt. Zukunftshoffnung aber befähigt zu Worten und dann auch zu Taten, die gerade dann einen Neuanfang wagen, „wenn alle Hoffnungen verdorr’n“. Zum Zeichen dessen ein Apfelbäumchen zu pflanzen, bleibt – Luther hin oder her – deshalb allemal ein guter erster Schritt.


 
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