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06.11.2016 12:30 Alter: 141 Tag(e)
Kategorie: Vorträge

Mut machende Freiheit. Reformatorische Aufbrüche gestern! - und heute?

Vortrag bei der Kreissynode Berlin-Steglitz am 05.11.2016


Verehrte Synodale, liebe Schwestern und Brüder,

dass Freiheit Mut macht, ist alles andere als selbstverständlich. Ich kenne ziemlich viele Menschen, denen Freiheit eher Angst macht. Denn frei sein in einem strengen Sinne bedeutet ja, ganz ungesichert von nichts und niemand abhängig zu sein. Frei sein bedeutet, alles alleine zu entscheiden, wie wir leben wollen. Freiheit ist – mit einer berühmten Formulierung gesprochen – unser „Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen“ (I. Kant). Ohne von Vorschriften, Gesetzen, Zwängen, Gewohnheiten und vor allem von anderen Menschen abhängig  zu sein, entscheidet ein freier Mensch allein aufgrund seines eigenen Urteils und seiner eigenen Willensbildung, wie er leben möchte und wie er handeln möchte.

         Doch kann er das wirklich? – werden wir sofort fragen. Wir sind doch in eine Welt hinein geboren, in der unser Denken und Empfinden schon immer von unseren Eltern, von der Schule, von unseren Erfahrungen, von Gewohnheiten des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens und nicht zuletzt von den wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen unserer persönlichen Existenz geprägt ist. Einige Hirnforscher meinen sogar, wir selbst würden überhaupt nichts frei entscheiden, sondern nur chemischen Vorgängen in unserem Gehirn Folge leisten. Doch wie dem auch sei: Klar ist, wir fangen niemals vom Nullpunkt an, wenn wir uns so oder so entscheiden. Ein gleichsam über allen Verhältnissen unseres Lebens schwebender Mensch, der in seinem eigenen Entscheiden von nichts und niemand abhängig ist, erscheint uns auf den ersten Blick deshalb als eine ziemlich abstrakte Figur, die es im wirklichen Leben gar nicht gibt. Oder doch?

         Wir leben in einer weltanschaulich und religiös pluralistischen Gesellschaft, in der die überlieferten großen Gewissheiten eines guten Lebens sichtlich am Zerbröseln sind. Solche Gewissheiten, denen alle zustimmen und die alle verinnerlicht haben, scheint es in unserer Gesellschaft überhaupt nicht mehr zu geben. Denn alle religiösen, weltanschaulichen und ethischen Überzeugungen relativieren sich in unserer vielstimmigen Gesellschaft offenkundig gegenseitig. Für sehr, sehr viele Menschen ist heute nichts oder wenig mehr aus dem überlieferten Repertoire für ein gutes menschliches Leben, das ihm einen tragenden Sinn gibt, letztlich verbindlich. Also sind sie auf sich selbst gestellt.

„Sinn“ bedeutet: In einen Zusammenhang hinein zu gehören, der uns trägt, der uns umfängt und uns Perspektiven des Voranschreitens im Leben eröffnet. Sinnlosigkeit ist das Herausfallen aus allen Zusammenhängen. Sinnlosigkeit ist das Lebensgefühl, nirgendwo hinzugehören als nur zu sich selbst. Man kann das „Freiheit“ nennen und man nennt es auch so. Es wird sogar philosophisch und literarisch gepriesen. Doch es ist letztendlich eine Freiheit zu nichts, wie sie etwa Dietrich Bonhoeffer schon vor über 70 Jahren in seinem Ethikfragment „Erbe und Verfall“ beschrieben hat. „Nichts haftet und behaftet“, sagt er da von seinen Zeitgenossen. „Ereignisse von weltgeschichtlicher Bedeutung ebenso wie unerhörteste Verbrechen hinterlassen in der vergesslichen Seele keine Spur. […] An die Stelle der ‚großen Überzeugungen‘ und des Suchens des eigenen Weges tritt das leichtfertige Segeln mit dem Wind. […]. Weil es kein Vertrauen zur Wahrheit gibt, tritt an ihre Stelle die sophistische Propaganda. […] Auf die Frage, was bleibt, gibt es nur eine Antwort; die Angst vor dem Nichts“ (Ethik, BBW 6, 120f.).

Freiheit, die Angst macht, ist aber eine ganz problematische Basis für ein menschliches Leben und Zusammenleben. Sie verführt – wie wir auch in unseren und gerade in unseren Tagen erfahren – Menschen dazu, sich in vermeintlichen Sicherheiten der eigenen, örtlich begrenzten, nationalen oder kulturellen Lebenswelt einzubunkern. Sie stachelt Menschen an, sich gegen alles abzuschotten, was ihnen neu und ungewohnt begegnet. Freiheit, die Angst macht, verleiht also eine Maulwurfsperspektive. Sie führt geradewegs in die Unfreiheit der Abhängigkeit vom Eigennutz. Der aber kann sich die fragwürdigsten wie die „edelsten“ Parolen zu Eigen machen, um zu kaschieren, dass im Gewande der Freiheit hier nur ein – riesengroßer Angsthase steckt.

Freiheit, die Angst macht, ist also – kurz gesagt – überhaupt keine Freiheit, die diesen Namen verdient. Freiheit, die keine Zukunft freien Lebens eröffnet, richtet unser „Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen“, vielmehr jämmerlich zu Grunde. Freiheit verdient demnach nur zu heißen, was auch in Zukunft Mut macht, sich dieses Vermögens gegen alle Widerstände der Angst zu bedienen. Gerade um solche Freiheit handelt es sich bei der Reformation des 16. Jahrhunderts, auf die sich unsere Kirche beim Reformationsjubiläum des kommenden Jahres besinnen will.

„Kirche der Freiheit“ war deshalb das Motto, unter dem die Evangelische Kirche in Deutschland im Jahre 2006 ihre Gliedkirchen und alle ihre Gemeinden aufgerufen hat, sich als Kirchen aus dem Geiste der Reformation des 16. Jahrhunderts auch heute darzustellen und zu beweisen. Sie hat damit das Stichwort von Martin Luthers wirkmächtiger Schrift aufgenommen, die er ein Jahr nach der Veröffentlichung der 95 Thesen über den Ablass verfasst hat. Sie heißt „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. „Freiheit“ gilt seither und bis heute als das spezifisch Reformatorische. Indem die Synode des Kirchenkreises Steglitz dieses Wort in das Zentrum ihrer heutigen Zusammenkunft stellt, möchte sie zweifellos annoncieren, dass sie darauf aus ist, das Leben der Gemeinden in diesem Kirchenkreis im reformatorischen Sinne besonders zu profilieren und zu intensivieren.

Es sind drei Arbeitsgruppen vorbereitet worden, die diskutieren sollen, was hier im Geiste nicht der Angst, sondern der Mut machenden Freiheit konkret zu unternehmen ist. Da ich kein Steglitzer bin, werden Sie von mir hoffentlich keine direkten Ratschläge dazu erwarten, was hier vor Ort an freiem Engagement von Gemeinden und einzelnen Christinnen und Christen von Nöten ist. Ich kann Ihnen nur für ihre Gespräche in den Arbeitsgruppen drei Gesichtspunkte mit auf den Weg geben, die Ihren Beratungen vielleicht hilfreich sein können. Sie lauten

1)    Es geht um Gott

2)    Die Wahrheit wird euch frei machen

3)    Alle Christinnen und Christen sind „Priester“.

 

1)    Es geht um Gott

Worin müsste eigentlich die Reformation, die Erneuerung unserer Kirche heute bestehen? – Diese Frage taucht bei den Vorbereitungen auf das Reformationsjubiläum immer wieder auf. Sie meint, wenn ich sie richtig verstehe, welche Veränderungen sich in unserer Kirche vollziehen müssen, um sich eindeutig als Kirche der Reformation darzustellen. Doch worauf sollen wir da verweisen, wenn wir uns im Unterschied zu den Festtagsreden am vergangenen Montag auf unsere kirchliche Realität konzentrieren und nicht auf alle möglichen Kuckucksperspektiven, welche die Reformation eröffnet hat? Auf die Fusionen von Gemeinden, die sich der abnehmenden Zahl von Mitgliedern der deutschen evangelischen Kirchen verdanken? Auf die Neu- und Umstrukturierungen von Landeskirchen, Kirchenkreisen, Gemeinden und Verwaltungsämtern, die ebenfalls diesem Faktum geschuldet sind? Auf Projekte, mit denen unsere Kirche auf neue Herausforderungen wie die Flüchtlingskrise oder das Verhältnis zu anderen Religionen reagiert? Auf Trauungen für gleichgeschlechtliche Paare? Auf  das Bemühen, mit dem medialen und digitalen Zeitalter Schritt zu halten? Auf die gerade revidierte Lutherbibel? Auf Appelle, uns nicht bloß um uns selbst zu kümmern, sondern auch um die Kommune (wie unsere stellvertretende Präses im Interview mit unserer Kirchenzeitung, die Sie hoffentlich alle lesen, gesagt hat)?

Wir könnten so fortfahren, eine große Vielfalt von Veränderungen aufzuzählen, die sich gegenwärtig landauf, landab in unserer Kirche vollziehen oder ihr bevorstehen und gefordert werden. Es ist nichts dagegen einwenden, diese Veränderungen „Reformen“ zu nennen. Aber die „Reformation“ der Kirche, um die es Luther und den anderen Reformatoren des 16. Jahrhunderts ging, decken wir damit nicht ab. Diese Reformation hatte zwar auch eine Fülle von Reformen zur Folge. Sie wurden mehr oder weniger gelungen in der Reformationszeit und dann durch die Jahrhunderte hindurch ins Werk gesetzt. Sie sind für uns heute als eine Kirche ohne Papst, ohne Messe, ohne sieben Sakramente, ohne Maria als Miterlöserin, ohne die Heiligen, Reliquien, Fegefeuer, Ablass, usw. selbstverständlich. Damals führten sie gegen die erklärtr Absicht Luthers und der anderen Reformatoren zur Trennung der evangelischen Kirchen von der römisch-katholischen Kirche. Sie waren aber im Geiste der Reformatoren sicher kein von Menschen initiiertes „Reformprojekt“ der Kirche.

Solche Projekte, die Fehlentwicklungen der damaligen römisch-katholischen Kirche wie ihre Selbstherrlichkeit, Prunksucht und Erstarrung in Traditionen überwinden wollten, gab es auch vor und neben Luther. Was den evangelischen Reformen ihre eigentliche Triebkraft verlieh, aber war etwas anderes. Das war das Ergriffensein von Gott, wie es Martin Luther beim ausdauernden Studium der Bibel gepackt hatte und das dann in rasantem Tempo Kreise zog. Die Gewissheit, dass Gott der eigentliche Initiator der Erneuerung der Kirche sei, hat die Reformen beflügelt, ihnen den großen Schwung verliehen und den Mut frei gesetzt, mit dem Kirchesein noch einmal neu anzufangen.  Denn, so heißt es in der Vorrede zur Sammlung der Lutherschriften, die erst nach seinem Tode erschienen ist:  „Wir sind es doch nicht, die da könnten die Kirche erhalten, unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen, unsere Nachkommen werden’s auch nicht sein. Sondern der ist’s gewesen, der da spricht: Ich bin bei euch bis an der Welt Ende“ (WA 54, 470).

Die Gewissheit im Dienst des Erhaltens der Kirche durch Jesus Christus zu stehen, begründete deshalb den Mut, eine Weltmacht, welche die römisch-katholische Kirche damals war, in Frage zu stellen. Das fing ganz klein in Luthers Studierstube an. Dort machte er eine Entdeckung, von der er selbst gesagt hat, er kam sich danach vor, als sei er „ganz und gar neu geboren und durch die offenen Tore im Paradies selber eingegangen“ (Vorrede zu Bd. 1 der Opera Latina, 1545, WA 54, 185). Nur ein Wort und sein Kontext im Römerbrief des Apostels Paulus waren es genau genommen, welche ihm dieses befreiende Erlebnis bescherten. Es hieß „Gottes Gerechtigkeit“. Dieses Wort bringt bei Paulus definitiv zum Ausdruck, wer Gott ist, wie er uns im Leben und Sterben Jesu Christi begegnet und wie er sich zu uns verhält. Die Reformation war darum in ihrem Ursprung und Kern Gottesentdeckung, Gotteserkenntnis, die wie ein Licht im Leben von Menschen, ja in einem ganzen Zeitalter aufging. Das ist das Erste, was wir im Blick haben müssen, wenn wir nach der Reformation heute fragen.

Dieses Erste ist in Luthers Entdeckung konzentriert, dass Gott nicht in Gesetzen, Forderungen und Drohungen zu Hause ist, mit denen die Kirche zur damaligen Zeit den Menschen und auch ihm selbst Angst machte und „zum Verzweifeln trieb“ (EG 341, 3: „Die Angst mich zum Verzweifeln trieb, denn nichts als Sterben bei mir blieb, zur Hölle musst ich sinken“). Wer Gott ist und wie er mit uns umgeht, wird vielmehr nach Römer 1, 17 im Evangelium, in der guten Botschaft von Jesus Christus offenbar. Hier begegnet Gott uns, hat Luther in einer der berühmten Invokavitpredigten vom 15. März 1522 gesagt,  als ein „glühender Backofen voller Liebe, der da von der Erde bis an den Himmel reicht“. Solch ein „glühender Backhofen“ hört nicht auf, mit dem Feuer seiner Liebe mit Menschen, die in Schuld und Versagen verstrickt sind, einen neuen Anfang zu machen. Die „Freiheit eines Christenmenschen“ gründet in dieser Befreiungserfahrung. In ihr wird der befreiende Gott (!) zur täglichen Ausgangsbasis des Lebens von Menschen, denen er mit der Kraft seines Geistes Glauben schenkt. „Täglich“ feiert da ein „neuer Mensch“ seine Auferstehung, dessen „alter Adam“ von gestern täglich „ersäuft“ wird, wie Luther es bei der Erklärung der Taufe im Kleinen Katechismus klassisch und drastisch formuliert hat.

Aus der Initiative und Kraft dieses Neuanfangs Gottes mit uns wurden also die Reformen – die „Aufbrüche“ –  der Kirche im 16. Jahrhundert  gewagt. Ohne Gottesgewissheit hätte Luther 1521 in Worms sich nicht den Widerruf seiner Schriften verweigert. Ohne Gottesgewissheit hätte der an sich ängstliche Melanchthon 1530 in Augsburg die Augsburgische Konfession nicht mit Psalm 119, 46 überschreiben können: „Ich rede von deinen Zeugnissen vor Königen und schäme mich nicht“.

Unterdessen ist sehr viel Zeit ins Land gegangen. Die reformatorischen Aufbrüche im Namen Gottes von damals sind in unseren evangelischen Kirchen zur Normalität geworden. Doch es ist eine Normalität, die es inmitten unserer säkularen pluralistischen Gesellschaft schwer hat, zu vermitteln, dass es Gott ist, dem sie sich verdankt. Ja es ist eine Normalität, die es noch viel schwerer hat, Menschen dafür zu gewinnen, Gott in ihrem Leben die Initiative zu überlassen. Denn die Zwangsvorstellung vom strafenden und drohenden Gott, von dem die Reformation die Menschen frei machte, ist nicht mehr das Problem, das dem Leben der Menschen von heute zusetzt, so dass sie Botschaft vom liebenden Gott als Befreiung zu begrüßen vermögen.

Dieses Problem hat sich für die Menschen, die im Sog des neuzeitlichen Atheismus den Glauben an Gott verloren haben, von selbst erledigt. Ist kein Gott, dann ist sein Strafen wie sein Lieben nichts, was beunruhigt oder bewegt. Im Osten Deutschlands ist – ausgelöst durch die atheistische Indoktrination der Bevölkerung durch den SED-Staat – regelrecht ein gesellschaftliches Milieu entstanden, das alles was mit „Religion“, Gott und Glaube zu tun hat, von sich abstößt. Das Problem des strafenden Gottes haben aber auch Menschen nicht, die sich „religiös“ verstehen, jedoch mit unserer Kirche nichts zu tun haben wollen. Sie versprechen sich von der Vertiefung in allerhand „Jenseitiges“, Mystisches, Esoterisches , auch Spiritistisches eine schöne Intensivierung des Lebens und nicht ein Strafgericht. Beides – die atheistische Gottesvergessenheit, in der auch schon in Vergessenheit geraten ist, dass Gott vergessen wurde und die Regungen von Religiosität abseits unserer Kirchen – stellen zweifellos die größte Herausforderung für die Kirche, für jede Gemeinde in unserer Zeit dar; nicht bloß, weil sie „schrumpft“, sondern weil sie sich nicht damit abfinden kann, dass Gottes Initiative mit uns Menschen von Gottesvergessenheit und diffuser Religiosität eingenebelt wird.

Wie aber soll unsere Kirche für den Glauben an Gott eintreten, wenn sich die reformatorische Grundkonstellation (strafender Gott einerseits – liebender Gott andererseits) für das Erwecken des Glaubens aufgelöst hat? Denn darin sind wir uns ja sicherlich alle einig. Eine christliche Kirche ist nur darum nötig, um Gott, wie er uns mit dem Geist Jesu Christi aktuell begegnet, allen Menschen zu bezeugen und Menschen zum Glauben an ihn einzuladen. Das ist ihr von Jesus Christus selbst aufgetragen (Matthäus 28, 19).

Ohne diesen Auftrag muss sie nicht sein. Ohne diesen Auftrag wären wir höchstens ein religiöser Verein, dessen Mitglieder ihre Frömmigkeit pflegen. Gott ist in Jesus Christus aber kein Vereinsgründer. Wer an ihn glaubt, der Himmel und Erde geschaffen hat, ist zugleich gesendet, die Botschaft von seiner Liebe hinaus zu tragen in alle Welt. Die Kirche, welche die Reformation im Augsburgischen Bekenntnis von 1530 als „Gemeinschaft der Glaubenden“ definiert hat, ist dementsprechend die Repräsentantin Gottes in unserer Gesellschaft. Was also muss sie tun, was muss sie reformieren, um gottesvergessenen oder religiös frei flottiertenden Menschen Gott zu bezeugen und nahe zu bringen? Vielleicht steckt in der Art und Weise, in der das Reformationsjubiläum gefeiert werden soll, die Antwort.

 

2. Die Wahrheit wird euch frei machen

Wir setzen noch einmal ein mit Luthers Freiheitsschrift ein. Ihr erster Satz lautet geradezu überschwänglich: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemanden untertan“. Er kann sich aufrichten! Ein weiter Horizont des Lebens tut sich für ihn auf. Denn seine Füße sind von Gott „auf einen weiten Raum“ gestellt (Psalm 31, 9), in dem er in eigener Freiheit ausschreiten kann. In diesem weiten Raum aber ist es allen vom Evangelium der Menschenliebe Gottes berührten Menschen ein Herzensanliegen, in der Freiheit von Geliebten und nicht von großen Angsthasen mutig dafür einzutreten, dass Gottes Schöpfung nur in seiner Liebe für Zeit und Ewigkeit eine Zukunft hat.

Wer im Glauben an Gottes Liebe lebt, wird das dann auch in seinem Leben spiegeln, indem diese Liebe seine Liebe zu seinen Mitmenschen wach ruft und prägt. Luther hat das damals – für unsere Ohren etwas altväterlich – so ausgedrückt: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“. Das will sagen: Es lässt sich das Leid, das Elend und die Probleme angehen, die das Leben seiner Mitmenschen quälen und belasten. Sie werden ihm zum beständigen Aufruf, zu helfen, wo er nur kann; sich also zum „Knecht“ der Probleme seiner Nächsten zu machen.  

Wer aufmerksam verfolgt, wie unsere Kirche auf das Reformationsjubiläum zugeht und wie sie sich am Anfang der Woche auch in der Marienkirche dargestellt hat, wird bemerken, dass hier der Schwerpunkt von Luthers beiden Sätzen in der Freiheitsschrift auf den zweiten Satz gelegt wird. Bischof Dröge ist extra von der Kanzel herunter gestiegen, um Menschen vorzustellen, die diesen zweiten Satz mit ihrem Engagement für eine menschenfreundliche Gesellschaft unter Beweis stellen. Wir können hier sicherlich einen Trend erkennen, der sich durch fast alle Erklärungen dessen zieht, was „Reformation“ bedeutet. Die Güte des Glaubens an Gott, soll – reformatorisch gesprochen – vor allem an den „guten Werken“ demonstriert werden.

Das Christentum in seiner evangelischen Gestalt stellt sich so als eine Religion dar, die für eine menschenfreundliche Ethik, also für Prinzipien guten Handelns gut steht. „Die Welt verändern“ heißt ein von Margot Käßmann und Heinrich Bedfort-Strohm, gerade heraus gegebener Band, der uns erklären soll, „was der Glaube heute zu sagen hat“ (Berlin 2016, edition chrismon). Verändert er die Welt zum Guten, dann wird er jedenfalls auch von einer säkularen, verweltlichten Gesellschaft geschätzt. „Martin Luthers Theologie ist eine Theologie der Befreiung, die jeden Menschen dazu befähigt, Verantwortung für die Welt zu übernehmen“, hat der Außenminister Frank Walter Steinmeier jenen Trend im Chor mit vielen anderen gerade wieder auf den Punkt gebracht („Mischt euch ein. Zum Verhältnis von Reformation und Außenpolitik“, ZZ 17 2016, 8). Und auch in der Vorbereitung auf unsere Synode nimmt dieses Verständnis des „Reformatorischen“ Platz 1 ein. „Für wen müssen wir uns heute stark machen“? – lautet das Thema der ersten Arbeitsgruppe.

         Ich will nun überhaupt nichts dagegen sagen, wie wichtig und dringend nötig es ist, dass sich die Gemeinden, Christinnen und Christen für ein gutes Leben ihrer von Not und Elend geplagten Mitmenschen engagieren. Es ist nichts als gut, dass dies geschieht und wenn dies geschieht. Doch wir müssen aufpassen, dass wir über der Wertschätzung unserer „guten Taten“ in unserer freien, demokratischen Gesellschaft nicht unseren Auftrag aus dem Blick verlieren. Ein gesellschaftliches Reformunternehmen ist eine Kirche Jesu Christi inmitten von all dem, was sie für die Gesellschaft Gutes bedeutet, nicht. Ihr Auftrag ist, Menschen einzuladen, einen Horizont des Lebens zu gewinnen, der in der ewig neuen Liebe Gottes gründet. „Das Leben“, hat Luther darum bei Tische redend im Jahre 1533 gesagt, „wird schlecht geführt bei uns wie bei den Papisten. Deshalb streiten wir nicht über das Leben und verdammen jene nicht ihres Lebens willen. […] Ich schilte mich nit fromm; aber wenn es ums’s Wort geht, ob man recht lehrt, da kämpfe ich. […] Das ist meine Berufung. Andere haben nur dem Leben zugesetzt. Aber über die Lehre handeln, das ist der Gans an den Kragen gegriffen“ (WATR I, 295).

Das Wort „Lehren“ klingt freilich für uns heute in Zusammenhang mit Glaubensdingen nicht so gut. Uns fallen da weltferne Doktrinen und Dogmen ein, die mit dem Leben gerade nichts zu tun haben. In Luthers und überhaupt im reformatorischen Sprachgebrauch ist „Lehren“ jedoch das lebensnahe Verkündigen, Auslegen und Aktualisieren der Wahrheit dessen, der gesagt hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6) und die „Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8, 32). Den „Glauben und die Wahrheit zu lehren“, hat Luther demensprechend als seine eigentliche Berufung und Mission im Dienste Jesu Christi angesehen (vgl. WA 19, 28f.).

Mit der Wahrheit, selbst wenn’s eine lebensnahe Wahrheit ist, aber hat unsere Kirche und haben viele Christinnen und Christen heute ein Problem. Man merkt das daran, dass schon alleine dieses Wort in den Perspektivpapieren unserer Kirche kaum vorkommt. Von den 95 Promis aus Gesellschaft, Kirche und Islam, die in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ in der vorigen Woche auf die Frage geantwortet haben, was für sie der „Kern des Glaubens“ sei, ist gerade mal dem Dreiundneunzigsten die Wahrheit einfallen. Umso häufiger kommt dagegen das Wort „Werte“ oder „christliche Werte“ vor. Diese „Werte“ aber liegen fast alle auf der Linie des zweiten Satzes von Luthers Freiheitsschrift, d.h. des Einsatzes für eine gerechte, tolerante, hilfsbereite, dialogfähige Gesellschaft.

Das Reden von „Werten“ hat hier ganz offenkundig das Geltendmachen von „Wahrheit“ verdrängt. Man kann auch ganz gut erklären, wie es dazu gekommen ist. Die Botschaft, Jesus Christus sei der „Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist in unserer Gesellschaft konkurrierenden Überzeugungen davon ausgesetzt, worin unser Leben letztlich gründet. Es gibt hier nicht mehr die eine Wahrheit als Grund unseres Lebens mehr, der alle vertrauen. Die Reformationszeit hat ihren Teil dazu beigetragen, indem sie die Kirche in verschiedenen Konfessionen spaltete, welche sich gegenseitig absprachen, die Wahrheit über Gott und uns Menschen zur Geltung zu bringen. Das setzt sich fort im Gegeneinander der Religionen, die sich gegenseitig absprechen, Gott in Wahrheit zu bezeugen. Hinzu kommt, dass Menschen, die sich von aller „Religion“ verabschiedet haben, überhaupt keine „Wahrheit“ mehr kennen, die das Leben aller Menschen trägt. Es ist also in Bezug auf die Wahrheit ein großes Vakuum entstanden, ein richtiges „schwarzes Loch“.

Doch wie sollen in einem solchen „schwarzen Loch“ ohne Boden unter den Füßen so verschiedenartige religiöse und nichtreligiöse Menschen miteinander leben, ohne sich in einen Kampf aller mit allen zu verwickeln?  Die Antwort drauf gibt die Rede von den „Werten“. Das ist ja eigentlich ein Wort aus der Handelssprache. Der Wert einer Handelsware drückt das Gewicht aus, das ein Produkt für den Gebrauch im alltäglichen Leben hat. „Werte“ im übertragenen Sinne geben den Grundlagen unseres Handelns demnach unter dem Gesichtspunkt der Dienlichkeit für unser Zusammenleben Gewicht.

Gewichte, die uns auferlegt werden, aber machen – selbst wenn es mit Freiheitsparolen und humaner Gesinnung geladene Gewichte sind – nicht frei. Gewichte drücken und pressen uns auf eine Bahn, in der ein gesetzlicher, aggressiver Ton vorherrscht. Mir hat deshalb die Fragestellung unserer zweiten Arbeitsgruppe, welche „Werte wir heute verteidigen“ wollen, nicht so gut gefallen. Werte zwingen in eine Verteidigungshaltung, die von vornherein darauf  aus ist, Überzeugungen anderer Menschen abzuwerten. Werte setzen Menschen in Parteien, Organisationen und Initiativen wohl in Trab. Aber sie machen nicht frei.

Ich fand es darum gut, dass der Bundespräsident in seiner Rede am 31. Oktober auf den „Ungeist der Gnadenlosigkeit, […] des Niedermachens, der Selbstgerechtigkeit und Verachtung“ aufmerksam gemacht hat, der sich derzeit in unserer Gesellschaft „in Internetforen bis hin zu politischen Demonstrationen“ manifestiert. Auf die Gefahr dieses Ungeistes hat der evangelische Theologe Eberhard Jüngel (der aus dem Ostberliner „Sprachenkonvikt“ hervor gegangen ist) schon vor über dreißig Jahren eindrücklich aufmerksam gemacht (vgl. Wertlose Wahrheit. Christliche Wahrheitserfahrung im Streit gegen die ‚Tyrannei der Werte‘“, in: Werlose Wahrheit. Zur Identität und Relevanz des christlichen Glaubens. Theologische Erörterungen III, München 1990, 90-109). Gegenüber der „Tyrannei der Werte“ ist er für die „wertlose Wahrheit“ eingetreten, die im Unterschied zur Gesetzlichkeit der Werte frei macht. Denn Wahrheit ist im evangelischen Sinne kein „Wert“, den wir besitzen und den wir anderen um die Ohren hauen. Wahrheit ist jener „Backofen voller Liebe“ der Christenmenschen frei, mutig selbstverständlich und ohne alle Kampfgebärden das tun lässt, was ihren Nächsten dient.

Wenn unsere Kirche, wenn wir alle in dieser Freiheit handeln, besteht vielleicht die Chance, dass Menschen durch uns auch auf den Gott aufmerksam werden, wie ihn Jesus in der Bergpredigt verkündigt hat und der uns motiviert. Wird unser freies Handeln aber bloß als Eintakten in Werte kommuniziert, die auch ohne die Kirche die Gesellschaft stabilisieren sollen, dann blockiert unsere „Verteidigung der Werte“ den Zugang von Menschen in ihrer Gottvergessenheit und Religiosität zur frei machenden Wahrheit eher als dass er ihn bahnt.

 

3. Alle Christinnen und Christen sind „Priester“

Wir nehmen ein drittes Mal auf Luthers Freiheitsschrift Bezug – diesmal wieder auf ihren ersten Satz. Dass ein Christenmensch als „ein freier Herr über alle Dinge niemand untertan sei“,  hat nach allgemeiner Überzeugung von heute die Gewissenfreiheit begründet. Nur was Menschen mit ihrem eigenen Gewissen vor Gott verantworten können, ist für sie verbindlich. In der Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ von 1520, die ein Seitenstück zur Freiheitsschrift ist, hat Luther das mit starken, heute viel zitierten Worten zum Ausdruck gebracht. Sie lauten:

„Alle Christen sind wahrhaftig geistlichen Standes, und es ist zwischen ihnen kein Unterschied als allein des Amts halber, wie Paulus 1.Kor 12,12ff. sagt […]. Das alles kommt daher, dass wir eine Taufe, ein Evangelium und ein Glaubensbekenntnis haben; denn die Taufe, das Evangelium und das Glaubensbekenntnis, die machen allein geistlich und Christenvolk. […] Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht ist, obwohl es nicht jedem ziemt, solches Amt auszuüben“.

         Es gibt heute innerhalb und außerhalb von Theologie und Kirche eine breite Interpretation dieser Sätze, die in ihnen die Begründung einer religiösen Privatfrömmigkeit sehen. Jede und jeder entscheidet mit seinem Gewissen selbst, was er glaubt und wie er glaubt. Kein Papst schreibt es ihnen vor. Sie sind selber Papst. Was die Wirkungsgeschichte dieser berühmten Sätze betrifft, so ist es sicherlich richtig, dass sie Kreise weit über die Kirche hinaus gezogen hat. Sie haben einen Pfad angelegt, der in der Geschichte Europas zur breiten Autobahn eines selbstbewussten Menschseins und seiner freien Entscheidungen wurde. Nicht eine Autorität, die den Besitz der Wahrheit für sich beanspruchte, sollte über das Leben von Menschen entscheiden, sondern sie selbst.

Was aber die Kirche betrifft, so hatte Luther keinesfalls den Rückzug von Christinnen und Christen in eine religiöse Privatexistenz im Sinne, als er für den „geistlichen Stand“ aller Christenmenschen eintrat. Priester, Bischof, Papst, welche nun alle sind, sind eben keine Privatleute. Sie haben ein „Amt“. Luther hat das in Aufnahme von 1. Petrus 2,9 das „Priestertum aller Gläubigen“ genannt. „Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum und priesterliche Reich“, steht da. Das meint im Verständnis Luthers: Alle Christinnen und Christen haben das Amt, für die Verkündigung des Evangeliums einzutreten. Dieses Amt aber ist nicht im Winkel religiöser Privatexistenz zu Hause, sondern in der „Gemeinschaft der Glaubenden“, wie die Kirche Jesu Christi reformatorisch verstanden wird. In dieser Gemeinschaft versammeln sich Menschen im Hören auf das Evangelium. In dieser Gemeinschaft gibt es nur „ein einiges Amt zu predigen Gottes Wort allen Christen gemein, dass ein jeglicher reden, predigen und urteilen möge und die anderen alle verpflichtet sind zuzuhören“, heißt es in der Schrift „Vom Missbrauch der Messe“ (1521, WA 8, 498, 15-18).

Ich gehe jetzt nicht darauf ein, wie Luther begründet hat, dass es inmitten der Verantwortlichkeit aller für die Bezeugung des Evangeliums das besondere Amt öffentlicher Verkündigung geben muss, in das die Gemeinde dazu befähigte und ausgebildete Menschen – also die Pfarrerinnen und Pfarrer – beruft. „Sauhirten“ und „Hundeknechte“ sollten das sicherlich nicht sein, hat Luther im „Großen Katechismus“ gesagt. Er hat damit auf seine volkstümlich-grobe Weise zum Ausdruck gebracht, dass dieses öffentliche Amt nicht alle auszuüben vermögen. Doch das entlastet alle übrigen Glieder der Gemeinde nicht davon, selber in ihrem Lebensumkreis für die gute Botschaft von Gott gerade zu stehen. Denn ihr Glaube ist im reformatorischen Verständnis redender Glaube – entsprechend dem, das Paulus sagt: „Ich glaube, darum rede ich“ (2. Korinther 4, 13). Doch gerade damit hapert es in unserer kirchlichen Wirklichkeit von heute gewaltig.

Denn von denen, die unserer Kirche heute angehören, verstehen sich längst nicht alle so, dass sie das „Amt“ haben, mit ihren Möglichkeiten in ihrer Lebenswelt für den Glauben an Gott einzutreten. Die meisten nehmen weder am Gemeindeleben teil noch betrachten sie es als ihre Aufgabe, dem Glauben an Gott einen Weg zu bereiten. Sie verstehen unsere Kirche als einen religiösen Dienstleister, den sie ihn mit ihren Kirchensteuern bezahlen und den sie bei Bedarf in Anspruch nehmen. Sie reden von der „Kirche“ so, als seien sie selbst nicht die Kirche als der „Versammlung der Glaubenden“. Weil ihnen schlicht die Worte fehlten, ihr Christsein zu begründen, waren sie damals eine leichte Beute der atheistischen Fangarme des DDR-Sozialismus. Heute ist es der Steuerberater, der ihnen empfiehlt, ihr Geld besser anzulegen, als für die „Religion“. Und das tun sie dann auch.

Wenn unsere dritte Arbeitsgruppe sich der Frage stellt, wie wir „unsere Glaubens-Botschaft unter die Leute“ bringen wollen, dann steht sicherlich diese Situation vor Augen. Ob das Megaphon allerdings das richtige Symbol für unseren Auftrag ist, Menschen den Glauben an Gott und an das Evangelium zu kommunizieren, muss man fragen. Unsere Kirche ist direkt und indirekt ja in einer ziemlichen Breite in den Medien von Fernsehen, Radio, Zeitung und Internet auf dem Plan. Wir dürfen uns aber keine Illusionen machen. Was dem Glauben entfremdeten Menschen durch die Medien vom Glauben und von der Religion überhaupt begegnet, ist für sie hochgradig verwirrend. Wie sollen sie Wahres vom Falschen, Abseitiges von Fundamentalen unterscheiden, wenn sie niemand fragen können, der sich da auskennt? Dass das Megaphon heutiger Medien solche Menschen in den Gottesdienst oder zum Gemeindeleben treibt, um den Glauben kennen zu lernen, ist sicher nicht oder nur vereinzelt der Fall. Ihre persönliche Begegnung mit Menschen, die glauben, im Familienumkreis, in der Arbeits- und Freizeitwelt ist darum für die Kommunikation des Glaubens unersetzlich. Das bedeutet aber, diejenigen die glauben, brauchen den Mut, von diesem Glauben zu reden. Damit sie das vermögen, hat Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt, Lieder verfasst und Katechismen geschrieben. Denn Gottes Initiative mit uns Menschen sollte nicht in der Sackgasse von Menschen landen, die von ihr schweigen.

Dort landet sie aber heute bei den meisten Gliedern unserer Kirche, die sich gar nicht bewusst sind, dass Getauftsein bedeutet, zum „Priester, Bischof oder Papst“ geweiht zu sein. Warum – so müssen wir fragen – ist dieses Bewusstsein der eigenen Verantwortlichkeit für den Lauf des Evangeliums nur bei einem kleinen Teil der Getauften in unserer Kirche lebendig? Hängt es damit zusammen, dass es bei der Kindertaufe kaum eine Rolle spielt? 2011 hatte die Evangelische Kirche in Deutschland zum „Jahr der Taufe“ erklärt. In den dementsprechenden Broschüren und Aktivitäten dominierte aber die Deutung der Taufe als einer Segenshandlung mit Wasser, die dem Gedeihen des Babys gilt, statt eines Zeichens des Aufbruchs von Menschen in ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi.

Oder ist das schwache Bewusstsein der eigenen Verantwortlichkeit von Christinnen und Christen für das Lautwerden von Gottes Initiative darin begründet, dass wir uns damit abgefunden haben, die sogenannten „Randsiedler“ (welche die Mehrheit darstellen) gar nicht aktivieren zu können? Diese Frage ist nicht aus der Luft gegriffen. In dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ von 2006 wird gesagt, dass es bei uns um ein dreifaches Christentum gehe. Das ist ein „kirchliches Christentum“ – also das, was wir hier auf dieser Synode darstellen. Das ist dann aber auch ein „öffentliches Christentum“ in „kulturellen Zusammenhängen“ und weiter „individualisiertes Christentum“ in unterschiedlichster „privater Frömmigkeit“ (Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, Hannover 2006, 44). Das bedeutet, es wird gewährleistet, dass es eine „allgemeine Zugehörigkeit“ (!) zur Kirche als religiöses Kulturphänomen und Spielwiese von religiöser Individualität geben kann, die weder mit einer „bestimmten Gemeinde noch einem bestimmten kirchlichen Angebot“ etwas zu tun hat (a.a.O., 38f.). Das ist – nüchtern gesehen – die Ausklammerung des „Priestertums aller Glaubenden“ aus unserer kirchlichen Wirklichkeit.

         Oder hängt – um noch ein drittes zu nennen – das Schwächeln des „Priestertums aller Glaubenden“ heute damit zusammen, dass es nicht einfach ist, den christlichen Glauben an Gott heute inmitten einer Gesellschaft zu vertreten, in der es von Einwendungen und Kritik an ihm nur so wimmelt. Ich habe neulich in der Matthäus- und Markusgemeinde hier in Steglitz einen Vortrag gehalten, in dem ich über die Wandlungen traditioneller Glaubensvorstellungen in unserer Zeit gesprochen habe. Mein Eindruck war, dass ich damit die Gemeinde eher erschreckt als ermutigt habe. Wer heute vom Glauben reden will, muss sich schon einigermaßen in dem auskennen, was im Namen der Wissenschaft, im Namen der historischen Kritik an der Bibel, im Namen von Religionskritik oder einfach mit schlichtem Atheismus gegen ihn vorgebracht wird. Man kann darum verstehen, dass sich viele Gemeindeglieder sagen: Das überlassen wir mal lieber denen, die dafür ausgebildet sind.

         Warten wir ab, wie unsere Arbeitsgruppe sich angesichts der drei Schwierigkeiten, sich heute in Luthers Verständnis des „Priestertums aller Gläubigen“ einzutakten, positionieren wird. Ich wollte – wie am Anfang gesagt – nur Gesichtspunkte nennen, die dem Gespräch darüber, wie den Gesprächen über die „Weltverantwortung“ und die „Werte“ in reformatorischem Geiste vielleicht dienlich sein können.

          

 

 

 


 
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