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15.06.2016 16:20 Alter: 1 Jahr(e)
Kategorie: Vorträge

Brennpunkt: Gottesvergessenheit

Vortrag in Wuppertal beim Konvent Bad Godesberg am 14. Juni 2016


 A. Gottesvergessenheit als Herausforderung für die Gemeinde

1. Leben ohne Gott als gesellschaftliches Milieu und individuelle Lebensweise

 

 „Gottesvergessenheit“ oder „Gottvergessenheit“ klingt als Begriff zweifellos unbeholfen. Dennoch hat dieser Begriff in der Theologie, die das Problem der massenweisen Entfremdung von Menschen vom Gottesglauben in unserer Gesellschaft ernst nimmt, eine gewisse Karriere gemacht. Er scheint geeigneter als der Begriff des „Atheismus“ zu sein, ein Phänomen zu erfassen, an dem sich unsere Kirchen besonders im östlichen Raum Deutschlands mehr und mehr wund laufen, das aber auch weiter westlich beunruhigend im Vormarsch ist.

Am Begriff „Atheismus“ haftet von seiner religionskritischen europäischen Geschichte her die Vorstellung einer kämpferischen Wendung gegen den Gottesglauben und die Verheißung eines guten Lebens ohne den Gottesglauben. Atheisten in diesem Sinne vergessen Gott nicht. Sie sind – wie die unterdessen auch nicht mehr ganz so neuen sogenannten „Neuen Atheisten“ (z.B. Richard Dawkins, Sam Harris, Christopher Hitchens oder Michael Schmidt-Salomon) zeigen – ausdauernd damit beschäftigt, nachzuweisen, wie verderblich der Glaube an Gott für das menschliche Leben ist. Sie zielen darauf, dass er durch ihre Argumente gegen ihn gänzlich verschwindet. Allerdings machen sie aber auch dort wieder auf ihn aufmerksam, wo er schon verschwunden ist.

Man könnte fast sagen: Damit leisten sie unserer Kirche einen guten Dienst. Sie geben der Kirche und der Theologie und Gelegenheit, sich öffentlich mit der Entkräftung des ganzen wilden Aufgebots atheistischer und religionskritischer Argumente zu Worte zu melden. Sie könnten aber auch den fraglosen, nicht argumentierenden Atheismus, den wir heute ins Auge fassen wollen, veranlassen,  sich kritisch mit sich selbst zu befassen. Doch dieser Effekt tritt mitnichten ein. An die Frage, ob mit Recht nicht an Gott zu glauben ist, verschwenden  Menschen, in deren Leben und Lebensumkreis der Glaube an Gott schon seit langem nicht mehr vorkommt, keinen Schweiß mehr. Er ist für sie unter die Schwelle der Konfliktfähigkeit gesunken. In Ost Berlin waren die neuatheistischen Bücher Ladenhüter und sind längst aus den Buchläden verschwunden. Gott ist hier auch als etwas, was zu verneinen ist, in Vergessenheit geraten.

Das ist nicht erst seit heute so. Auch Vergessen braucht seine Zeit. Wenn ich mich richtig erinnere, ist von mir der Begriff der „Gottesvergessenheit“ gegen Ende der 70ger Jahre des vorigen Jahrhunderts mehr und mehr verwendet worden. Er schien zur Kennzeichnung einer Lebensart, der „Gott“ als sinnvoller Bezugspunkt und Horizont der Lebensführung weggesunken ist, besser geeignet zu sein als solche Kategorien wie „praktischer Atheismus“ oder „Gewohnheitsatheismus“.  Denn in dieser Zeit zeichnete sich ab, dass die unter dem Druck einer atheistischen Weltanschauungsdiktatur zustande gekommene Entwöhnung des größten Teils der Bevölkerung vom Gottesglauben und von jedem sinnvollen Gebrauch der Gottesvorstellung ein Milieu von eigener Schwerkraft im gesellschaftlichen und kulturellen Leben der DDR hatte entstehen lassen. Zwar war dieses Milieu vom Schirm und Schild der atheistisch grundierten Staatsdoktrin gedeckelt. Doch das störte nicht weiter. Unter dem Schatten ihrer Flügel konnten sich alle, die sich jener Doktrin fügten, ein Leben ohne – wie sie meinten – unnötige Probleme für sich und ihre Kinder einhandeln. Da ging es ihnen besser als denen, die das Stehen zum Gottesglauben in mehr oder weniger standfesten Existenzen nicht fahren ließen und bereit waren, dafür auch einige Nachteile in Kauf zu nehmen.

Aber es war klar, dass jenes Milieu nicht wirklich von der Theorie des „dialektischen und historischen Materialismus“ und seinem Bemühen, der Religion zum Absterben zu verhelfen, getragen war. Die Lehrbücher jener marxistisch-leninistischen Theorie sind nach 1989 massenhaft in den Müllcontainern gelandet. Für diese Theorie getraut sich auch heute kein vernünftiger Mensch mehr einzutreten. Sie war in ihrer Handhabung durch die Staatspartei bloß so etwas wie ein Rammbock, der die lockeren Partizipanten an der sogenannten „Volkskirche“ in eine Existenzweise hinein getrieben hat, in der sie sich ohne jene Theorie oder mit ein paar Versatzstücken aus ihr selbst eingerichtet haben. Nur so ist es zu erklären, dass sich das Milieu massenhafter Entfremdung vom Gottesglauben auch über den gesellschaftlichen Umbruch von 1989 erhalten und immer aufs Neue regeneriert hat. Die Erwartung, dass jener Umbruch und die Einkehr in eine freie, demokratische Gesellschaft wieder eine Hinwendung der Menschen zu Glaube und Kirche führen werde, beruhte manifest auf einer falschen Einschätzung der Stabilität und Hartwandigkeit des ostdeutschen Milieus des Gottesvergessenheit.

Obwohl das Leben, welches Menschen in der Atmosphäre dieses Milieus führen, säkularistischen Lebensweisen ähnelt, die sich unter den Bedingungen einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft ebenfalls in großem Umfang heraus gebildet haben, unterscheidet es sich durch seine atmosphärische Geschlossenheit von ihnen. In Berlin haben wir das im Westteil der Stadt plastisch vor Augen. Jener Säkularismus schillert in vielen Farben. Wie die „Religion“ tritt er in der pluralistischen Gesellschaft mannigfach individualisiert und diffus als Sache der privaten Überzeugung von Einzelnen auf. Er hat in den westlichen Bundesländern auch unterschiedliche regionale Schwerpunkte. In Großstädten ist er mehr verbreitet als in ländlichen Gebieten. Er ist zudem der Präsenz von Kirchen und Glaubenden im öffentlichen und privaten Leben intensiver und direkter als weiter östlich ausgesetzt. Er findet darum immer wieder Anlässe, sich gegen diese Präsenz zu wehren.

Das erklärt, warum die giftigeren und aggressiveren atheistischen Töne aus dieser Richtung zu vernehmen sind, während sich das ostdeutsche gottesvergessene Milieu, dem ¾ der Bevölkerung zuzurechnen sind, im Großen und Ganzen von der Kirche nicht weiter belästigt fühlt. Nur wenn der Verdacht aufkommt, dass die Kirche sich mit Hilfe politischer Kräfte in der Bevölkerung Positionen sichern will, dann zeigt auch dieses Milieu auch Stacheln. Das war z.B. vor einigen Jahren in Berlin bei der Volksabstimmung über den Religionsunterricht als Wahlpflichtfach der Fall. Sie endete mit einer Ablehnung dieses Unterrichts.

Ansonsten aber gedeiht in jenem Milieu das Klima einer durchaus verträglichen Menschlichkeit, so dass kein Anlass gesehen wird, sich zum Kampfe gegen Glaube und Kirche zu formieren und zu rüsten. Die Menschen sind mit dieser Lebensweise, wenn man sie in Ruhe lässt, zufrieden. Dass Gott, Glaube und Kirche nun schon seit Generationen nicht im eigenen Leben nicht mehr vorkommen, weckt nicht das Empfinden, dass etwas fehlt oder dass für das Leben etwas Wertvolles abhandengekommen ist. „Das kannst du vergessen“, können die konfessionslosen Berliner antworten, wenn man sie fragt, warum sie vom Gottesglauben nichts halten. Und um ein Vergessen, ein nicht mehr Kennen, Wissen und Bewusst-Halten, wer Gott ist und was Glauben bedeutet, handelt es sich in der Tat bei der Gewöhnung an ein Leben, das sich mit Perspektiven zufrieden gibt, welche unsere Welt zu bieten vermag.

Daran ändern auch nichts zwei kleine Schneisen der Offenheit oder besser Toleranz gegenüber Glaube und Kirche, die sich eben jener verträglichen Menschlichkeit verdanken. Das ist einerseits das Engagement der „konfessionslosen“ Menschen in Vereinen, die für den Erhalt der Dorfkirchen eintreten. Es handelt sich dabei sicherlich um ein kulturelles Engagement, das keine Kirchenruine im Zentrum einer Ortschaft haben möchte, weil sie dadurch ihr Gesicht verliert. Solche Vereine sind aber doch Ebenen der Begegnung mit Christinnen und Christen, auf denen es zu Wahrnehmungen des eigentlichen Zwecks von Kirchen kommen kann.

Die andere Schneise sind die Kinder. Nicht nur die kirchlichen Kitas sind begehrt, durch welche die Kinder dann auch Geschichten der Bibel, christliche Lieder und Bräuche in die Familien bringen. Es ist beinahe schon normal, dass in Kinder- und Jugendgruppen ungetaufte Kinder von konfessionslosen Eltern sind und dass Konfirmandinnen und Konfirmanden Freundinnen und Freude mitbringen, deren Taufe die Eltern nicht verhindern. Solche Erscheinungen rufen die Frage wach, ob nicht doch so etwas wie eine Sehnsucht nach einem Glauben, der das Leben trägt, im atheistisch-konfessionslosen Milieu oder bei Menschen, denen der Glaube an Gott in ihrer persönlichen Lebensgeschichte abhandengekommen ist, heimlich wach bleibt.

 2. „Wiederkehr der Religion“?

 

Statistisch ist die gestellte Frage, ob Menschen sich heimlich nach dem Glauben an Gott sehnen, im Blick auf den Osten Deutschlands zu verneinen. Die Masse der Bevölkerung lässt an ihren Kindern die Jugendweihe vollziehen. Konfirmandengruppe sind demgegenüber ein „Häuflein klein“. Die Jugendweihe ist zwar unterdessen ideologisch entrümpelt und verflacht. Aber wer seine Kinder zur Jugendweihe schickt, gibt damit deutlich zu erkennen, dass er mit der „Religion“ nichts zu tun haben möchte. Da gibt es im Übrigen auch eine bemerkenswerte Vereinigung von Ost und West. Die Verwandten aus den alten Bundesländern, die Glieder der „Volkskirche“ sind, feiern die Jugendweihe munter mit und bestärken so die Gewöhnung an ein Leben ohne Gott und Glaube als etwas gewissermaßen Normales.

Diese Gewöhnung aber hat im geistigen Haushalt der Menschen, die so leben, zu einem tief greifenden Traditionsabbruch der christlichen Überlieferungen und Lebensorientierungen und zur Entfremdung von den kulturellen Prägungen unserer Gesellschaft durch das Christentum geführt. Christlicher Glaube oder christliche Frömmigkeit kommen in den Familien nicht mehr vor. Schon die Großeltern, unterdessen auch die Urgroßeltern, waren nicht in der Kirche. Die Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen sind es auch nicht. Kinder werden nicht in den Religionsunterricht gelassen. Begegnungen mit der Kirche werden gemieden. Kaum jemand hat je eine Bibel (selbst wenn sie bei „Aldi“ billig zu haben ist), geschweige denn irgendwelche christliche Literatur in der Hand gehabt.

Man kann sich darum – trotz der Präsenz der Kirche in den Medien – die Unwissenheit über den Gottesglauben und sein Welt- und Menschenverständnis selbst bei Gebildeten – ich rede von Erfahrungen in der Universität ! – gar nicht groß genug vorstellen. Ich habe das noch zu DDR-Zeiten im Anschluss an eine Formulierung von Karl Rahner zugespitzt formuliert. Rahner hat gesagt: Wenn das Wort „Gott“ vergessen wird, dann hat der Mensch „das Ganze und seinen Grund vergessen, und zugleich vergessen, […] daß er vergessen hat“ (vgl. Karl Rahner, Grundkurs des Glaubens. Einführung in den Begriff des Christentums, Freiburg/Basel/Wien 1976, 58). Ich habe das damals im Hinblick auf geschilderte Milieu so ausgedrückt: Die Menschen beginnen auch schon zu vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Es gehört zu ihrem Charakteristikum, von Gott und vom Glauben keine Ahnung zu haben, aber dennoch Alles, was ausdrücklich mit „Religion“ zu tun hat, von sich abzuweisen.

Das alles zeichnete sich also schon vor 40 Jahren in der DDR-Zeit ab, hat aber eine Vorgeschichte, die viel weiter viel weiter zurück reicht und Kirche sowie die Theologie schon länger beunruhigte. Was wir hier Gottesvergessenheit nennen, wurde in den sechziger Jahren auf Grund von Dietrich Bonhoeffers Prognose, dass wir „einer völlig religionslosen Zeit entgegen“ gehen, in Ost und West breit diskutiert. Die „Menschen können einfach, so wie sie nun mal sind, nicht mehr religiös sein“, war sein Urteil (Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hg. von Christian Gremmels, Eberhard Bethge und Renate Bethge in Zusammenarbeit mit Ilse Tödt, Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 8, München 1998, 403). Er meinte damit, dass sie weder bei der Erkenntnis der Wirklichkeit noch in ihrem Leben Gott als „Lückenbüßer“ und „Problemlöser“ brauchen und dass sie dabei nicht das Gefühl haben, dass ihnen etwas fehlt. So wie Bonhoeffer die „Religionslosigkeit“ beschrieben hat, kann man sie bis heute im gottesvergessenen Milieu wahrnehmen.

Ich diskutierte jetzt Bonhoeffers Vorstellungen von einem „religionslosen Christentum“ nicht, das sich auf diese Situation einlässt (vgl. hierzu meine Beiträge in „Barmen – Barth – Bonhoeffer. Beiträge zu einer zeitgemäßen christozentrischen Theologie, Bielefeld 2009, 333-355; 497-515). In unserem Zusammenhang ist die Kritik wichtig, die schon damals und heute verstärkt an Bonhoeffers Prognose geübt wurde und wird, dass „Religionslosigkeit“ die Zukunft unserer Gesellschaft prägen werde. Heute wird vor allem eingewandt, dass Bonhoeffer hier abhängig von der sogenannten „Säkularisierungsthese“ abhängig sei. Er huldige der Vorstellung, dass mit der wissenschaftlich-technischen Modernisierung auch notwendig ein Nachlassen, ja Ersterben religiöser Lebenseinstellungen, die sich auf Transzendentes richten, einhergehe.

Das hat sich „nicht bewahrheitet“, behauptet im Chor von anderen kirchlichen Papieren zum „Reformprozess“ der EKD im Zugehen auf das Reformationsjubiläum 2017 auch das Diskussionspapier meiner Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, obwohl  merkwürdigerweise gleich danach konstatiert wird, dass „weite Teile der ostdeutschen Bevölkerung […] kein Bedürfnis nach einer religiösen Weltdeutung“ spüren (Welche Kirche morgen? Orientierungspunkte für den Reformprozess. Ein Diskussionspapier, Berlin 2013, 22f.). Doch „weite Teile“ ist leider eine schwammig formulierte gewaltige Untertreibung, während der Auftakt zu solcher Einschätzung im EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ eine gewaltige Übertreibung ist. „Die gesellschaftliche Situation ist günstig“, heißt es da. „Es wird neu nach Gott gefragt. Religiöse Themen ziehen hohe Aufmerksamkeit auf sich.[...] Eine in den zurückliegenden Jahrzehnten verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber den im christlichen Glauben gegebenen Grundlagen des persönlichen wie des gemeinsamen Lebens weicht (!) einem neuen Interesse für tragfähige Grundeinstellungen und verlässliche Orientierungen“ (Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier der EKD, Hannover 2006, 14).

Diese Einschätzung der sogenannten „religiösen Lage“ in unserer Gesellschaft verdankt sich sicherlich der Beeindruckung von der viel beredeten „Wiederkehr der Religion“ und sogar der „Götter“ in Europa. Nach der soziologischen Theorie von Ulrich Beck legen die wissenschaftlichen Modernisierungsprozesse geradezu den Grund für die „Revitalisierung der Religiosität und Spiritualität im 21. Jahrhundert“ (Ulrich Beck, Der eigene Gott. Friedensfähigkeit und Gewaltpotential der Religionen, Frankfurt/ a.M. und Leipzig 2008, 42). Sie lassen die durch jene Prozesse verunsicherten Menschen nach beständigen Werten und „Spiritualität“ fragen. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass gerade technisch hoch entwickelte Gesellschaften wie z.B. die USA ausgesprochen religiöse Gesellschaften seien, so dass die Behauptung nicht stimmen kann, die wissenschaftlich-technische Entwicklung ziehe notwendig ein Erschlaffen von „Religion“ nach sich.

Doch nehmen wir an – was im beschriebenen Milieu der Gottesvergessenheit nicht oder nur sehr marginal mit „Schneisen“ der Toleranz gegenüber der Kirche der Fall ist –  es würde die „Religion“ auf diese Weise von alleine erwachen, dann ist die so erwachte Religion keinesfalls mit der Wiederkehr des Gottesglaubens deckungsgleich. „Wiederkehr der Götter“ wird sie ja auch genannt. Nach Beck handelt es sich dabei um eine individualisierte „Bastelreligiosität“ (a.a.O., 213), die sich Versatzstücke aus christlichen Traditionen, aus den vielen Religionen und allerlei Esoterik zusammen sucht und sich als solche vom Gottesglauben der Kirche eher entfernt, statt sich ihm anzunähern. Menschen, die solcher Religiosität zuneigen, treten häufig aus der Kirche aus, weil sie ihre Spiritualität hier vermissen. Auf die  „Wiederkehr der Götter“ in diesem „gebastelten“ Polytheismus neuer Prägung Hoffnung für das Fußfassen des Gottesglaubens unter gottesvergessenen Menschen zu setzen, ist also ziemlich vermessen wenn nicht illusionistisch.

Überhaupt ist das Bemühen, die Glaubenslosigkeit neuzeitlicher Prägung theologisch unter dem Leitbegriff „Religion“ einzuholen, mit vielen Unklarheiten verbunden. Denn der Begriff von „Religion“ bzw. von „Religiosität“ ist so dehnbar, dass er auf  jegliches Verhalten, das Gegebenes transzendiert, angewendet werden kann und angewendet wird. Wenn man unter „Religion“ jedwedes Transzendieren irdischer Gegebenheiten gleich welcher Art versteht, dann sind Menschen natürlich unausweichlich „religiös“. Die marxistische Ideologie mit ihrer Vorstellung vom Reich der Freiheit war das ebenso wie es der Wissenschaftsgläubige ist oder der Fußballfan oder was es sonst an Hingabe von Menschen an niedere, mittlere und „esoterische“ Transzendenzen gibt.

Was theologisch bei der Fixierung auf die Tatsache, dass Menschen nicht so „religionslos“ sind, wie Bonhoeffer sie in den Gefängnisbriefen verstanden hat, ist etwas anderes. Diese Fixierung kann uns in Kirche und Gemeinde dazu verführen, dem harten Kern einer Gewohnheit gewordenen Lebensweise ohne Gott und den Glauben auszuweichen. Stattdessen wird angestrebt, dem Gott entfremdeten Milieu oder den einzelnen konfessionslos-gottesvergessenen Menschen mit sogenannten „niederschwelligen“ Angeboten mit einer Art von Schnupperkursen im weiten Felde des Religiösen zu begegnen. Doch das kann allenfalls ein Beiwerk zu der eigentlichen Aufgabe sein, von Gott so zu reden und den Glauben an ihn in den Lebensvollzügen der Christenheit so darzustellen, dass für glaubensferne Menschen die Möglichkeit eröffnet wird, Gottes neu inne zu werden. Das Ernstnehmen des Phänomens „Gottesvergessenheit“ stößt uns, die wir Verantwortung dafür tragen, was Menschen sich vorstellen, fühlen und denken, wenn sie das Wort „Gott“ hören ,“ beständig an, uns auf diese Aufgabe zu konzentrieren. Aber nicht nur das. Wir werden dadurch auch angehalten, ernst zu nehmen, dass das Vergessen Gottes nicht nur ein Phänomen ist, das bei nichtglaubenden Menschen wahrzunehmen ist.

 3. Gott vergessen: Eine Nebenerscheinung des Glaubens an den einen Gott

 

„Gottesvergessenheit“ ist  (wie oben schon angedeutet) kein schöner deutscher Begriff und in der Praxis sicher mit Vorsicht zu verwenden. „Ich habe Gott nicht vergessen, weil ich noch nie etwas von ihm gewusst habe“, hat mir neulich jemand gesagt. Außerdem haftet an diesem Begriff  für mein Verständnis eine theologiegeschichtlich eine bedenkliche Verwendung. Friedrich  Schleiermacher hat unter „Gottvergessenheit“ (wie er in seiner Kunstsprache sagt) die „nicht vorhandene Leichtigkeit“ verstanden, „das Gottesbewußtsein in den Zusammenhang der wirklichen Lebensmomente einzuführen und darin festzuhalten“ (Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt, Zweite Auflage [1830/31], Teilband 1, hg. von Rolf Schäfer, Kritische Gesamtausgabe, Band 13/1, Berlin/New York 2003, 96.). Vorausgesetzt ist dabei, dass sich menschliches Selbstbewusstsein notwendigerweise mit dem Bewusstsein Gottes verbindet. Denn wir können uns nach Schleiermacher nicht als frei bewusst werden, ohne uns als „in Beziehung mit Gott“ bewusst zu werden (a.a.O., 32). Hemmt unsere Sinnlichkeit die Entwicklung dieses Bewusstseins vollkommen, dann eben haben wir es mit der „Gottvergessenheit“ zu tun. Das heißt aber, ein Mensch ohne Gottesbewusstsein ist streng genommen gar kein Mensch oder aber – wenn man diese unmögliche Folgerung nicht ziehen will –: Gott zu vergessen geht gar nicht.

Die Bibel ist da anderer Meinung. Die Klage über das Vergessen Gottes begleitet vielmehr das jüdisch-christliche Zeugnis von Gott schon immer. „Ihr habt mich vergessen“, wird diese Klage durch den Mund der alttestamentlichen Propheten regelrecht zur Klage Gottes selbst über seine Menschenwelt (vgl. Ps 50, 22; Jes 17, 10; Jer 3,21; 13, 25. u.ö.). Das scheint die Schattenseite der neuen Epoche von Gotteserfahrung zu sein, die Israel in der Religions- und Weltgeschichte eingeläutet hat. Die polytheistischen Götter und göttlichen Naturgewalten konnten nicht vergessen werden. Sie walteten in der religiös gesättigten Vorstellungswelt von Menschen der Antike überall und aufdringlich in ihrem Alltag, in Natur und Geschichte, und mussten beständig beachtet werden.

Der Glaube an den einen, der Welt jenseitigen Gott, aber hat – wie es heißt – die Welt „entgöttert“. Er verstand Gott so, dass er eine rein weltliche Welt ins Dasein gerufen hat, die ihm gegenüber in eigener Gesetzmäßigkeit der Natur und in eigener Freiheit von Menschen da sein darf. Die Welt und wir Menschen stecken nicht in einer Zwangsjacke, in die Gott uns presst. Unsere Füße sind auf dieser Erde kraft göttlicher Ermächtigung vielmehr auf einen „weiten Raum“ gestellt, wie es in Psalm 31, 9 so unübertrefflich heißt. In diesem Raum, in dem Menschen aufatmen können, macht sich Gott durch besondere geschichtliche Offenbarungen bekannt. Dabei ruft er Menschen auf, ihm zu antworten und ihr Leben in Übereinstimmung mit seinen Weisungen zu führen. Geschichtliche Erfahrungen aber geraten immer in die Mühlen der Zeit. Sie werden Vergangenheit. Vergangenheit jedoch versinkt in menschlicher Geschichte zum größten Teil ins Vergessen. Gottes geschichtliche Erweise unter vergesslichen Menschen in Erinnerung zu rufen, ist darum das Wesen der prophetischen und der christlichen Verkündigung. „Vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat“ (Ps 103, 2), ist ihr cantus firmus.

Gottesvergessenheit ist also ein Problem, das mit dem biblischen Glauben an Gott gewissermaßen strukturell verbunden ist. Der unsichtbare, der Welt jenseitige, unverfügbare Gott ist im Alltag unserer Lebensvollzüge nicht so aufdringlich da, dass es unausweichlich ist, seiner inne zu werden. Sein Offenbarsein in geschichtlicher Ferne, die im Geist aktuell vergegenwärtigt sein will, muss immer wieder dem Vergessen entrissen werden. Im Grunde können wir die ganze Kirchengeschichte als immer neues Erinnern an Gott in einer Kirche verstehen, die beständig dabei ist, sich vom geschichtlichen Grunde des christlichen Glaubens zu entfernen und selbst unter Gebrauch des Namens Gottes seine Wirklichkeit zu vergessen. Vergessen Gottes ist von Haus aus also kein atheistisches Phänomen, sondern eine Nebenerscheinung des monotheistischen Gottesglaubens.  Gottesvergessenheit grassiert unter den Gliedern der Kirche als einer religiösen Massenorganisation in der Gesellschaft ebenso wie unter den Menschen, die heute erklären, nicht an Gott zu glauben und in deren Lebensvollzug dieser Glaube in der Tat keine Rolle spielt. Wir wechseln also nicht in eine andere Sphäre über, wenn wir uns fragen, was nötig ist, um gottesvergessenen Menschen eine Tür zum Erinnern Gottes zu öffnen.

 4. Was tut not? – Fragen über Fragen

Niemand rechnet heute ernsthaft damit, dass es in absehbarer Zeit eine Hinkehr des gottesvergessenen Milieus und seiner mehr individualisierten Nachbarn weiter westlich, die immerhin auch fast 30 % der Bevölkerung ausmachen sollen, zum Gottesglauben geben wird, die der massenhaften Abwendung von diesem Glauben irgendwie vergleichbar ist. Einige der weniger glücklichen Ratschläge von Dietrich Bonhoeffer angesichts der Misserfolge der sogenannten „Volksmission“ in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts lautete schon damals: Man solle die Hartnäckigkeit der Verweigerung des Glaubens als „Verstockung“ akzeptieren.  Gegenüber Menschen, die sich dem Glauben verweigern, sei nur „stumme helfende Liebe“ geboten (Dietrich Bonhoeffer, „Seelsorge“ [Mitschrift 1935/36], in: Dietrich Bonhoeffer, Illegale Theologenausbildung: Finkenwalde 1935-1937, hg. von Otto Dudzus und Jürgen Henkys, Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 14, München 1996,  557).

Es ist ganz interessant, dass dieser Ratschlag sicherlich eine Vorform des Konzepts der „Kirche für andere“ ist, das Bonhoeffer in den Gefängnisbriefen angesichts der verbreiteten „Religionslosigkeit“ im 20. Jahrhundert entworfen hat. „Helfend und dienend“ hat die Kirche für diese Menschen da zu sein (a.a.O., 558). Hier wird die Verweigerung des Glaubens in Gestalt der Unfähigkeit zur „Religion“ allerdings nicht als „Verstockung“, sondern als Ausdruck der „Mündigkeit“ der religionslosen Welt verstanden. Deshalb war es nach Bonhoeffer möglich, dass Christus diese „mündige, wenn auch religionslose Welt“ für sich in Anspruch  nehmen kann (a.aO., 504). Doch nur „Helfen und Dienen“ als Existenzweise der Glaubenden wird nicht reichen, wenn sich die Kirche inmitten eines gottesvergessenen Milieus und Menschen, die Gott vergessen haben, nur stumm darstellt. Es bedarf des Wortes „Gott“ und der Worte von Gott, um Gott als Gott kennen zu lernen. Doch welche Worte sind das, die das Vergessen Gottes durchbrechen könnten?

Die große Schwierigkeit dieser Frage liegt darin, dass – wie wir schon gesehen haben – gottesvergessene Menschen nicht das Gefühl haben, ihnen fehle etwas. Sie brauchen – summiert Rita Kuczynski ihre Interviews mit nichtglaubenden Konfessionslosen in Ost und West – „für ihre persönliche Sinnfindung keinen Gott, brauchen nichts Übersinnliches, nichts Transzendentes. Sie leben im Hier und Jetzt und sehen am Himmel  nur Vögel, Flugzeuge und Wolken“ (Was glaubst du eigentlich? Weltsicht ohne Religion, Berlin 2013,13). Martin Walsers Klage über den Verlust von etwas Unersetzlichem wie dem Gottesglauben ist ihnen fremd (vgl. Martin Walser, Über Rechtfertigung, eine Versuchung, Hamburg 2012). Fremd ist ihnen auch die Frage des „tollen Menschen“ aus Friedrich Nietzsches „fröhlicher Wissenschaft“, der verzweifelt fragte: „Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? […] Giebt es noch ein Oben und Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an“? (Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, in Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe, Band 3, München 1980, 481).

Menschen, die Gott vergessen haben, ähneln eher den Gaffern auf dem Marktplatz, die über den „tollen Menschen“, der am Tage eine Laterne anzündet, um Gott suchen, ihre faulen Witze machen. „Unbekümmerte Alltagspragmatiker“ hat sie eine Umfrage der „identity foundation“ aus dem Jahre 2006 genannt (vgl. http://www.atconnect.info/?  Zu_mir: Meditationscoach: Studie der_Identity_Foundation).

Doch wir müssen auch aufpassen, dass wir uns keine Zerrbilder von Menschen machen, denen der Glaube an Gott weggesunken ist. Hans Joas hat mit Recht darauf hingewiesen, dass säkularistisch lebende Menschen durchaus nicht ethisch verwahrlosen, wie das eine bestimmte christliche Apologetik gerne unterstellt. Nach Joas erklärt sich die ethische Stabilität des Säkularismus daraus, dass in ihm immer noch Nachklänge des christlichen Ethos wirksam sind und die „soziale Reziprozität“ Menschen schon immer zu einem Ethos der Lebensdienlichkeit verpflichtet (Vgl. Hans Joas, Glaube als Option. Zukunftsmöglichkeiten des Christentums, Freiburg/Basel/Wien 2012, 59). Beim ostdeutschen Milieu kommt hinzu, dass der DDR-Sozialismus bei den Menschen, die sich ihm anpassten, vor allem zur Verinnerlichung von Werten der Gemeinschaftspflege geführt hat. Dazu gehören Hilfsbereitschaft und Solidarität, die Hochschätzung des Wertes der Geborgenheit in der Gesellschaft, aber auch ein Sinn für Gerechtigkeit, so dass das atheistisch-gottesvergessene Milieu durchaus den gesellschaftlichen Frieden stabilisiert.

Das alles „madig“ zu machen, um die Notwendigkeit Gottes als Problemlöser und „Lückenbüßer“ für die Menschen zu empfehlen, ist wiederum nach Dietrich Bonhoeffer „unvornehm“ und irgendwie schmuddelig, letztlich Gottes nicht würdig (Widerstand, 478). „Gott ist nicht notwendig. Gott ist mehr als notwendig“, hat Eberhard Jüngel diese Einsicht sprachlich verdichtet (Eberhard Jüngel, Unterwegs zur Sache. Theologische Bemerkungen, München 1972, 7). Er meint damit: Der Glaube an Gott kann sich nur in der Freiheit einstellen, in der Gott kraft seines Geistes selbst begegnet und nicht aufgrund einer allzu menschlich ins Werk gesetzten religiösen Mechanik.

Was unsere Kirchen und vor die Gemeinden im Wahrnehmen ihres Auftrages dafür tun können, um dem freien Begegnen Gottes bei Menschen, die Gott vergessen haben, den Weg zu bereiten (vgl. hierzu Dietrich Bonhoeffer, Ethik, Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 6. hg. von Ilse Tödt, Ernst Feil und Clifford Green, München 1992, 152-162), ist deshalb angesichts des Grassierens der Gottesvergessenheit für sie eine Frage erster Ordnung. Was ist von Gott zu sagen und wie ist der Glaube an Gott im Leben und Verhalten der Christenheit darzustellen, damit Menschen, die Gott längst vergessen haben und dennoch keine richtigen Atheisten sind, neu auf Gott aufmerksam werden können? Wie haben wir uns auf Menschen einzulassen, die durchaus humanistische Werte respektieren und dennoch „Alltagspragmatiker“ sind, welche sich vielfältig und diffus mit den Problemen ihres Daseins herummühen? Wie kann es also möglich werden, dass solche Menschen, die auf diese Weise leidlich mit sich zufrieden sind, Gottes Geist als lebendige Wirklichkeit wieder spüren? Das sind die dringlichsten Fragen, die sich für das christliche Reden von Gott inmitten von Menschen stellen, die meinen, sie seien Gott losgeworden.

 

B. Von Gott reden als Wegbereitung für Menschen, die Gott vergessen haben

 

1. Wie nicht von Gott geredet werden sollte

 

Natürlich gibt es keinen Königsweg für uns, wie der Glaube an Gott bei Menschen geweckt werden kann, die sich in einer atheistisch grundierten Konfessionslosigkeit eingerichtet haben und sich in lauter Gottesvergessenheit selbst genug ist. Die christlichen Kirchen und die Theologie sind mit Recht immer davon ausgegangen, dass die Erweckung des Glaubens überhaupt kein Menschenwerk ist, sondern Werk des Heiligen Geistes. Wir können, wie wir im Anschluss an Dietrich Bonhoeffer schon gesagt haben,  unser Reden von Gott deshalb nur als Wegbereitung  für das verstehen, was nur Gott alleine tun kann. Solche Wegbereitung ist für das Entstehen des christlichen Glaubens an Gott aber unerlässlich. Denn wer Gott ist, erschließt sich für diesen Glauben nur, wie er laut des biblischen Zeugnisses begegnet ist und begegnet. Christliches Reden von Gott muss Gott sozusagen den Dienst leisten, von der Geschichte zu erzählen, in der er unserer Menschenwelt nahe gekommen ist, in der Menschen ihn kennen lernen. Deshalb ist dieser Glaube von Hause aus redender Glaube. „Ich glaube, darum rede ich“, sagt der Apostel Paulus mit einem etwas zurechtgezurrten Zitat aus dem Alten Testament (2. Kor. 4,13).

Die Frage, welches Gottesverständnis wir unseren gottesvergessen-konfessionslosen Mitmenschen nahe bringen sollen, ist deshalb auf den ersten Blick ganz einfach und unkompliziert zu beantworten. Es ist das Gottesverständnis der Bibel. Doch so einfach und unkompliziert ist das leider nicht, weil auch erst entschieden werden muss, was denn das Gottesverständnis der Bibel ist. Darüber hinaus gibt es in den Kirchen wie in der Theologie eine ziemlich weit verbreitete Ansicht, nach der es die Berufung auf das Gottesverständnis der Bibel geradezu verhindert, dass Menschen es sich angehen lassen können.

Denn zum einen – so wird gesagt – leuchtet es Menschen im 21. Jahrhundert überhaupt nicht ein, dass Gott sich vor mehr als 2000 Jahren in einer so besonderen Geschichte offenbart haben soll, wie es die Geschichte Jesu Christi und die Israels ist. Zum anderen aber sei das Reden der Bibel von Gott, der wie eine Person handelt und redet und der wie eine Person angeredet werden kann, mit dem Wirklichkeitsverständnis von Menschen in unserer Zeit ganz unvereinbar. Es sei vielleicht vorstellbar, dass irgendeine göttliche Kraft hinter der Evolution des Universums und der Menschheit steht und dass solche Kraft in mystisch-religiöser Vertiefung auch gespürt werden kann. Das personale Gottesverständnis aber müsse die Kirche überwinden, wenn sie Menschen unserer Zeit erreichen will, denen der Glaube an Gott abhanden gekommen ist oder die neu geglaubt haben.

Das hat z.B. der Hamburger Kirchen- und Theologiegeschichtler Matthias Kroeger (exemplarisch für Viele) gefordert (vgl. Im religiösen Umbruch der Welt. Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche, Hamburg 2004, 25). Das theistische Bild von Gott müsse von einer „non-theistischen (trans-theistisch) mystischen Spiritualität“ überwunden werden, welche „Gott“ mit Paul Tillich als die „unbedingte Qualität und Dimension aller Dinge“ versteht (a.a.O., 83). Ähnlich sagt es mein ehemaliger Berliner Kollege für Praktische Theologe Klaus-Peter Jörns in seinem ziemlich weit verbreiteten Buch „Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum“ (Gütersloh 22005, 235f.). Gott trägt nach seiner Meinung im Christentum nur eine „theistische Maske“, „auf personale Kategorien“ sei er letztlich nicht festzulegen.

Ich führe jetzt keine Auseinandersetzung mit dieser religiösen Theorie, welche auch Vorbilder in der negativen Theologie der christlichen Tradition hat, die alle menschlichen Aussagen von Gott nur als unvollkommene Annäherungen an den uns letztlich ganz unzugänglichen Gott versteht. Der Theologische Ausschuss der UEK hat sich im Jahre 2011 ausführlich mit dieser Theorie auseinandergesetzt (vgl. Mit Gott reden – von Gott reden. Das Personsein des dreieinigen Gottes,  Evangelische Impulse Band 3, Neukirchen 2011). Er hat gezeigt, dass die personalem Sprachbilder, die wir für Gott auf Grund des Gotteszeugnisses der Bibel verwenden, keinesfalls nur uneigentliche Annäherungen an eine anonyme Gottesmacht sind. Sie bringen für den Glauben Wesentliches von Gott zur Sprache.

In unserem Zusammenhang ist jedoch wichtig, dass die Empfehlung unpersonalen Redens von Gott als Einladung zum Glauben ziemlich genau den Geist bedient, der mit der sogenannten „Wiederkehr der Religion oder der Götter“ verbunden ist. Die Religiosität, die sich hier äußert, ist auf unmittelbare Berührung mit als „göttlich“ empfundenen Kräften aus. Sie sucht religiöse Praktiken, die durch psychische, ästhetische, aber auch natur- und körperbetonte Techniken Zugang zum irgendwie Göttlichen, zu höheren Mächten oder einer höheren Macht versprechen. Solche Praktiken wie religiöse Tänze, Steinheilungen und anderes „Esoterisches“ wandern (zumindest in den Städten) auch in die Kirchen ein.

Für die atheistisch grundierte Gottesvergessenheit, die – wie gezeigt – im Osten Deutschlands regelrecht ein hartwandiges gesellschaftliches Milieu geschaffen oder sich als individuelle Lebensweise verfestigt hat, aber gehört dergleichen zum irrationalen Unfug der Religion. Da dürfen wir uns keine Illusionen machen. Esoterische Praktiken werden in einer gottesvergessen-atheistischen Atmosphäre mindestens ebenso befremdlich wirken wie der kritisierte Theismus oder das Evangelium vom Mensch gewordenen Gott. Insofern ändert die Entpersonalisierung des Gottesverständnisses nichts an der Grundsituation, in der allererst begonnen werden muss, inmitten von Menschen, die schon vergessen haben, dass sie Gott haben, Gott in Erinnerung zu bringen. Diese Situation ist die Situation der Begegnung mit der Gottesrede, durch die Menschen mit einer Wirklichkeit vertraut gemacht werden müssen, die ihnen fremd ist. Es handelt sich also strukturell um eine Offenbarungssituation.

Doch ein entpersonalisiertes Gottesverständnis an sich selbst hat eigentlich gar nichts zu offenbaren. Es verweist auf keinen Gott, von dem man reden kann, sondern allenfalls auf ein dunkles Geheimnis, mit dem religiös herum zu experimentieren ist. Wer Gott ist, vermag man unter der Leitung eines solchen Gottesverständnisses nicht zu sagen; bzw. wenn es gesagt wird, dann geschieht das doch mit Anleihen bei geschichtlich konkreter Gotteserfahrung. Jörns z.B. behauptet, Gott sei letztlich die Liebe. Das entlehnt er dem Neuen Testament und der Bagavatgita. Doch was soll das für eine Liebe sein, die kein Subjekt hat, das liebt? Eine unendliche Liebesmaschine?

In der DDR-Zeit waren wir wahrscheinlich nicht ganz zu Unrecht der Meinung, dass uns der staatlich-gewaltsam beförderte Atheismus auf die eigentlichen essentials des Glaubens zurück wirft. Diesen Dienst leistet uns die in vieler Hinsicht zu beklagende Gottesvergessenheit auch noch heute, während uns die Anpassung an eine frei flottierende Religiosität in Sphären führt, in den denen der christliche Glaube an Gott kaum noch wieder zu erkennen ist. Wir sollten deshalb von der Möglichkeiten und Chancen Gebrauch machen, die im Herzen des christlichen Glaubens an Gott vorhanden sind, um mit Gott vertraut zu machen, statt durch das Zugrunderichten dieses Glaubens im religiösen Felde zu versuchen, Boden zu gewinnen.

            Wenn ich „wir“ sage, dann meine ich damit allerdings nicht nur die „Amtsträgerinnen und Amtsträger“ der verfassten Kirche. Nach aller Erfahrung kommt es zum Aufmerken auf den Gottesglauben und zum Erinnern an Gott inmitten der Gottesvergessenheit am ehesten durch die persönliche Begegnung von Menschen, die glauben, mit denen, die nicht glauben, in der alltäglichen Lebenswelt, in Beruf, Freizeit, Nachbarschaft, Freundschaft und Liebesbeziehungen. Denn Menschen, die Gott vergessen haben, kommen in aller Regel nicht zur Gemeinde und nehmen die Angebote des Gottesdienstes, der Gesprächskreise, Glaubenskurse usw. wahr. Die Glaubenden müssen zu ihnen kommen.

Das sogenannte „allgemeine Priestertum aller Glaubenden“, das heißt die Verantwortlichkeit aller Glieder der Gemeinde für das Reden von Gott ist darum innerhalb des Lebens der Gemeinde mit Nachdruck zu wecken. Die Beförderung eines Privat- und Kulturchristentums, das wiederum in den derzeitigen Reformvorhaben der evangelischen Landeskirchen unverkennbar vorhanden ist, erzeugt passive Nutznießerinnen und Nutznießer eines „religiösen Angebotes“, von dem je nach Lust und Laune Gebrauch gemacht werden kann, aber das keine Lust und Laune macht, selbst verantwortlich in der Begegnung mit Menschen, die Gott vergessen haben, einzutreten. Der Einbruch der Mitgliederzahlen in der DDR erklärt sich auch daraus, dass die Wenigsten zum Vertreten ihres Glaubens in der Lage waren.

            Wenn ich richtig sehe, machen zu einem bekennerhaften Vertreten des Glaubens der Gemeindeglieder in ihrer Lebenswelt am ehesten fundamentalistisch orientierte Gemeinden Mut. Aber das ist im Klima der Gottesvergessenheit – von aller theologischen Fragwürdigkeit abgesehen – eher kontraproduktiv. Hier muss man sich wirklich auf die Probleme einlassen, die Menschen im 21. Jahrhundert mit den Gotteszeugnissen der Bibel im Verhältnis zu ihren Erfahrungen mit der Weltwirklichkeit von heute haben. Die Möglichkeit dazu bietet das konkrete biblische Reden von Gott, in dem sich die Wirklichkeit Gottes, die Glauben heischt, mit der Erfahrung unserer Weltlichkeit und Menschlichkeit verschränkt.

 

2. Die Chancen konkreter Rede von Gott

 

Die Möglichkeiten konkreten Redens von Gott liegen für die Erfahrung des christlichen Glaubens darin, dass Gott sich in seiner Göttlichkeit durch eine menschliche, weltliche  Geschichte für uns präzisiert hat. Das geschah in der Geschichte Jesu Christi, die aus der Geschichte Israels nicht zu lösen ist. In ihr hat Gott Menschen ermächtigt, in bestimmter Weise von ihm zu reden. Durch sie können auch in einem Klima des Schweigens von Gott Atmosphären entstehen, in welchen das Vertrautwerden mit Gott und ein Verstehen seiner Göttlichkeit zu erwachen und zu wachsen vermag. Denn dass jene Geschichte eine so besondere Geschichte vor langer Zeit ist, stellt keinen Einwand gegen den Glauben an Gott dar, wenn wir uns heute in jener Verschränkung von Gott und Mensch selbst vorfinden.

Denn das Besondere der christlichen Gotteserfahrung ist, dass hier nicht von einem in seiner Unendlichkeit und Unermesslichkeit gefangenen Gott die Rede ist, zu dem wir uns mit großer religiöser Mühe aufschwingen müssen. Indem Gott uns in einer menschlichen Geschichte und verbunden mit einer menschlichen Geschichte nahe kommt, wird zugleich Grundmenschliches thematisch. Das bedeutet aber: Die Atmosphäre des Reden von Gott ist zugleich eine Atmosphäre der Kommunikation über Grundmenschliches: Über alles, was im Vollzug des Lebens für einen Menschen wichtig ist, über seine Möglichkeiten und Grenzen, über seine Erlebnisse, die zu Erfahrungen werden, seine Zweifel und Fragen.

Es ist deshalb ein Zerrbild, wenn dem Rückbezug des christlichen Redens von Gott auf Gottes geschichtliche Offenbarung vorgeworfen wird, das verführe die, die von Gott reden, dazu, Menschen die christliche Botschaft in ihrer jeweiligen Situation zuzuschleudern wie einen „Stein“ (So Paul Tillich, Systematische Theologie, Band 1, Stuttgart 21956, 13) oder – wie Dietrich Bonhoeffer Karl Barth unverständigerweise vorgeworfen hat – sie ihnen unter der Devise „Friß Vogel oder stirb“ vorzusetzen (vgl. Widerstand,415). In den atmosphärischen Räumen, in welchen das christliche Reden von Gott in personalen Begegnungen zugleich die Offenheit für alles Menschliche atmet, geschieht dergleichen nicht. Da gibt es vielmehr selbstverständlich Grade des Berührtseins, Etappen der Wahrnehmung „Stufen der Erkenntnis und Stufen der Bedeutsamkeit“ (a.a.O., 415). Insofern ist Gottes Offenbarung in der Konkretion einer menschlichen Geschichte, an die sich die christliche Rede von Gott anschließt, ein Segen für die kommunikative Gottesrede und kein peinlicher Umstand. Sie ermöglicht die Eindeutigkeit und die Kommunikationsfähigkeit unseres Redens von Gott. 

Wir können wir das Grundmuster solchen Redens im neutestamentlichen Zeugnis sehr gut an Joh 1, 14 erkennen: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Doxa, voller Gnade und Wahrheit“ (vgl. zum Folgenden: Wolf Krötke, Gottes Klarheiten. Eine Neuinterpretation der Lehre von Gottes „Eigenschaften“, Tübingen 2001, 104-120). Doxa, Kabod ist neben der Heiligkeit die dominierende biblische Aussage für die Göttlichkeit Gottes. Sie wird meistens mit „Herrlichkeit“, aber auch mit „Glanz“ übersetzt. Luther hat sie an einigen neutestamentlichen Stellen mit „Klarheit“ wiedergegeben, was leider in unserer revidierten Lutherbibel – bis auf eine Ausnahme, nämlich Lukas 2, 9 – getilgt worden ist. Das Bildwort, mit der Doxa auch ausgedrückt werden kann, ist Licht. Damit ist schon etwas Wesentliches vom biblischen Gott gesagt. Seine Wirklichkeit ist Ausstrahlen. Joh 1, 14 bedeutet in diesem Sinne: Durch Jesus Christus im Fleisch (d.h. im irdischen Leben) bekommt das Strahlen der Klarheit Gottes die konkrete Gestalt von Gnade und Wahrheit. Durch ihn erleben wir, wie Gott uns nahe kommt. Er gibt uns die menschlichen Worte, mit denen wir aussprechen können, worauf es ankommt, wenn Gott Menschen begegnet. Johannes fasst das mit den beiden Worten „Gnade und Wahrheit“ zusammen. Das ist es, was sich von seiner Sicht auf die Geschichte Jesu Christi her vor allem aufdrängt, wenn wir von Gott zu reden haben.

Ob „Gnade“ das Wort ist, welches wir heute angesichts der Situation des Vergessenseins Gottes vor allem hervor zu heben haben, wenn wir von Gott reden, wird zu prüfen sein. Denn dieses Wort ist von den „gnädigen Damen und Herren“ des feudalen Zeitalters stark belastet. Solche Prüfung ist legitim. Denn das Neue Testament legt uns nicht bloß auf diese Präzision dessen fest, wer und was Gott ist und wie er handelt. Aus anderen neutestamentlichen Perspektiven drängt sich anderes auf, z.B. die Gerechtigkeit Gottes bei Paulus oder die heute in Verkündigung und Theologie so beliebte Liebe der Johannesbriefe. Alle diese Gottesprädikationen zeichnen sich dadurch aus, dass sie unter dem Eindruck der Geschichte Jesu, der als Messias bekannt wird, artikuliert worden sind. Sie sind, wie Ingolf. U. Dalferth gesagt hat, „Kurzfassungen“ der Geschichte Jesu Christi (vgl., Religiöse Rede von Gott, BzEvTh 87, München 1981, 676). Leider hat Dalferth dann von dieser Einsicht aber keinen Gebrauch gemacht.

Daraus folgt einerseits, dass diese „Kurzfassungen“ sich in die Geschichten vom Leben und Sterben Jesu Christi auseinanderlegen lassen. Sie nötigen, davon zu erzählen, wie sich Gottes Gerechtigkeit oder seine Liebe konkret gezeigt hat und was das für Menschen bedeutete. Daraus folgt aber auch andererseits, dass sich von diesen Geschichten her Räume für neue Artikulationen der Wirklichkeit Gottes öffnen werden, in welche unsere Geschichte von heute einbezogen werden kann. Was von Gott zu sagen ist, steht also nicht zeitlos fest. Es verschiebt sich entsprechend den Zeiten und Situationen, in denen bestimmte Artikulationen der Doxa erhellender, das Leben klar machender erscheinen als andere. Der Versuch, hier vollständige Listen von Gottesprädikationen aufstellen zu wollen, wie es die Lehre von den „Eigenschaften“ Gottes versucht hat, greift darum daneben. Was von Gott gesagt werden muss, entscheidet sich daran, wie die erzählte Geschichte Jesu Christi in unsere Geschichte einfließt und wie unsere Geschichte mit der Geschichte Jesu Christi verschränkt wird.

Unsere Geschichte als Christinnen und Christen ist – wie wir es uns vor Augen geführt haben – heute angefochten vom Verstummen des Redens von Gott im gottesvergessenen Milieu und in diffus gelebter Gottesvergessenheit, die selbst das Fragen nach Gott abweist. Wir kehren darum unsererseits mit der Frage, wovon heute besonders geredet werden muss, damit hier wieder Räume der Gottesartikulation entstehen können, in die Texte der Bibel und in das Leben dieser Menschen ein. Wir fragen, wie das Ausstrahlen der Klarheit Gottes durch solche Artikulationen das Leben von Menschen klarer zu machen vermag, als es ohne die Beziehung von Menschen auf Gott ist. Wir überlegen, welches Reden von Gott für unsere Mitmenschen, die Gott nicht kennen, abschreckend oder missverständlich wirken muss und welches dagegen anziehend und interessant sein könnte. Wir gewichten also unser Reden von Gott mit einer gewissen Einseitigkeit, welche die Menschen vor Augen hat, die Gott nicht mehr oder noch nicht kennen.

Diese Einseitigkeit kann nicht absolut sein. In anderen Gegenden Europas und der Welt sind andere Einseitigkeiten von Nöten. Diese Einseitigkeit kann auch nicht abstrakt-zeitlos sein. Das Leben und die Geschichte von Menschen verändern sich ständig. Einseitigkeit meint auch nicht Eintönigkeit. Es geht vielmehr darum, zu befördern, was den Menschen – um es ganz simpel zu sagen – zuerst in den Sinn kommen sollte, wenn sie das Wort „Gott“ hören. Im gottesvergessenen Milieu und Leben ist das z.B.: Illusion, Unwissenschaftlichkeit, vergangene Zeit, Bedeutungslosigkeit für das Leben.

Demgegenüber möchten wir, dass dieses Wort an erster Stelle die Assoziation wach ruft: Hier geht es um das unverstellte Wahrnehmen unseres Lebens. Das war ja die beglückende Erfahrung von 1989. Da kamen Menschen in die Kirche, die eigentlich mit dem von der Staatsdoktrin eingetrichterten Ressentiment lebten, die Religion mache sich Illusionen über die Wirklichkeit. Nun kamen sie in Berührung mit Menschen, die glaubten, und die doch alles andere als Illusionisten waren. Hier wurde darauf bestanden, das Lügennetz, das der „real existierende Sozialismus“ über die Wirklichkeit gezogen hatte, nicht zu akzeptieren ist. Alle konnten verstehen: Wo es um Gott geht, geht es um Wahrheit, um das Offenbarwerden dessen, was wir sind. Wo Glaubende sind, tritt man in eine Atmosphäre der Wahrhaftigkeit ein. Hier wird auch die Vernunft nicht verachtet, sondern hoch geschätzt. Hier wird intensiv an der Gegenwart teilgenommen. Hier geht es um das, was in unserem Leben eigentlich Bedeutung hat.

Warum diese Wahrnehmung im gottesvergessenen Milieu der neuen Bundesländer keine nachhaltigen Spuren hinterlassen hat, erklärt sich wohl aus dem Tempo, mit denen sich 1989/90 die gesellschaftlichen Verhältnisse geändert haben, so dass die Freiheitserfahrungen mit den Gemeinden wieder vom alten Milieu erstickt und beiseite gedrängt wurden. Sie hafteten nicht. Aber sie waren doch ein Wink in die Richtung, in welcher der christliche Glaube an Gott Wegbereitung für den Glauben an Gott sein und werden kann.

 

3. Konzentriertes Reden von Gott

 

In einer Situation, die von dem Eindruck bestimmt ist, dass Gott eine gänzlich ferne, nebelhafte, letztlich illusorische Wirklichkeit sei, muss es darauf ankommen, Gott als sich uns zuwendende Wirklichkeit in Erinnerung zu bringen, zu der wir eine Beziehung haben können. Es bleibt zwar dabei, dass Gott in seinem göttlichen Sein für uns immer Geheimnis bleibt, das wir niemals aufzuschlüsseln vermögen, das sinnlich nicht objektiviert werden kann, das Geist ist.  Per analogiam gilt das aber im Grunde auch von jeder menschlichen Personen. Der gläserne, ausdefinierte, zu Verfügung stehende Mensch ist keine Person mehr. Menschsein heißt: Ein Recht auf das eigene, ganz persönliche Geheimnis zu haben.

Das gilt in noch viel intensiverem Sinne für Gott. Die christliche Theologie und Kirche haben Gott darum immer auch mit Kategorien beschrieben, die ihn in seiner unendlichen und unermesslichen Erhabenheit charakterisieren, vor der wir kleinen Erdenmenschen nur in Bedeutungslosigkeit versinken können. Der verborgene Gott wurde in der lutherischen Tradition sogar als ein schrecklicher Gott verstanden, der unverstehbar und willkürlich über uns waltet. Wir sollten uns um diesen Gott nicht kümmern, den man wahrlich nicht verkündigen kann, hat Martin Luther gemeint. Wir sollen uns vielmehr zu dem offenbaren Gott „flüchten“, der in seiner Zuwendung zu uns Gott ist, der uns in Jesus Christus sein Geheimnis als gutes, erfreuliches Geheimnis erschließt (Martin Luther, De servo arbitrio, in: Martin Luther Studienausgabe, Band 3, hg. von Hans Ulrich-Delius, Berlin 1983, 252-258). Genau das müssen wir auch in unserer Situation tun.

Es ist darum nahe liegend, dass wir die Liebe Gottes als zu bevorzugende Klarheit verstehen, von der wir zu reden haben, wenn wir von Gott reden. Liebe heißt, in der Beziehung auf einen Anderen und eine Andere zu sein. Liebe heißt, die oder den Anderen um seiner selbst willen zu bejahen und zu fördern. Im Falle Gottes heißt das, dass er selbst die, die ihn nicht lieben, als geliebte, bejahte und geschätzte Menschen ansieht; mehr noch, dass er sie zu Liebenden macht, die den Sinn ihres Lebens darin sehen, sich grundlos lieben zu lassen und selbst im Eintreten für ihre Nächsten in der Nähe und in der Ferne zu lieben.

Weil die Liebe Gott in seiner Zuwendung zu uns Menschen so tief greifend und umfassend charakterisiert, ist es heute in Theologie und Kirche üblich geworden, in ihr das eigentliche Wesen Gottes zu sehen, aus dem alles andere abzuleiten ist, was von ihm zu sagen ist. Das ist sogar ein großer ökumenischer Konsensus. Man kann allerdings fragen, ob er wirklich biblisch ist. Ich erörtere das jetzt nicht. Außerdem unterliegt diese Rückführung alles dessen, was von Gott zu sagen ist, auf die Liebe der Kritik, hier werde Gott zu einem harmlosen „Kuschelgott“ gemacht, dessen Majestät und Hoheit verharmlost würde.

Die Gefahr besteht zweifellos. Sie kann aber nicht so gebannt werden, dass stattdessen ein unberechenbarer, sogar Gewalt rechtfertigender Gott zum Kontrapunkt des liebenden Gottes gemacht wird, wie das Walter Dietrich und Christian Link in ihrem Buch über die „dunklen Seiten Gottes“ versucht haben (vgl. Walter Dietrich/Christian Link, Die dunklen Seiten Gottes, Band 1 und 2, Neukirchen 21997/2000). Wo Gott in solcher Weise in der Bibel bezeugt wird, ist dieses Zeugnis vielmehr vom biblischen Zentrum der Zuwendung Gottes zu uns Menschen her kritisch zu behandeln. Das Anliegen aber, beim Reden von Gottes Liebe nicht in die Banalisierung und Trivialisierung abzugleiten, kann wahrgenommen werden, wenn zugleich die Klarheiten, die auch Gottes Unterschiedensein von uns Menschen zum Ausdruck bringen, mit bevorzugt werden. Das ist z.B. einerseits Gottes Ewigkeit und andererseits Gottes Macht.

Ohne von Gottes Ewigkeit zu reden, kann schwer verstanden werden, warum Gott eine unserem Leben vorangehende und sie begrenzende Wirklichkeit ist. Ich kann jetzt nicht ausführen, was alles zum Verständnis der Ewigkeit gehört. Es meint im biblischen Sinne nicht unendliche Dauer und auch nicht Zeitlosigkeit. Gottes Ewigkeit ist vielmehr im Unterschied zur irdischen ablaufenden Zeit die Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und sofern die Erfüllung der Zeit.

Für alles atheistische Selbstverständnis aber ist das Dasein von Menschen letztlich sinnlos und nichtig. Es kann nur als solches ausgeschöpft und für kommende Generationen bewahrt werden. Dass es in einen großen Zusammenhang gehört, in der es selbst als sinnvoll erfahren wird, kann dagegen erlebbar werden, wenn es in der Beziehung zum ewigen, sich uns zuwendenden Gott erfahren wird. In Augenblicken erfüllten Lebens, in denen der Zeitablauf unwichtig wird, können Menschen solche Erfahrung schon in ihrem zeitlichen Leben machen. Die Hoffnung auf den uns verewigenden Gott hat darum nichts mit einer „Flucht ins Jenseits“ zu tun. Sie intensiviert unser Leben. Sie lässt die Kraft der Ewigkeit Gottes eine Quelle erfüllten Lebens auf allen Lebensetappen sein, selbst wenn wir durchs „finstere Tal“ gehen müssen.

Darüber hinaus wird auch das Reden Gottes Macht notwendig sein. Denn das Vergessen Gottes hängt sehr eng damit zusammen, dass Menschen Gottes Macht in ihren unmittelbaren Lebenszusammenhängen nicht wahrzunehmen vermögen. In dieser Hinsicht ist der Unterschied von Macht und Gewalt einzuüben. Gewalt überfährt Menschen mit Übermacht, entmündigt sie und vernichtet sie schlimmstenfalls. Gott aber übt seine Macht als Schöpfer und in Jesus Christus vorsichtig aus. Er tut das so, dass er die Geschöpfe ermächtigt, in Selbständigkeit und Freiheit für ihre Geschöpfwelt Verantwortung zu übernehmen. Er ist lieber ohnmächtig und schwach in der Welt als sich dem Gesetz von Gewalt und Gegengewalt zu unterwerfen. Sie Macht ist Versöhnungs- und Friedensmacht, die Menschen inspiriert, an ihrem Ort in der Gesellschaft selber Versöhnung und Frieden zu wagen.

Nehmen wir dazu, was wir schon über die Wahrheit als verlässlichen Grund eines Lebens ohne Lügen und Illusionen gesagt haben, dann ist die Konzentration des Redens von Gott auf seine Wahrheit, Liebe, Ewigkeit und Macht der richtige Weg, ein anderes Gottesverständnis zu befördern als es die haben, die Gott verneinen oder denen er gleichgültig ist. Dass damit nicht alles gesagt ist, was von Gott zu sagen ist, wird damit nicht bestritten. Aber alles, was wir von Gott und damit auch von uns sagen, sollte sich damit reimen, dass gottesvergessene Menschen es hier mit der Wahrheit, mit der Liebe, mit der Ewigkeit und mit der Macht Gottes zu tun bekommen. Vom Geist der Wahrheit, der Liebe, der Ewigkeit und der Ermächtigung zum Leben bestimmt zu werden, heißt glauben. Sich auf Wahrheit, Liebe, Macht und Ewigkeit in ihrem eigenen Leben zu verstehen, sollte das Kennzeichen von Menschen sein, die Andere zum Glauben an Gott einladen.

Diese Einladung zielt darauf, dass jeder Mensch sich seinem Dasein in seiner Größe und in seinen Grenzen zu stellen vermag. Gottes Wahrheit befähigt dazu, alles Wirkliche ohne die Verzerrung durch Illusionen, Ideologien oder einfach Lügen wahrnehmen. Gottes Liebe macht uns selbst zu Liebenden, die allem Hass, aller Selbstsucht, Trägheit und Hybris immer wieder voraus sein können. Gottes Macht, die er in und an seiner Schöpfung vorsichtig ausübt, so dass sie neben ihm bestehen kann, ermächtigt uns, mit seiner Schöpfung so umzugehen, dass sie ein guter Ort für alles Leben zu bleiben vermag. Und Gottes Ewigkeit schließlich schafft die Konzentration und Intensivierung des menschlichen Leben, in der es aufhört, ein verschwindendes Moment im Zeitablauf zu sein.

            Es wäre es für die Kirchen, für die Gemeinden und vor allem für alle ihre Glieder gut, wenn sie mit solcher konzentrierten Gottesrede auf allen ihren Ebenen entschlossen anzufangen würden, um selbst Schneisen für die Gotteserfahrung im gottesvergessenen Milieu und im gottesvergessenen Leben der Einzelnen frei zu legen. Die Sorge, eine derartig konzentrierte Einseitigkeit könne zu einer Verengung der vielen Möglichkeiten der Gottesrede führen, ist unbegründet. Es geht vielmehr um eine Pointierung, die Menschen, welche Gott vergessen haben, überhaupt erst in die Lage versetzt, die vielen Möglichkeiten des Redens von Gott und des Lebens mit Gott zu entdecken.


 
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