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27.02.2015 08:52 Alter: 2 Jahr(e)
Kategorie: Vorträge

Überall Bibel - aber wer kennt sie? Die Bibel als "Heilige Schrift" und "Kulturgut"

Sonntagsvorlesung in der Nordendgemeinde Berlin am 22.02.015


 1.    Die Gegenwart der Bibel in unserer Kultur

Fangen wir mit dem Allereinfachsten an. Die Bibel ist aufgrund ihrer Übersetzung durch Martin Luther in der deutschen Umgangssprache allenthalben gegenwärtig. Sie begegnet in den Sprichwörtern, Redewendungen und Redensarten, die Menschen ganz selbstverständlich gebrauchen, auch wenn sie dieses Buch noch nie in der Hand hatten. „Was ist denn das hier für ein Tohuwabohu?“, fragt die Mutter beim Anblick des Kinderzimmers mit 1.Mose 1,3. „Welch ein himmelschreiendes Unrecht“ (1.Mose 18,3) rufen wir aus, wenn Menschen nicht das bekommen, was ihnen zusteht. „Du bist doch mit Blindheit geschlagen“ (1. Mose 19,11), werfen wir jemand vor, der offenkundige Tatsachen nicht zur Kenntnis nimmt. „Mit euch können wir Ehre einlegen“ (2. Mose 14,4), freut sich eine Lehrerin über ihre Klasse. „Ich will hier nicht den Sündenbock sein“ (3. Mose 21f.), beschwert sich jemand, auf den man alle Schuld für einen Verkehrsunfall abwälzen will, usw. usw. Ich könnte stundenlang fortfahren, die biblische Sprache in unserer Sprache aufzuweisen. In Georg Büchmanns berühmten „Geflügelten Worten“ sind auf 70 Seiten Zitate und Worte aus der Bibel zusammen gestellt, die bis heute in unserer Alltagssprache verwendet werden. „Überall Bibel“ können wir in dieser Hinsicht also ganz bestimmt sagen.

Die andere Seite der Sache aber ist: Es „klingelt“ meistens bei den Menschen, denen die Bibel auf diese Weise gegenwärtig ist, nichts, was mit dem Wesen dieses Buches zu tun hat. Sie kennen die Geschichte und die Geschichten nicht, die hinter diesen Redewendungen stecken. All die biblischen Worte und Bilder sind eingeebnet ins alltägliche Sprachgebaren. „Überall Bibel“ bedeutet darum sicherlich nicht: „Überall Jesus Christus“, „überall der Gott Israels“, „überall das Evangelium, die gute Botschaft“. Und doch ist das Mitklingen biblischer Motive, Weisheiten und Geschichten in unserer Sprache nicht einfach bedeutungslos. Denn unsere Sprache ist das „Haus unseres Seins“.

Wie wir sprechen und was wir sprechen, drückt immer auch aus, wie wir uns selbst verstehen, was wir für richtig und gut halten und was nicht, wie wir die Welt beurteilen, in der wir leben, was wir glauben und was wir hoffen. Wo die Bibel in der Sprache gegenwärtig ist, da klingen selbst in noch so abgeschatteter Weise Wahrheiten und Erfahrungen an, die ihre Wurzeln im biblischen Gotteszeugnis haben. Es sind Wahrheiten und Erfahrungen, die unser Dransein auf dieser Erde und unter den Menschen zum Ausdruck bringen.

Doch es gibt es daneben auch viele ausdrückliche Bezüge in unserer Gesellschaft auf die Bibel. Und da haben wir natürlich in erster Linie an die Kunst zu denken. Kein Buch der Welt hat so viel Musik, soviel Malerei, Bildhauerei, Architektur und Literatur inspiriert wie die Bibel. Nicht wenige Menschen, die ansonsten die Bibel gar nicht gebrauchen, kennen und schätzen sie in ihrer künstlerisch gestalteten Form. In dieser Passionszeit werden die Vertonungen der Leidensgeschichte Jesu wieder unzählige Menschen landauf landab in ihren Bann schlagen. Der Aneignung der Bibel in der bildenden Kunst verdanken wir unvergleichliche Meisterwerke. Wer die zauberhaften Madonnen von Bottichelli sehen will, muss sich auf lange Wartestunden bei der Ausstellung, die im September dieses Jahres in Berlin eröffnet wird, gefasst machen.

Biblische Gestalten, Geschichten und Weisheiten zogen und ziehen sich wie ein breiter Strom durch die Literatur bis heute. Die Theologische Fakultät in Berlin hat Bibelkunde für Germanisten angeboten, damit die Studierenden überhaupt verstehen können, was sie lesen. Selbst das Kunstgewerbe, welches biblische Motive für den Massengeschmack und den Hausgebrauch zur Weihnachtszeit aufbereitet, zehrt von den die Künste inspirierenden Impulsen, die von der Bibel ausgehen.

Doch es ist nicht nur die christliche Kunst der Vergangenheit, welche im Wesentlichen Bibelkunst ist, welche die Menschen anzieht. Im Kino unserer Tage ist die Bibel eine geradezu unerschöpfliche Quelle von Themen und Problemvertiefungen von Lebenserfahrungen, so dass es unterdessen einen ganzen Zweig der Praktischen Theologie gibt, die sich mit der Aufschlüsselung der Bibelhaltigkeit im Film der Gegenwart beschäftigt.

Und dann erst das Internet! Das ist neben unabsehbar Gutem, was da an Bibelgebrauch transportiert wird, auch ein richtiger Bibelmülleimer, aus dem Menschen sich das Seltsamste für ihre Lebensorientierung fischen können. Und natürlich kann bei einer solchen Aufzählung der Gegenwart dieses Buches auch die Werbung nicht fehlen. Sie macht sich die Menschen anrührende Sprachkraft der biblischen Texte zu nutze, wobei die Bibeltexte freilich in der Mehrzahl verballhornt werden. „Führe Dich in Versuchung“ wird für eine Milchsorte geworden oder „Liebe deine Haut wie dich selbst“ für irgendeine Hautcreme. Mit „Halleluja-Preisen“ und mit „sündhaften“ Enthemmungen der Käuferinnen und Käufer wird versucht, die Produkte der Wirtschaft unters Volk zu bringen.

Trotzdem: Über Bibel-Abwesenheit in unserer Gesellschaft können wir Christinnen und Christen uns deshalb im Grunde eigentlich nicht beklagen. Auch wenn die Bibel in allerlei Verfremdungen im Leben unserer Gesellschaft auftaucht, ist nicht einfach ein Zufall, dass die Medien, der ernsthaftere Kunstbetrieb, aber auch die anthroplogischen Wissenschaften und sogar die Politik mit ihrem Reden von „christlichen Werten“ immer wieder biblische Themen aufgreifen. Sie können hier aus einem Potenzial wahrhafter Erfahrung menschlichen Lebens von altersher schöpfen. Die Bibel bietet sich allem Anschein nach geradezu an, wenn es gilt, Grundmenschliches auf den Punkt zu bringen. Darum und aus den anderen genannten Gründen ist sie mit ihren Auswirkungen zweifellos ein Faktor unserer Kultur. Was sie dort bewirken kann, obwohl sie als dieser Faktor in der Regel nicht für den Glauben an Gott in Anspruch genommen wird, machen wir uns am besten mit einer kurzen Besinnung auf das Wesen menschlicher Kultur klar, dem wir dann die kulturelle Bedeutung der Bibel für unsere Gesellschaft zuordnen.

 

2. Kultur als die zweite Natur von Menschen

„Kultur“ ist für uns Menschen nötig, weil wir nicht instinkthaft wie die Tiere in die Natur eingepasst sind. Was für die Tiere der Instinkt ist, ist für uns Menschen das Bewusstsein. Wir brauchen ein System von Orientierungen, das uns hilft, uns in der Natur zurecht zu finden. Wir müssen unsere Beziehungen zu den anderen Menschen regeln, denen keine Gene vorschreiben, wie wir uns konkret zueinander verhalten sollen. Selbst wenn unsere biologische Natur uns bestimmte Verhaltensmuster mit auf den Weg eines menschlichen Miteinanders gegeben haben sollte – die anthropologischen Wissenschaften streiten darüber, ob und inwieweit das der Fall ist – bleibt es unsere Entscheidung, welche Regeln und Normen im Zusammenleben von uns Menschen gelten sollen. Die vielen Kulturen auf unserer Erde zeigen, wie verschieden diese Normen und Regeln entsprechend den Erfahrungen und Lebensumständen sein können.

 

Die mit Bewusstsein begabte, aber instinktarme Menschheit musste sich, um überlebensfähig und entwicklungsfähig zu sein, also eine zweite Natur schaffen, die es ihr einerseits ermöglichte, sich von der Umklammerung durch die Natur in gewissem Maße frei zu machen. Andererseits stand sie vor der Aufgabe, selbst Regeln zu entwickeln, nach denen Menschen miteinander auskommen können. Hätte die Menschheit sich eine solche „zweite Natur“ nicht geschaffen, wäre sie sicherlich auf dieser Erde gar nicht entwicklungsfähig gewesen. Das Erschaffen einer „Kultur“ ist demnach eine conditio humana, eine Voraussetzung oder Bedingung von lebensfähigem menschlichen Leben.

 

Versteht man die Bibel als einen „Kulturfaktor“, dann zählt man sie also zu den Bausteinen oder Elementen, die mit dem Alten und Neuen Testament seit über 3000 Jahren ihren Teil dazu beigetragen haben und beitragen, dass wir uns heute auf einem bestimmten Niveau unserer Entwicklung befinden. Dieser Beitrag erstreckt sich auf vier Bereiche, die nach Einsicht der Kulturwissenschaften das Wesen von menschlicher Kultur ausmachen.

Zu menschlicher Kultur gehört erstens das Wissen, das wir uns durch die Erforschung der Natur und durch geschichtliche Erfahrungen des Umgangs von Menschen, Gesellschaften und Völkern untereinander erwerben. Dieses Wissen lehrt uns, auf die Gesetzmäßigkeiten zu achten, die in der Natur, auch in der biologischen Natur, von uns Menschen herrschen. Es ist einerseits die Voraussetzung der Weltgestaltung durch die Menschheit und andererseits eine Funktion ihres Überlebenswillens angesichts der Gefährdungen unserer biologischen Natur durch Krankheiten, Naturgewalten, bösartige Geschöpfe usw.

Zur Kultur gehört zweitens ein Ethos, d.h. ein Normensystem menschlichen Verhaltens, das teils aufgrund von Erfahrungen des Verhaltens von Menschen miteinander, teils aufgrund emotionaler Einstellungen, teils aufgrund vernünftiger Reflexion zu jeder Gesellschaft und zu jeder individuellen Lebensführung gehört. Solches Ethos liegt sozialen Gruppierungen und Gesellschaften in den unterschiedlichsten Ausprägungen zugrunde. Institutionen in der Gesellschaft, allem voran der Staat, sorgen dafür, dass es im gesellschaftlichen und individuellen Leben geachtet wird.

Drittens ist Kultur immer mit Darstellungen verbunden, welche die spezifisch menschliche Wirklichkeitserfahrung auf der ästhetischen Ebene der Sinneswahrnehmung und der Empfindung zum Ausdruck bringen. Die Kunst ist nicht nur ein Schnörkel der Kulturentwicklung von Menschen, sondern eine ihrer fundamentalsten Lebensäußerungen. Sowohl die bildende Kunst, wie die Musik und die Kunst des Wortes verdichten menschliche Erfahrungen und Wahrnehmungen der Wirklichkeit zu einer besonderen Form, in der unsere irdische Wirklichkeit neu und sogar gesteigert unvergleichbar intensiver erlebt wird, als das Objektivierbare, Ausrechenbare und Abzählbare.

Viertens schließlich hat die Kultur eine Transzendenzdimension, deren Wahrnahme und Pflege wir Religion nennen. Religion vergewissert Menschen im Überschreiten alles Vorhandenen und Gegebenen eines Sinnzusammenhanges. Sie gibt Antwort auf die Fragen, die Menschen nach ihrem Woher und Wohin stellen. Sie schafft im Unverfügbaren und Geheimnisvollen, von dem wir umgeben sind, Halt. Dabei ist es aus Sicht der Kulturtheorien und der Soziologie unwesentlich, ob in der konkreten Religion der Glaube an Gott oder Götter eine Rolle spielt. Auch Weltanschauungen ohne Gott oder die Erhebungen von Irdischem zu lebensbestimmenden Größen nehmen die kulturelle Funktion von Religion wahr.

 

 

  3. Der kulturelle Wert der Bibel

Beziehen wir diese vier Dimensionen menschlicher Kultur auf die Bibel als Kulturfaktor in unserer Gesellschaft, dann leistet hat sie in all diesen Dimensionen immer schon Wesentliches geleistet und leistet es bis heute.

Das gilt erstens in Bezug auf das Wissen. Dieser Gesichtspunkt ist im Grunde simpel. Wir wüssten so gut wie nichts über die Geschichte des Volkes Israel und über die Geschichte der Entstehung des Christentums, wenn es die Bibel nicht gäbe. Mehr noch, wir, die wir heute leben, ständen ohne die biblischen geschichtlichen Zeugnisse irgendwo beziehungslos und verständnislos im Raum der Geschichte, wenn uns die Ursprünge dieser Geschichte verschlossen wären. Bei aller Einkleidung der historischen Nachrichten in Glaubenszeugnisse bleibt die Bibel ein Dokument historischen Wissens allererster Güte, das der historischen Forschung mit ihrer Frage, wie es wirklich gewesen ist, überreiches Material gibt.

Wir müssen sogar noch weiter gehen. Mit der Bibel ist überhaupt erst so etwas wie eine echte Geschichtsschreibung in die Kultur der Menschheit gekommen. Unter "echter Geschichtsschreibung" ist die Schilderung rein irdischer Abläufe zu verstehen, wie wir sie z.B. in den Josephsgeschichten, in den Thronnachfolgeschichten und natürlich in den Geschichtsbüchern des Alten Testaments finden. Die Bedingung dafür waren zwei gar nicht zu unterschätzende Erfahrungen von weltgeschichtlicher Bedeutung. Der Glaube Israels an den  einen außerweltlichen Gott hat die Welt entgöttert. Die Geschichte ist nicht mehr Schauplatz von Göttergeschichten und vom Wirken magischer Kräfte. Sie kann im Gegenüber zu Gott ganz irdische, selbstständige, von Menschen selbst verantwortete Geschichte sein. Sie ermutigt Menschen zu eigenem Gestalten. Damit hängt andererseits zusammen, dass Geschichte im Horizont einer offenen Zukunft erfahren und geschrieben wird. Sie ist nicht ein Kreislauf der ewigen Wiederkehr des Gleichen wie in der griechischen Antike. Sie ist voller Spannungen, voller Widersprüche und Überraschungen und sie verleiht die Spannkraft der Orientierung von Menschen auf die Zukunft.

Die kulturelle Bedeutung dieses Geschichtsverständnisses kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Denn es drängte über den engen Umkreis Israels hinaus. Durch die Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische und durch das griechische Neue Testament wurde das Tor zur Vereinigung des jüdischen Wirklichkeitsverständnisses mit der von der Vernunft geleiteten Geistigkeit der griechischen Antike geöffnet. Aus dieser Vereinigung ist das sogenannte "christliche Abendland" hervor gegangen. Die Bibel ist ein Fundament dieser Welt, wobei ihre Übersetzungen ins Lateinische und dann in die Sprachen der Völker der Welt wesentlich dazu beigetragen haben, dass sie ein kulturelles Band dieser Welt, aber auch eine kulturelle Identität stiftende kraft der einzelnen Völker und Nationen wurde.

Zur Zukunftsorientierung, die das biblische Geschichtsverständnis der abendländischen Welt vermittelte, kommt aber noch ein Weiteres. Das ist das Anliegen vernunft- und verstandesgeleiteter Erkenntnis der Natur. Es wurde durch das biblische Verständnis der Welt als Schöpfung angetrieben. Wenn sich heute an dieses Schöpfungsverständnis das Vorurteil seiner prinzipiellen Erkenntnisfeindlichkeit der Natur gegenüber gehängt hat, so verdankt sich das dem Eindruck von den Auseinandersetzungen der Kirche mit den wissenschaftlichen Entdeckungen im ausgehenden Mittelalter und in der Aufklärungszeit, aber auch dem in der Kirche immer wieder auflebenden Fundamentalismus, der die biblischen Schöpfungsvorstellungen als regelrechte Offenbarungen Gottes versteht.

Demgegenüber ist geltend zu machen, dass die neuzeitliche Wissenschaft nicht zufällig in der vom Schöpfungsglauben der Bibel geprägten Welt groß geworden ist. Die Entmythologisierung der Natur, die dieser Glaube zur Folge hatte, gab die Natur grundsätzlich für die menschlichen Erkenntnisfähigkeiten frei. Natürlich konnte, wie beim Schöpfungsbericht von 1. Mose 1, in der Bibel nur von den Möglichkeiten der Erkenntnis in einem vorwissenschaftlichen Zeitalter Gebrauch gemacht werden. Das Überliefern mehrer Schöpfungsvorstellungen zeigt jedoch, dass diese Vorstellungen keine zeitlosen Kanalisierungen von Naturerkenntnis sein wollen und können, sondern offen bleiben für neue Erkenntnis. Die alte Kirche und die Kirche des Mittelalters haben darum ganz zu Recht von der Griechen das damals mehr einleuchtende ptolomäische Weltbild, nach dem die Erde eine Kugel im Zentrum eines Universums von Himmelssphären ist, übernommen und vertreten, bis es unausweichlich wurde, sich auch von diesem Weltbild zu lösen.

Doch nicht die Vorstellungen von der Welt- und Menschenentstehung als solche sind das Entscheidende. Das ist vielmehr die mit diesen Vorstellungen transportierte Überzeugung, dass die Erde trotz ihrer Menschen gefährdenden Grenzen in Raum und Zeit ein guter und bejahbarer Ort ist. Kulturell befördert der Schöpfungsglaube der Bibel aus diesem Grunde ein positives, optimistisches Weltverständnis, wie denn das Schöpfungslob die verbreitetste biblische Rede von der Schöpfung ist. Dieses positive Weltverständnis ist auch heute eminent wichtig für das kulturelle Bewusstsein, da es nicht wenige antireligiöse Ausdeutungen unseres Wissensstandes gibt, die nihilistischen Grundeinstellungen, d.h. der Überzeugung von der Sinnlosigkeit unseres Lebens zuneigen.

Zum kulturell bedeutungsvollen Wissen der Bibel gehört schließlich und nicht zuletzt das Wissen von uns Menschen selbst als Gottes Geschöpfen. Wir sagen vielleicht besser: Zu diesem Wissen gehört das Sichverstehen auf uns Menschen zwischen den Polen als beinahe an Gott heran reichender Wesen und Wesen aus Staub mit all ihrer Gebrechlichkeit, Begrenztheit und Sterblichkeit. Die vielen entweder mythisch eingekleideten oder realistischen Schilderungen und Erzählungen vom hoch hinaus strebenden und jämmerlich versagenden Menschen, vom Gerechten und vom Schuldigen, vom Feiernden und vom Arbeitenden, vom Liebenden und vom Hassenden, vom Wahrhaftigen und vom Lügner, vom Weisen und vom Dummen usw. usw. sind ein Spiegel unseres Menschseins bis in unsere Zeit. In dieser Hinsicht verstricken uns Adam und Eva und in ihren Fußspuren durch die Zeiten wandelnde biblische Gestalten nicht in abseitige Debatten über das Werden des Universums, sondern üben in das Verstehen dessen ein, was Menschsein heißt. Diese Einübung lenkt uns aber schon hinüber in die zweite, die ethische Dimension der Kultur.

Zweitens: Das Ethos. Wenn man einen dem Christentum zwar fern stehenden, aber ansonsten auch nicht übel wollenden Zeitgenossen fragt, was er denn am Christentum und an der Bibel wichtig findet, bekommt man mit ziemlicher Sicherheit zu hören: Die 10 Gebote. Ob er damit wirklich alle zehn Gebote meint, lassen wir einmal dahin gestellt sein. Dass wir es hier mit einem „Kulturgut“ zu tun haben, welches man aktuell gebrauchen sollte und das nicht ins Museum gehört, ist aber sicherlich gemeint. Eltern schicken ihre Kinder in den Konfirmandenunterricht, weil sie meinen, die 10 Gebote kennen zu lernen, sei für ihr Kinder in unserer Gesellschaft nützlich.

Irgendwie auf dieser Linie liegt auch die Hochschätzung, deren sich Jesus nicht nur bei den sogenannten "Kulturchristen", sondern sogar bei Atheisten erfreut. Adolf von Harnack hat ganz am Anfang seiner berühmten Vorlesungen über das "Wesen des Christentums"an der Berliner Universität im Jahre 1900 gesagt, "die Menschheit" müsse immer wieder daran erinnert werden, "dass einst ein Mann namens Jesus Christus in ihrer Mitte gestanden hat". Neben den im engeren Sinne religiösen Impulsen, die nach Harnack von Jesus ausgegangen sind, war es vor allem das Ethos Jesu, von dem gesagt wurde, es habe die Menschheit auf eine neue Stufe gehoben. Die bedingungslose Liebe des Nächsten, welche aus der Gottesliebe entspringt, und die nach Jesus, aber auch nach Paulus die Summe des Gesetzes Gottes für die Menschheit ist, wurde hier als "Kulturgut" verstanden, das nicht verloren gehen darf. Es weise der Menschheit den Weg in eine menschenwürdige, von  Gerechtigkeit und Frieden bestimmte Zukunft.

In der Tat sind die im Liebesgebot summierten zehn Gebote ein Wall gegen die Ausbrüche von Unzivilisiertheit und Kulturdestruktion sondersgleichen. Sie halten nicht nur ein speziell christliches, sondern - schon der Kodex Hammurabi ist des Zeuge - ein Menschen vermenschlichendes Menschheitsethos durch die Zeiten hindurch lebendig. Sie haben sich in das ethisch-kulturelle Gedächtnis unserer Gesellschaft eingeschrieben. Sie bewirken, dass nicht mehr als menschenwürdig, gerecht und wahrhaftig gelten darf, was sich nicht mit der Hochschätzung der anderen Menschen reimt, auf die das Gebot der Nächtenliebe zielt.

Das von Hans Küng in Tübingen initiierte Projekt "Weltethos", das sich auf die "goldene Regel" der Bergpredigt stützt, welche wir in verschiedenen Fassungen in den großen Weltreligionen finden, versucht deshalb, die universalisierende Tendenz des Friedensethos Jesu im Dialog der Religionen und mit gemeinsamen Aktionen von Menschen mit unterschiedlichen Weltanschauungen fruchtbar zu machen. Die Bergpredigt ist mit ihrer radikalen Ethik des Friedens und des Gewaltverzichts, mit den Seligpreisungen derer, die Leid tragen und Unrecht und Verfolgung leiden und nicht zuletzt mit ihrer Reich-Gottes-Botschaft auch sonst schon immer eine inspirierende Kraft für den Aufstand gegen Unrecht und Gewalt gewesen. Gegenüber Bismarks Satz, dass man mit ihr nicht die Welt regieren kann, hat sich bis in unsere Tage hinein immer wieder die Einsicht Geltung verschafft, dass Regierung der Welt ohne den Hintergrund und Horizont der Bergpredigt zynisch und menschenverachtend wird. Unsere ethische und politische Kultur kann sich glücklich schätzen, dass in ihr durch Menschen innerhalb und außerhalb der Kirchen, bewusst und unbewusst, das "Kulturgut" der Bergpredigt wirksam ist.

Drittens ist – wie wir uns ja schon klar gemacht haben – die Kunst, die von der Bibel inspiriert ist, ein Kulturfaktor allererster Güte. Dass die Bibel mit ihren Bildern von Gott und den Menschen, mit ihren kunstvoll gestalteten Erzählungen, mit ihren Psalmen und Gleichnissen, mit ihren Visionen und Zukunftsbildern ein ästhetisches Potenzial von außergewöhnlichen Ausmaßen birgt, bedarf keines langen Beweises. Vielleicht kann man sogar sagen, schöpferische Kunst in unserem Kulturraum ist ohne jegliche Kenntnis, Auseinandersetzung und Inspiration von der Tradition der ins Ästhetische übersetzten Bibel und damit von der Bibel selbst im Grunde überhaupt nicht möglich. Wo diese und Menschen in ihren Höhen und Tiefen darstellende Tradition abbricht, das kommt so etwas heraus wie z.B. der „sozialistische Realismus“, dessen Erzeugnisse heute irgendwo in Lagerkellern schmoren oder als Belege für die Absonderlichkeiten des DDR-Systems ausgestellt werden.

Die ästhetischen Impulse, die von der Bibel ausgehen, gehören dagegen zur bleibenden Vertiefung des Humanum in einem Horizont der Zukunft und des Geheimnisses unseres Daseins. Darum gibt es eine innere Beziehung zwischen der christlichen Religion und der Kunst, die ohne eine Transzendenzdimension nicht sein kann. Das erklärt, warum es zu DDR-Zeiten eine Affinität wirklicher Kunst mit der Botschaft der Kirche gegeben hat. Das macht verständlich, warum es diese Affinität auch heute gibt. Denn heute gilt es, der Oberflächlichkeit der Erlebnisgesellschaft mit Darstellungen, Inszenierungen und Ausdrücken unseres Lebens zu begegnen, die uns näher an uns selbst heran bringen, als es all die „events“ vermögen, mit denen sich die Kulturindustrie darum bemüht, Menschen auf Trab zu halten.

 

4. Kulturgut und Heilige Schrift

Das vierte Charakteristikum der Kultur, nämlich die Religion als sinnstiftende Dimension der Kultur, nehme ich abschließend in einer eigenen Überlegung in den Blick. Denn hier wird es ein bisschen kompliziert. Von den drei ersten Dimensionen kann gelten, dass die Bibel mit ihrem optimistischen Wirklichkeitsverständnis, mit ihren Inspirationen der Kunst und mit der Ethik der Nächstenliebe verhältnismäßig unabhängig davon kulturprägend ist, ob Menschen mit der Bibel auch tatsächlich leben. Davon, dass sie für die Christenheit "Heilige Schrift" ist, die Menschen Gott nahe bringt und Glauben an ihn stiftet, ist ihre kulturelle Wirkung in diesen Hinsichten offenkundig nicht direkt abhängig. Wenn es aber um die Religion geht, ist es unvermeidlich, dass der eigentliche Kern der Bibel - der Glaube an Gott! - thematisch wird. In dieser Hinsicht aber ist in den letzten 200 Jahren die kulturprägende Kraft der Bibel in unseren Breiten brüchig geworden. Zur sogenannten "abendländischen Kultur" gehört heute keineswegs selbstverständlich, dass die Menschen an Gott glauben oder im Geiste der Bibel religiös sind. 

Wir leben in einer Gesellschaft des weltanschaulichen und religiösen Pluralismus. Für eine solche Gesellschaft gilt als charakteristisch, dass Religion individualisiert und privatisiert wird. D.h. Menschen, die sich als religiös verstehen, orientieren sich nicht an vorgegebenen Maßstäben für den Gottesglauben, wie es der Kanon der biblischen Schriften ist (Kanon heißt auf deutsch: Maßstab). Sie picken sich vielmehr aus dem Überlieferungsbestand nicht nur der biblischen Tradition dasjenige heraus, was ihnen für die eigene Lebensführung als brauchbar und nützlich erscheint. Da werden andere Religionen wie etwa der Buddhismus ebenso heran gezogen wie esoterische Praktiken, stressmindernde Meditationsrituale und allerlei Mystisches. Die sogenannte „Wiederkehr der Religion“, die vor allem in Westeuropa beobachtet wird, hat dieses Gepräge, das sich auch unter den Mitgliedern der institutionalisierten Kirchen ausbreitet. Der Soziologe Ulrich hat diese Religiosität oder Spiritualität in seinem Buch "Der eigene Gott" von 2008 "Bastelreligiosität" genannt. Da in dieser Religiosität viele Arten des Glaubens an Gott oder Göttliches vorkommen, hat er sie regelrecht dem Polytheismus, dem Glauben an viele Götter, zugeordnet. Vom Polytheismus grenzt sich aber das Zeugnis der Bibel auf der ganzen Linie ab. Das erste Gebot der Bibel, keine anderen Götter neben dem einen Gott zu haben, besitzt in dieser Religiosität also keine grundlegende Prägekraft mehr. Die Bibel kommt hier allenfalls als religiöse Spielwiese in Betracht.

Aber das ist nicht einzige Abwertung, welche der Bibel in ihrer Grundsubstanz in unserer pluralistischen Gesellschaft widerfährt. Nicht weniger gravierend – besonders in unseren östlichen Landen – ist die völlige Abstinenz von Bibelgebrauch und von Bibelkenntnis. Dass es sich hier um ein Buch handelt, das man nicht kennen muss – selbst wenn es bei Aldi billig zu haben ist – stellt ein Vorurteil dar, das mit dem Milieu der Gottesvergessenheit (wie ich das nenne) fest verbunden ist. Wenn es ganz schlimm wird, dann verbreitet ein kämpferischer Atheismus, wie er vor ein paar Jahren aus Amerika nach Europa übergeschwappt ist, die Ansicht, dass die Bibel nicht nur überflüssig, sondern schädlich für die menschliche Kulturentwicklung und für eine humane Kultur heute sei. Sie lasten der Bibel an, dass sie mit ihren wissenschaftlich unhaltbaren Vorstellungen vom Entstehen der Welt und des Menschen und mit abenteuerlichen Geschichtserklärungen Unwissenheit und Dummheit unter den Menschen von heute züchte. Sie machen ihr vor allem zum Vorwurf, dass sie mit ihrem Glauben an den einen Gott Intoleranz und blutrünstigen Hass auf Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen motiviere.

Lassen wir einmal die wüsten Beschimpfungen der Bibel beiseite, mit denen sich z.B Richard Dawkins in seinem Buch „Der Gotteswahn“ oder Michael Schmidt-Salomon in seinem Buch „Jenseits von gut böse“ hervorgetan haben, dann weist diese maßlose Polemik doch wenigstens auf zwei Probleme hin, die ernst genommen werden müssen.

Es gibt erstens in der Tat eine Gewaltlinie in der Bibel, die mit der Vorstellung vom "Heiligen Krieg" Israels gegen die heidnische Umwelt mit ihrem "Götzendienst" verbunden ist. Diese Gewaltlinie hat in der Kirchengeschichte auch eine beschämend schlimme Rolle gespielt, als die christliche Kirche nicht durchgreifend geltend machte, dass diese Linie schon in der alttestamentlichen Prophetie durchbrochen ist und ihr erst recht durch Jesus Christus das Wasser abgegraben wurde. Orientierung an der Bibel heißt darum: Jene Gewalt- und Hassgeschichten zum Anlass nehmen, ihnen im Namen Jesu Christi definitiv den Abschied zu geben und nicht, sie zu aktualisieren.

Das andere Problem, das die sogenannten „Neuen Atheisten“ aufspießen, ist, dass sich das biblische Zeugnis von den Gotteserfahrungen Israels und der Christenheit in der Vorstellungswelt einer vergangenen Zeit bewegt. Es ist aber ein Missverständnis des biblischen Glaubens an Gott, wenn behauptet wird, er wolle uns an diese Vorstellungswelt mit ihren begrenzten Einsichten ketten. Glaube an Gott im Sinn der Bibel ist Glaube an den Gott der Zukunft, in dessen Licht und Kraft sich neue Erkenntnis unserer irdischen Wirklichkeit einstellen kann und soll. Das stellt Menschen, die sich heute der Bibel zuwenden, vor die nicht ganz einfache Herausforderung, zwischen Zeitbedingtem und immer Gültigen im biblischen Zeugnis zu unterscheiden.

Für sich alleine, in individualisiertem religiösen Drange werden das Menschen, die zum ersten Mal eine Bibel in die Hand nehmen, aber schwerlich schaffen. Dieses Buch ist in hunderten von Jahren entstanden und enthält Schriften von unterschiedlichsten Autoren, um deren Zeit- und Lebensumstände man wissen muss, um sie zu verstehen. Ich kenne sogenannte "konfessionslose" Mneschen guten Willens, welche angefangen haben, dieses Buch wie einen Roman zu lesen, bei dem man auf der ersten Seite anfängt. Nachdem sie sich schon reichlich gewundert haben, was ihnen da von der Erschaffung der Welt und des Menschen erzählt wird, haben sie spätestens beim Geschlechtsregister von 1.Mose 5 aufgegeben.

 

Zum eigentlichen Kern der Bibel, zum Zeugnis von dem uns Menschen nahe kommenden Gott vorzudringen, ist darum für Menschen, die des Bibelgebrauchs entwöhnt sind, ohne die Hilfe von Kirche und Gemeinde, von Religionsunterricht und Bildung durch die Öffentlichkeitsarbeit der Kirchen im Grunde gar nicht möglich. Das aber bedeutet, dass der von Bibel erweckte Glaube an Gott letztlich nur durch die Kirchen mit ihrer Verbreitung über die ganze Gesellschaft ein nachhaltiger Faktor kultureller Prägung unserer Gesellschaft ist und sein kann.

Aber in dieser Hinsicht taucht nun noch einmal ein Problem auf. Religion von welcher Art auch immer, so sagten wir, ist eine notwendige Dimension der Kultur einer Gesellschaft, die sinnstiftende Kräfte braucht, welche der Gesellschaft Orientierung geben. Das schiebt die christlichen Kirchen als der dominierenden Verwalterinnen von Religion im eigentlichen Sinne in die Funktion einer die bestehende Gesellschaft stabilisierenden Kraft. Sie verabreicht ihr sozusagen religiöses Schmieröl und lässt sich dafür in Anspruch nehmen, dass unsere Gesellschaft diejenige sei, in deren Kultur der Gottesglaube seine Pointe habe. Es gibt eine Richtung in der evangelischen Theologie, die man „Kulturprotestantismus“ nennt, die diese Pointe auf ihre Fahnen geschrieben hat. Sie ist schon einmal fürchterlich gescheitert, nämlich nach dem 1. Weltkrieg, als die religiöse Ideologie in Brüche ging, die Kultur des deutschen Kaiserreiches sei die eigentlich christliche Kultur.

Heute aber feiert der Kulturprotestantismus, wie ihn leider auch die Evangelische Kirche in Deutschland ausweislich ihrer Äußerungen zum Reformationsjubiläum befördert, fröhliche Urständ. Recht hat sie ja, indem sie auf die Prägung unserer Kultur durch die biblische Hochschätzung von Wissen, humaner Ethik und Kunst hinweist. Fragwürdig wird sie, indem allenfalls leise davon die Rede ist, dass der biblische Glaube an Gott sich dagegen sperrt, in seinem eigentlichen Sinne als Kulturfaktor oder Kulturgut zur Ruhe gebettet zu werden.

Denn der Glaube an den Gott der Bibel ist allen kulturellen Prägungen unserer Gesellschaft voraus – auch denen, die sich in Wissenschaft, Ethik und Kunst der Bibel verdanken. Er stellt das alles jeden Tag neu in das Licht des Gottes, der in keiner irdischen Kulturlandschaft, sondern erst in seinem Reich zum Ziel kommt.


 
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