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26.03.2015 17:16 Alter: 2 Jahr(e)
Kategorie: Theologiegeschichte des 20. Jh.

§ 2 Die "liberale Theologie": das theologische Anliegen Wilhelm Herrmanns (1846-1922)


Wilhelm Herrman, bei dem Karl Barth und Rudolf Bultmann in Marburg studiert haben, hat das religiöse Erlebnis als den eigentlichen Fixpunkt von Theologie und Kirche verstanden. 

Auch für ihn ist wie bei Ritschl das „Sittliche“ das Feld, auf dem Gott für Menschen bedeutsam werden kann. Das sog. „theoretische Welterkennen“ ist nicht das Feld des Religiösen, weil uns Gott hier nicht zum uns innerlich ergreifenden Erlebnis werden kann. Das geschieht erst dann, wenn Menschen die unabweisbare sittliche Verpflichtung ihres Lebens bewusst wird; mehr noch: wenn sie die Erfahrung des Scheiterns an dieser Verpflichtung machen. Da wird ihnen die Not des Versagens an dieser Aufgabe spürbar. Auf diese Not muss man sich beziehen, wenn man das Besondere des christlichen Glaubens erfassen will. Darum gilt programmatisch: 

„Um den christlichen Glauben (und die geistigen Vorgänge, in denen er sich entfaltet), zu verstehen, muß man von dem Verständnis des Sittlichen ausgehen“ (Ethik, 6). Der Christ kann sich „nur innerhalb der Beschäftigung mit seinen sittlichen Aufgaben [...] zu Gott wenden und die Hilfe Gottes erfahren“ (Verkehr, 171).  

Herrmann setzt voraus, dass das Sittliche das eigentliche Menschliche ist, das ihn von den Tieren unterscheidet. In der Sittlichkeit überwindet „das menschliche Leben seine von der Natur gegebene Art“ und erreicht eine „höhere Stufe“ (Ethik, 8). Sittlichkeit gehört unausweichlich zum Menschsein und drängt sich uns aus „unserem Inneren“ (Ethik 31) auf.  Es ist nichts Heteronomes. Herrmann hat sich darum dagegen gewehrt, die Sittlichkeit vom Gebot Gottes her zu begründen: 

 „Ethik, 32ff.: „Die Sittlichkeit ist in ihrer Wurzel vergiftet, sobald das sittliche Gebot zum Grund der sittlichen Überzeugung gemacht wird“. „Das wirklich sittliche Gebot ist [...] immer eine Forderung, die der Mensch an sich selbst stellt“. „Wenn wir es uns nicht selber sagen, so kann auch kein Anderer, weder Gott noch Mensch uns sagen, was die unbedingte Forderung gebietet, die der letzte Grund unseres sittlichen Verhaltens sein muss“.

Das sittliche Wollen stellt allerdings vor eine große Herausforderung. Es zielt auf einen einheitlichen, ja ewigen Endzweck, der uns Kraft gibt, das Gute zu tun. Die ewige Macht des Guten, die uns ergreift, wenn wir uns der sittlichen Aufgabe zuwenden, ist nach Herrmann die Macht Gottes (Ethik, 69). „Für jeden religiös erweckten Menschen“, d.h. für jeden, der die Macht der Ewigkeit und des Guten schon erlebt hat, ist darum „die sittliche Tat religiöses Erlebnis“ (Ethik, 70). Darum gilt auch: Ein Mensch, der seine Pflicht als Mensch tut, kommt „vom Glauben an Gott, auch wenn er ihn ablehnen will, nicht los“ (Ethik, 71). 

Dem steht aber die Erfahrung unseres Versagens gegenüber und die Not, die uns das innerlich bereitet. Darum hat es unendliche Bedeutung, dass uns Gottes Macht mitten aus der Geschichte entgegentritt, in einem Menschen, in Jesus. In unserem Eindruck vom „inneren Leben Jesu“ erleben wir, „dass Gott uns durch die geistige Macht Jesu fühlen lässt, wer er selbst sei, was er will und mit uns vorhabe“ (Verkehr, 95). 

„Wir fassen dann Vertrauen zu seiner Zuversicht, er könne die Menschen [...] emporheben und selig machen. In diesem Vertrauen zu seiner Person und seiner Sache ist der Gedanke einer Macht über alle Dinge enthalten, die dafür sorgen muß, daß Jesus […] den Sieg über alle Welt behält. Der Gedanke einer solchen Macht [...] ist der Anfang des Bewußtseins von einem lebendigen, wirklich überweltlichen Gott, der einzig reelle Anfang einer inneren Unterwerfung unter ihn“ (Verkehr, 81). 

Während unser inneres Leben uns keinen Grund zu dem Vertrauen gibt, dass wirklich in allem, was geschieht und was wir tun, das Gute herrscht, läßt uns Jesus an seiner Person „die Lebensfülle und die sichere Kraft des guten Willens und damit die Macht des Guten über das Wirkliche anschauen“ (Verkehr, 100) 

Jesus wird von Herrmann als eine Art Gotteserweis in Anspruch genommen. Seinem inneren Leben kann sich keiner entziehen, besonders darum nicht, weil jeder die Erfahrung der sittlichen Not macht. Das Schema, in dem Herrmann argumentiert, erinnert deutlich an Luthers Lehre von Gesetz und Evangelium. Erst auf dem Grunde unseres Versagens vor Gott kann uns das Evangelium der Gnade Gottes angehen. 

Das ganze Konzept hängt freilich darin, dass jene sittliche Not bei Menschen tatsächlich vorhanden ist. Der Streit darüber, ob das so ist, dauert auch im 20. Jahrhundert an. Gerhard Ebeling bejaht z.B. ausdrücklich Herrmanns Ansatz, indem er sagt: „Die Theologie kann sich in dem, was sie zu sagen hat, nicht anders verständlich machen, als indem sie den Menschen in der ethischen Wirklichkeit aufsucht und trifft, in der er sich befindet (Evidenz, 11). 

Wolfhart Pannenberg hat dagegen geltend gemacht, dass die Krise des Gottesglaubens auch die Krise des Ethischen nach sich gezogen habe, weil das Ethos dann keine sammelnde Mitte mehr habe (Krise, 18).  Die Gottesfrage habe nicht bei der ethischen Frage, sondern bei der Sinnfrage anzusetzen. 

Ob man beides so gegeneinander treiben darf, muss kritisch bedacht werden. Denn auch die Frage nach dem Sinn stellt sich ja nur als Frage inmitten der Verwirklichungen, Handlungen und Unterlassungen unseres Lebens und also inmitten der ethischen Probleme. In beiderlei Hinsicht kommen wir deshalb auf das gleiche Problem zurück, nämlich ob die Menschen unseres Zeitalters in einem Fragen begriffen sind, das die Theologie und die Kirche als implizite Gottesfrage aufzunehmen und zu beantworten haben. 

Herrmann und mit ihm die ganze liberale Theologie war dieser Meinung. Das Gottsein Jesu Christi gibt kraft der geistigen Macht, die in ihm wirkt, Antwort auf diese Frage.  

Von daher kann man die große Wirkung, die Herrmann in Theologie und Kirche gehabt hat, wohl verstehen. Seine Theologie wirkt bis heute auch noch da, wo man gar nicht mehr weiß, dass man in ihrer Tradition steht, wenn man die Probleme des Ethos und der Gesellschaft als Fragen versteht, auf die Gott im Menschen Jesus antwortet.

 

Literatur:

Herrmann, Wilhelm, Ethik, Tübingen/Leipzig 21901

ders., Der Verkehr des Christen mit Gott. Im Anschluß an Luther dargestellt, Stuttgart/Berlin 41903

Ebeling, Gerhard, Die Evidenz des Ethischen und die Theologie, Wort und Glaube, Zweiter Band, Beiträge zur Fundamentaltheologie und zur Lehre von Gott, Tübingen 1969, 1ff.

ders., Die Krise des Ethischen und die Theologie. Erwiderung auf W.Pannenbergs Kritik, a.a.O., 42ff.

Pannenberg, Wolfhart, Die Krise des Ethischen und die Theologie, Ethik und Ekklesiologie. Ges. Aufsätze, Göttingen 1977, 41ff.

ders., Antwort an G.Ebeling, a.a.O., 55ff.

 

 

 


 
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