< Das Neue im Rhythmus der Jahre
10.01.2006 20:24 Alter: 11 Jahr(e)
Kategorie: Radiosendungen

Zwei Schritte vorwärts - drei Schritte seitwärts

oder Du stellst meine Füße auf weiten Raum


Es gibt Orte, die bleiben für uns Menschen nicht dort, wo sie auf der Landkarte sind. Sie wandern mit uns mit. Wo ich aufwuchs, wo ich zur Schule ging, wo die wichtigen Entscheidungen in meinem Leben fielen, da haben sich Orte in mein Leben eingegraben, ohne die ich gar nicht Wolf Krötke wäre. Wenn du wissen willst, wer jemand ist, dann musst du fragen, wo jemand ist, hat mich ein weiser Philosoph gelehrt. Er hatte Recht. Unser Leben wird unser eigenes konkretes Leben, indem wir kleinen Menschen im großen Raum der Welt an bestimmten Orten einwohnen. Ein Mensch, der keine Orte anzugeben wüsste, an denen sein Leben sein ganz besonderes Profil gewann, wäre ein gespenstisches Wesen.

            Doch solche Orte, die sich mit unserem Lebenswege verbinden, sind keine Orte an sich. Nur wenn ganz berühmt gewordene Menschen dort gewohnt haben, pflegen die Städte  sich selbst mit deren Namen zu schmücken. Die Lutherstadt Wittenberg oder die Schillerstadt Marbach laden dann zur ehrfürchtigen Betrachtung der Gebäude und Lokalitäten ein, in denen der „große Sohn der Stadt“ weilte und wirkte. Aber in der Regel wird es doch so sein, dass die Rückkehr an die Orte, an denen wir selbst einmal gelebt haben, eher enttäuschend verläuft. Man merkt es ihnen nicht an, was wir hier einmal getan, gedacht und gefühlt haben. Mich wundert immer wieder, dass ich mich an bestimmten Orten, die zu meiner Biographie gehören, überhaupt wohl fühlen konnte.

             Die Orte, die zu unserem Leben gehören, garantieren also überhaupt nicht das Ortserlebnis, das wir an ihnen einmal hatten und das in unserer Erinnerung lebendig bleibt. Das gilt auch für die Orte unserer Gotteserfahrung. Sie sind als solche nicht dadurch „heilig“ geworden, dass sich in unserer Erinnerung mit ihnen ein bestimmtes Innewerden Gottes verbindet. Ich bin darum skeptisch, ob sie zur „Heimatkunde für Himmelssucher“ taugen. Der Ort, der mir einfällt, wenn man mich fragt, wo mir der Glaube an Gott besonders wichtig wurde, eignet sich ganz bestimmt nicht dafür. Er ist alles andere als „heilig“.

Ich habe ihn noch einmal gesehen, als die Bürgerrechtsbewegung im Jahre 1989 das Staatssicherheitsdienstgefängnis in Leipzig besetzte. Sie haben gefilmt, was sie dort antrafen. Ganz sicher bin ich mir freilich nicht, ob es wirklich meine Zelle war, in die ich da noch einmal blicken konnte. Sie sahen ja alle gleich aus. Ein breites Brettergestell zum Schlafen, das den ganzen hinteren Teil des Raumes ausfüllte. Darüber ein sogenanntes „Fenster“. Es war mit Glasziegeln zugemauert, die in der Mitte versetzt waren, so dass ein wenig Luft hindurch kam. Ansonsten ließ dieses „Fenster“ nur dämmriges Licht in die Zelle dringen. Man konnte nicht wissen, welches Wetter draußen war. Entzug des Himmels. Nur das Einbrechen der Nacht war bemerkbar. Vor dem Brettergestell dann höchstens zwei Meter Freiraum nach vorne und drei Meter seitwärts. Rechts in der Ecke der stinkende „Kübel“. Vor mir die Tür mit dem Guckloch und ohne Klinke.

            Diesen Raum von zwei-drei Schritten vor und neben dem Brettergestell habe ich tatsächlich mit mir genommen, als ich nach über vier Monaten endlich aus dieser Zelle raus war. Jedenfalls ertappe ich mich auch heute noch immer dabei, wie ich von meiner Arbeit am Schreibtisch aufstehe, und in meinem Arbeitszimmer hin und her wandere. Ein bisschen hat das ganz gewiss mit dem Druck zu tun, der sich auf einen Theologen wie mich legt, wenn er einen Gedanken formulieren will und bringt ihn nicht heraus. Da entspannt das Rumwandern und nimmt den Druck. Doch die zwei Schritte vorwärts und die drei Schritte seitwärts, die mir jene Zelle gestattete, sind mir dabei auch irgendwie gegenwärtig.

Sie fallen mir jedenfalls ein, wenn ich mir bewusst mache, was ich da tue. Es waren damals die einzigen Schritte, die ich machen konnte. Heute kann ich gehen, wohin ich will und sonstwie motorisiert wie durch die Gegend flitzen. Aber einen solchen besonderen Raum, in dem ich jene zwei-drei Schritte vorwärts und seitwärts mache, erreiche ich damit nie. Das ist merkwürdig. Denn jene Zelle war ja so eingerichtet, dass sie zermürben sollte. Ich habe Menschen kennen gelernt, die in ihr Platzangst bekamen. Der hintere Teil des Raumes war tagsüber tabu. Für die Benutzung des Brettergestells gab es strenge Vorschriften. Es war verboten, sich vor 22 Uhr darauf zu legen. Es war sogar verboten, im Sitzen zu schlafen. Hast du das gewagt, dann scheuchte dich ein wütiger Sachse, der hinter dem Guckloch lauerte, mit der Androhung irgendwelcher Konsequenzen auf.

Bloß stundenlang am Rande jenes Brettergestells zu sitzen, aber macht stumpfsinnig, wenn man nichts hat, außer sich selbst. Bücher oder Zeitungen gab es nicht. Also habe ich den Raum vor mir mit zwei Schritten vorwärts und drei Schritten seitwärts in Angriff genommen. Durch das Guckloch sah ich sicher aus wie eines dieser armen Tiere, die in einem vergitterten Zookäfig ohne Unterlass im Kreise laufen. Im Unterschied zu den Verhältnissen im Zoo musste ich auch noch aufpassen, dass ich nicht in einer Ecke vor der Tür stehen blieb. Da konnte mich der Mann hinter dem Guckloch nicht mehr sehen und war dann sofort samt seinen „Konsequenzen“ auf dem Plan. Und dennoch habe ich mich nicht wie ein Käfig-Tier gefühlt.

            Ich war damals gerade mal 19 Jahre alt, als mich der Staatssicherheitsdienst im Frühjahr 1958 in Gestalt von ein paar martialischen Männern in Ledermänteln nächstens aus der Wohnung meiner Eltern holte. Sie fesselten mich, verfrachteten mich in einen „EMW“ und transportierten mich von Dessau aus schweigend nach Leipzig. Das Stasi-Gefängnis befand sich sinniger Weise direkt neben der Theologischen Fakultät im Petersteinweg, wo ich 1957 begonnen hatte, Theologie zu studieren. Aber mit der Theologie war es nun aus. Mir wurde „Hetze und staatsgefährende Propaganda“ sowie „Herstellung und Verbreitung von Hetzschriften“ zur Last gelegt. Wie albern das war, mag hier auf sich beruhen. Für mich bedeutete es jedenfalls, dass ich nach einem Verhör bis in die Morgendämmerung in jene Zelle gesperrt wurde, die nun für eine zunächst unabsehbare Zeit „mein Raum“ in dieser Welt war.

            Verlassen konnte ich ihn einmal in der Woche zum Duschen, alle zwei Tage zum sogenannten „Hofgang“ und dann – mal in der Nacht, mal am Tage – zu den stundenlangen Verhören. Die fanden aber manchmal wochenlang auch gar nicht statt. Das gehörte zur Zermürbungstaktik. Im Übrigen herrschte den ganzen Tag lang eine unheimliche Stille in dem Bau. Manchmal leiteten die Heizungsrohre Schreie von irgendwo her weiter. Der Zellenachbar versucht, durch Klopfen an die Wand Kontakt zu mir aufzunehmen. Doch kurz nachdem ich so halbwegs das simple Morse-Alphabet mitbekommen habe und meinen Namen klopfen kann, haben sie mich schon erwischt.

Mein Raum ist nun die Wand. Ich musste mich dicht an sie stellen. Hände auf den Rücken. Grau-grüne Ölfarbe dicht vor mir das Einzige für die Augen. Hinter mir von Menschen besetzter Raum, denen es Freude macht, mich auf die 20 Zentimeter zurückzuschrumpfen, die ein Mensch braucht, um überhaupt da zu sein auf dieser Erde. Strafe dafür, dass ich mehr beansprucht hatte durch eine Wand hindurch, die Signale aufnimmt. Der „Hofgang“ ist gestrichen, d.h. die Viertelstunde, in denen sie mich in ein von hohen Betonmauern umgebenes Rechteck von schätzungsweise drei mal sechs Quadratmetern führen, aus dem heraus ich den Himmel über mir sehen kann. Aber ich muss dabei an Menschen auf Wachtürmen vorbei sehen, die ihre Maschinenpistolen bereit halten. Sie freuen sich, wenn es ausgerechnet in diesen 15 Minuten anfängt, zu regnen. Der Staatsfeind wird nass gemacht.

Ich habe mich nicht sonderlich gegrämt über diese Strafe. Denn der Blick in den Himmel stachelt in einer solchen Situation die Sehnsucht nach draußen so sehr an, dass es weh tut. Das muss nicht sein. Später habe ich außerdem erfahren, dass sie sich Schlimmeres ausgedacht haben, um Menschen, die Regungen eigenen Lebens zeigten, zur Null zu machen. Vor allem aber war mir da schon der Raum, den ich vor dem Brettergestell hatte, auf eigenartige Weise als mein Raum lieb geworden.

Für jemand, der niemals in einer solchen Situation war, klingt das vielleicht ein wenig spinnert. Ständig im Kreise umherzulaufen, ist an und für sich in der Tat ja nicht besonders prickelnd. In der Gesellschaft der „Knastologen“, mit denen ich nach meiner Verurteilung im Zuchthaus zusammen gesperrt war, sind mir geradezu zwanghafte Kreiswanderer begegnet. Ihnen wurde nachgesagt, dass sie eine Knastmacke haben. Vielleicht habe ich ja auch eine bekommen. Wer weiß. Doch wenn ich heute von meinem Schreibtisch aufstehe, um einen Gedanken durch Gehen zu befreien, dann ist mir der Anfang dieses Gehens in jener Zelle als das genaue Gegenteil einer Zwangshandlung im Gedächtnis.

Das hat einen einfachen Grund. Nachdem ich, um mich zu bewegen, auch eine Weile lang im Kreise getrottet war, habe ich begonnen, mir dabei alle Texte aufzusagen, die ich auswendig konnte. Es waren erstaunlich viele. Denn damals besaß ich ein geradezu wunderbares, wenn auch etwas einseitig ausgeprägtes Gedächtnis, mit dem mich Gott gesegnet hatte. Mein Kopf war ein „zwitscherndes Vogelnest“ (wie Heinrich Heine das ausgedrückt hat) von Gedichten, Balladen, Romanen, voll Kunst und Kitsch, voll Sang und Klang unterschiedlich wertvoller Art. Goethe, Schiller und Uhland waren meine Favoriten. Wilhelm Busch und Eugen Roth haben dafür gesorgt, dass mir das Lachen und Schmunzeln nicht verging. Meine Wege vor dem Brettergestell wurden so nach und nach zu Wegen in einen Horizont hinein, den der Sachse hinter dem Guckloch und die Menschen, die mich verhörten, nicht hatten. Er blieb auch bei mir, wenn ich mich wieder hingesetzt habe.

Aber es waren nicht nur Texte dieser Art, mit denen ich mich da frei lief. Ich habe das große Glück gehabt, in einem Elternhause aufzuwachsen, in dem die Bibel, Kirchenlieder und sehr viele Luther-Texte gewissermaßen zum Alltag gehörten. Es hat Phasen in meiner Kindheit und Jugend gegeben, da hat mir das ganz und gar nicht gefallen. Alle, die in einem solchen Elternhause groß geworden sind, kennen dieses Abstandnehmen von der Frömmigkeit der Eltern sicher. Und dennoch hat sich da ganz Vieles gleichsam nebenbei meinem Gedächtnis eingeprägt. Anderes – besonders in der Sprache Luthers – hat mich aber auch angerührt, so dass ich es bewusst auswendig gelernt habe. Ich konnte einige Gleichnisse Jesu, Teile der Bergpredigt und ziemlich viele Psalmen aus dem Kopfe. Den Kleinen Katechismus vermochte ich regelrecht runterzuschnurren. Vor allem aber hatten es mir die Passionslieder von Paul Gerhard angetan.

Sie werden heute ja heftig kritisiert, weil sie angeblich einen Gott verherrlichen, der Leiden und Tod eines Menschen fordert, ehe er liebt. Auf diesen Gedanken bin ich überhaupt nicht gekommen, als ich mit dem Liede „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld...“ vor dem Guckloch ausgeschritten bin. Ich mag die geistlich dumme Kritik an diesem Liede vom „Lämmlein“ Jesus Christus bis heute nicht. „Im Durst soll’s sein mein Wasserquell, in Einsamkeit mein Sprachgesell“ – allein um dieses Verses willen liebe ich dieses Lied. Denn „Sprachgesell“ – das sind mir alle diese Worte der Gotteserfahrung, die den Raum eines Menschen weiten, der in die Hände von Menschen gefallen ist, tatsächlich geworden. Sie haben mir die paar Quadratmeter vor dem Brettergestell zu einem Ort gemacht, an dem Gott unsere Füße auf weiten Raum stellt, wie Luther den 31. Psalm so wunderbar übersetzt hat.

            Ich habe diesen Raum mitgenommen in den Gerichtssaal, wo auf entsprechenden Wink des sogenannten Richters eine künstlich empörte Menge die Verurteilung des „Staatsfeindes“ forderte, unter ihnen Abgeordnete der Theologischen Fakultät. Er hat mir Luft verschafft bei der Fahrt in der „Grünen Minna“ durch Leipzig. In der saß man gefesselt in einem engen Kasten, in dem mir die Luft auszugehen drohte.

Ich habe mir mit diesem Raum die Brust auf dem Leipziger Hauptbahnhof geweitet. Einen blauen Drillichanzug hatte ich da an mit gelben Streifen an Armen und Beinen und auf dem Rücken. Eine ebenso verzierte Kappe saß auf dem Kopf. In einem Trupp von ungefähr dreißig Leuten wurde ich mit einem anderen Verurteilten zusammen gekettet. Eskortiert von Wachen mit Maschinenpistolen und Hunden mussten wir an einer gaffenden Menge den Bahnsteig entlang. Sie hatten den Gefängniswaggon an einen Personenzug gehängt, der in das schöne Städtchen Waldheim in Sachsen mit seinem berüchtigten Zuchthaus fuhr. Es war eine gespenstische Szene, in der man normalerweise in den Boden versinken möchte. Doch ich erinnere mich ziemlich genau, dass mir das Herz überhaupt nicht schwer wurde.

Das alles ist lange her. Ich habe nur wenigen Menschen davon erzählt. Wenn ich es aber getan habe, sind daraus sehr oft lustige Geschichten geworden. Das ist nicht einfach ein Zufall. Denn das Absurde ist immer auch komisch und lachhaft. Auch dafür habe ich mir als ein Mensch, der gerne lacht, in meinem weiten Raum in der Zelle einen Sinn bewahrt. Ich konnte dann tatsächlich über alles lachen, als ich da wieder raus war. So hatte es keine Chance, sich dunkel in mein Leben einzugraben. Was geblieben ist, aber sind die zwei-drei Schritte vorwärts und seitwärts, die mich noch immer ins Freie führen. Natürlich haben sie auch zum Aufschreiben dieser Erinnerung gehört.


 
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