< Der wahre Zeuge unseres Lebens (1. Johannes 5, 11-13)
18.09.2017 09:57 Alter: 88 Tag(e)
Kategorie: Predigten

Römer 8, 12-13

Predigt in der Nordend- und Luthergemeinde Berlin am 17.09.2017


So sind wir nun, liebe Brüder und Schwestern, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben. Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben. Wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Leibes tötet, so werdet ihr leben. 

Liebe Gemeinde!

Nicht nur Gott, sondern auch uns können Menschen eigentlich nicht gefallen, die bloß „nach dem Fleisch leben“. Wir drücken das heute zwar nicht mehr so aus, wie der Apostel Paulus. „Fleisch“ ist für uns die Bezeichnung für das, was wir essen und nicht der Ausdruck für das, was wir sind.

Doch wenn jemand mit uns bloß umgeht wie mit Fleisch, also wie mit einer belebten Zusammenballung aus Zellen, Muskeln, Adern, Organen und Knochen, dann fühlen auch wir uns zu Recht verächtlich und eigentümlich nichtmenschlich behandelt. Wer uns auf Fleisch reduziert, macht uns zum Material, das man einsetzen, gebrauchen oder wegwerfen kann. Fleisch in diesem Sinne verdient keine Achtung.

Wo es um uns Menschen geht, ist darum auf viel, viel mehr zu achten als nur auf „Fleisch“. Da sind Augen, die traurig und fröhlich blicken können. Da ist ein Gesicht, auf dem sich eine Geschichte spiegelt. Da ist ein Name. Da ist eine Sprache, in der sich ein ganz besonderes Wesen mitteilt. Da ist ein Erkennen, das uns die Welt aufschließt. Da ist ein Lieben und da ist ein Hoffen. 

Da ist also so viel, das man unmöglich auf den Nenner „Fleisch“ bringen kann. Es ist ein armer und nichtswürdiger Nenner. Wir werden ihn uns mit Recht verbieten, wenn man uns damit als Menschen charakterisieren will. Und es ist gut, dass jeder Mensch darin ursprünglich mit Gott übereinstimmt. Ihm und uns kann es nicht gefallen, wenn Menschen darauf zurückgeschrumpft zu werden, nichts als „Fleisch“, nichts als ein bisschen belebte Materie zu sein.

Die Frage ist allerdings, wie weit diese Übereinstimmung mit Gott reicht. Denn mit unserem Fleisch, das heißt mit unserem Körper, hat es eine vielfältige Bewandtnis. Es reicht in alles hinein, was uns ausmacht, obgleich es nicht alles ist, was wir sind. Es ist jedoch die Form, die Gestalt, in der Menschen lebendig sind – eine wunderbare Form zudem, wie wir nicht erst durch die Entzifferung unseres Genoms wissen. 

Zu allen Zeiten haben Menschen darüber gestaunt, dass sie in einem so phantastischen Fleisch leben und jeder neue Mensch ein richtiges Wunderwerk der Schöpfung ist. „Diese ist nun endlich Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“, jubelt Adam im biblischen Schöpfungsmythos geradezu, als er die Eva sieht. Und er hat Grund dazu. Menschen sind nicht dazu da, um sich mit ihrer wunderbaren Körperlichkeit über sich selbst zu langweilen. Sie können sich wahrnehmen, sich entdecken, sich zuwenden, sich anfassen, sich beistehen, sich reich machen und sogar „ein Fleisch“ sein, wie das in der Bibel so eindrücklich ausgedrückt wird. 

In dieser Hinsicht gibt es also überhaupt keinen Grund, Missfallen darüber zu äußern, dass wir „im Fleisch“ sind. Für Gott schon gar nicht, der – wiederum nach jenem alten Mythos – auf das Werk seiner Hände sieht und spricht: „Siehe, es ist sehr gut“; der mit den Worten des Johannesevangeliums regelrecht selber „Fleisch“ wird, weil er ein Wohlgefallen an uns hat. 

Und für uns gibt es eigentlich auch keinen guten Grund, uns darüber zu beschweren, dass wir „im Fleisch“ sind.  Denn nur so und nicht als luftige Geistwesen haben wir die große, wunderbare und einmalige Gelegenheit des Lebens. Es war darum nicht gut, dass es Zeiten in der Christenheit gegeben hat, in denen unsere Körperlichkeit geradezu mit der Sünde in einen Topf geworfen wurde. Das ist hoffentlich für immer Vergangenheit.

Doch die Probleme, die uns unser Leib aus Fleisch und Blut trotzdem macht, sind wir damit nicht los. Denn der Jubel über die herrliche Möglichkeit unseres leiblichen Lebens kann kein grenzenloser Jubel sein. Das ist so, weil unser Fleisch uns Grenzen setzt, die wir nicht überschreiten können. Sie bringen allen von uns auch Zeiten des Schmerzes, der Tränen und schließlich des Vergehens. Indem wir „im Fleisch“ sind, sind wir gefährdet und verletzlich. Wir ziehen uns Wunden zu und wir werden krank. Wir können Opfer von Naturmächten und menschlicher Gewalt sein. Unsere Lebenszeit geht zu Ende und wir müssen sterben.

Mit Gras, das verdorrt, und mit Blumen, die abgehauen werden, vergleicht die Bibel uns in unseren „sterblichen Leibern“. Kein schöner Vergleich fürwahr! Er wirft über unser ganzes Dasein den dunklen Schatten eines großen Umsonst. Umsonst unsere Freuden, umsonst unsere Leistungen, umsonst unsere Leiden. Alles wird am Ende zu Staub, zur Materie, aus der die unendliche Unwichtigkeit besteht. Wir werden schnell vergessen werden. Da müssen wir uns keine Illusionen machen. Wer von uns weiß denn z.B. schon noch, wer seine Urgroßeltern waren?

Das, liebe Gemeinde, ist also der Widerspruch, in dem wir stecken, wenn wir „im Fleisch“ sind: Auf der einen Seite eine herrliche Möglichkeit und auf der anderen Seite das große Umsonst. Doch Gott hat uns, als er uns schöpferisch im Fleisch werden ließ, trotzdem nicht so gemeint, dass dieses „Umsonst“ uns diese Summe unseres Lebens diktiert. Er gibt uns die einmalige große Gelegenheit unseres Lebens nicht, damit wir sinnlos irgendwie „zerstieben“ und „verhallen“. Er schenkt uns vielmehr die Möglichkeit, mit unserem Bewusstsein, mit unserem Fühlen und Denken, das trübselige Diktat des Fleisches in unserem Leben als Gottes Geschöpfe zu überwinden. 

Denn Gottes Geschöpf sein bedeutet: Freiheit von der Sklaverei der Instinkte; Freiheit, mit den Möglichkeiten, Ansprüchen und Grenzen unserer biologischen Natur umzugehen. Nur darum kann es doch überhaupt so etwas geben, wie die menschliche Kultur, wie ein Reich des Geistes, der Wissenschaft und der Kunst. Und nicht zuletzt – und darauf kommt es uns heute vor allen an: Nur darum können wir es mit Gott zu tun haben. 

Der Apostel Paulus hat in dem Text, der unserem Predigttext voran geht, in dieser Hinsicht ein sehr schönes und erhellendes Bild für uns gewählt. Menschen, sagt er da, sind Wohnungen Gottes, helle Räume mit weit geöffneten Fenstern, in denen der Geist des ewigen Gottes unser Sinnen und Trachten bestimmt. So hat er uns gemeint und nicht als verschlossene Höhle, in der unser Fleisch die Türen und Fenster dieser Wohnungen vollstopft.

„Nach dem Fleisch leben“ – nennt der Apostel Paulus dieses Verbarrikadieren von uns Wohnungen Gottes mit offenen Fenstern. Das können wir, die wir in einer Konsumgesellschaft leben, sicherlich gut verstehen. Da bestimmt das, was wir selbst zum Essen und Trinken, zum Wohnen und Wohlfühlen im Leibe brauchen, das Sinnen und Trachten von Menschen vollständig. 

Wir brauchen das zwar alles. Wenn aber das, was ich haben, kaufen, besitzen kann, allein wichtig ist, dann wird es problematisch. Dann werden bei Menschen, in deren Seele das Fleisch wuchert, die Fenster für alles, was nicht dem Päppeln des eigenen äußerlichen Wohlseins dient, zugemacht. Denn das Fleisch für sich und als solches ist ein Egoist. Was es will, will es für sich. „Was bringt es mir, was habe ich davon, was kommt mir zu zugute“?  sind die Fragen, die in diesen Wahlkampfzeiten die Stimmung in unserer Gesellschaft beherrschen.

Für Menschen, denen der Geist Gottes die Türen wieder öffnet, die das Leben nach dem Fleisch verrammelt hat, sind das jedoch nicht die ersten Fragen. Solche Menschen schmerzt es in der Seele, das so vielen Mitmenschen heute auf unserer reichen Erde und auch in unserer Gesellschaft das Nötigste zum Leben fehlt. Sie möchten nicht, dass das pure Überleben sie auf das Leben im Fleisch zurück wirft, das keine offenen Türen haben kann.

Alle Menschen sollen die Lebensmittel bekommen, die ein jeder braucht, um sein Leben „im Fleisch“ mit allen seinen wunderbaren Möglichkeiten bejahen zu können. Allen Menschen soll es möglich sein, ihre Gaben der Erkenntnis, des Forscherdranges, des Erfindungsreichtums zu entfalten mit denen Gott uns begabt hat, damit wir unser Leben lebenswert gestalten.

Denn Gottes Geist in seiner Menschenfreundlichkeit macht die, die er ergreift, selbst menschenfreundlich. Er macht sie fähig, die Sorgen, Anliegen und Nöte der nahen und fernen Mitmenschen in die eigene Gestaltung seines Lebens aufzunehmen. 

Doch dazu braucht man Mut und Ausdauer. Denn die, die inspiriert vom Geist Jesu Christi –  mit Dietrich Bonhoeffer geredet – ihr Leben als „Dasein für andere“ verstehen. bleiben ja selbst Menschen „im Fleisch“. Sie kennen, womit uns unser Körper piesacken, zusetzen und quälen kann. Wer Schmerzen hat, wird unweigerlich auf sich selbst zurück geworfen. Da im Einklang mit Gottes Geist zu bleiben, der uns über die Grenzen hinweg führt, die das leibliche Leben uns setzt, schaffen wir nicht selbst. Da braucht es die Kraft dieses Geistes selbst.

Das aber ist keine Kraft, zu der wir uns mit allerhand Krafttraining in Fitnesscentern mühsam aufrappeln können. Das ist eine Kraft, die uns aus Gottes ewigem Geist durch die offenen Tore und Türe unseres leiblichen Lebens zuströmt.

Weil Menschen, die in diesem Geist leben, über ihr eigenes leibliches Leben schon immer schon hinaus sind, bleiben sie frei, dankbar für ihr eigenes Leben zu sein, das in Gottes Ewigkeit geborgen ist; bleiben sie frei, andere Menschen zu ermutigen, sich aufzurichten und auf Gott in ihrem Leben all ihr Vertrauen zu setzen.

Wem das durch Gottes Geist geschenkt wird, der wird nicht mehr „nach dem Fleisch leben“. Er kann ohne Illusionen nüchtern wahrnehmen, was unser Leben hier auf Erden in seinen Höhen und Tiefen ausmacht. Er kann aber vor allem die Fenster und Türen seiner Seele weit auftun und sich freuen, dass Gottes Geist in ihm wohnt, der seine Mitmenschen wie ihn selbst ihn täglich mit ewigem Wohlgefallen würdigt. Amen.

 

 

 

 

 

 


 
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