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27.08.2017 12:09 Alter: 55 Tag(e)
Kategorie: Predigten

Der wahre Zeuge unseres Lebens (1. Johannes 5, 11-13)

Predigt in der Nordendgemeinde Berlin am 27.08.2017


Das ist das Zeugnis, dass Gott uns das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn nicht hat, der hat das Leben nicht. Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr an den Namen des Sohnes Gottes glaubt.

 

Liebe Gemeinde!

Im Grunde sind wir ja alle darauf angewiesen, dass unser Leben Zeugen hat. Denn ohne die anderen Menschen mit ihrer besonderen Wahrnehmung von uns würden wir ein gespenstisches Leben führen; unbemerkt, irgendwie unwichtig, eigentlich schon mitten im Leben tot. Wer die Zeugen seines Lebens verliert, verliert sich selbst.

Das erfahren und empfinden gerade in einer solchen Millionenstadt wie Berlin unzählige Menschen: Die zur Nummer Gewordenen in der Arbeitswelt, die nur interessieren, sofern sie funktionieren; die an den Rand der Gesellschaft Gerutschten, die schon gar niemand mehr wahrnimmt; die ganz alten Menschen, deren Umfeld hinwegstirbt, so dass die Erinnerung an sie schon verlöscht, während sie noch leben. Zeugen haben, und wenn's auch ganz wenige sind, heißt da sein, heißt Bleiben, heißt Leben und nicht Tod.

Wahrscheinlich ist die ganze Stilisierung zum „Typ“, die man heute nicht nur bei jungen Menschen beobachten kann, auch nur so etwas wie ein unbeholfener Ruf nach Zeugen des Lebens, die uns fehlen. Man kleidet sich so, frisiert sich so, duftet so, quakkelt so wie irgendeine zufällige Größe der öffentlichen Aufmerksamkeit, als mache man sich dadurch des Zeugnisses würdig.

Aber dieser Ruf verhallt, wenn das ganze sogenannte „outfit“ bloß über einem eigentlich kümmerlichen, langweiligen Dasein aufgesetzt ist. Wer Zeugen haben will, um da zu sein, um zu leben, der darf aber nicht wegrutschen, wenn man ihn genauer ansieht; der muss auch irgendwie und irgendwo stehen, damit sich die Blicke auf ihn nicht im Nebel verlieren und statt des Zeugnisses von ihr oder ihm für die anderen nur ein Achselzucken bleibt.

Doch mit diesem Stehen, mit dem Nacktsein vor den Blicken der anderen, ist es seit Adams und Evas Zeiten auch so eine Sache. Wer will das wirklich, indem er sich frei gibt für das Zeugnis der anderen: Ganz offenbar sein mit allem, was ist und war in seinem Leben? Es ist merkwürdig, liebe Gemeinde, indem wir auf Zeugen aus sind, damit wir da sein, damit wir leben können, sind wir immer wieder zugleich dabei, uns zu verbergen und einzunebeln. Wir brauchen die Augen und Ohren der anderen. Aber wir ertragen es nicht, wenn da auf einmal neugierigste, überzudringliche Zeugen auftreten, die – wie Friedrich Nietzsche in seinem Zarathustra gesagt hat – „in alle Winkel kriechen, in alle verhehlte Schmach und Hässlichkeit“.

Zeugen von dieser Art sind keine Lebensspender, weil sie, indem sie sehen, zugleich vernichten, was sie sehen und weil sie, indem sie hören, zugleich „zersetzen“ wollen, was sie hören. Darum war der Staatssicherheitsdienst in der eingemauerten DDR ja auch so eine menschenverachtende Sache. Er wollte alles von uns wissen, um uns jederzeit unter Druck setzen und klein machen zu können.

Darum sind auch die fake news, die Falschnachrichten von heute über Persönlichstes von Menschen, die in den – ehrlich gesagt – gar nicht so „sozialen Netzwerken“ verbreitet werden, so widerwärtig. Sie missbrauchen den sehnsüchtigen Ruf von Menschen nach Zeugen, die Leben gewähren. Sie wollen sie mit Nachrichten aus ihrem Leben kaputt machen.

Es gibt also, liebe Gemeinde, eine Grenze zwischen dem, was von uns bezeugt werden muss, damit wir leben – zusammen leben – können, und dem, was nicht bezeugt werden darf und soll, damit wir nicht kaputt gehen. Wer aber zeigt uns diese Grenze 

Auf den ersten Blick scheint uns der Zeuge, der sich für uns heute am Ende des 1. Johannesbriefes zu Worte meldet, dazu auch nicht viel sagen zu können. Er stellt unserem Leben nämlich das erstaunliche Zeugnis aus, dass es ewiges Leben sei. Fürwahr ein merkwürdiger Zeuge!

Denn was soll das sein: „ewiges Leben“, das nicht erst anfängt, wenn wir gestorben sind, sondern das wir regelrecht „haben“ wie den gestrigen und den heutigen Tag? Uns steht doch vor Augen, was wir mit unserem Leben tatsächlich alles vollbringen und vollbracht haben! Da ist so viel dabei, dass sich beim besten Willen nicht für die Ewigkeit eignet.

Deshalb wehren wir uns ja so dagegen, von überneugierigen Augen gänzlich ausgeleuchtet zu werden. Es spukt in unserem Leben zu viel Nichtiges herum, für das wir uns nicht ewig schämen möchten. Man kann es darum schon verstehen, dass Menschen große Teile ihres Lebens eher der Vergänglichkeit und Vergesslichkeit der Zeit anheim geben möchten. Denn die Gnade der Zeit ist es nun einmal, dass sie vergeht und die Sanftmut, die sie gewährt, ist das Vergessen. Mit dem Vergehen der Zeit wird auch vergessen werden, was in unserem Leben keiner Dauer würdig ist.

Doch wie viele Menschen nun auch den Pakt mit der Vergänglichkeit und Vergesslichkeit der Zeit geschlossen haben – so richtig froh macht solches Verdrängen der dunkleren Seiten unseres Lebens keinen. Denn es verzerrt unser wirkliches Leben, in dem das Gute, auf das wir stolz können und das uns froh macht, immer auch in das hinein verwickelt ist, worauf wir gar nicht stolz sind und das wir zu verbergen suchen.

In einem Leben, welches die Tage von gestern mit ihren Schattenseiten nicht mitnimmt ins Heute, können dann aber auch seine Lichtseiten nicht richtig gewürdigt werden, die den Schatten Widerstand geleistet haben. Die Gefahr, dass dann auch das Gute in unserem Leben als nichtig empfunden wird und Menschen am Leben resignieren, steht deutlich im Horizont.

Deshalb ist es nicht weise, das besondere Zeugnis des 1. Johannesbriefes von unserem ewigen Leben schon heute, zu verachten. Denn der Name dessen, der zu diesem Zeugnis ermächtigt, steht nicht für eine gnadenlose, eiskalte Ewigkeit gut, an der unser Leben mit seinen dunklen Nichtigkeiten und seinem hellen Aufbrüchen und Erlebnissen zerschellt wie an einer Felswand.

Es ist der Name Jesu Christi, in dessen Leben der ewige Gott dafür Sorge trägt, dass uns unser Leben nicht in Traurigkeit und Resignation zerrinnt. Wird es von seinem ewigen Leben umfasst und getragen – und das geschieht im Glauben an ihn – dann hat das Dunkle in unserem Leben nicht mehr die Macht, das Helle zu verschatten oder gar zum Verschwinden zu bringen, was unser Leben gut und schön macht.

Gerade indem dieses Dunkle realistisch wahrgenommen werden kann, entscheidet es im Licht der Gnade Gottes in seiner Zukunftslosigkeit nicht mehr darüber, wer wir sind. Ihm wird vom gnädigen Gott der Zahn gezogen, der uns Lebensschmerzen besorgt. Darum können wir gewiss sein: Wir bleiben unter den Fittichen der Menschenfreundlichkeit Gottes des Zeugnisses wert, für immer geliebte Geschöpfe Gottes zu sein.

Der 1.Johannesbrief redet deshalb vom ewigen Leben auch nicht wie von einer Hinzufügung zu unserem irdischen Leben. Das ewige Leben, das er meint, ist vielmehr schon in seinem Leben für uns voll von Zeit. Es ist voll von der Zeit des Gottessohnes, in dem selbst die düsterste Vergangenheit des Leidens, des Elends und Kreuzestodes nicht weggedrückt und verborgen ist, sondern gnädig mitgenommen wird in die Gegenwart und Zukunft Gottes und von ihr kündet 

So macht es der ewige Gott auch mit uns. Er bringt mit seiner Ewigkeit zusammen, was in unserem Leben schon längst auseinandergebrochen ist. Eine beschämende Vergangenheit ist dann kein Grund mehr zur Scham, eine drückende Gegenwart kein Grund zum Bedrücktsein, eine ängstigende Zukunft kein Grund zur Angst. Im Sohne Gottes, in dem wir unser Leben bergen, sind die Schmerzen und Wunden unserer Zeiten geheilt. Darum können wir jede Lebenszeit, die wir verbracht haben, annehmen: die dunklen ebenso wie die hellen.

So sagt es das Zeugnis des 1. Johannesbriefes von uns, indem es unseren Glauben an Gottes Sohn ganz ernst nimmt. So können wir es alle auch voneinander sagen, indem wir uns alle miteinander zu Zeugen des ewigen Lebens werden.

Da wäre dann also keine und keiner, die sich aufs Verbergen und Vergessen versteifen müssten, weil sie fürchten, die Zukunft verlieren. Da wären auch keine und keiner, die zudringlich im Leben von andern herumzustöbern trachten als seien sie selber ein eiskalter Gott. Da wäre also kraft des ewigen Lebens, das uns Gottes Sohn schenkt, ein Zutrauen zur Zeugenschaft von Menschen da, das stärker ist, als alle vernichtenden Blicke und zersetzenden Gerüchte oder fake news in der Welt.

Wer den gnädigen Gott zum Zeugen seines Lebens hat, ist darum niemals ein vernichteter, sondern ein aufgerichteter Mensch. Er bekommt Mut, sich selber ins Gesicht zu sehen. Er bekommt Mut, selbst ein wahrer Zeuge seines Lebens mit seinen Taten und Unterlassungen zu werden.

Fehlt es an solchem Mut allenthalben, dann gibt es im Grunde kein wahrhaftiges Zusammenleben von uns Menschen, bei dem wir uns untereinander vertrauen und in die Augen blicken können. Dann herrscht das Misstrauen und mit ihm ein Klima der Verdächtigung und Beschuldigung, das wir nicht nur in diesen Wahlkampfzeiten in unserer Gesellschaft beobachten können.

Darum ist es gut, liebe Gemeinde, das unser ewiges Leben, in dem unsere Lebenszeit ein Ganzes ist, nun doch nicht von uns abhängt. Es wird uns vom nimmer müden ewigen Gott jeden Tag neu zugesprochen. Uns an diesen Zuspruch anzuschließen, ist es nie zu spät. Wo unser Leben in lauter unzusammenhängende Stücke auseinander zu fallen droht, geht er uns mit dem Heilmachen unserer Lebenszeit voran. Umfangen vom ewigen Leben, in dem alles schon an die rechte Stelle gerückt ist, brauchen wir für uns und für andere nicht zu fürchten, dass alles nur nichtig ist, was unser Leben ausmacht. Umfangen vom ewigen Leben ist die Hoffnung von Christinnen und Christen vielmehr unerschöpflich, dass bei Gott alle Menschen ihren wahren Zeugen haben. Amen.

 

 


 
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