< Christus im Nordend
29.06.2017 09:48 Alter: 53 Tag(e)
Kategorie: Predigten

Nun ruhen alle Wälder

Predigt über Paul Gerhardts Lied am 25. Juni 2017 in der Nordendgemeinde Berlin


Liebe Gemeinde,

die meisten Abendlieder unserer Kirche stammen nicht aus unserer Zeit. Sie sind entstanden, als die Grenzzone zwischen Tag und Nacht für die Menschen noch eine ganz andere Bedeutung hatte als heute in unserer technisierten Welt. Bei uns in der Großstadt reicht der Tag mit seinem Lärm, mit dem elektrischen Licht, mit den Handys, I-phons und I-pads und natürlich auch mit dem Fernsehen und dem Internet weit in den Abend hinein. Außer vielleicht im Urlaub oder an sommerlichen Abenden im Freien erleben die meisten Menschen gar nicht mehr die Stille, die sich über die Erde senkt, wenn dunkle Schatten sie mehr und mehr einhüllen. Für uns beginnt in der Regel die Nacht, wenn wir selbst das Licht ausknipsen. 

Die Abendlieder unserer Kirche aber handeln von einem Dunkelwerden und Dunkelsein, gegen das wir wenig bis gar nichts tun können. Natürlich haben wir auch einige Erfahrungen damit. Wenn wir nicht schlafen können, weil wir krank sind oder weil uns die Ereignisse des Tages in unserem Kopf herum spuken, dann kann uns die Dunkelheit auch quälend zusetzen. Aber so wie unser unsere Vorfahren das Hereinbrechen der Nacht erfahren haben, fällt der Abend kaum noch in das Dasein der meisten Menschen von heute ein. Sie fahren mit ihrem Leben bis zum Schlafengehen mehr oder weniger fort, als ob es Tag wäre. 

Früher war das anders. Der Einbruch der Nacht breitete da tagtäglich bzw. allabendlich eine dunkle Stille über „Vieh, Menschen, Städt und Felder“.  Das dämmrige Kerzen- oder Öllicht in den Häusern trieb ins Bett und ermunterte nicht dazu, die Nacht zum Tage zu machen. Beim Blick aus dem Fenster oder beim Gang vor die Tür schlug einem Schweigen und das vom Glitzern der Sterne durchsetzte Dunkel entgegen. 

Menschen, die auf dem Lande leben, machen diese Erfahrung ja auch heute. Selbst wir Städter können sie, wenn der Wind günstig steht und uns keinen Stadtlärm zuweht, auf unserer Terrasse auch ein wenig machen. Ein Vogel nach dem andern hört auf zu singen. Langsam hüllt das Dunkel die Bäume ein. Wir haben das Gefühl, die Welt um uns her geht schlafen. 

Aber heutzutage ist das eher ein Ausnahmegefühl, so etwas wie ein schönes Sonntags- oder Urlaubsgefühl vielleicht. Für unsere Vorfahren dagegen war das Dunkelwerden der Welt um sie her etwas, was direkt spürbar in ihr Leben einfiel. Es brachte sie täglich wie die Wälder, wie Vieh, Menschen, Städt und die Felder zur Ruhe. Nach dem, was wir aus jenen Zeiten so wissen, hat’s da zwar auch abendliche Krawallmacher und illuminierte Feste gegeben. Aber dass die Abende land- landab da unvergleichlich stiller und dunkler waren als heutzutage, dürfen wir wohl annehmen. 

Ist uns etwas verloren gegangen, liebe Gemeinde, wenn wir dieses Dunkelwerden und die Stille, die es begleitet, in seiner Bedeutung für unser Leben kaum mehr wahrnehmen? Wenn wir Paul Gerhardts Lied „Nun ruhen alle Wälder“ – gewissermaßen das Grundmuster aller evangelischen Abendlieder – im Ohr haben, dann müssen wir wohl sagen: Ja, es ist uns verloren gegangen, uns in der Stille des Abends auf unser eigenes Leben zu besinnen. Es ist uns verloren gegangen, uns durch das Einbrechen der Nacht daran erinnern zu lassen, dass wir unser Leben letztlich nicht in den eigenen Händen haben.

Doch wiegt dieser Verlust schwer? Die meisten Menschen, die heutzutage von einem Tagesgeschäft zum anderen hetzen, stellen sich diese Frage vermutlich gar nicht. Wer sie sind und was sie darstellen, entscheidet sich für sie bei Tage und nicht bei Nacht. Schlafen heißt dann gedankenlos von einem Tag in den anderen hinüber schliddern.

Das aber ist nicht gut für uns Menschen, denen Gott die Gabe verliehen hat, sich über alles Gedanken zu machen, was zu ihrem irdisches Dasein gehört. Wer „verpennt“, was der Abend uns über selbst zu sagen vermag, schneidet einen Teil seines eigenen Lebens aus seinem Dasein aus. Es ist der Teil, der uns daran erinnert, dass unser Leben keine endlose, sondern eine einmalige zu gestaltende Gelegenheit ist. Denn jeden Abend, wenn wir schlafen gehen, hört dieses Gestalten auf. Es hat eine Grenze. Diese Grenze ist zunächst einmal nichts Schlimmes wie so viele andere Grenzen in unserem Leben. Im Gegenteil! Wir können sie begrüßen.

Denn sie lässt uns zur Ruhe kommen. Sie beschert uns die Wohltat, die von den Geschäften des Tages „matten Glieder“ wieder tüchtig zu neuem Tun werden zu lassen. Wer uns diese Wohltat raubt, macht uns unfähig, den Aufgaben und Herausforderungen des nächsten Tages gewachsen zu sein. Es gehörte zu den Verhörmethoden der Stasi, Menschen nicht schlafen zu lassen, um sie gefügig zu machen.

Dankbar dafür zu sein, dass wir schlafen können, sollte darum eigentlich jeden Abend selbstverständlich sein. Das kann uns vor der Illusion bewahren, nur im Tatmenschen, der meint, sich selbst erschaffen zu können, erfülle sich das Menschsein. Dergleichen konnte man in der vorigen Woche ja in der ARD-Themenreihe „Was glaubst du?“ von ziemlich vielen Leuten hören. Der Abend, der uns in den Schlaf weist, lehrt uns dagegen etwas anderes. Er macht uns bewusst, dass wir nur leben können, indem wir eine Grenze unseres tätigen Lebens annehmen, die mit ihrer Ruhe alles tätige Leben erst möglich macht.

In unseren kirchlichen Abendliedern, aber mehr noch in den ihnen benachbarten christlichen Volksliedern spielt das Lob des ruhigen Schlafes, welcher dem Leben am Tage dient, darum zu Recht eine Rolle. Die Nacht wird hier als eine Gottesgabe besungen, in welcher der Mond und die Sterne den friedlichen Schlaf freundlich bescheinen und so in das Licht des Morgens voraus weisen. Als „Schlafliederklassiker“ gilt in dieser Hinsicht zum Beispiel das Lied „Guter Mond, Du gehst so stille“. Es ist die Umdichtung eines Volksliedes aus dem 18. Jahrhundert nach einer Volksweise, die Engelbert Humperdinck bearbeitet hat. Wir können dieses Lied ruhig einmal singen.

Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken hin;
deines Schöpfers weiser Wille hieß auf jener Bahn dich ziehn.
Leuchte freundlich jedem Müden in das stille Kämmerlein,
und dein Schimmer gieße Frieden ins bedrängte Herz hinein.

Guter Mond, du wandelst leise an dem blauen Himmelszelt,
wo dich Gott zu seinem Preise hat als Leuchte hingestellt.
Blicke traulich zu uns nieder durch die Nacht aufs Erdenrund.
Als ein treuer Menschenhüter tust du Gottes Liebe kund.

Guter Mond, so sanft und milde glänzest du im Sternenmeer,
wallest in dem Lichtgefilde hehr und feierlich einher.
Menschentröster, Gottesbote, der auf Friedenswolken thront,
zu der schönsten Morgenröte führst du uns, o guter Mond!

Was man gegen das Lied, welches wir eben gesungen haben, nicht erst seit heute einwenden kann, ist klar. Es zeichnet eine Idylle, die es für so viele Menschen auf unserer Erde gar nicht gibt. Hier wird bloß – so lautet der Einwand – die sentimentale Flucht aus einer Welt besungen, die mitnichten in der Morgenröte von „Friedenswolken“ existiert. Hier wird der Abend verklärt, der dem Morgen nicht standhält.

Auf den ersten Blick scheint es so, als gelte das auch für das beliebteste Abendlied unserer Kirche, das in allen unseren Abendgottesdiensten in den letzten 10 Jahren nicht fehlen durfte. Es beginnt auch mit dem Mond, der in der Nacht die Erde bescheint. Es hat zudem hat eine wunderschöne anheimelnde Melodie, die durchaus den Eindruck erwecken kann, sie trüge uns über Realität hinweg, der wir jeden Morgen ins Auge zu blicken haben.

Aber dieser Eindruck täuscht, wenn wir auf den Text des Liedes „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius blicken. Es nimmt 150 Jahre nach Paul Gerhardts Lied „Nun ruhen alle Wälder“ die Abenderfahrung noch einmal auf, dass über dem vergangenen Tag (wie es in der 3. Strophe heißt) „die güldnen Sterne prangen/ am blauen Himmelsaal“. „Der Mond ist aufgegangen/ die goldenen Sternlein prangen/ am Himmel hell und klar“, heißt es in direktem Anklang daran. 

Das klingt lieblich. Aber dann kommt der bedrohliche Kontrast: „Der Wald steht schwarz und schweiget. Und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar“. Das klingt bedrohlich. Schweigendes Dunkel macht Angst. Nebel macht orientierungslos, auch wenn er uns traulich umhüllt wie eine „stille Kammer“. Nur zum Verschlafen und Vergessen von des Tages Jammer scheint diese Nebel-Kammer zu taugen. 

Doch „kalt weht der Abendhauch“ in sie hinein und verhindert, dass wir ruhig schlafen, ja dass wir Angst bekommen, mit welchem Jammer der morgige Tag uns straft. Dann fangen wir an, „Luftgespinste“ zu spinnen, mit denen wir uns einreden, selbst das Ziel unseres Lebens in der Hand zu haben. Demgegenüber endet die wunderbare Dichtung von Matthias Claudius regelrecht mit einem Gebetsschrei: Verschon uns Gott! Lass uns ruhig schlafen. Gib Schlaf auch unserem kranken Nachbarn!

Wenn wir heute in dieses Lied auch über die Zeit von über 200 Jahren hinweg einzustimmen vermögen, liebe Gemeinde, dann hat das wohl den einfachen Grund, dass es Erfahrungen anspricht, die wir letztlich alle haben. Es ist das Ineinandergehen der Ruhe und der Beunruhigung in der Nacht und durch die Nacht. 

Die Erfahrung dieses Ineinandergehens lässt uns das Geheimnis unseres Daseins auf dieser Erde empfinden, das wir niemals auflösen können: Auf der einen Seite ist da das Geschenk der Ruhe mit ihrem Horizont für das Morgen und auf der anderen Seite die Erfahrung der Dürftigkeit und Gebrechlichkeit alles menschlichen Lebens. In das Gedicht von Matthias Claudius sind beide Erfahrungen eingeflossen, ohne sie gegeneinander auszuspielen: Die Wohltat der nächtlichen Ruhe und die Beunruhigung durch die dunkle Ruhe und die Gefahren, die in ihr lauern.

Wir singen das Lied "Der Mond ist aufgegangen" im Wechsel mit und ohne Musikbegleitung 

Matthias Claudius hat Paul Gerhardts Lied „Nun ruhen alle Wälder“ wohl mit Erfahrungen der Nacht und des Schlafens angereichert, aber er hat es nicht hinter sich gelassen. Denn in einem Grundton stimmt seine Dichtung ganz mit der von Paul Gerhardt zusammen. Dieser Grundton ist auf Gottes Ewigkeit gerichtet, auf die uns jeder Abend verweist, der im Schlafe mündet. Denn die Nacht, „des Tages Feind“, wie es bei Paul Gerhardt heißt, stößt uns jeden Abend aufs Neue darauf, dass unser Leben vergeht.

Es war deshalb ganz richtig, dass der Kantor an der Berliner Nikolaikirche, Johann Crüger, dem Abendgedicht seines Pfarrers die Melodie eines Liedes gegeben hat, das von Tod und Ewigkeit handelt. Es heißt: „O Welt, ich muss dich lassen“. In diesem Lied wird unser Leben als eine Reise in ein ewiges Zuhause geschildert, zu der wir uns in „Fried und Freud“ aufmachen können. Es strahlt eine  ruhige, wenn auch ein wenig wehmütige Gelassenheit eines Menschen aus, der Abschied nimmt, um sich auf eine weite Reise zu begeben, um die Reise seines Lebens in Gottes Ewigkeit. 

Ermutigung, zu diesem Ziel aufzubrechen, war zweifellos, deine Absicht der Abendlieder von Paul Gerhardt und Matthias Claudius. Das Dunkel des Abend, des Todes, soll im Glauben an Gott in der Abendzeit nicht das letzte Wort haben. Aber dann spielt auch noch etwas Anderes hinein. 

Darauf stößt uns die Melodie, die über das Lied „O Welt ich muss dich lassen“ auch  in das Lied „Nun ruhen alle Wälder“ eingesickert ist. „O Welt, ich muss dich lassen“ ist nämlich eine geistliche Umdichtung des beliebten Volksliedes „Innsbruck, ich muss dich muss dich lassen“. In ihm wird besungen, wie einem Menschen zumute ist, der auf Reisen gehen muss, während seine Liebste in der Stadt zurück bleibt. Es schildert den Schmerz, den das für die Liebenden bedeutet und die Hoffnung, welche die beiden auf ihre Liebe und Treue setzen. Wir wollen es singen, indem wir die Bedeutungen im Gedächtnis behalten, die von dort in Paul Gerhardts Lied hinüber schwingen. 

Innsbruck, ich muss dich lassen,
ich fahr dahin mein Straßen,
in fremde Land dahin.
Mein Freud ist mir genommen,
die ich nit weiß bekommen,
wo ich im Elend (= Ausland) bin. 

Groß Leid muss ich ertragen,
das ich allein tu klagen
dem liebsten Buhlen mein.
Ach Lieb, nun lass mich Armen
im Herzen dein erwarmen,
das ich muss dannen sein.

Mein Trost ob allen Weiben,
dein tu ich ewig bleiben,
stet, treu, der Ehren frumm.
Nun muss dich Gott gewahren
in aller Tugend sparen,
bis dass ich wiederkumm.

Durch die Melodie eines Liebesliedes klingen in Paul Gerhardts Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“ also ganz schöne Erfahrungen hinein.  Sie nehmen der harten Lektion des Abends, die uns daran erinnert, dass wir endlich sind und „von dannen“ müssen, alle Schärfe. Sie geben dem Abend eine Stimme der Geborgenheit in der Liebe, die stärker ist als die Angst vor „Unfall und Gefahr“, die uns die Nacht einjagt.

Bei Paul Gerhardt wird es regelrecht eine zarte Stimme. Wie Küken unter den Flügeln einer Glucke können wir uns bei Jesus in den Abend hinein bergen. Er selber, die menschgewordene Liebe Gottes, wiegt uns in den Schlaf, indem er die Engelein für uns singen lässt. Natürlich ist das geradezu kindlich einfach ausgedrückt – „einfältig“ wird Matthias Claudius in seinem Abendlied „sagen. „Breit aus die Flügel beide“ ist deshalb in unserer evangelischen Frömmigkeit auch zum Abendgebet geworden, das Eltern am Bette ihrer Kinder sprechen oder mit ihnen singen, um sie in eine sanfte Nacht zu geleiten. Kinder, die so zu Bette geleitet werden, sind gut dran, kann ich aus eigener Erfahrung nur sagen. Sie werden keinesfalls aus dem wirklichen Leben in eine Idylle entführt. Sie werden vielmehr wie wir selbst, auf Alles konzentriert, was in unserem Leben wichtig ist: Auf das Wunder der Natur, deren Teil wir sind; auf unsere Endlichkeit und Gebrechlichkeit; auf die Liebe und auf die Hoffnung und vor allen Dingen auf Gott. Amen.

 

Wir singen die beiden letzten Strophen von „Nun ruhen alle Wälder“ 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 
Sie sind hier: Predigten