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22.05.2016 16:00 Alter: 1 Jahr(e)
Kategorie: Predigten

Gottes Übergänge (Epheser1, 3-6: 13-14)

Predigt im Universitätsgottesdienst in der Sophienkirche Berlin am 22. Mai 2016


Liebe Gemeinde,

heute beginnt im Kirchenjahr mit dem Sonntag Trinitatis – auf deutsch: „Dreieinigkeit“ – die sogenannte Trinitatiszeit. Sie steht in dem Ruf, ein bisschen langweilig zu sein. 23 Sonntage von heute an bis in den November hinein dauert sie. Während die erste Hälfte des Kirchenjahres voller Feste ist und die Sonntage so schöne Namen tragen wie z.B. Jubilate, Kantate, Rogate passiert in der Trinitatiszeit offenkundig rein gar nichts. Die Sonntage werden bloß gezählt: 1. Sonntag nach Trinitatis, 2. Sonntag nach Trinitatis, 3. Sonntag nach Trinitatis usw., usw. bis 23.

 

Man könnte nun meinen, diese lange Zeit, an welcher jeder Sonntag unter dem Vorzeichen „Trinitatis“ steht, sei doch eigentlich eine großartige Gelegenheit für die christlichen Gemeinden, den Glauben an den dreieinigen Gott nachhaltig zu stärken. Denn in ihm kommt doch zum Ausdruck, was „eigentlich christlich“ zu heißen verdient.

 

Auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes sind wir alle getauft. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes beginnt jeder Gottesdienst. Das Bekenntnis zum dreieinigen Gott ist ein starkes Einheitsband aller christlichen Kirchen der Welt. Es markiert die Position des christlichen Gottesglaubens, welche im Gespräch mit anderen Religionen vertreten wird. Der dreieinige Gott müsste darum im Grunde auch alles bestimmen, was die Christenheit Menschen, die noch nicht an Gott glauben, zu sagen und zu bezeugen hat.

 

Doch hören wir uns im Reden unserer Kirche von Gott einmal um, dann werden wir schnell etwas ganz anderes bemerken. In der Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum z.B. spielt das Bekenntnis zu ihm als Dreieinigem keine tragende Rolle. In den sogenannten „Impulspapieren“, welche die Evangelischen Kirchen in Deutschland in den letzten Jahren erarbeitet haben, muss man es mit der Lupe suchen. Und so wie Gott landauf, landab in den Gemeinden verkündigt wird, hört man auch nichts oder kaum etwas von seiner Dreieinigkeit.

 

Woran liegt das? Eignet sich der dreieinige Gott etwa nicht so recht für’s Verkündigen? Ist er uns zu unzugänglich, zu geheimnisvoll, zu schwer von uns zu verstehen? Es scheint so zu sein. In unserer Gottesdienstliturgie, im öffentlichen Gebet und im Bekenntnis, in unseren Liedern und Gesängen wird er zwar stark vergegenwärtigt. Da müssen wir auch nichts erklären. Da können wir sozusagen im höheren Chor oder im erhobenen Ton von ihm singen und sagen. Aber wenn wir von Gott sprechen, dann beherrscht doch das Reden von dem einen Gott das Feld selbst in der Trinitatiszeit. „Monotonotheismus“ hat Friedrich Nietzsche das genannt.

 

In gewisser Weise ist die Zurückhaltung, vom dreieinigen ausführlich Gott zu reden, sogar durch das biblische Zeugnis von Gott gerechtfertigt. Denn ein dogmatisches Bekenntnis zur Dreieinigkeit Gottes, so wie es die Kirche im Jahre 381 auf dem Konzil von Konstantinopel formuliert hat, kommt im Neuen Testament nicht vor und eine regelrechte Trinitätslehre erst recht nicht. Das Neue Testament ja überhaupt kein Lehrbuch. Es redet von den Erfahrungen, die Menschen mit dem Gott gemacht haben, der ihnen im Leben und Sterben Jesu Christi begegnet ist und Kraft seines Geistes immer wieder begegnet.

 

Doch diese Erfahrungen sind zweifellos der Wurzelboden, die das Bekenntnis zum dreieinigen Gott aufsprossen ließ. Einen dieser Wurzelböden finden wir im 1. Kapitel des Epheserbriefes. Der Verfasser dieses Briefes, der sich hinter dem Namen des Apostels Paulus versteckt hat, ist so begeistert von der neuen Erfahrung, welche die entstehende Christenheit mit dem in Jesus Christus begegnenden Gott gemacht hat, dass er tatsächlich auch schon liturgisch-feierlich im höheren Ton von ihr redet. Er kann sich gar nicht genug tun im Lobe Gottes. Es sprudelt nur so aus ihm heraus, wie herrlich es ist, dass Gott, wie er durch Jesus Christus begegnet, schon in seiner Ewigkeit kein einsames, in sich verschlossenes sogenanntes „höchstes Wesen“ ist, sondern ein Gott der Gemeinschaft. Doch hören wir selbst:

 

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch ChristusDenn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Grund der Welt gelegt war, dass wir heilig und makellos vor ihm sein sollten.In Liebe hat er uns durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens dazu bestimmt, seine Söhne und Töchter zu werden zum Lobpreis der herrlichen Klarheit seiner Gnade, mit der er uns in dem Geliebten beschenkt hat. In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt – nämlich das Evangelium von eurer Rettung.In ihm seid ihr als Glaubende versiegelt worden durch den Geist der Verheißung, den Heiligen Geist.

 

Es ist zuzugeben, liebe Gemeinde: Was wir hier hören, ist ziemlich atemberaubend. Es passt gar nicht so richtig zu dem bisschen christlichen Leben, mit dem wir uns heutzutage recht und schlecht abstrampeln. Es passt schon gar nicht zu dem Gottesgestotter, das angesichts von so viel Gleichgültigkeit der Menschen in unserer Gesellschaft gegenüber dem christlichen Glauben an Gott an vielen Stellen auch in unserer Kirche ausgebrochen ist. Es ist voll des Pulsschlags der Ewigkeit Gottes, der Menschen ergreift, wenn Jesus Christus in ihr Leben eingreift.

 

Da ist nämlich nicht bloß ein zufällig außergewöhnlicher Mensch, der bloß frömmer ist als wir. Da ist auch nicht bloß ein irgendein religiöses Angebot, aus dem wir uns herauspicken, was uns gefällt. Da ist ein Geist – das biblische Wort dafür bedeutet wörtlich „Sturm“ – ein starker Geist also, der Menschen heraus holt aus dem religiösen Winkel, in der sie irgendeine Privatfrömmigkeit pflegen. Dergleichen kann nur gedeihen, wenn Gott als ein hell-dunkles Jenseits verstanden wird, das stumm über uns waltet und brütet, so dass wir uns zurecht reimen müssen, was uns dieses Jenseits angeht.

 

Der Pulsschlag der Ewigkeit Gottes, den Jesus Christus Menschen spüren lässt, aber schenkt eine andere und beglückende Erfahrung. Sie besteht darin, dass unser Leben schon immer in eine ewige Geschichte Gottes hinein gehört. In ihr können wir uns orientieren, statt bloß in ihr herum zu stochern. Denn diese Geschichte beginnt nicht erst damit, wenn wir uns Gottes bewusst werden. Es ist – wie der Epheserbrief unzweideutig sagt – eine Geschichte der Gemeinschaft, der Partnerschaft zwischen einem Liebenden und einem Geliebten, die uns einen klaren Weg unseres Lebens bahnt.

 

Denn der Geliebte Gottes von Ewigkeit, Christus, der in unser Leben eingreift, war schon immer der Platzhalter von Gottes geliebten Menschen. In der Schöpferkraft des ewigen Gottes ließ er sie – ließ er uns – werden, damit sie – damit wir uns unseres zeitlichen Lebens als einer einmaligen Gelegenheit erfreuen können, mit Gott zusammen in einem bejahbaren, erfüllten Leben da zu sein.

 

Mit ihnen – mit uns – solidarisierte er sich, um selbst in den Abgründen menschlicher Gottesferne zu erweisen, dass seine Liebe stärker ist als der Tod. In seinem Leben sind und bleiben wir zu Hause, indem der Pulsschlag der Liebe des dreieinigen Gottes das Feuer der Liebe immer wieder in unseren Herzen entzündet.

 

Mit uns ist es, wenn wir den dreieinigen Gott bekennen,  also göttlich weit her. Wir sind verankert im Leben Gottes vor aller Zeit, in aller Zeit und nach aller Zeit. Der Glaube an den dreieinigen Gott führt darum in ein Leben mit großen Perspektiven. Er lässt auch in Zeiten wie unseren keinen Raum für Verzagtheit und Resignation. Er treibt er uns in die Weite der großen Geschichte Gottes, des Schöpfers, des Versöhners und des Erlösers der Welt, der uns zu Partnerinnen und Partnern der Klarheit seiner Liebe erwählt hat.

 

Doch ganz gewiss nicht nur uns! Der Glaube an den erwählenden Gott hat die Christenheit leider immer wieder dazu verführt, anzunehmen, nur sie seien die Erwählten und alle anderen nicht. Doch der dreieinige Gott ist nicht nur Gott für ein paar Menschen. Ein Gott nur für ein paar Menschen ist gar kein Gott! Er ist der Schöpfer aller Menschen. Er hat in Jesus Christus alle Menschen zu seinen Partnerinnen und Partnern erwählt.

 

Wir Christinnen und Christen sind nur die, die das kraft des Wirkens des Heiligen Geistes schon wissen. Doch religiöser Überlegenheitsdünkel gegenüber anderen Menschen ist uns fremd. Indem alle Menschen in die Geschichte des dreieinigen Gottes hinein gehören, werden wir ihnen – auch wenn sie anderes glauben und denken – vielmehr mit der Achtung begegnen, die jedem von Gott erwählten, das heißt geliebten Menschen gebührt.

 

Denn das macht unser Text aus dem Epheserbrief ja ganz schön klar. Erwählung beruht auf Liebe. Das wissen alle, die eine Partnerin und einen Partner ihres Lebens erwählt haben. Diese Erwählung von uns Menschen betrifft jedoch nur einen oder eine. Die erwählende Liebe des dreieinigen Gottes aber gilt allen seinen Geschöpfen. Sie ist so reich, dass Gott sie nicht für sich behalten will, sondern dass er sie auf uns überströmen lässt, uns in Dasein ruft und für uns eintritt, wenn wir sie verraten. Sein starker Geist hört nicht auf, uns dazu zu inspirieren, unser Leben mit Worten und Taten ein Leben zum Lob der Liebe werden zu lassen.

 

Lob der Liebe zu sein – kann man sich eigentlich einen Sinn unseres Lebens vorstellen, der uns mehr erfüllen, ja uns für dieses unser Leben Gottes mehr begeistern kann? Die Krankheit unserer Zeit ist, dass Menschen ihr Leben als sinnlos erfahren. Das heißt: Es gehört in keinen Zusammenhang, der es trägt. Es wird bloß zu irgendwelchen Zwecken verbraucht. Weil es damit aus allen Zusammenhängen heraus fällt, wird es als sinnlos erfahren und erlitten. Die Geschichte des dreieinigen Gottes mit uns Menschen, die eine Geschichte der Liebe ist, schenkt unserem Leben demgegenüber einen Zusammenhang, einen Sinn mit ewigem Grund.

 

Es ist deshalb wirklich nicht gut, dass das Reden vom dreieinigen Gott in der Verkündigung unserer Kirche so wenig vorkommt. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass sich das Nachdenken über den dreieinigen Gott in der Tradition unserer Kirche dem Verdacht ausgesetzt hat, mit komplizierten Überlegungen etwas in Gott hinein zu spekulieren, von dem wir gar nichts wissen können. Die Studierenden der Theologie, die hier im Gottesdienst sitzen, wissen ein Liedchen davon zu singen. Ihnen kommt das, was die kirchliche Tradition zur Erklärung des dreieinigen Gottes beigetragen hat, zuweilen so vor wie eine höhere religiöse Mathematik, für die man einen einem Begriffsrechenschieber benötigt. Doch man muss auch dieser Tradition zugutehalten, dass sie auf ihre Weise das Bekenntnis zum Gott der Liebe in unseren Kirchen wach gehalten hat. Lebendig aber wird der Glaube an den dreieinigen Gott nur sein und bleiben, wenn er von seinem biblischen Wurzelgrunde her die Liebe als das eigentliche Geheimnis Gottes in unseren Herzen verankert.

 

„Aufbrüche“ lautet das Thema der Gottesdienste, welche die Sophiengemeinde derzeit zusammen mit der Universitätsgemeinde feiert. Der Sonntag „Trinititas“ prägt ein, dass Gott schon längst aufgebrochen ist, ehe wir beginnen aufzubrechen. Sein Leben, wie es uns Jesus Christus erschlossen ist, besteht nämlich aus lauter Übergängen zu denen, die er liebt. Wenn unser Leben ein Spiegel dieser Übergänge ist, dann ist es ein Leben zum Lobe des dreieinigen Gottes, für die 23 Sonntage nach Trinitatis bestimmt nicht reichen. Amen. 

 

 


 
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