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10.04.2016 18:36 Alter: 1 Jahr(e)
Kategorie: Predigten

Der ewige gute Hirte (1. Joh. 5, 11-13)

Predigt in der Nordend- und Luthergemeinde Berlin am 10.04.2016


Liebe Gemeinde,

der gute Hirte kennt die Seinen, haben wir vorhin im Evangelium dieses Sonntags gehört. Für ihn sind sie – das heißt wir – nicht die unbekannten Wesen, die ziel- und sinnlos auf den grünen Auen von Gottes Schöpfung herumirren. Für ihn sind sie – das heißt wir – solche Menschen, die auf „rechter Straße“ den Weg ihres Lebens gehen. So kennt er uns der gute Hirte. Aber kennen wir uns auch selbst so? Können uns die Menschen rings um uns her auch so wahrnehmen? Können sie uns das Zeugnis ausstellen, dass der gute Hirte uns zweifellos ein gutes Leben ermöglicht?

Der Predigttext aus dem 1. Johannesbrief im 5. Kapitel kann das. Doch er redet nicht nur vom guten Leben. Sein Zeugnis von unserem Leben greift noch viel weiter und tiefer. Denn er sagt in Vers 11-13 von uns:

11 Das ist das Zeugnis: Gott hat uns das ewige Leben gegeben, und dieses Leben ist in seinem Sohn.

12 Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn nicht hat, der hat das Leben nicht.

13 Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr an den Namen des Sohnes Gottes glaubt.

Wer uns im Namen des guten Hirten ein derartiges Zeugnis ausstellt und mitteilt, liebe Gemeinde, tut etwas ganz Bedeutendes für uns. Er vergewissert uns, dass unser Leben niemals ohne einen Zeugen sein wird. Denn Zeugen zu haben, ist für uns lebenswichtig. Ohne Zeugen – und das heißt zunächst einmal: ohne die anderen Menschen mit ihrer besonderen Wahrnehmung von uns – würden wir ein gespenstisches Leben führen; unbemerkt, irgendwie unwichtig, eigentlich schon mitten im Leben tot. Wer die Zeugen seines Lebens verliert, verliert sich selbst.

Das erfahren und empfinden gerade in einer solchen Millionenstadt wie Berlin und nicht nur hier unzählige Menschen: Die zur Nummer Gewordenen in der Arbeitswelt, die nur interessieren, sofern sie funktionieren; die an den Rand der Gesellschaft Gerutschten, die schon gar niemand mehr wahrnimmt; die Menge der vor Terror und Krieg Fliehenden, die danach eingeschätzt werden, wie viele von ihnen unser Wohlstand verkraftet; die ganz alten Menschen, deren Umfeld hinwegstirbt, so dass die Erinnerung an sie schon verlöscht, während sie noch leben.

Sie alle haben keine Zeugen ihres ganz besonderen Lebens mehr. Sie verschwinden irgendwo im Nebel. Zeugen unseres einmaligen Lebens zu haben, und wenn's auch ganz wenige sind, heißt im Unterschied dazu da sein, heißt Bleiben, heißt Leben und nicht Tod.

Wahrscheinlich ist die ganze Stilisierung zum „Typ“, dieman heute nicht nur bei jungen Menschen beobachten kann, auch nur so etwas wie ein unbeholfener Ruf nach Zeugen des Lebens, die uns fehlen. Man kleidet sich so, frisiert sich so, duftet so, tätowiert sich so, man quakkelt so wie irgendeine zufällige Größe der öffentlichen Aufmerksamkeit, als mache man sich dadurch des Zeugnisses würdig.

Aber ein solcher Ruf nach Zeugen, die uns nach unserem  „outfit“ bewerten, ist hohl wie ein Luftballon, der platzt, wenn wir etwas kräftiger in ihn hinein pusten. Platzt das „outfit“, dann aber springt uns nur zu oft die Langeweile an, von der Zeugnis zu geben niemand Lust hat. Wer Zeugen haben will, um da zu sein, um zu leben, der darf nicht wegrutschen, wenn man ihn ansieht; der muss irgendwie und irgendwo stehen, damit sich die Blicke auf ihn nicht im Nebel verlieren und statt des Zeugnisses von ihm nur ein Achselzucken bleibt.

Doch mit diesem Stehen, mit dem Nacktsein vor den Blicken der anderen, ist es seit Adams und Evas Zeiten auch so eine Sache. Wer will das wirklich, indem er sich frei gibt für das Zeugnis der anderen? Ganz offenbar sein mit allem, was ist und war in unserem Leben? Es ist merkwürdig, liebe Gemeinde, indem wir auf Zeugen aus sind, damit wir da sein, damit wir leben können, sind wir zugleich dabei, uns zu verbergen und einzunebeln. 

Wir brauchen die Augen und Ohren der anderen. Aber wir ertragen es nicht, wenn da auf einmal „neugierigste, überzudringliche“ Zeugen auftreten, die „in alle Winkel kriechen, in alle verhehlte Schmach und Hässlichkeit“. Zeugen von dieser Art sind keine Lebensspender, weil sie, indem sie sehen, zugleich vernichten, was sie sehen und weil sie, indem sie hören, zugleich „zersetzen“, was ihnen zu Ohren kommt. 

Darum war der Staatssicherheitsdienst in der eingemauerten DDR ja auch so eine menschenverachtende Sache. Er wollte alles von uns wissen, um uns ganz in der Hand zu haben. Heute passiert das vornehmlich, indem sich nicht nur Geheimdienste, sondern vor allem fragwürdige Geschäftemacher in die mediale und digitale Kommunikation einschleichen, in die sich nach und nach unsere ganze Gesellschaft einschifft. „Gebt bloß nicht zuviel von euch auf Facebook, Twitter und all den anderen „sozial“ genannten „Netzwerken“ preis, werden wir darum immer wieder gewarnt. Da sind keine „guten Hirten“ am Werke, welche euch zum „frischen Wasser“ führen, das euch erquickt und belebt. Da geht’s hinab in stinkende Sumpflöcher, in denen ihr Mühe habt, zu atmen.

Es ist deshalb ganz klar: Wer den sehnsüchtigen Ruf von uns Menschen nach Zeugen, die Leben gewähren, dazu missbraucht, alles zu wissen, um uns manipulieren zu können, macht uns kaputt. Und wer das ins Werk setzt, will das auch. Er will kein „guter Hirte“ sein. Er ist ein Hirte, dem das Überwachen seine Schafe, das Zusammentreiben der blöden Schafe mit dressierten Hirtenhunden vor allen Dingen interessiert. Aber wo, liebe Gemeinde, ist dann die Grenze zwischen dem, was von uns bezeugt werden muss, damit wir leben, und dem, was nicht bezeugt werden darf, damit wir nicht sterben?

Wenn wir ehrlich sind, liebe Schwestern und Brüder, müssen wir wohl sagen: Wir kennen diese Grenze nicht genau, nicht so genau, wie wir ein Grundstück vom anderen abgrenzen. Wir wissen nur zweierlei.

Einerseits: Ein jeder Mensch hat sein eigenes Geheimnis. Das macht ihn zu einem unverwechselbaren, immer neu zu entdeckenden Menschen. Hat eine Frau ihren Mann und ein Mann seine Frau, die Nachbarin den Nachbarn, der Freund die Freundin erst einmal in ein Schema der Wahrnehmung eingetaktet, dann wird vom anderen gar nichts mehr erwartet. Dann weiß man schon vorher, was von ihm zu halten ist. Hinhören, Hinsehen kann man sich dann sparen.

Aber wir wissen auch das andere. So wie unser eigenes Leben ist Zeugnisses bedürftig ist, sind wir es auch anderen Menschen schuldig. In gewisser Weise sind wir darum alle Hirten, lateinisch Pastoren, des Lebens der Menschen, mit denen wir zusammen leben. Was wir von ihnen sagen und zeugen, kann sie ins „finstere Tal“ führen, in dem sie verachtet und missachtet werden. Es kann sie aber auch einladen, auf einer „grünen Aue“ auszuschreiten. Hier können sich alle darauf freuen, Menschen zu begegnen, die aus dem Geheimnis ihres Lebens heraus unser eigenes Leben reich machen.

Aber solch gute Hirten des Lebens unserer Nächsten sind seit den Zeiten rar, als Kain seinen Bruder Abel auf dem Felde erschlug. „Soll ich meines Bruder Hüter sein“? hat er keck und frech geantwortet, als er nach seinem ermordeten Bruder gefragt wurde. Was geht es mich an, fragen Menschen wie die Spießbürger in Goethes Faust auch heute, wenn „hinten fern in der Türkei die Völker aufeinander schlagen“?  

Diesen oder jenen, um dessen menschliches Herz sich ein Eisenring gelegt hat, mag das in der Tat nichts angehen. Darin jedoch unterscheidet er sich von Gott, der dort, wo Menschen aufhören, von ihren Nächsten ein Zeugnis des Lebens zu geben, ihnen selbst ein Zeugnis von ewiger Gültigkeit ausstellt. Sie sind des ewigen Leben würdig. Sie haben das ewige Leben, sagt der 1. Johannesbrief sogar. Das klingt steil inmitten von so viel Vergehen und Vergänglichkeit, das menschliches Leben kennzeichnet. Es ist jedoch für uns Christinnen und Christen die Erfahrung, die wir mit dem guten Hirten machen.

Sein ewiges Leben, an dem er uns teilgibt, wird uns nämlich nicht nur über die Todesgrenze hinwegführen. Es umgibt uns als Leben des ewigen guten Hirten schon jetzt von allen Seiten. Es ist keine zeitlose Hinzufügung zu unserem irdischen Dasein. Es hält uns das Gestern mit dem Heute und das Heute mit dem Morgen zusammen. Es sorgt dafür, dass uns unser Leben nicht davonläuft und zerrinnt. Es hält alles zusammen, was wir waren, sind und sein werden.

Eine beschämende Vergangenheit ist dann kein Grund mehr zur Scham, die uns in alle möglichen Verstecke treibt. Eine drückende Gegenwart ist dann kein Grund mehr zum Bedrücktsein, das uns lähmt. Eine ängstigende Zukunft ist dann kein Grund mehr zur Angst, die uns erstarren lässt. Im Sohne Gottes sind die Schmerzen und Wunden unserer Zeiten geheilt. Darum können wir jede Lebenszeit, die wir verbracht haben, aus den Händen des ewigen guten Hirten annehmen.

Wer den guten Hirten als Zeugen seines Leben an seiner Seite weiß, ist darum niemals ein vernichteter, sondern ein aufgerichteter Mensch. Er bekommt Mut, sich selber ins Gesicht zu sehen. Er bekommt auch Mut, selbst ein wahrhaftiger Zeuge seines Lebens, seiner Taten und Unterlassungen in der Begegnung mit anderen Menschen zu sein.

Das bedeutet nicht, das Geheimnis unseres Lebens, in dem kein Mensch den anderen Menschen vertreten oder ersetzen kann, preiszugeben. Es gibt in unserer Gesellschaft heute einen Trend zur Selbstentblößung, der mit der Würde eines jeden Menschen schwer vereinbar ist. Aber den Mut, ohne aufgesetzte Masken wir selbst zu sein, braucht es schon, wenn unser Leben ein vom Leben des guten Hirten inspiriertes gutes Leben werden soll 

Fehlt es an solchem Mut, dann kann im Grunde kein Zusammenleben von uns Menschen gelingen, bei dem wir uns untereinander vertrauen können. Dann herrscht das Misstrauen und mit ihm ein Klima der Verdächtigung und Beschuldigung. Die Medien heutzutage sind voll davon. Davor jedoch möchte uns der ewige gute Hirte bewahren

Er hört deshalb nicht auf, uns täglich auf grüne Auen zum frischen Wasser des Lebens aus seinem ewigen Leben zu führen. Wo uns unser Leben in lauter unzusammenhängende Stücke auseinander zu fallen droht, fügt er alles wieder gut zusammen. Er geht uns mit dem ewigen Heilmachen unserer Lebenszeit voran, so dass wir in seinen Fußspuren auf der rechten Straße frei und unverzagt auszuschreiten vermögen. Von allen Seiten umgeben vom ewigen Leben des guten Hirten wird unser Leben für unsere Nächsten und für uns selbst ein Leben sein, das Gott im Sinne hatte, als uns schuf. Amen. 


 
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