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25.12.2015 00:50 Alter: 2 Jahr(e)
Kategorie: Predigten

Das Wunder der Weihnacht

Predigt zur Christversper am 24.12.2015 in der Luthergemeinde Berlin-Pankow


Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht,

und über denen, die da wohnen im finsteren Lande, scheint es hell. [...] Denn Du hast ihr drückendes Joch […] zerbrochen wie am Tage Midians. Jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt […].

Denn es uns ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Throne Davids und in seinem Königreich.

Liebe Gemeinde,

Sicherlich hängt die eigenartige Faszination, die von diesen Versen der Bibel ausgeht, damit zusammen, dass es sich um ein Gedicht handelt. Martin Luther hat das in der deutschen Übersetzung ganz wunderbar nachempfunden. Wir merken da: Ein Gedicht reicht uns nicht wie ein Zeitungsartikel bloß ein paar Informationen herüber. Es schafft ein Atmosphäre, einen Raum der Empfindung für etwas Wahres, auf das sich jeder Mensch versteht. In diesem Falle ist es eine Atmosphäre des Friedens mitten in einer Welt von Uniformen, von Knüppeln, Spießen und Schwertern. 

Wir kennen diese Welt, in der die Stiefel der Krieger geputzt werden, die heute mit dem Gedröhn von Raketen, Kampfbombern, Flugzeugträgern und Panzern daherkommen. Wir sehen sie fast täglich im Fernsehen aus dem Irak, aus Syrien und aus so vielen Gebieten unserer Erde. Niemand hat die Menschen gezählt, die seit Jesajas Zeiten unter Schmerzen und Tränen darauf warten, dass der „Tag Midians“ anbricht. 

An diesem Tage nämlich – erzählt uns die Legende aus dem Alten Testament – soll ein Krieg zwischen Israel und einem feindlichen Stamm, dem der Midianiter – auf wundersam lächerliche Weise zu Ende gegangen sein. Gideon habe ein wüstes Posaunenkonzert veranstaltet. Da hätten die Midianiter einen höllischen Schrecken bekommen und seien durchgestartet. Zehntausende wilder Männer schmissen ihre Schwerter ins Gebüsch und machten, dass sie nach Hause kamen. 

Die Sehnsucht, die in dieser Geschichte durch alle Ritzen guckt, ist ganz eindeutig. So möchte es einmal sein: Eine der schönsten Gaben von uns Menschen, das Musizieren, wird stärker als die Wut sein, in der Menschen sinnlos aufeinander losgehen. Bei Gideon war’s noch ein wüstes Posaunenkonzert, das den Frieden erzwungen hat. Aber bei Jesaja wird es ein sanftes Lied – ein Lied vom Kinde, das die Hände zum Todschlagen untauglich werden lässt. 

Wir wissen nicht, an welches Kind Jesaja gedacht hat, dem er das Lahmlegen unserer alten Stiefelwelt zugetraut hat. Auch seine Namen verraten es uns nicht. Denn wer nennt sein Kind schon Wunder-Rat oder Friede-Fürst? Das sind Jubel-Namen im höheren Chor und nicht solche, die wir unseren Kindern geben oder die wir selbst tragen. Und doch sind es Namen, die eigentlich nur für Kinder taugen. 

Denn ein Kind ist ein Mensch am Anfang, in dem alle Möglichkeiten schlummern, so zu werden, wie Gott uns gemeint hat. Jedes Kind ist ein solcher Mensch am Anfang, in dem sich die ganze Fülle einer Welt versammelt, die nur zum Freuen da ist. Kein drückendes Joch, keine Spieße, keine dröhnenden Stiefel und blutigen Mäntel werden an einer Wiege erfunden und schon gar nicht Atombomben und Kampfdrohen.   

Jeder neu geborene Mensch ist darum die Chance des Werdens einer neuen Welt. Wir aber haben uns daran gewöhnt, dass der Anfang unseres wunderbaren menschlichen Lebens keine Fortsetzung findet, die dauerhafte Jubelrufe hervorruft. 

Jesus aber, der einen Menschennamen trägt wie wir, war ein solcher Mensch. Sein Leben war übervoll von Menschlichkeit. Es hatte nichts mit den dröhnenden Stiefelmenschen und ihren blutigen Mänteln zu tun. Der laute Jubel über den Frieden auf Erden und über Gottes Eifer für unsere Menschlichkeit begleitet darum von Anfang an sein Erscheinen auf unserer Erde.

Dieser Jubel sagt uns auch heute: Wenn Gott eifert, dann eifert er für die Kinder und niemals für die Killer. Dann eifert er für das Kind, das endlich das Wunder vollbringt, lebenslang ein Mensch zu sein, der nicht aufhört, mit dem Anfang anzufangen, den Gott uns geschenkt hat, als er uns schuf.  

„Jünger als vor 2000 Jahren, jünger als in dem Moment, da heute die Glocken läuten, kann die Welt nicht sein“, hat ein kluger Journalist unserer Tage gesagt. Wir werden jung, hat er gemeint, wenn das Dasein des Friedenskindes in unser aller Leben eine Fortsetzung findet. 

Ein bisschen versuchen wir das ja in diesen Weihnachtstagen. Maria und Joseph, die Hirten und die Weisen aus dem Morgenlande stiften Junge, Erwachsene und Alte an, sich gegenseitig ihre Zuneigung zueinander, ihre Liebe zu zeigen. Doch der große, raumgreifende Schwung von Jesajas Friedensbotschaft, die in Bethlehem Realität wurde, rüttelt am bloß Privaten und Familiären unserer deutschen Weihnachtsfestlichkeit. 

Darum bieten uns die meisten Darstellungen der Geburt Jesu einen offenen Stall dar. Er zeigt an: Der Frieden zwischen Gott und Mensch, der in diesem Kinde real ist, verwandelt unsere Welt. Sie ist jetzt, weil der Friede-Fürst da ist, unwiderruflich eine andere Welt geworden. 

Darum zählen wir ihre Tage und Jahre in unseren Kalendern, indem wir sie die Zeit „nach Christi Geburt“ nennen. Das ist mehr, liebe Gemeinde, als eine Datumsangabe. Das ist ein Beginn, der nicht mehr rückgängig zu machen ist, „seit unsere Erde gewürdigt wurde, den Menschen Jesus zu tragen“. Das ist ein Beginn, der es uns zur Lebensaufgabe macht, Menschen des Friedens zu werden. 

Die alte Stiefelwelt wehrt sich zwar mächtig dagegen. Sie führt heute mehr denn je harte Tatsachen und blutige Argumente gegen die Wirklichkeit des Friedens Gottes für uns mitten unter uns ins Feld. Sie beansprucht die Herrschaft über unser Leben. Wenn das aber geschieht, dann wird es höchste Zeit, dem einzigen Wunder in unserem Leben Raum zu geben, auf das wir uns wirklich verlassen können. Es ist das Wunder der Weihnacht. Amen.


 
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