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06.07.2015 08:10 Alter: 2 Jahr(e)
Kategorie: Predigten

Noch hinter Berges Rande

Abendgottesdienst in der Nordendgemeinde Berlin am 05.Juli 2015


Liebe Gemeinde,

das Glaubensbekenntnis, das wir eben gesungen haben, hat derselbe Dichter geschrieben, dessen Abendlied „Noch hinter Berges Rande“ heute Abend unsere besondere Aufmerksamkeit gelten soll. Mehr noch: Dieses Glaubenslied ist auch von demselben Komponisten vertont worden, der für unser Abendlied eine wunderbar einprägsame Melodie geschaffen hat. Der Dichter beider Lieder war Rudolf Alexander Schröder und ihr Komponist Christian Lahusen, der eine ganze Reihe von Liedern  vertont hat, die in unserem Gesangbuch stehen. 

„Noch hinter Berges Rande“ gehört leider nicht dazu, obwohl es in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Jungen Gemeinden und in den Studentengemeinden sehr beliebt war. Doch es gibt eigentlich keinen guten Grund dafür, dieses Lied ins Abseits unserer christlichen Gesangskultur zu stellen – auch den Grund nicht, dass Rudolf Alexander Schröder nach 1945 ein bisschen in die Kritik geraten war. Denn er hatte sich in der Zeit des Nationalsozialismus in so etwas wie eine „innere Emigration“, in eine innerliche Auswanderung aus Nazideutschland, zurückgezogen, ohne deutlich genug als Gegner der Nazis in Erscheinung zu treten. Das war er jedoch auf seine Weise als Dichter, als genialer Übersetzer von antiken Texten, als Verleger von wertvollen Büchern und Schriftsteller. 

Er hat sich in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auch als Architekt und Innenarchitekt einen Namen gemacht. Die Gestaltung des Speisesaals des Luxusdampfers „Bremen“ gilt z.B. als eines seiner Meisterwerke. 1935 aber hat er – um nicht ein Rad im Getriebe des nationalsozialistischen Staates zu werden – sein Schaffen als Architekt aufgegeben. Er siedelte sich im oberbayerischen Bergen im Chiemgau an. Dort lebte er bis seinem Tode im Jahre 1962. Dort hat er sich ganz seinem dichterischen Schaffen gewidmet. Dazu gehörte wesentlich sein Bemühen um die Erneuerung  des evangelischen Kirchenliedes. 

Denn in der Zeit, als die Nazis die Deutschen mit ihrem Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus benebelten, wurde ihm die Bekennende Kirche zu einem Halt und zu einem Kraftquell seines Schaffens. Er war kein „Widerstandskämpfer“, wie man heute sagt. Aber er verstand sein Schaffen als ein Hüten der Wahrheit, welcher er den längeren Atem zutraute, als der Verderben ausspeienden Ideologie des Nationalsozialismus. Sein Lied von 1936 „Es mag sein, dass alles fällt“, sollten wir uns deshalb vergegenwärtigen, wenn wir recht verstehen wollen, wie das Abendlied von 1937„Noch hinter Berges Rande“ zum Hüten der Wahrheit des christlichen Glaubens in einer entfesselten Zeit gehört und darum auch zu unserer global immer mehr aus den Fugen geratenen Zeit gehören kann.

 

EG 378,  1-5

Trümmer, Trug und List, Frevel, Missetat und Plagen – das war die Welt, wie sie Rudolf Alexander Schröder 1936 sah und erfuhr. Der Nationalsozialismus in Deutschland befand sich da in vollem Aufschwung. Die Massen jubelten dem „Führer“ zu. In Berlin fanden die olympischen Spiele statt, bei denen sich die Nazis bemühten, der Welt ein menschenfreundliches Gesicht zu zeigen. Wenn in der zweiten Strophe unseres Liedes von „Trug und List“ die Rede ist, dann dürfen wir sicherlich auch an die Scheinheiligkeit dieser Veranstaltung denken. Die Missetaten, die an den Juden und Andersdenkenden verübt wurden, hörten trotzdem nicht auf, sondern gingen erst richtig los. Die Demokratie lag in Trümmern. Die Plagen des Gesinnungsterrors überzogen das ganze Land. Die Frevel von Menschenschändung und Gottleugnung durften öffentliche Triumphe feiern. 

Die Botschaft unseres Liedes ist darum schon lange vor dem Zugrundegehen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ganz klar: Diese Missgestalt eines Staats- und Gesellschaftswesens hat keine Zukunft. Das dauert nur eine Weile. Denn das Versprechen Gottes, keinen Menschen fallen zu lassen, hat den längeren Atem als die nichtigen Werke von Menschenverachtung und Menschenhass. 

Doch „Angst und Sorge“, wie es in der letzten Strophe unseres Liedes heißt, setzen denen, die darunter zu leiden haben, dennoch zu. Ihnen will dieses Lied den Rücken stärken. In ihrem Glauben an Gott hat das Anliegen einer gerechten Welt eine starke Bastion, auch wenn es so scheint, dass die, die dafür eintreten, schwach sind und unterliegen. Denn der Glaube an Gott verleiht Standfestigkeit in einer aus den Fugen geratenen Zeit, die trotzdem in Gottes Händen bleibt. 

Es ist darum kein Zufall, dass Rudolf Alexander Schröder 1937 ein Glaubenslied geschrieben hat. In ihm hat er das apostolische Glaubensbekenntnis, das wir jeden Sonntag in Gottesdienst sprechen, im 2. Vers auf die Pointe zugespitzt, dass Gottes Geist die stark macht, die danieder liegen. Sein ganzes Dichten in dieser Zeit hat im Grunde diese Pointe. 

Die Lieder von ihm, die das in vielen Variationen zum Ausdruck bringen und die noch im Evangelischen Kirchengesangbuch von 1950 standen, sind leider nicht in das Evangelische Gesangbuch, das wir heute benutzen, aufgenommen worden. 

Das hängt auch damit zusammen, dass Rudolf Alexander Schröder sich bei der Dichtung seiner Lieder einer altertümelnden Sprache bedient hat. Von ihr versprach er sich eine Einkehr der Christenheit in den Geist echter Frömmigkeit. Heute jedoch wird die Belebung dieser Sprache eher als hinderlich für den Ausdruck des Glaubens an Gott empfunden. Deshalb kommen eben nur noch drei Lieder von ihm in unserem Evangelischen Gesangbuch vor und „Noch hinter Berges Randen“ gar nicht. Wenn wir dieses Lied jetzt singen, aber werden wir sicherlich merken, welche eigentümliche Kraft diese dichterische Sprache trotzdem hat. 

 


Lied: Noch hinter Berges Rande

1. Noch hinter Berges Rande      
steht braun der Abendschein, 
da hüllen sich die Lande 
in ihre Schatten ein. 
Wo Sonne kaum gelacht, 
der Frierenden erbarmte, 
uns kurze Zeit erwarmte, 
wohnt wiederum die Nacht. 

2. Wird noch ein Weilchen währen, 
bis rings am Firmament 
in königlichen Ehren 
von tausend Fackeln brennt. 
Doch bleibt's ein kahler Prunk. 
Wir hätten an der einen, 
wollt sie nur ewig scheinen, 
für alle Zeit genug.

3. Bald schimmert von den Wänden 
der Lampe Widerschein. 
Uns deucht, sie will uns blenden, 
und ist doch arm und klein. 
Wir hören froh den Braus 
in Herd und Esse lärmen: 
Er kann die Welt nicht wärmen, 
doch wärmt er Haus bei Haus. 

4. Dann nimmt auch das ein Ende, 
wir sagen gute Nacht 
und falten unsre Hände 
und danken dem, der wacht, 
der alle Welt umfängt 
mit Sonnen, Stern und Erde, 
und dem geringsten Herde 
sein Licht und Feuer schenkt.

Unser Lied beginnt – so ähnlich wie „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius – mit einer Landschaftsbeschreibung. Hier wird jedoch nicht die Abendstimmung auf dem flachen Lande, sondern in einer gebirgigen Gegend beschrieben. Die untergehende Sonne färbt den Wolkenhimmel bräunlich – so ungefähr, wie es auf dem Plakat für diesen Abendgottesdienst zu sehen ist. Je weiter die Sonne sinkt, umso mehr zucken ihre letzten Strahlen am Himmel. Die Menschen ziehen sich in ihre Häuser zurück und müssen selbst Licht machen. Und dann ist es Zeit zum Schlafengehen.

Das ist die auf den ersten Blick die friedliche Szenerie dieses Liedes. Aber der Anblick des in vielen Farben schimmernden Himmels am Abend lädt trotzdem nicht zum frohen Staunen und zur Dankbarkeit dafür ein, in welch einer wundervollen Welt wir leben dürfen. Zwar wirkt es majestätisch, wie die Sonnenstrahlen durch den immer dunkler werdenden Himmel zucken. Aber das lässt uns eher frösteln. Es bleibt ein „kahler Prunk“, der uns selbst nicht wärmt.

Denn wir befinden uns im Frühwinter, in welchem die Tage kurz sind und die Sonne nur kurz wärmt. Der Tag ist da gewissermaßen nur ein Zwischenspiel zwischen zwei Nächten. Indem sich über das Land die Schatten der Nacht breiten, beginnen wir zu frieren. Und wenn die kalte, lange Nacht dann regelrecht auf der Erde „wohnt“, sich einnistet, dann wünschen wir wohl, nur eine dieser Himmelsfackeln der untergehenden Sonne möchte uns immer wärmen.

Aber das geschieht nicht. Uns bleibt nur, uns in unsere Häuser zurück zu ziehen und das Licht der Sonne durch unsere Lampen zu ersetzen. Uns bleibt nur, den Ofen oder den Kamin und damals in Oberbayern auch den Herd anzuheizen, um uns wenigstens so zu wärmen. Doch die kalte Nacht da draußen bleibt. Unsere kleinen Lichter und Feuerchen können die Welt mit ihrer Kälte nicht wärmen.

Wir dürfen diese Erfahrung des Abends, mit dem solche Kälte herein bricht, ganz sicherlich mit der kalten Nacht der Menschenfeindschaft in Beziehung setzen, die damals über Deutschland herein gebrochen war. Wir hören in unserem Lied darum auch eine Klage darüber, dass der Rückzug in ein bisschen Geborgenheit bei Lampenlicht und Herdfeuer diese Nacht nicht zu durchbrechen vermag. Die Emigration aus der Kälte in die private Wärme hat den Preis, dass die Ohnmacht gegenüber Heranbrechen der Nacht erst recht spürbar wird.   

Doch das Lied, das die Überschrift „Abendsegen“ trägt, endet nicht mit wehleidigem Klagen darüber. Es bricht die bedrückende Atmosphäre auf, die sich über die Welt legt, wenn die kalten Schatten der Nacht und des Dunkels menschlicher Untaten sie einhüllen. Es endet damit, dass wir uns eine gute Nacht sagen. Das können wir trotz allem, wenn wir uns im Falten der Hände dem anvertrauen, der wach bleibt und alle Welt mit dem Segen seiner Fürsorge für das Leben seiner Geschöpfe umfängt.

Im Abendgebet zu Gott, dem Schöpfer, wird darum auch das kleine Licht, das wir hüten, und das bisschen Wärme unserer Menschlichkeit zum Vorboten des großen Lichtes, das Gott auf unserer Erde entzündet hat. Die Nacht bleibt dann doch nicht der Horizont für unser Lebens. Wer gute Nacht sagen kann, weil Gott wacht, ist gewiss, dass „auf guten Abend guter Morgen kommt“. So endet das andere Abendlied, das Rudolf Alexander Schröder fünf Jahre später geschrieben hat und das wir jetzt singen wollen.

 

EG 487: Abend ward, bald kommt die Nacht

In dem Lied „Abend ward, bald kommt die Nacht“ spielt das Erleben der kalten, dunklen Nacht in einer kalten, dunklen Winterwelt gar keine Rolle mehr. Das ist etwas verwunderlich, weil sich 1942 mitten im 2. Weltkrieg noch viel mehr dunkle Schatten über der ganzen Welt ausgebreitet hatten. Sie versprachen alles andere als einen „guten Morgen“. Verdrängen will dieses neue Abendlied die Erfahrungen mit der dunklen und kalten Abendwelt aber ganz gewiss nicht. Die Plagen, die sie uns bereitet, sind gegenwärtig. Die Einsamkeit, die sie uns spüren lässt, ist da. Das Erleben des Abends, der die Welt in kalte Dunkelheit hüllt, bleibt.

Aber anders als im Glauben an den Schöpfer, der selbst die dunkelste Dunkelheit umfängt, geht es jetzt nicht nur darum, das wir trotzdem eine gute Nacht haben können. Denn der nächste Tag, an dem wir erwachen, erscheint nun nicht mehr bloß als ein kurzer Tag mit spärlicher Sonne, der von hinten und vorne irgendwie hoffnungslos in die Nacht eingeklemmt ist. Das Gedenken an den, der keinen einsam sein lässt, sprengt diese Klemme. Es macht den Abend zu einer Zeit, an dem wir uns auf den Morgen freuen können.

Es wird, liebe Gemeinde, ein „guter Morgen“ sein, weil die eine Fackel, welche die ganze Welt erleuchtet und sie wärmt – Jesus Christus – uns frei macht vom Trübsinn, den die untergehende Sonne auslöst. Es wird ein „guter Morgen“ sein, an dem die Sonne der Menschenfreundlichkeit Gottes uns den Weg leuchtet. Wo sie scheint, wird der Tag nicht von der Nacht zunichte gemacht. Da muss die Nacht dem Tage dienen. Sie dient dem Tage, indem sie uns als Zeit der Ruhe die Kraft schenkt, die wir brauchen, um mit Jesus Christus in eine menschenfreundlichere Welt aufzubrechen. Amen.


 
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