< Heil denen, die Frieden schaffen (Matthäus 5, 9)
03.04.2015 12:09 Alter: 2 Jahr(e)
Kategorie: Predigten

Johannes 19, 16-30

Predigt am Karfreitag (03.04.2015) in der Nordendgemeinde Berlin


Liebe Gemeinde,

Karfreitag ist – wie schon der Name sagt – ein Trauer- und Kummertag. Denn „kara“, das im Wort Karfreitag steckt, heißt im Althochdeutschen Trauer oder Kummer. Traurig und bekümmert führt sich die Christenheit demnach an diesem Tage, ja die ganze Woche lang von alters her vor Augen, dass und wie Jesus Christus gestorben ist. Die Glocken läuten nicht. Die Kerzen brennen nicht. Der Altar ist nicht geschmückt. Die Lieder sind überwiegend auf Moll gestimmt. Die Karwoche ist nach alter Tradition darauf ausgerichtet, dass Christinnen und Christen sich bemühen, die Leiden Jesu Christi mitzuleiden.

Warum aber, liebe Gemeinde, tun wir das? Warum bedarf es eines solchen besonderen Trauer- und Kummertages, an dem wir uns das qualvolle Sterben Jesu Christi am Kreuz vergegenwärtigen? Das kann nämlich keine leichte Sache sein. Denn Jesus ist durch die schlimmste Hinrichtungsart gestorben, welche sich die römischen Herrscher damals für die ersonnen hatten, die an ihrer Macht rüttelten. Können wir das überhaupt, solches Leiden mitleiden? 

Gerade in diesen Tagen ist es doch so, dass wir es kaum aushalten, uns vorzustellen, auf welche Weise die armen, armen Menschen, – die Schülerinnen und Schüler aus Haltern und all die anderen gestorben sind, die von einem offenbar kranken Menschen in den französischen Alpen zerschmettert wurden. Wir halten es im Grunde auch nicht aus, uns das Meer von Leiden wirklich nahe kommen zu lassen, das der sogenannte „Islamische Staat“ im Irak und in Syrien, die „Bokoharam“ in Nigeria und die Huti im Jemen mit ihren Mordorgien, zu denen sogar Kreuzigungen gehören, jeden Tag wehrlosen, unschuldigen Menschen antun.

Wir sind mit unseren kleinen Seelen gar nicht in der Lage und fähig, das massenhafte Schreien in uns aufzunehmen, das täglich aus dem Munde von gefolterten, gequälten, gemordeten Menschen Gottes Schöpfung verdunkelt. Unsere Augen würden in einem Tränenmeer ersaufen, wollten oder sollten wir die Tränen dieser Menschen mitweinen, die täglich von einer Sturzflut des Elends künden, in die Menschen andere Menschen stürzen.

Damit uns nicht die Ohren platzen und die Augen in einem  dunklen Tränenmeer gar nichts mehr sehen, tun wir das, was alle tun. Wir verdrängen das Schreien. Wir setzen uns eine Schutzbrille auf vor der Sturzflut der Tränen. Leid und Tränen werden zur Nachricht; zur spannend inszenierten Nachricht sogar von „Tagesschau extra“ drei Tage lang. Aber dann sind wieder „Rote Rosen“ dran, gemütliche Liebesschnulzen aus Lüneburg oder Talkshows, in denen das Unfassbare von allen möglichen Schlaumeiern zerredet wird.

Irgendwie können wir, liebe Gemeinde, diese Rückwendung vom Schreien und Weinen zur Tagesordnung des alltäglichen Lebens mit seinen Banalitäten und kleinen Sorgen sicherlich alle verstehen. Wer vom Schreien der Misshandelten taub und von ihren Tränen blind ist, findet keinen Weg mehr für sein eigenes Leben.

Das gilt nicht nur, wenn uns das riesengroße Weltelend unserer Zeit die Bejahung des Lebens überhaupt zu ersticken droht. Wen der Schmerz über den Verlust auch nur eines geliebten Menschen nicht mehr loslässt, wandelt in einem Tal des Todes, in dem aller Lebensmut erlischt. Wen die Toten und ihr Sterben nicht verlassen, wen sie dauerhaft umklammern, für den wird das Leben zum Albtraum.  

Es ist darum nicht nur auf das Konto der oberflächlichen Devise „das Leben geht weiter“ zu schreiben, wenn Menschen sich von den Schmerzen freimachen, die ihnen der Tod und die Umstände des Sterbens naher und ferner Menschen bereiten. Die Wunden dieses Schmerzes dürfen und sollen auch vernarben, wenn die Toten nicht dunkle Gespenster in unserem Leben werden sollen.

Jene oberflächliche Devise wartet das Vernarben freilich gar nicht erst ab. Sie lädt zur Flucht davor ein, dass die Wundschmerzen des Sterbens von anderen überhaupt zu eigenen Schmerzen werden. Auf dieser Flucht kommt man höchstens ein bisschen ins Stolpern, wenn der Tod anderer Menschen ins eigene Leben vordringt. Es ist eine Flucht in ein Leben, das sich in der Illusion schaukelt, man sei selbst kein sterblicher, verletzlicher Mensch, dem solches Leiden auch widerfahren kann.

Vernarben braucht im Unterschied zu solcher Flucht dagegen Zeit, in der sich die Wunden nach und nach schließen. Sie sind noch da. Wir fühlen sie. Aber sie jagen nicht in die Flucht. Vernarbte Wunden sind wie Plattformen, von denen aus sich das Leben der Verstorbenen unserem eigenen Leben wieder zuordnen kann. Weil die vernarbte Wunde ihres Sterbens nicht mehr wie die offene Wunde die Lebenskräfte bindet, schließt sich unser Leben in Dankbarkeit mit dem zusammen, was ein verstorbener Mensch an Guten in unser eigenes Leben eingezeichnet ist.

Diese Dankbarkeit wird aufgrund der Sanftmut der Zeit nach aller Erfahrung dann stärker und stärker sein, als die Schmerzen, die uns das Sterben eines nahen Menschen einmal zugefügt hat. Es kann sogar diese Schmerzen umfangen. Trauer und Kummer werden dann gewendet zu einer Erinnerung, die in unserem Leben zwar nach wie vor schwer wiegt, aber uns nicht mehr erdrückt.

Eine Erinnerung, die zwar schwer wiegt, aber uns mit den Qualen des Sterbens nicht mehr erdrückt, ist auch der Tod Jesu Christi für die Christenheit geworden. Darum konnte das Kreuz, dieser schreckliche Galgen, geradezu zum symbolischen Erkennungsmerkmal der Christenheit werden. Es zeugt nicht mehr von Angst und Schrecken, von Leiden und Pein, sondern davon, dass Gott – um mit dem Apostel Paulus zu reden – dem Tod den „Stachel“ gezogen hat; den Stachel sinnloser Vernichtung unseres Lebens.

Doch in dieser Verwandlung eines Todeszeichens in ein Symbol des Lebens steckt auch ein Problem. Eigentlich müssten wir, die wir unter dem Zeichen des Kreuzes Jesu Christi leben, den Tod ja täglich vor Augen haben. Eigentlich müsste uns das Kreuz Jesu Christi täglich daran erinnern, dass auch wir sterbliche Menschen sind, denen der Stachel des Todes nach wie vor zusetzt – sei es, dass er sich mit Krankheiten meldet, sei es, dass er durch den Tod anderer naher und ferner Menschen in unser Leben eindringt.

Aber denken wir daran, wenn wir jeden Sonntag an dem Holzkreuz vorbeigehen, das im Eingang zu unserem Kirchengelände in der Schönhauser Straße steht? Denken die Menschen, die diese Straße entlang eilen, daran? Das Kreuz Jesu Christi – zum Symbol  geworden, von dem der Gekreuzigte entfernt wurde – verführt dazu, zu vergessen, dass es nur in der Erinnerung an das Leiden und Sterben Jesu Christi von der Liebe Gottes kündet, die stärker ist als der Tod.    

Ohne diese Erinnerung steht dann das Kreuz zwar auf zahllosen Kirchtürmen in der Gegend herum. Es ziert Briefköpfe von Kirchengemeinden und Kirchenbehörden. Es kommt auf jeder Internetseite vor, die mit der Kirche etwas zu tun hat. Bischöfinnen und Bischöfen wird es vergoldet oder versilbert um den Hals gehängt. Teenager, Tennisstars und christliche Damen tragen es an zierlichen Kettchen.

Angesichts solchen Gebrauchs des Kreuzes Jesu Christi beantwortet sich unsere Frage, warum ein Trauer- und Kummertag, eine Trauer- und Kummerzeit mit Jesus Christus wohl angebracht ist, eigentlich von alleine. Das Kreuz Jesu Christi ohne den, der an diesem Kreuze hängt und ohne seine Geschichte, ohne Erinnerung an sein Sterben, ist religiöses Getue, auch wenn es – um sich heutzutage als Christinnen oder Christ zu erkennen zu geben – noch so gut gemeint ist.

Ob die ernstliche Erinnerung an das Sterben Jesu Christi aber die Wunden wieder aufreißen soll, an denen Jesus Christus gelitten hat, ist allerdings die Frage. In jüngerer Zeit hat Mel Gibson mit seinem Film über die Passion Jesu zum Beispiel ein derartiges Aufreißen die äußerste Spitze getrieben. Er hat eine Blutorgie inszeniert, die gar nicht zu ertragen ist. Ich habe mir das nicht bis zum Ende angesehen. 

Aber auch unsere evangelische Tradition des Gedenkens an das Sterben Jesu Christi hat eine Tendenz, gewissermaßen im Leiden Jesu Christi zu schwelgen. Paul Gerhard mit seinen anrührenden Passionsliedern ist davon nicht ganz frei und auch Johann Sebastian Bach nicht mit seiner musikalisch sicherlich wunderbaren und einzigartigen Vertonung der Matthäuspassion. Das ist eine Trauerode voll von "Seufzern, Klagen und Anklagen, von Ausrufen des Entsetzens, des Bedauerns und des Mitleidens", die die in einem regelrechten Grabgesang ihren Ausklang findet. „Ruhet sanft ihr heiligen Gebeine“ heißt er.

Einen gewissen Anhaltspunkt hat dieser Wunden aufreißende Grabgesang tatsächlich im Bericht des Matthäusevangeliums von der Passion Jesu Christi, der auf der Darstellung des ältesten Evangeliums durch Markus fußt. Danach stirbt Jesus mit lautem Schreien. Er stirbt mit der Frage eines Verzweifelten, von Gott und von den Menschen Verlassenen auf den Lippen: Eli, Eli, lama asabtani – mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?  Es ist verständlich, wenn das Gedenken an das Sterben Jesu von daher darauf gerichtet ist, diese Verzweiflung nachzuempfinden

Doch so wie uns das Johannesevangelium das Sterben Jesu am Kreuz schildert, ist von dieser Verzweiflung nichts mehr zu spüren. Dieses Evangelium ist viel später entstanden als die anderen drei. In der Zeit dazwischen hat sich offenkundig etwas Ähnliches abgespielt wie bei uns, wenn sich das tief schmerzende Erleben des Todes eines nahen Menschen in eine Erinnerung wandelt, die uns nicht mehr in Verzweiflung stürzt und erdrückt.

Die ganze schreckliche Prozedur einer Kreuzigung wird hier darum nicht ausgemalt, sondern ohne Kommentar nur nüchtern registriert: Die Henker nahmen ihn … er musste sein Kreuz selbst schleppen … sie kreuzigten ihn zwischen zwei anderen, deren Namen nicht genannt werden.

Dann aber schweift dieser Bericht vom Sterben Jesu regelrecht ab. Von einem Disput zwischen den Hohenpriestern und Pilatus über die angemessene Bezeichnung Jesu als „König der Juden“ wird berichtet. Das Verlosen der Bekleidung Jesu durch die beutehungrige Soldateska wird als Erfüllung einer altestamentlichen Weissagung bedeutungsvoll hervor gehoben. Erst danach erst wendet sich der Blick zurück zu dem, um den es doch eigentlich geht, zu dem, der ans Kreuz genagelt ist.

Aber der hängt dort nicht klagend und schreiend. Er hängt dort gewissermaßen souverän gegenüber dem, was ihm Menschen antun. Er stirbt wie einer, der mit diesem Ende seines Lebens einverstanden ist und darum noch dafür sorgt, dass nach seinem Weggang auf dieser Erde alles wohl geordnet bleibt. Er macht gewissermaßen sein Testament, indem er seinem Lieblingsjünger die Verantwortung für seine Mutter anvertraut.

Sein letztes Wort ist deshalb das Wort eines Menschen, der sich bei dem, was Menschen ihm antun, das Heft nicht aus der Hand nehmen lässt. Es lautet: Es ist vollbracht. Wenn etwas vollbracht ist, dann ist das jedoch kein Anlass zum Verzweifeln. Dann hat es seine Richtigkeit damit.

Doch dagegen, dass es richtig ist, was Jesus hier angetan wurde, sträubt sich schlicht unser menschliches Empfinden. Menschen sollen nicht so sterben, wie Jesus starb. Doch dieses Empfinden steht durchaus nicht im Gegensatz dazu, dass die Erinnerung an das Sterben Jesu im Johannes-Evangelium nicht die Henker, sondern Jesus selbst sagen lässt: Es ist vollbracht.

Das hätten sie wohl gern, die Henker von gestern und heute, dass ihr Vollbringen die Überschrift über das Leben von uns Menschen wird. Das hätten sie wohl gern, dass uns Verzweiflung, Trauer und Kummer über die Gewalt, mit der sie sich brüsten, nur noch Grabgesänge anstimmen lässt.

Doch Pilatus, die um den Ruf ihres Volkes besorgten Priester und erst recht die beutehungrige Soldateska werden in der Erinnerung des Johannes an das Sterben Jesu nach und nach zu Randfiguren. Das, was sie vollbringen, hat keine Zukunft. Unschuldige umzubringen ist kein Tun, das uns auf dieser Erde Gottes frei atmen und ausschreiten lässt.

Jesu Passion aber hat trotz und in allem Schrecklichen, das er erleiden musste, der Gewalt, mit der sich Menschen gegen andere Menschen behaupten wollen, innerlich das Wasser abgegraben. Er hat vollbracht, dass es fortan nur noch als absurd und sinnlos gelten muss, wahrhaft menschliche Menschen wie ihn aus der Weltgeschichte auszuschalten. Er hat vollbracht, dass in seiner Gottesgewissheit im Sterben schon das Licht von Ostern leuchtet. Mit diesem Licht ließ Gott das Sterben Jesu Christi zum Anfang für alle Menschen werden, die so leben, wie er uns gemeint hat, als er uns schuf.

Ein Trauer- und Kummertag ohne Horizont und Perspektive kann der Karfreitag, liebe Gemeinde, für uns deshalb nicht sein. Traurig und bekümmert werden wir wohl sein, wenn wir uns klar machen, was Jesus Christus ertrug und wie viele Menschen bis heute Leiden ertragen müssen, die sich seinem Leiden zuordnen. Aber über Trauer und Kummer können wir doch auch schon hinaus sein. Denn dieser Jesus Christus macht uns mit seinem Sterben Mut, seinem Leiden unendlich viel Lebenskraft aus Gottes Leben zuzutrauen. Amen.   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 
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