< Ich schäme mich des Evangeliums nicht
05.12.2018 17:59 Age: 6 Tag(e)
Category: Vorträge

Karl Barth und die Kirchlichen Hochschulen in der DDR. Eine noch aktuelle Erinnerung?

Vortrag am 16.11.2018 beim Förderverein "Evangelisches Studienhaus Leipzig e.V."


1. Was ist heute in der Evangelischen Theologie „aktuell“?

Den Untertitel meines Vortrages mit seinem Fragezeichen hat der Kollege Zimmerling formuliert. Er lässt beide Möglichkeiten offen. Einerseits, dass sowohl die Rezeption von Karl Barths Theologie wie auch die kritische Auseinandersetzung mit ihr, die an den Kirchlichen Hochschulen der DDR stattfand, nicht mehr „aktuell“ und deshalb nur einer Art Museumsbesichtigung wert sei. Andererseits, dass beides sehr wohl noch „aktuell“ ist und deshalb beute in Theologie und Kirche eine Rolle spielen sollte. So oder so müsste aber von vornherein geklärt werden, was denn in Sachen Karl Barth „aktuell“, aber auch nicht „aktuell“ zu heißen verdient. Deshalb werfen wir zunächst einen Blick einen kurzen Blick darauf, wie Karl Barths Theologie, aber auch sein kirchliches und politisches Engagement heute in Kirche und Theologie zu stehen kommen.

Als Erstes können wir uns da auf einen zweifellos aktuellen Vorgang beziehen. Der Reformierte Bund, die Evangelische Kirche in Deutschland, die Union Evangelischer Kirchen und der Schweizer Evangelische Kirchenbund haben das Jahr 2019 zum „Karl-Barth-Jahr“ erklärt. Anlass dazu ist der 50. Todestag Karl Barths am 10. Dezember und das Erscheinen seines Römerbriefkommentars vor 100 Jahren. Gewürdigt werden soll – heißt es in der Verlautbarung des Reformierten Bundes in Deutschland – der „bedeutendste Theologe“ des 20. Jahrhunderts und „Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus“. Der Internetseite www.karl-barth-jahr.eu ist außerdem zu entnehmen, dass der Schweizer Evangelischer Kirchenbund Barths Theologie  als einen „Meilenstein moderner Theologie“ zu würdigen beabsichtigt. Der Generalsekretär des Reformierten Bundes, Dr. Achim Detmars, aber erhofft sich von diesem Jahr eine „ Wiederentdeckung der radikalen Fragen, mit denen Barth Kirche und Theologie aufgemischt hat und bis heute herausfordert“. 

Zentrum dieses Barth-Events wird eine Wanderausstellung sein, welche die einzelnen Etappen des Weges von Karl Barth in Erinnerung ruft. Eine Barth-Puppe wird auftreten und eine ganze Reihe von Veranstaltungen – beginnend mit der Verleihung des Karl-Barth-Preises der UEK in Basel – ist angekündigt. Anekdoten, gewürzte Worte von Barth, seine Mozartliebe, sein Liebesleben und manches andere aus seiner Biographie sollen helfen, diesen Theologen für uns heute interessant oder einer breiteren Öffentlichkeit überhaupt erst bekannt zu machen. Worauf das Ganze theologisch hinauslaufen soll, aber wird mit dem Motto „Gott trifft Mensch“ zum Ausdruck gebracht.

Dieses weitläufige Motto könnte zwar gut und gerne für viele andere Theologien des 20. Jahrhunderts verwendet werden, die in verschiedenster Weise davon handeln, wie und wo „Gott Mensch trifft“. In unserem Falle wird mit dem „Treffen“ aber wohl doch Gottes Offenbaren in Jesus Christus gemeint sein. Nicht weniger wichtig ist jedoch in der gegenwärtigen kirchlichen und theologischen Situation, dass von Gott als Subjekt die Rede ist. Er begegnet. Doch mit der Absicht, theologisches Denken und damit auch kirchliches Handeln vom begegnenden Gott leiten zu lassen, dürfte sich das Karl-Barth-Jahr – wenigstens im Raum universitärer evangelischer Theologie – einigen Widerstand einhandeln. Und damit sind wir bei der anderen „Aktualität“, welche vornehmlich in den Theologischen Fakultäten anzutreffen ist. Denn hier ist die Zeit offenkundig vorbei, in der Karl Barths Theologie eine wesentliche Rolle gespielt hat.

Die Studierenden lernen nach meiner Beobachtung diese Theologie kaum mehr kennen. Was sie dagegen weithin zu hören bekommen, ist, dass sie „in der theologischen Landschaft Flurschäden hinterlassen“ hat. Der „absichtlich kultivierte Verzicht auf wissenschaftliche Anschlussfähigkeit“, eine „Remythisierung der Gottesvorstellung“ und eine „gewaltsame Infantilisierung des Gottesbegriffs“ halte „keinerlei Anknüpfungspunkte an modernes kritisches Denken bereit“. So urteilt Jörg Lauster (Zwischen Entzauberung und Remythisierung. Zum Verhältnis von Bibel und Dogma, Leipzig 2008, 18f.). Er rechnet zudem auch die Barmer Theologische Erklärung von 1934 zu den „Flurschäden“, die Karl Barth (diesmal allerdings im Verein mit „lutherischer Theologie“) angerichtet hat. Es sei eine „große Tragik“, lesen wir in Lausters  „Kulturgeschichte des Christentums“, dass diese Erklärung zwar „ein notwendiges und mutiges Dokument war, aber mit ihrem „autoritäre(n) Pathos […] jede Vermittlung von Religion und moderner Kultur im Keim ersticken muss“ (Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums, München 22014, 609).

Ich enthalte mich jetzt jeder Bewertung solcher Hiobsbotschaften, die selbst keinen Hinweis darauf geben, wie denn der Widerstand gegen das Eindringen des nationalsozialistischen Ungeistes in die Kirche auf der Grundlage der Assimilation von Theologie und „moderner Kultur“ hätte aussehen sollen. Wie Lauster sich diese Assimilation heute vorstellt, aber hat er aus Anlass des 250. Geburtstages von Friedrich Schleiermacher gerade bekannt gegeben. Danach legt die Religion „den Blick frei auf einen tieferen Sinn“, den es „im Gespräch mit der Welt und ihren Kulturformen immer wieder aufzuspüren“ gilt, auch „wenn er nicht sichtbar vor Augen liegt“  (Eine Welt erschaffen. Friedrich Schleiermacher. Der Theologe, der das Religionsverständnis revolutionierte, ZZ 19/11, 2018, 41).

Mit einer Reihe von Nuancen bei einzelnen Theologinnen und Theologen sowie in allerhand Theologischen Gesellschaften hat Notger Slenczka die „Entpositivierung“ oder „Entsubstanzialisierung“ des christlichen Glaubens, die sich hier vollzieht, als einen aktuellen Trend der Theologie der Gegenwart dargestellt (vgl. Flucht aus den dogmatischen Loci, ZZ 14/8, 2013, 45-48).  D.h. es geht nicht mehr um die Darstellung und das Verstehen von Gottes begegnender Wirklichkeit, von Schöpfung, Menschwerdung und Versöhnung, sondern um die „Selbstthematisierung des Subjekts“. Alle Anschauungen sollen „verabschiedet“ werden, die Gott, Christus und den Heiligen Geist als von Menschen unabhängigen Ursprung des Glaubens verstehen. An die Stelle dessen tritt die Selbstauslegung des religiösen Subjekts, das, indem es sich seiner bewusst wird, durchaus mit Hilfe von Bibel und christlicher Tradition ein Bewusstsein von Gott „produziert“.

Dergleichen ist an den Kirchlichen Hochschulen in der DDR niemals gelehrt worden. Denn es verabschiedet nicht bloß die sogenannte „Wort-Gottes-Theologie“ im Sinne Barths, in der „Wirklichkeit“ in Übereinstimmung mit der „modernen“ Wissenschaft mehr ist als das, was objektiviert werden kann, sondern auch das Verständnis des Wortes Gottes in Gesetz und Evangelium, wie es im Luthertum, dem sich das Theologische Seminar Leipzig summa summarum verpflichtet wusste, üblich ist. Auch wenn es um die Theologie Karl Barths und um jenes Luthertum – wie wir noch sehen werden – Auseinandersetzungen gab, verband alle Kirchlichen Hochschulen doch ein Grundkonsens. Er bestand darin, dass die Freiheit, die hier theologisch und praktisch in einem atheistisch repressiven Gesellschaftssystem beansprucht wurde, nicht der religiösen Imaginationskraft entspringt, mit der Menschen sich einen „tieferen Sinn“ ihres Daseins zusammen reimen, sondern einem Andringen von Gottes Wirklichkeit in der Geschichte und im Leben. Mit einer religiösen Ideologie, die sich in einer „Provinz im Gemüt“ ein Plätzchen sichert,  hätte man in der DDR noch nicht einmal einen Verein gründen können.

Kirchliche Hochschulen sind damals überhaupt nur entstanden, um der Freiheit, die Menschen in der Kirche als der Repräsentantin des Glaubens an den Gott erfahren, der alles Objektivierbare unterbricht, Raum zu geben. Das Erinnerungsbuch „Eine Insel im roten Meer“ belegt das im Spiegel von Erfahrungen Lehrender und Studierender am Theologischen Seminar Leipzig auf beeindruckende Weise (vgl. Wolfgang Ratzmann, Thomas A. Seidel [Hg.], Eine Insel im roten Meer. Erinnerungen an das Theologische Seminar Leipzig, Leipzig  2017). Die Frage, ob die Erinnerungen daran „noch aktuell“ seien, lautet deshalb, ob sie auch in der pluralistischen, multireligiösen Gesellschaft von heute weiterhin Zukunftspotential haben, wovon die Initiatoren des Barth-Jahres gerade auch unter Bezug auf Barths Engagement für die Kirche in der DDR ausgehen, oder einer „Entsubstantialisierung“ und „Entpositivierung“ des christlichen Glaubens an Gott weichen müssen.

2. Herausforderung: Der real-sozialistische Staat

Dass ich das Thema „Karl Barth und die Kirchlichen Hochschulen in der DDR“ gewählt habe, hängt zunächst einmal damit zusammen, dass sich Kirchliche Hochschulen in Deutschland  der Tradition der Bekennenden Kirche verdanken, in der Barths Theologie fast selbstverständlich orientierende Bedeutung hatte. Das Theologische Seminar in Leipzig ist zwar auf anderen Wegen als in dieser Traditionslinie zur Kirchlichen Hochschule geworden. Aber als Typos hat sie dann im lutherischen Umfeld auch genau das Profil gewonnen wie das Katechetische Oberseminar in Naumburg und das Sprachenkonvikt in Berlin. Es ging um eine vom Staat unabhängige, dem Auftrag der Kirche verpflichtete, freie wissenschaftliche Theologenausbildung, Forschung und Lehre.

Den beiden Kirchlichen Hochschulen im Bereich der Evangelischen Kirche der Union aber war im Unterschied zum Theologischen Seminar in Leipzig die Beziehung auf die Theologie Karl Barths sozusagen in die Wiege gelegt. An der Kirchlichen Hochschule in Berlin-Zehlendorf lehrte Heinrich Vogel, ein enger – allerdings lutherisch geprägter – Vertrauter Barths aus dem Kirchenkampf, der auch nach dem Mauerbau am Sprachenkonvikt und an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität die systematische Theologie vertrat. Außerdem wirkte am Sprachenkonvikt zu Beginn der 60ger Jahre ein junger Theologe, der eigentlich aus der Bultmann-Schule stammte, aber sich – von Barth durch sein Studium in Basel beeindruckt – um die Vermittlung im damals heftigen Streit zwischen der Barth- und Bultmann-Schule bemühte. Das war Eberhard Jüngel, der 1966 aber einen Ruf an die Theologische Fakultät in Zürich annahm und sich von da aus und später intensiv für die Vertiefung und Weiterentwicklung der christologischen Konzentration der Evangelischen Theologie verdient gemacht hat. Sein Buch „Gott als Geheimnis der Welt“, dessen Grundorientierungen am Sprachenkonvikt entwickelt wurden (2010 in 8. Auflage erschienen) weist das bis heute aus.

Jüngels Nachfolger am Sprachenkonvikt war Ulrich Kühn, der sich aber leider dort gar nicht verstanden fühlte und 1969 an das Theologische Seminar in Leipzig wechselte. Dennoch ist gerade mit ihm Laufe der Jahre bei den jährlichen Treffen der Dozentenkollegien der drei Kirchlichen Hochschulen und manchen anderen Gelegenheiten ein Gesprächsfaden geknüpft worden, der von aufmerksamem Hören aufeinander geprägt war. Ich erinnere mich zum Beispiel – wann genau das war, weiß ich nicht mehr – dass ich mit einer Gruppe von Studierenden in Leipzig war und mit ihm über die Möglichkeiten und Grenzen der „natürlichen Theologie“ auf gute Weise diskutiert habe. Dass ich mich 1991 mit einer ziemlich von Karl Barth geprägten Aufsatzsammlung am Theologischen Seminar habilitieren durfte, ist mir ein gutes Zeichen dafür gewesen und geblieben, dass die Herausforderungen, vor die der sozialistische Weltanschauungsstaat die Kirche gestellt hat, von den Kirchlichen Hochschulen trotz unterschiedlicher theologischer Denkweisen gemeinsam in Angriff genommen wurden.

Diese Herausforderungen hatten – grob gesagt – zwei Schwerpunkte. Das war einmal die Notwendigkeit für die Kirche, diesen Staat theologisch zu bewerten und sich in der von ihm gestalteten Gesellschaft zu positionieren.  Zum anderen galt es, sich darüber klar zu werden, wie der massenhaften Entfremdung der Bevölkerung vom christlichen Glauben und der Kirche aus den Möglichkeiten des christlichen Glaubens und der Gemeinden heraus standzuhalten sei. Letzteres ist eine Herausforderung, die ohne Zweifel bis heute fortbesteht. Denn jene Entfremdung zählt zu den erfolgreichsten Hinterlassenschaften des „real existierenden  Sozialismus“, die sich heute in Verbindung mit dem westlichen Säkularismus weiter und weiter ausbreitet. Sie ist immer noch „aktuell“, während die theologische Bemühung um die Bewertung des sozialistischen Staatswesens und – wie es hieß – die „Wegfindung“ der Kirche in ihr mit dem Ende dieses Staatswesens ihre Zeit gehabt hat.

Dennoch sollten wir nicht vergessen, dass aus dem Raum der Kirchlichen Hochschulen in der DDR heraus wesentliche Impulse für diesen Weg ausgegangen sind, die mit Karl Barths theologisch-politischer Positionierung im damaligen Ost-West-Konflikt zusammen hängen. Sie gingen in ihrer kirchlichen Wirksamkeit aber nicht vom Sprachenkonvikt und dem Theologischen Seminar aus, sondern diesmal vom Katechetischen Oberseminar in Naumburg.  Dort war Johannes Hamel seit 1954 Dozent für Praktische Theologie. Er war ein besonderer Vertrauter Karl Barths, der sich für ihn auch beim Minister für Staatssicherheit Zaiser eingesetzt hat, als er Studentenpfarrer in Halle/Saale war und 1953 inhaftiert wurde. Durch ihn hat er sich auch immer wieder über die Situation der Kirche in der DDR informieren lassen, so dass für ihn kein Zweifel bestand, dass die Kirche in der DDR eine „Kirche unter Druck“ war, wie er sie etwa in der „Kirchliche Dogmatik IV/2, 750,  beschrieben hat.

Das ist eine Kirche, der durch eine „allmächtige Staatspartei“ der Mund verschlossen werden soll; eine Kirche, die man von der Gesellschaft und insbesondere von der Jugend abschneiden will; eine Kirche, die man auf den „Kult“ zu reduzieren und „in den Winkel“ zu drängen trachtet, „um sie dort umso leichter lächerlich, verächtlich, auch wohl verhasst zu machen“; die Kirche leider auch, deren „wichtigste Wortführer“ man von ihr zu isolieren versucht und die dann „vermöge seiner öffentlichen und geheimen Organe“ sehr energisch vom Staat selbst geführt werden sollen (Anm.: wie es denn bei Siegfried Krügel, der von 1958 bis 1970 Rektor des Theologischen Seminars war – bis heute nicht hinreichend aufgeklärt – der Fall war).

Illusionen über die Kirche in der DDR hat sich Barth also sicherlich nicht gemacht. Dennoch hat er der Kirche in der DDR nicht zu einer Fundamentalopposition geraten, wie das etwa der Berliner Bischof Otto Dibelius getan hat, der 1959 die Meinung vertrat, Christen seien einem Staat, in dem die Macht über dem Recht stehe, in ihrem Gewissen nicht zum Gehorsam verpflichtet. Er übersetzte  Römer 13 darum so: „Rechtmäßige (!) Gewalt soll bei jedermann Gehorsam finden“ (vgl. Obrigkeit. 1959, 23). Nun kann man in Barths Begründung des christlichen Verständnisses des Staates durchaus die gleiche Meinung finden, nämlich dass der Staat Rechtsstaat sein soll und die Macht sich nicht vom Recht lösen dürfe (vgl. das Christliche Leben, 374-377).

Im damaligen Ost-West-Konflikt  wollte Barth aber nicht, dass sich die Kirche auf eine westliche „antikommunistische“ oder östliche „anti-kapitalistische“ und „anti-imperialistische“ Position politisch festlegt.  Darum optierte er für einen „dritten Weg“, in welcher die Kirche in Freiheit von diesen Positionen ihr christliches Zeugnis einerseits und ihre aus ihm folgenden politischen Vorstellungen vom rechten staatlichen Handeln andererseits zur Geltung bringt. In diesem Sinne und Duktus hat er 1957 seinen berühmten Brief an einen Pfarrer in der DDR geschrieben, der in der DDR allerdings nie veröffentlicht werden durfte.

Hamel hat diese Position z.B. in seinen Schriftchen „Christ in der DDR“, Berlin 1957; und „Christenheit unter marxistischer Herrschaft“, Berlin 1959 vertreten. Noch mehr schlug aber zu Buche, dass er sie in kirchenleitenden Zusammenhängen nachdrücklich zur Geltung brachte. Die „Zehn Artikel über Freiheit und Dienst der Kirche“ aus dem Jahre 1963 tragen seine Handschrift. Nicht weniger gilt das für das Votum der Evangelischen Kirche der Union aus dem Jahre 1973 „Zum „Politischen Auftrag der christlichen Gemeinde“, das die 2. These der Barmer Theologischen Erklärung aktualisierte.

An diesem Votum hat auch Gottfried Voigt vom Theologischen Seminar mitgearbeitet. Sein Vortrag „Barmen II aus lutherischer Sicht“ macht zwar etwas altväterlich die traditionellen, lutherischen Einwände gegen die These geltend: Die Gefahr der „Christokratie“ und Vergesetzlichung des Evangeliums, das Gesetz des zornigen, strafenden Gottes, den eschatologischen Horizont der „Zwei-Reiche-Lehre“ usw. Doch ist sein Vortrag ebenso getragen von dem Bemühen, das Barthsche Konzept der „Königsherrschaft Jesu Christi“ auch in Bezug auf den DDR-Staat zu würdigen und die Verantwortung der Christenheit für ein gerechtes Staatswesen zu betonen. Seine Monita in dieser Hinsicht sind auch in das Votum jenes Ausschusses und besonders in den Teil eingeflossen, der vom Dienst der Kirche in der Deutschen Demokratischen Republik handelt. Mit diesem Teil des Votums hatte es allerdings eine für die EKU wenig rühmliche Bewandtnis. Sie hat sich von der hellen Empörung der DDR-Gewaltigen darüber und der Ankündigung schlimmer Konsequenzen für die Kirchen in DDR dazu bewegen lassen, ihn nicht in die Veröffentlichung des Gütersloher Verlages aufzunehmen. Erst in der 2. Auflage ist er dazu gefügt worden.

Es ist noch heute ein bewegender Text, der die ganze Schwierigkeit der Kirche in der DDR plastisch vor Augen führt. Da ist auf der einen Seite die Beteuerung, dem besten, vor allem sozialen Wollen dieses Staates zu assistieren, ja sogar zu „dienen“. Auf der anderen Seite aber werden so viele Verletzungen von Recht und Gerechtigkeit in diesem autoritären Staatswesen thematisiert, dass es ihn im Grunde in seiner Substanz in Frage stellt. Das war nach meinem Urteil auch der blinde Fleck in Karl Barths Option für einen „dritten Weg“ . Er hat sich nicht klar gemacht, dass seine Option für die Freiheit der Kirche auf das Geltendmachen demokratischer Freiheitsrechte einer westlichen Gesellschaft hinaus lief. Die DDR-Gewaltigen aber haben das wohl gewittert und deshalb solche Texte zu unterdrücken versucht.

In den Vorlesungen und Seminaren der drei Kirchlichen Hochschulen aber waren sie – so will ich jedenfalls aus meiner eigenen Lehrtätigkeit heraus vermuten – präsent. So nimmt es nicht wunder, dass die Kirchlichen Hochschulen in der Umbruchszeit von 1989 je auf ihre Weise Konzentrationsorte der „friedlichen Revolution“ wurden und ihre Absolventen landauf landab sich an den „Runden Tischen“ dafür eingesetzt haben, dass eine demokratische Gesellschaft, zu der das Evangelium nach Barth eine „Affinität“ hat, entschlossen eintraten.

Deshalb ist es doch vielleicht ein wenig zu vorschnell geurteilt, wenn ich gesagt habe, mit dem Ende der DDR sei auch das Bemühen der Kirche ans Ende gekommen, sich mit diesem Machtstaat ins Benehmen zu setzen. Es ist vielmehr zu hoffen und zu erwarten, dass der Einsatz für eine demokratische Gesellschaft von damals heute in den Konflikten unserer Gesellschaft Langzeitwirkungen zeitigt, welche die Kirchen im Osten und Westen zum eindeutigen Anwalt der Würde jedes Menschen sein lassen, auf der die Demokratie beruht und die in der Würdigung jedes Menschen durch Gott begründet ist.

3. Herausforderung: Atheismus und Gottesvergessenheit

Im Jahre 1967 – ein Jahr vor Barths Tod – erschien der letzte Band der „Kirchlichen Dogmatik“, nämlich Barths Tauflehre als Teil der Fragment gebliebenen Ethik der Versöhnungslehre. Im Vorwort hat Barth gesagt, er sei sich durchaus darüber im Klaren, dass er im Begriff sei, sich nach beinahe 50 Jahren theologisch-kirchlichen Wirkens mit dieser Tauflehre „einen schlechten Abgang zu verschaffen“ (KD IV/4, XII). Denn sie stellte zwei Selbstverständlichkeiten in den Landeskirchen der Schweiz und Deutschlands in Frage. Sie profilierte die Taufe als Antwort von Menschen auf Gottes Zuwendung zu ihnen und als „Dienstantritt“ eines Menschen als Zeuge Jesu Christi. Sie bestritt damit den sakramentalen Charakter der Taufe als „Heilsmittel“. Sie kritisierte die Säuglings- bzw. Unmündigentaufe  als „tief unordentliche Taufpraxis“ (KD IV/4, 213).

Barth löste damit zu Beginn der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts eine Taufdiskussion aus, die auch dadurch nötig wurde, dass Pfarrer die Taufe ihrer Kinder aufschoben. So war es auch in der DDR. Ich war in dieser Zeit damals noch als Studentenpfarrer in Halle als einer der Nachfolger Hamels Mitglied eines Taufauschusses der Kirchenprovinz Sachsen, in dem Martin Seils vom Katechetischen Oberseminar in Naumburg ein streng lutherisch-sakramentale Position einnahm. In Opposition zu ihm trat der der später prominente Leiter des Predigerseminars in Gnadau, Heino Falcke, für die von ihm sogenannte „Katechumenatstaufe“ ein (vgl. die Säuglingstaufe als Problem evangelischer Tauflehre und Taufpraxis, in: Joachim Rogge/Gottfried Schille [Hg.],Theologische Versuche II, Berlin 1969, bes. 188-190). Obwohl Schüler Karl Barths teilte er jedoch nicht dessen nicht-sakramentales Verständnis der Taufe. Ihm ging es darum, dass zum Empfang der Taufe ein hörender und verstehender Glaube gehört, der Menschen bereit und fähig macht, für diesen Glauben in Wort und Tat einzutreten.

Unterstützung für die Intentionen von Barths Taufverständnis aber kam unerwartet von anderer Seite, nämlich aus dem Theologischen Seminar in Leipzig. Ulrich Kühn zeigte auf, dass in der vorreformatorischen Tradition die Taufe sehr wohl als „Dienstverpflichtung“ und „Gelöbnis“, ein christliches Leben zu führen, verstanden wurde, so dass „der Gesichtspunkt, unter dem Barth die Taufe zu begreifen versucht,  in der Tradition des kirchlichen Taufverständnisses durchaus lebendig , ja sogar im Neuen Testament aufweisbar ist“ (vgl. Die Taufe – Sakrament des Glaubens, in: Joachim Rogge/Gottfried Schille [Hg.], Theologische Versuche III, Berlin 1971, 181- 184).

Außerdem erinnerte Kühn an das altkirchliche und mittelalterliche Verständnis der Taufe als „sacramentum fidei ecclesiae“, mit welcher die Kirche als Gemeinschaft ihren Glauben an Christus öffentlich bekennt und den Getauften zu – wie es ganz „barthianisch“ heißt – „Zeugnis und Dienst“ verpflichtet. Darum gilt: „Taufe ist […] Ordination zu Zeugnis und Dienst“ (a.a.O., 187). Das habe Barth „völlig richtig gesehen“ (a.a.O., 189). Obwohl Kühn die Kindertaufe mit dem Argument gerechtfertigt hat, dass auch das Kind mit den Eltern als Gliedern der Kirche zusammen in eine Situation der Bewährung des Glaubens gestellt ist, hat er sich dafür ausgesprochen, „daß die Übung der Erwachsenentaufe […] wieder häufiger und regelmäßiger praktiziert werden“ möge, um diesen Charakter der Taufe im Bewusstsein der Gemeinden zu verankern (a.a.O., 189). Denn obwohl er wie Falcke am sakramentalen, heilsvermittelnden Charakter der Taufe festgehalten hat, stand ihm wie allen, die sich für das Profil der Taufe als „Dienstantritt“ stark gemacht haben, die bedrückende Situation vor Augen, das Tausende und Abertausende Getaufte in der DDR auch bei nur geringem Druck von Seiten des Staates ohne große Bedenken ihre Gliedschaft in der Kirche fahren ließen.

Die verlotterte Taufpraxis der Kirche, in der das Taufversprechen von Eltern und Paten weithin gar nicht ernst genommen wurde und darum in den Familien die Beziehungen auf den Glauben und die Kirche einschliefen und abbrachen, ist sicher nicht der einzige Grund, warum sich in der DDR ein hartwandiges Milieu der Gottesferne und Gottvergessenheit bilden konnte. Die atheistische Propaganda, dass der Glaube an Gott „unwissenschaftlich“ sei und Religion nur aus lauter Illusionen bestehe, die zudem dem Wirken des „Klassenfeindes“ zuzuordnen sind, hat ein Übriges getan.

Die Freigabe des Taufaufschubs in der Lebensordnung der Kirche, für den sich jener Taufausschuss der Kirchenprovinz Sachsen bei gleichzeitiger Anerkennung der Kindertaufe  ausgesprochen hat, war demgegenüber nur ein Tropfen auf den heißen Stein, der zudem nach und nach verdampfte. Faktisch machten immer weniger Eltern von dieser Möglichkeit Gebrauch und heute sind es so gut wie gar keine. Der Brauch der Säuglings- und Unmündigentaufe hat sich als ein Passageritus für religiös gestimmte Eltern als mächtiger erwiesen – schon in der DDR-Zeit, aber erst recht heute.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hatte im Kontext von Dekaden auf das Reformationsjubiläum des vorigen Jahres zu das Jahr 2011 zum „Jahr der Taufe“ ausgerufen und dazu ein „Magazin“ herausgegeben. Die darin als selbst­verständlich ange­sehene Säuglings- bzw. Kindertaufe wird als ein rein durch ihren Vollzug (ex opero operato) wirkendes Sakrament empfohlen, das göttliche „Lebenskraft“ ver­leihe. Das bedeutet, sie wird entgegen ihrem Sinn schöpfungstheologisch umgedeutet. Sie wird als eine Segenshandlung mit Wasser empfohlen, während von „Zeugnis und Dienst“ nicht die Rede ist. In der Praxis wirkt sich das so aus, dass sogar die Frage an die Eltern und Paten nur noch schüchtern gestellt wird: „Wollen Sie versuchen, ihr Kind im christlichen Glauben zu erziehen“? – wird nicht selten gefragt.

Dergleichen destruiert ohne Zweifel die reformatorische Grundüberzeugung vom „Priestertum aller Glaubenden“, das als Verantwortlichkeit aller Glaubenden für die Bezeugung des Evangeliums zu verstehen ist, in deren Einprägung Barths Ekklesiologie geradezu ihre Pointe hat. Unter dem Stichwort „mündiges Christsein“ findet man das denn auch in allen Ekklesiologien, die an den Kirchlichen Hochschulen vertreten wurden. Ulrich Kühns Lehrbuch „Kirche“ im Handbuch Systematischer Theologie (Band 10, Gütersloh 1980) weist das – um von meinen Beiträgen zur Ekklesiologie Barths zu schweigen– ebenso aus wie etwa Ingo Klärs Festvortrag zum 70. Geburtstag von Martin Seils. Glaube – sagt Klär, dem wir auch sonst eine Reihe vortrefflicher, krtitischer Analysen der Theologie Barths verdanken,  dort,  – heißt für jeden: „Beteiligung an der Wirklichkeit Gottes“ und damit „Mitwirken mit dem Wirken Gottes“  („Dein Glaube hat Dir geholfen“, Zur soteriologischen Bedeutung des Glaubens“, in: Mensch sein. Mensch werden. Mensch bleiben. Aufsätze und Vorträge. Aus dem Nachlass hg. von H.W.Poetz, Görlitz 2017, 143). Je weniger Getaufte dazu in ihrer DDR-Lebenswelt in der Lage waren, umso mehr – das konnte man „empirisch“ feststellen – vermochte sich die Gottesvergessenheit so in den Familien auszubreiten, dass sie ihre Kirchenzugehörigkeit massenhaft mit und ohne Druck verabschiedeten, ohne auch nur „offiziell“ aus der Kirche auszutreten (was dann nach der Deutschen und kirchlichen Vereinigung für viel Verwirrung und Missmut gesorgt hat).

Dass Barths Theologie so sehr darauf gedrungen hat, dass Christinnen und Christen in einer repressiv atheistischen gesellschaftlichen Umgebung sich ihrer Verantwortung als Getaufte und Glaubende bewusst werden, wird man ihm also kaum zum Vorwurf machen können. Die Frage, die an den Kirchlichen Hochschulen der DDR mit unterschiedlicher Intensität präsent gewesen ist, war nur, ob er das auf eine Weise getan hat, die in der Lage war, Menschen in der Situation der Überflutung von atheistischer Propaganda und einer antireligiösen Stimmung bei der gesellschaftlichen Mehrheit auch wirklich abzuholen. Seine starke, einer ganz anderen Situation verdankte Negation von Religion „als Unglaube“ und geradezu als „die Angelegenheit des gottlosen Menschen“ (vgl. KD I/2, 327) schien zu bedeuten, dass er alles, was sich an Zeichen bei glaubenslosen Menschen dafür zeigt, dass ihre Offenheit für Gott nicht ganz erstorben ist, zerschmettern wollte.

Die Rezeption der Theologie Karl Barths unter den Bedingungen der DDR konnte darum, wenn ich jetzt einmal etwas pro domo reden darf – nicht bedeuten, ihre negativen Urteile über die Religion einfach nachzuplappern, wie es da und dort sicherlich geschehen ist. Es galt vielmehr, diejenigen Impulse seiner Theologie der Menschenfreundlichkeit Gottes aufzunehmen, die jeden Menschen ontologisch  so verstand, dass er „ein von Haus aus […] in einer Beziehung zu Gott stehendes Wesen“  ist, „geöffnet und bezogen zu Gott hin ist“  (KD III/2, 83f.). Es galt zu verstehen, warum auch von Menschen, die Gott vergessen haben, „wahre Worte außerhalb der Kirche“ (KD IV/3 144ff.) zu vernehmen sind und warum es kein „absolutes Unbekanntsein“ Gottes in der Welt gibt, sondern sich überall „Eindrücke“ von der Wirklichkeit Gottes „ernstlich aufdrängen“ (ChL 199ff).

Weil im Glauben an Gottes Eintreten für seine Geschöpfe jeder Mensch „wertbeständig […] und […] immer neu interessant“ (KD IV/3, 913), existiert die Gemeinde, die sich dessen bewusst ist, in Solidarität mit den Menschen, in deren Leben Gott keine Rolle spielt, d.h. in Offenheit für ihre Fragen und Nöte, im Ernstnehmen ihrer Urteile und Vorurteile über die Religion, im Angebot des Dialogs über das Verhältnis von Wissenschaft und Glaube, den Barth selbst freilich sträflich vernachlässigt hat. Dass bei solchem Zugehen auf Menschen, die sich selbst als „religionslos“ verstehen, auch Phänomene von Pseudoreligiosität kritisch anzusprechen sind, in der sie sich immer wieder Irdischem wie Göttlichem hingeben, versteht sich. Aber das kann in der Begegnung von Christinnen und Christen mit ihren nichtglaubenden Mitmenschen nur „in höchstem Respekt vor der Freiheit der göttlichen Gnade und darum auch in höchstem Respekt vor dem Anderen geschehen, der von mir gar nichts, sondern alles von Gott zu erwarten hat“ (KD I/2, 488).

Ich habe die Kirchlichen Hochschulen in der DDR so erlebt, dass sie den Studierenden, die das Pfarramt anstrebten, diesen Geist, der in der Menschenfreundlichkeit Gottes gründet, ohne alle „Entsubstantialisierung“ vermittelt haben. Darin bleibt ihre kritische Auseinandersetzung mit der Theologie Karl Barths wie das Aufnehmen ihrer besten, zukunfsträchtigen  Impulse „aktuell“.

 

   

 

 

 

 

 

 

 

             

 

 

 


 
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