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02.01.2014 20:49 Age: 6 Jahr(e)
Category: Artikel

Wenn Gott schweigt

Eine andere Art von der Liebe zu reden. (Die Kirche 16/2006)


„Unser Gott kommt und schweigt nicht“ (Psalm 50,3). Das ist ein Kernsatz der Bibel. Nur weil Gott nicht schweigt, kann er überhaupt für uns Gott sein. Ein stummer Gott ist im Sinne der Bibel gar nicht Gott. Die Atheisten von heute bestätigen das auf ihre Weise. Indem sie ihn nicht mehr vernehmen, ist er für sie nicht mehr da.

Doch so harmlos ist das mit Gottes Schweigen nicht. Wer Gott nicht vernimmt, ist Gott nicht einfach los. Selbst Atheisten reagieren gereizt, wenn man sie „gott-lose Menschen“ nennt. In der DDR-Zeit hat mir die Zensur verboten, sie derartig zu bezeichnen. „Gottlos“ – das klinge so verächtlich. Da hatten die Zensoren sicherlich ausnahmsweise einmal recht. Wenn ich zu Einem, der nicht an Gott glaubt, sage: „Du gottloser Mensch“, dann klingt das in seinen Ohren wie eine Verurteilung. „Du nichtiger, fragwürdiger Mensch“, hört er da, „deinem Leben fehlen doch alle guten Gründe“. Das lässt sich niemand gerne sagen.

Merkwürdig ist nur, dass „gott-los“ selbst für richtige Gottesleugner diesen Klang hat. Vermutlich transportiert hier unsere Sprache noch etwas mit, was sich auch einer biblischen Erfahrung verdankt. Der Gott, der von Hause aus nicht schweigt, schweigt doch! Wenn das aber geschieht, kommen sich Menschen wie ausgespuckt vor; von allem Guten verlassen, aussichtslos allein und elend. „Gott schweige doch nicht, bleibe nicht still und ruhig“, fleht darum ein anderer biblischer Beter (Psalm 83, 2). Denn wenn Gott schweigt, fehlt unserem Leben die Kraftzufuhr seines Geistes und Lebens. Andere Stimmen, andere Mächte besetzen dann lautstark und gewaltig die Leerräume der Gottesstille.

 Nicht alle Menschen empfinden das als schlimm. Des Typ des Gottlosen begegnet in den Psalmen wiederholt als sorgloser Mensch, dem es gut geht bei Gottes Schweigen. „Mir fehlt nichts“, ruft der „Konfessionslose“ von heute, der den Besuchern aus der Gemeinde die Türe vor der Nase zuknallt. Da er Gott noch nie hat reden hören, merkt er auch gar nicht, wenn er schweigt. Ist er nicht besser dran als die, die Gottes Schweigen quält, weil sie Erfahrungen damit haben, wie es gut es ist, wenn er redet?

Wir müssen diese Frage gerade in einer Zeit ernst nehmen, in der Gott für so viele Menschen nichts bedeutet. Wer da Ohren und Herzen für Gottes Reden öffnen möchte, liefert ihnen zugleich den Grund für taube Ohren und verschlossene Herzen mit. Gott schweigt auch. Alle, die glauben, machen diese Erfahrung. Sie ist mit dem Schrei des sterbenden Jesus in den Glauben an ihn eingraviert. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“? hat der Mensch verzweifelt geklagt, durch den Gottes Liebe geredet hat, wie durch keinen Anderen. Mit den Worten des 22. Psalms hat er da in all die Klagen der Menschen vor ihm über Gottes Schweigen eingestimmt. Er hat vorweg genommen, was für unabsehbar Viele nach ihm zur letzten Frage in ihrem Leben wurde.

Gott schweigt – das ist in der Nachfolge Jesu die Erfahrung gerade der für Gott offenen Menschen. Wir dürfen sie nicht mit der Unempfindlichkeit für Gott verwechseln, die sich Menschen in willkürlich gewählter Gottesferne angewöhnen. In solcher Gottesferne können Menschen zu Betonmauern für Gott werden. An ihnen darf und soll die christliche Gemeinde mit ihrem Zeugnis vom Reden Gottes kräftig rütteln. Aber wenn Gott tatsächlich selber schweigt, obwohl Menschen sich nach seiner Gegenwart sehnen, dann ist das niederschmetternd. Dann stellt er nämlich selber den Glauben und das Vertrauen zu ihm in Frage. Nicht nur Zweifel, auch Verzweiflung beginnen sich in unserer Seele einzunisten.

Gottes Schweigen tut uns weh. Es baut sich gerade dann wie eine dunkle Wand vor uns und in uns auf, wenn Gottes Reden nötig wäre. Menschen, die dem Hass und der Wut anderer Menschen ausgeliefert sind, nimmt es die Hoffnung und die Tatkraft. Opfern von Naturgewalten verweigert es Antworten. Von Krankheit Gequälten treibt es die Dankbarkeit dafür aus, dass sie überhaupt am Leben sind. Da ist nicht Atheist noch Christ, nicht Religiöser noch nicht Religiöser. Alle bekommen zu spüren, wie es ist, „wenn wir in höchsten Nöten sind“ und Gott schweigt. Können, dürfen Menschen in solchen Situationen überhaupt noch von Gott reden?

Wenn Gott schweigt, ist Gott für uns verschlossen. Eigentlich kann das auch nur unser Verstummen zur Folge haben. Wer selber mit Leiden geschlagen ist oder anderen Menschen im Leiden beizustehen versucht, erfährt das ganz direkt. Das Wort „Gott“ wird uns wie Blei im Munde. Wir bekommen das Gefühl, uns an Gott und an den Menschen zu vergreifen, wenn wir jetzt anfangen wollten, sein Schweigen zu erklären. „Sei doch endlich stille“, möchten wir am Liebsten jemand zurufen, der sich im Reden versucht, wenn Gott schweigt. Es gibt Zeiten, in denen können wir nur mit Gott schweigen. Die Gemeinden, welche den alten Brauch des Durchlebens der Osternacht wieder entdeckt haben, versuchen zu Recht, sich einer solchen Erfahrung anzunähern.

In dieser Nacht aber kommt noch etwas Anderes ins Spiel als nur der dunkle Abgrund des Schweigens Gottes. Da bemerken wir in der Erwartung des Osterlichtes in Gottes Schweigen so etwas wie Gottes eigenes, tiefes Berührtsein vom Schmerz Jesu Christi, vom Leiden seiner Geschöpfe. Fernab von Golgatha ist es fast unmöglich, Gottes Schweigen als Miterleiden der Schmerzen zu verstehen, die uns selbst stumm machen. Da ist die Kluft zwischen Gott und uns zu groß. Da redet die Bibel von Gottes Zorn und Gottes Strafen für unsere Missetaten. Wir dürfen das durchaus nicht wegstreichen. Wenn Gott schweigt, werden wir allemal auf das gestoßen, was ihm an unserem Leben nicht gefallen kann.

Karfreitag aber lässt uns verstehen, dass Gott auch in seinem Schweigen der Gott bleibt, der mit uns ist. So wie er uns hier mit seinem Schweigen berührt, trägt er die schweren Erfahrungen mit, die wir machen, wenn er schweigt. Sie können dann in all ihrer Schwere aufhören, letzte Erfahrungen zu sein, die Menschen in der Gottesferne verschließen. Denn sie verhindern nicht endgültig, im Schweigen Gottes schon das Sprechen seiner Liebe zu vernehmen.


 
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