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02.01.2014 20:48 Age: 6 Jahr(e)
Category: Artikel

Überflüssige Diskussion

Ein Pfarrer im Amt sollte seine Parteizugehörigkeit ruhen lassen (Die Kirche, Juni 2004)


Ein christliches Leben ist kein unpolitisches Leben. Denn wer an Jesus Christus glaubt, ist ein Repräsentant des Geistes der Gerechtigkeit und der Versöhnung in der "Polis", d.h. im Staatswesen. Christinnen und Christen drängen darum selbstverständlich auf eine Politik, die dem Wohl aller von Gott bejahten Menschen dient. Das bedeutet in einer Demokratie unter Anderem auch: Es ist normal, dass sich Einzelne in Parteien engagieren. Allerdings geraten sie damit auch in den parteipolitischen Streit. Sie müssen sich fragen lassen, warum sie ausgerechnet dieser oder jener Partei angehören. Doch das ist kein Unglück. Denn zu einer Gemeinde gehört das Gespräch über die "richtige Politik" der Parteien. Zugleich aber werden parteipolitische Bindungen hier durch den gemeinsamen Glauben relativiert. Christinnen und Christen beten zusammen. Sie gehören zu einer Gemeinschaft, in der sie sich in Achtung voreinander verbunden wissen - mögen sie nun der CDU, der SPD, den Bündnisgrünen, der FDP oder der PDS angehören. In die NPD wird sich hoffentlich kein Christenmensch verlieren.
Kann das alles auch für Pfarrerinnen und Pfarrer gelten? Die Antwort darauf lautet: Ja, aber dennoch sollten sie lieber nicht in eine Partei eintreten. Denn sie sind als Pfarrerinnen und Pfarrer nicht einfach Privatpersonen. Sie üben mit ihrem Beruf einen der ganzen Gemeinde anvertrauten Dienst aus (Barmen 4). Über diesen Dienst, den sie der Berufung der Gemeinde verdanken, können sie als "Pfarrer in der Politik" (wie es heißt) nicht beliebig verfügen. Denn es muss eindeutig erkennbar bleiben, dass ihre Freiheit in ihrem Auftrag gründet (Barmen 6) und nirgendwo sonst. Sie werden darum ihre Verkündigung, ihre Seelsorge, ihren Unterricht und auch ihre politischen Stellungnahmen nicht dem Verdacht aussetzen, irgendeiner Partei verpflichtet zu sein. Es ist auch nicht gut, wenn sie in Verhandlungen mit politischen Gremien zugleich als Angehörige einer Partei sprechen. Es mag sein, dass sie die innere Freiheit haben, in ihrem Dienst von ihrer Parteizugehörigkeit zu abstrahieren. Dafür gibt es respektable Beispiele. Doch dann stellt sich die Frage, warum sie überhaupt in einer Partei sind.
Mindestens eine Antwort darauf ist möglich. Es soll ein Zeichen für die Gesellschaft gesetzt werden. Eine solche Situation war 1989 in der DDR gegeben, als Pfarrerinnen und Pfarrer an der Spitze der Gründung von demokratischen Parteien standen. Die Meisten, die im Pfarramt geblieben sind, haben ihre Parteizugehörigkeit dann ruhen lassen, als sich die politische "Normalität" einstellte. Und das war gut so. So sollten es auch die halten, die heute in einer Partei sind, wenn sie ein Pfarramt antreten. Die aber, welche "in die Politik gehen", sind dann nicht "als Pfarrer" tätig, sondern als Christinnen und Christen mit Pfarramtserfahrung und theologischer Bildung. Und auch das ist gut so. Denn die Politik braucht Menschen, die einen Horizont von weiter her haben, als ihn die Parteien zu schaffen pflegen.
Mehr als ein vereinzeltes und zeichenhaften Handeln im Einverständnis mit der Gemeinde und mit den Brüdern und Schwestern im Pfarramt kann die Parteizugehörigkeit einer Pfarrerin oder eines Pfarrers also nicht sein. Es ist gar nicht auszudenken, wie problematisch unsere Kirche aussähe, wenn die Pfarrerschaft sich nach Parteibuch strukturieren würde. Die Diskussion darüber, welche Partei nun die richtige oder nicht die richtige für einen Pfarrerin und einen Pfarrer ist, kann nur der Unfreiheit in der Kirche dienlich sein.
Ein kleinen Vorgeschmack davon gibt die Debatte, ob Pfarrerinnen und Pfarrer Mitglieder in der PDS sein können. Sie sollten es so wenig sein, wie in irgendeiner anderen Partei. Leider jedoch haben selbst Bischöfe diese vom EKD-Ratsvorsitzenden beiläufig gestreifte Frage zum Anlass genommen, sich in Missverständnissen zu überbieten und ihre Stimme mit der uns leidvoll bekannten "Sprecherin der Christen" in der PDS zu vereinen. Das zeigt, wie parteipolitisch eingefärbtes Denken die freie Atmosphäre in einer Kirche verderben kann. Auch in Magdeburg und Eisenach weiß man doch genau, dass Bischof Huber nicht im Traum daran denkt, diese Partei mit den Neonazis in einen Topf zu werfen. Tatsache ist aber auch, dass wir uns hier Berlin mit dem - Parteiprogramm hin und her - antiquierten und provinziellen Ressentiment in der PDS gegenüber den "Religionsgemeinschaften" abzuquälen haben. Erlebt man das in der Magdeburger Börde und im Thüringer Wald anders, so dass von dort Ermutigungen ausgehen, das Pfarramt mit dem Geist der PDS zu würzen? Wohl kaum. Statt uns also mit einer solchen völlig überflüssigen Diskussion zu beschweren, sollten wir uns lieber der Freiheit freuen, in der Pfarrerinnen und Pfarrer in einer evangelischen Kirche ohne nach links und nach recht zu schielen, für die Wahrheit im politischen Felde eintreten.


 
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