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29.01.2019 16:17 Alter: 83 Tag(e)
Kategorie: Vorträge

Partnerschaft im Dienst Jesu Christi. Zur aktuellen Bedeutung von Karl Barths Verständnis der Kirche

Sonntagsvorleung in der Berliner Nordendgemeinde am 27.02.2019


Für viele in unserer Kirche – nach den Lutherfestivitäten des Jahres 2017 etwas überraschend –  hat die Evangelische Kirche in Deutschland zusammen mit dem Reformierten Bund und der Union Evangelischer Kirchen das Jahr 2019 zum „Karl-Barth-Jahr“ erklärt. Eröffnet wurde es in Kooperation mit dem Schweizer Evangelischen Kirchenbund am 10. Dezember vorigen Jahres in Basel. Da jährte sich zum 50. Male der Todestag des Schweizer Theologieprofessors, der im vorigen Jahrhundert einen großen Einfluss auf die Kirche und die Theologie in Deutschland ausgeübt hat.

2019 aber ist das Jahr, in dem Karl Barth vor 100 Jahren – damals Pfarrer in Safenwil/ Baselland – die theologische und große kirchliche Bühne mit einer Auslegung des Römerbriefes des Apostels Paulus betrat. Dieses Buch war zunächst zwar ein Ladenhüter. Erst durch die 2. Auflage aus dem Jahre 1921 wurde Barth in Deutschland und international bekannt. Doch der 1. Auflage dieses Buches verdankte er  – ohne akademisch-wissenschaftlich qualifiziert zu sein – die Berufung zum Honorarprofessor für Reformierte Theologie in Göttingen. Damit begann das Hineinwirken dieses Schweizers in die deutsche Kirche und Theologie, die bis zu seinem Lebensende im Jahre 1968 angedauert hat.

Um die einzelnen Etappen des Weges Karl Barths in Erinnerung zu rufen und zu veranschaulichen, hat der Reformierte Bund dankenswerterweise eine Wanderausstellung hergerichtet. Unsere Gemeinde hat sie als erste Gemeinde der EKBO geordert. Sie informiert alle, die sich für die jüngere Theologie- und Kirchengeschichte interessieren, sehr gut über die spannenden Stationen des Lebens und Wirkens von Karl Barth. Da es mir in diesem Vortrag aber hauptsächlich um das geht, was aus dem riesigen Werk Karl Barths für die Kirche – besser für die Gemeinde – heute wichtig bleibt, konzentriere ich mich im Folgenden vor allem auf Schaltstellen seines theologischen Denkens, die erklären, wie es zu seinem Verständnis der Kirche gekommen ist, das nach meiner Meinung auch heute aktuell und herausfordernd ist.

1. Die „dialektische Theologie“

2. Die Konzentration auf Jesus Christus

3. Die „vorläufige Darstellung“ der ganzen in Jesus Christus versöhnten Menschenwelt

4. Der Dienst der ganzen Gemeinde

 

1. Die „dialektische Theologie“

Angefangen hat alles, womit Karl Barth Kirche und Theologie heraus gefordert und ihnen zugesetzt hat, in der Zeit des 1. Weltkrieges. Er war damals – wie gesagt – als ein Schweizer Pfarrer in Safenwil tätig, der aber seine theologische Ausbildung vor allem in Deutschland durch die sogenannte „liberale Theologie“ erhalten hatte. Das war eine Theologie, die das Christentum als Teil der bürgerlichen Kultur des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts verstand. Sie wollte das „Religiöse“ im Einklang mit den Erkenntnissen der neuzeitlichen Wissenschaft zur Geltung bringen, ja es als unentbehrlich für eine humane Kultur profilieren. Adolf von Harnacks Vorlesungen über das „Wesen des Christentums“ aus dem Jahre 1900 sind bis heute Ausweis dieses .sogenannten „Kulturprotestantismus“.

1914 aber musste Barth und nicht nur er erleben, wie seine „liberalen“ theologischen Lehrer – z.B. Wilhelm Herrmann in Marburg – den 1. Weltkrieg mit seinem bis dahin nicht dagewesenen Massenmorden geradezu als religiöses Erlebnis preisen konnten. Auf Tafel 5 der Ausstellung gibt das Bild „Vater ich preise Dich“, auf dem ein Mensch dargestellt wird, der den „Heldentod“ religiös verklärt, einen bildhaften Eindruck davon. Herrmanns Unterschrift stand dementsprechend wie die Adolf von Harnacks unter dem „Manifest an die Kulturwelt“ von 1914, in dem alle Verletzungen des Völker- und Kriegsrechtes durch Deutschland gerechtfertigt und die Alliierten beschuldigt wurden, „Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen“. Wohlgemerkt: Keine Nazis redeten hier, sondern Theologen im Namen einer christlichen Kultur.

Eine Theologie, in welcher Derartiges möglich war, im Namen Gottes, wie ihn die Bibel bezeugt, außer Kraft zu setzen, war das Anliegen des Safenwiler Pfarrers. Er wurde – wie er später sagte – beim Predigen biblischer Texte „von der Wahrheit überfallen[…] wie von einem gewappneten Mann“. Es war die Wahrheit, dass diese „Religion“ mit Gott nichts zu tun hat. Darum setzte er sich in seinem Safenwiler Pfarramt eines Tages unter einen Apfelbaum und begann Satz für Satz aufzuschreiben, was der Apostel Paulus – so wie er ihn verstand – in seinem Römerbrief von Gott und von den Menschen sagt.  Gott – das war seine Erkenntnis, die er 1921 noch verschärft hat – ist der  ganz Andere, der mit aller Bemächtigung seiner Wirklichkeit durch eine menschliche Kulturreligion nichts zu tun hat. Alle „Religion“, die Gott für ihre allzu weltlichen, ja menschenfeindlichen Interessen in Besitz und in Betrieb nimmt, unterlag von daher einer schneidenden Kritik. Im Rückblick hat der alte Karl Barth gesagt: Das „hat den Leuten den ‚Römerbrief‘ so interessant gemacht, weil da so blutig rasiert wurde. Da kam niemand davon: Die Rationalisten und die Idealisten nicht, die Pietisten und Orthodoxen auch nicht, und die Religiösen und die Unreligiösen nicht“.

Der Safenwiler Pfarrer wollte – mit dem dänischen Philosophen Sören Kierkegaard geredet – den ‚unendlichen qualitativen Unterschied‘ von Zeit und Ewigkeit“, von Gott und Mensch einprägen. Er machte die „Krisis“, in die Gott alles menschliche Aneignen seines Willens mit uns stürzt, groß. „Wir sollen als Theologen von Gott reden“ heißt es in einem programmatischen  Vortrag von 1922. „Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. […] Das ist unsere Bedrängnis. Alles andere ist daneben Kinderspiel“. Wenn wir überhaupt von Gott zu reden wagen, dann hat das nur einen Grund: Gott hat sich in Christus offenbart! Das alleine nötigt uns, von ihm zu reden – aber nicht so, dass wir ihn zum Element unserer religiösen Möglichkeiten machen. Denn Christus berührt seit seiner Auferstehung die Welt nur so, wie die „Tangente einen Kreis“ berührt und sich sofort wieder zurückzieht.  Barth konnte auch sagen: Nur als „Schnittlinie“ wird uns Gottes Offenbarung sichtbar und bleibt zugleich unsichtbar. Wir können sie nicht festhalten wie ein gleichsam Objektives. Der Glaube an diesen Gott wird darum „Hohlraum“ und „Einschlagtrichter“ genannt, in dem sich Gott „je und jäh“ bezeugt.

Der Theologie und der Verkündigung der Kirche bleibt demnach nur eines: Sowohl das Ja des offenbaren Gottes zu uns Menschen und zugleich sein Nein zu unserer religiösen Bemächtigung Gottes zur Geltung bringen. Nur im Hin- und Hergehen zwischen dem Ja Gottes seinem Nein, „ohne länger als einen Moment in einem starren Ja oder Nein […] zu verharren“, ist demnach Theologie und kirchliche Verkündigung nur noch möglich.

Irgendein Zuschauer hat das „dialektische Theologie“ genannt. Barth selbst hat sich diese Bezeichnung seiner Theologie aber auch selbst zu Eigen gemacht. Die Dialektik von Ja und Nein Gottes zu uns, sagt der Theologe aus einem Alpenland  im expressionistischen Stil seiner Römerbriefauslegung, sei ein Balanceakt auf einem schmalem Felsengrat, ein „grauenerregendes Schauspiel für alle nicht Schwindelfreien“, also nichts für einen „Flachlandbewohner“, sondern nur für einen „Sohn der Berge“.  Und weiter: „Es soll Klöster geben, in deren Refektorium der Ehrenplatz bei jeder Mahlzeit mit vollem Gedeck zubereitet, dann aber unbesetzt gelassen wird. Dieses Freibleiben der Stelle, wo das entscheidende Wort zu sprechen wäre, ist der Sinn der Dialektik in der Theologie“. Gott muss selber reden. Darauf zu verweisen, war die Leidenschaft der „dialektischen Theologie“.

Als Barth dann Theologieprofessor in Göttingen und darauf in Münster und Bonn wurde, musste er sich als „Sohn der Berge“ jedoch zwangsläufig ins Flachland der Verantwortung von Grundeinsichten des christlichen Glaubens begeben, die nicht nur „je und jäh“ Bedeutung haben, sondern auch Kontinuitäten, dauerhafte Gewissheiten dieses Glaubens sind. Nach und nach schälte sich dabei die Einsicht heraus, dass Gottes Bejahung von allen Menschen, wie sie uns in Jesus Christus nahe kommt, die Priorität vor aller seiner Verneinung dessen, wie Menschen ihn in Anspruch nehmen, hat. Nicht der unendliche Unterschied zwischen Gott und Mensch, sondern das Zusammensein von Gott und Mensch, wie es in Jesus Christus begegnet, wurde nun der Grundtenor seiner Theologie. „Ich hatte in jenen Jahren zu lernen“, schreibt Barth in einem Rückblick aus dem Jahre 1938, „daß die christliche Lehre ausschließlich und folgerichtig und in allen ihren Aussagen direkt oder indirekt Lehre von Jesus Christus als von dem uns gesagten Wort Gottes sein muß, um ihren Namen zu verdienen und um die christliche Kirche in der Welt zu erbauen, wie sie als christliche Kirche erbaut sein will“.

Was Barth sich damit aufgeladen hatte, hat er vermutlich selbst nicht geahnt, als er sich Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts an das Schreiben der „Kirchlichen Dogmatik“ begeben hat. Denn für eine derartige Konzentration auf Jesus Christus gab es in der christlichen Tradition kein Vorbild. Es galt, bei allen Glaubensaussagen immer auf Neue „mit dem Anfang anzufangen“, der Jesus Christus heißt. Deshalb ist diese 13 Bände umfassende Dogmatik so dick geworden. „Kirchliche Dogmatik“ aber heißt sie, weil Theologie hier als die Wissenschaft verstanden wird, die eine Funktion der Kirche ist. Sie will ihr helfen, ihren Auftrag zu verantworten, von Gott zu reden. Barth hat nahezu 40 Jahre lang an dieser „Dogmatik“ gearbeitet. Dann musste er 1961 dem Alter Tribut zollen. Sein Hauptwerk ist Fragment geblieben.

Die erste Bewährungsprobe aber hatte dieses Werk schon zur Zeit seiner Entstehung zu bestehen. Die Konzentration auf Jesus Christus hat der Evangelischen Kirche in Deutschland geholfen, zum Teil Bekennende Kirche zu werden und dem Eindringen der Nazi-Ideologie und Gewaltherrschaft in die Kirche einen Riegel vorzuschieben.

 

2. Konzentration auf Jesus Christus

Der Schweizer Karl Barth war von Anfang an ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Er konnte – wie es in dem schon erwähnten Rückblick von 1938 heißt – das Nazitum nur als „eine riesenhafte Offenbarung der menschlichen Lüge und Brutalität auf der einen und der menschlichen Dummheit und Angst auf der anderen Seite“ beurteilen. Das hat ihn 1935 sein Lehramt an der Theologischen Fakultät in Bonn gekostet, weil er den Beamteneid auf Hitler nur mit einschränkenden Zusätzen leisten wollte. Doch er erhielt umgehend eine Professur in Basel und hat von da aus die Völker Europas ausdauernd zum Widerstand gegen die aggressive Ausbreitung Nazi-Deutschlands ermutigt. Berühmt – für manche freilich auch berüchtigt – ist sein offener Brief vom September 1938 an den tschechischen Theologieprofessor Joseph Hromadka, in dem er das tschechische Volk zum militärischen Widerstand gegen die Annexion des Sudentenlandes aufgerufen hat.

In seiner Zeit in Deutschland aber hatte Barth es vor allem mit dem kirchlichen Widerstand gegen die 1932 gegründete sogenannte „Glaubensbewegung der Deutschen Christen“ zu tun. Diese Bewegung war eine religiöse Variante des Nationalsozialismus, welche die Überzeugung vertrat, dass Gott dem deutschen Volk ein „arteigenes Gesetz eingeschaffen“  habe. Durch dieses Gesetz käme Gott den Deutschen nahe, indem er sie zur „heiligen Bindung von Blut und Boden, von Rasse und Vererbung, von Ehre und Gemeinschaft […] Opfer und Pflicht“ anhält. So hat es zum Beispiel Emmanuel Hirsch – der Cheftheologe jener „Glaubensbewegung“ – gesagt. Ohne sich diesem Gesetz zu beugen, könne auch das Evangelium von den arischen Deutschen nicht gepredigt und gehört werden. Die Machtergreifung Hitlers wurde darum von einer breiten Strömung in der evangelischen Kirche und Theologie als eine „Gottesstunde“ gepriesen.

Mit einer derartigen Ideologie, die klar antisemitisch war, gewannen die „Deutschen Christen“ am 23. Juli 1933 in den meisten Landeskirchen die von Hitlers Regierung  angeordneten Kirchenwahlen und besetzten die kirchlichen Ämter nach dem Führerprinzip, allem voran das Amt des „Reichsbischofs“ durch den Kreiswehrpfarrer Ludwig Müller.  Gegen diese „Machtergreifung“ in der Kirche aber formierte sich vom  Herbst 1933 an die Bekennende Kirche, deren entschiedenster und kompromisslosester theologischer Kopf Karl Barth wurde.

Er bezeichnete die Behauptung eines besonderen Gottesgesetzes für das deutsche Volk als „vollzogenen Verrat am Evangelium“ als die „schlimmste Ausgeburt des neuprotestantischen Wesens“, gegen das er sich schon mit seinen Römerbriefauslegungen von 1919 und 1921 gewendet hatte. Sie trage den „Stempel der Verkehrtheit so deutlich auf der Stirn […], daß (es) in einer gesunden Kirche schon ein Konfirmand hätte merken müssen“, heißt es in der berühmten Schrift „Theologische Existenz heute“ vom Juni 1933. In ihr erklärte Barth: „Ich sage unbedingt und vorbehaltlos Nein zum Geist und zum Buchstaben“ der Lehre der Deutschen Christen. „Ich halte dafür, dass das Ende der evangelischen Kirche gekommen wäre, wenn diese Lehre […] in ihr zur Alleinherrschaft kommen würde. Ich halte dafür, dass die evangelische Kirche lieber zu einem kleinsten Häuflein werden und in die Katakomben gehen sollte, als dass sie mit dieser Lehre auch nur von Ferne Frieden schlösse.“

Barth rief darum die ganze deutsche Theologenschaft zum Aufwachen auf. Sie habe durchgehend „die schlichte, aber entscheidende Frage nach der christlichen Wahrheit“ zu stellen, die es der Kirche allein ermögliche, ihren Weg als Kirche zu finden. Er drängte die sich formierende Bekennende Kirche darum, diese Frage mit einem solennen Bekenntnis zu beantworten. Dazu kam es im Mai 1934 auf der Bekenntnissynode von Barmen, in der sich Vertreter (+ eine Frau!) der Bekenntnisgemeinschaften aus den einzelnen Landeskirchen sowie Vertreter der „intakten“, nicht von den „Deutschen Christen“ beherrschten Landeskirchen versammelten.

Ich habe im Jahre 2009 aus Anlass des 75jährigen Jubiläums der Barmer Theologischen Erklärung hier in einer Sonntagsvorlesung geschildert, wie es durch eine Reihe höchst weltlicher Umstände dazu gekommen ist, dass Barth die Vorlage für die Synode formuliert hat. Bis auf ein paar Korrekturen durch die Synode trägt diese Erklärung nicht nur Barths Handschrift, sondern sie ist durchgehend Ausdruck seiner Theologie der Konzentration auf Jesus Christus. Ihre grundsätzliche Ausrichtung lautet ganz im Sinne des 1. Bandes der „Kirchlichen Dogmatik“: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“ Darum wird als „falsche Lehre“ verworfen, dass die Kirche als „Quelle ihrer Verkündigung“ noch andere „Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung (wie die „Deutschen Christen“ taten) anerkennen“ dürfe. Was das für das Selbstverständnis der Kirche bedeutet, entfalten die folgenden Thesen, die man durchaus als Kurzfassung des Kirchenverständnisses Barths in der Anfangsphase der Konzeption der „Kirchlichen Dogmatik“ verstehen kann.

Unsere Kirche hat in ihrer Grundordnung diese Barmer Theologische Erklärung ausdrücklich bejaht. Pfarrerinnen und Pfarrer werden auf sie ordiniert. Darum – so sollte man meinen – pulst in ihr die Theologie Karl Barths – oder sollen wir lieber sagen: Darum sollte sie in ihr pulsen?  Denn der überaus starke Anteil Barths an dieser Erklärung gefällt durchaus nicht allen. Sie kritisieren, dass sich die Kirche hier viel zu stark von der Theologie eines einzelnen Theologen abhängig gemacht habe. Doch die 6 Thesen der Barmer Erklärung  sind 1934 einstimmig und mit dem Gesang des Liedes „Nun danket alle Gott“ von der ganzen Synode beschlossen worden und sie bleiben darum ein Ausdruck des Bekennens einer evangelischen Kirche, die sie nicht theologisch und praktisch in die Ecke schieben darf.

Ich gehe im Folgenden nun so vor, dass ich das Kirchenverständnis Barths an Hand seiner breit ausgeführten Kirchenlehre zu skizziere und dabei jeweils darauf hinweise, wo ihre Startbasis in der Barmer Theologischen Erklärung verankert ist.

 

 3. Die „vorläufige Darstellung“ der ganzen in Jesus Christus versöhnten Menschenwelt

Die Kirche wird in den Bekenntnissen unserer Kirche als die „Versammlung der Glaubenden“ verstanden, in denen das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente gemäß dem Evangelium ausgeteilt werden (Augsburgische Konfession 5) . Barth kann dieses Kirchenverständnis durchaus aufnehmen. In der 3. These der Barmer Theologischen Erklärung heißt es ganz entsprechend: „Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern (die Schwestern müssen wir hinzufügen!), in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt“.

Wichtig ist hier, dass die Kirche zuerst und grundlegend als Gemeinde, als Gemeinschaft von lebendigen Menschen verstanden wird. Kirche und Gemeinde ist dasselbe. Alles, was von ihr theologisch, aber auch praktisch in der Organisation und im Vollzug ihres Lebens zu sagen ist, muss sich auf diese Gemeinschaft beziehen und von ihrem Leben in der Gegenwart Jesu Christi bestimmt sein. Vor allem hat es ihren Auftrag zu fördern und zur Geltung zu bringen, die „Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“. So heißt es in der 6. These der Barmer Theologischen Erklärung. In ihr steckt eine Kritik am Kirchenverständnis der Augsburgischen Konfession, die nicht deutlich werden lässt, dass die Gemeinde von Jesus Christus in die nicht zur Gemeinde gehörende Welt gesendet ist, um dort das Evangelium von Jesus Christus zu bezeugen. Eine Gemeinde, welche ihre Sendung versäumt, repräsentiert eine introvertierte Kirche, die nur mit sich selbst beschäftigt und sich selbst genug ist.

Die Gefahr eines solchen introvertierten Kirchenverständnis, die wir als Glieder der des konkreten Gemeindelebens nur allzu gut kennen, wird in Karl Barths ausgeführter Lehre von der Kirche in der „Kirchlichen Dogmatik“ radikal gebannt. Er definiert die Kirche – sprich: die Gemeinde – dort nämlich als die „vorläufige Darstellung“ der ganzen in Jesus Christus versöhnten Menschenwelt. Um diese Definition zu verstehen, ist es nötig, mit Barth das Verständnis der Kirche in einen großen Horizont zu stellen. Das ist der Horizont, der sich auftut, wenn wir ernst nehmen, wie uns Gott im Menschen Jesus Christus begegnet. Er ist hier nämlich nicht bloß für die Menschen da, die sich in der Gemeinde versammeln, sondern für die Menschheit, für die „Menschenwelt“. 

Weil es aber der ewige Gott ist, der hier begegnet, dürfen wir sein Eintreten für alle Menschen nach Barth nicht bloß als zufällige göttliche Laune oder gar als eine „Verlegenheitsauskunft“ Gottes angesichts der gottes- und menschenverachtenden Sünde seiner Geschöpfe verstehen. Es geht nach Barths Verständnis des biblischen Zeugnisses von Gott hier vielmehr um eine Gottesaktion, die im ewigen Ratschluss Gottes begründet ist. In ihm – seiner „Gnadenwahl“ – erwählt Gott alle Menschen zu Bundespartnerinnen und Partnern seiner Gnade und Liebe, die er ihnen zuwendet. Wohlgemerkt: alle Menschen (!). „Partnerin“ und „Partner“ Gottes zu sein, ist in „Kirchlichen Dogmatik“ regelrecht eine theologische Definition von uns Menschen. Was bedeutet sie?„Partnerinnen“ und „Partner“ sind zweifellos freie Menschen. Sie werden nicht in eine „Zwangsjacke“ gesteckt oder wie eine Marionetten behandelt. Ein „Partner“, sagt Barth,  ist „verhandlungs- und bündnisfähig“ (KD III/1, 307). Er wird von Gott „auf seine eigenen Füße gestellt“ (KD IV/3, 1082). Partnerinnen und Partner Gottes sind „selbständig tätige, freie Subjekte“ (KD IV/3, 383) und als solche „mündige Geschöpfe“ (KD IV/4, 39). Mit solchen Menschen möchte Gott zusammen sein. Er möchte, dass sie selbst in Freiheit auf die Zuwendung seiner Liebe antworten. Er möchte, dass sie in der Welt freie Zeugen dieser Liebe werden.

Die Rede vom Partner Gottes wird jetzt bei Barth ganz gleichsinnig mit der vom Zeugen Gottes gebraucht. Denn Gott wollte nicht Gott sein, ohne dass menschliche Partnerinnen und Partner ihm den Dienst eines solchen Zeugnisses leisten (vgl. KD III/4, 756). Ganz anders als zur Zeit der „dialektischen Theologie“ sagt Barth jetzt: „Gott will nicht […] ohne den Menschen, nicht über seinen Kopf weg Versöhner geworden sein und sein Erlöser werden“ (KD IV/1, S. 824). Menschen sollen „Mithelfer“ der Versöhnung werden und in einer „Tatgemeinschaft“ mit dem Versöhner leben (vgl. KD IV/3, 689).

Das alles gilt wohlgemerkt als Bestimmung aller Menschen! In der christlichen Gemeinde aber sind die Menschen versammelt, die in einer derartigen „Tatgemeinschaft“ schon leben und andere Menschen in Wort und Tat in der Welt darauf hinweisen, wozu Gott das Leben von Menschen frei macht. In diesem Sinne ist das Leben der  Kirche – sprich: der Gemeinde – die „vorläufige Darstellung“ der ganzen in Jesus Christus erwählten und versöhnten Menschenwelt. „Vorläufig“ heißt diese Darstellung darum, weil sie dafür offen ist, dass neu hinzukommende Menschen der Tatgemeinschaft der Versöhnung neue Impulse zu geben vermögen. „Vorläufig“ heißt sie auch darum, weil Menschen hier nur das Menschenmögliche – belastet von Kurzsichtigkeit, Irrtümern, menschlichen Versagen und angewiesen auf Gottes Vergebung – tun können. Vorläufig aber heißt sie vor allem, weil die Kirche nicht das Reich Gottes ist, sondern ihm als „Kirche der begnadeten Sünder“, wie es in Barmen 3 heißt, erst entgegen geht.

Diese Vorläufigkeit berechtigt jedoch nach Barth nicht, das Selbstverständnis der christlichen Gemeinde auf das Niveau eines Vereins im Mauseloch zurück zu schrauben, in dem Gleichgesinnte bloß ihre religiösen Interessen pflegen. Als „vorläufige Darstellung“ der Bestimmung der Menschheit ist die Gemeinde vielmehr ein wesentliches Element der großen Geschichte, die Gott mit der Menschenwelt in Gang gesetzt hat und in Gang hält. Nicht aufgrund von Selbstüberschätzung, sondern kraft göttlicher Ermächtigung tritt die Gemeinde für die Zukunft der Menschheit ein.

 

4. Der Dienst der ganzen  Gemeinde

Es wäre nun viel davon zu berichten, wie Barth auf hunderten von Seiten den geschilderten Grundduktus seines Verständnisses der Kirche unter den Gesichtspunkten der Versammlung, der Erbauung und der Sendung der Gemeinde konkretisiert hat. Das ist hier nicht möglich. Auf zwei Konkretionen, die sehr aktuell sind, möchte ich aber abschließend hinweisen.

Erstens: Menschen, die zu Partnerinnen und Partnern Gottes erwählt sind, können das nicht als religiöse „Virtuosen“ für sich alleine sein. Sie stehen sofort unmittelbar in der Beziehung zu anderen Menschen, die Gott ebenso wie sie selbst erwählt hat. Gegenseitige Partnerschaft ist nach Barth schon die Bestimmung unserer Geschöpflichkeit  (KD III/2, 386). Er nennt sie die „Grundform der Menschlichkeit“.

Entsprechendes gilt von Menschen, die ihre Erwählung zur Partnerinnen und Partnern Gottes schon erkannt und bejaht haben. Sie können sich nicht so verstehen, dass sie in ein „Privatverhältnis“ zu Gott treten. Gesendet von Gott sind sie nicht isolierte Einzelne, sondern gehören in die Gemeinschaft der Partnerinnen und Partner Gottes. Darum gilt: Christ werden und Christ sein kann man nur in der Gemeinde. „Zum Glauben erweckt und zur Gemeinde hinzugetan werden, ist eins und dasselbe« (KD IV/1, S. 768). Barth widerspricht damit der zu seiner Zeit und heute wieder verbreiteten Anschauung, dass es der Vorzug des sogenannten  „Protestantismus“ sei, mit dem Betonen der Freiheit des eigenen, individuellen Glaubens von Menschen die sog. „Privatisierung der Religion“ zu befördern. „Privater, monadenartigr Glaube ist [...] kein christlicher Glaube“ (KD IV/1, S. 757), lautet demgegenüber Barths Urteil. Es gibt in der Orientierung an der in Christus konzentrierten Geschichte Gottes mit der Menschheit »kein legitimes Privatchristentum« (KD IV/1, S. 769).

Dass es dieses „Privatchristentum“ in unserer verfassten Kirche faktisch und reichlich gibt, wird damit nicht kaschiert. Kirchensteuerzahler verstehen sich als Nutznießer eines religiösen Angebotes, von dem sie je und je nach Lust und Laune Gebrauch machen, ohne sich selbst verpflichtet zu wissen, für den Auftrag der Gemeinde Verantwortung zu übernehmen. Angesichts dessen die Zusammengehörigkeit von Glaube und Teilnahme am Auftrag und an der Sendung  der Gemeinde einzuprägen und bewusst zu machen, zählt heute mehr denn je zu den Aufgaben, vor denen christliche Gemeinden in unserer pluralistischen, säkularen Gesellschaft stehen. Das führt uns schon auf die andere Konkretion des Kirchenverständnisses Barths, auf die ich hinweisen möchte.  

Zweitens: Wenn jede Christin und jeder Christ zum Zeugnis von Gott in Jesus Christus berufen und gesendet ist, dann haben alle in der Gemeinde einen Dienst. Traditionell wird das das „Priestertum aller Glaubenden“ genannt. Es gibt zwar viele verschieden zugespitzte Dienste mit verschiedenen Verantwortlichkeitsbereichen und die Nötigung zur ihrer ordentlichen Gliederung. Aber alle Dienste müssen dem einen Dienst der Bezeugung Jesu Christi zugeordnet sein. Barth war darum ein entschiedener Kritiker eines Verständnisses kirchlicher Ämter, die eine Hierarchie in der Kirche begründen, in welcher der konkrete Dienst der Gemeinde an die letzte Stelle gerät. Er wollte den Amtsbegriff deshalb am liebsten ganz vermeiden und ihn durch den Begriff des Dienstes ersetzen. In diesem Sinne ist sein etwas paradox klingender Satz gemeint: „In der christlichen Gemeinde sind entweder Alle Amtsträger oder Keiner – wenn aber Alle, dann Alle als Dienstleute“ (KD IV/2, S. 787).

In diesem Satz spiegelt sich aber auch die 4. These der Barmer Theologischen Erklärung, die seinerzeit gegen die Errichtung des Führerprinzips in der Kirche gerichtet war, aber doch auch bis heute grundsätzliche Bedeutung behält. Sie lautet: „Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern (sind) die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes“.

Wenn es dagegen geschieht, dass verschiedene Ämter in der Kirche sich – wie Barth sagt – zu „Ressortpartikularismen“ und „departementalen Isolierungen“ vom Dienst der ganzen Gemeinde entwickeln, dann führt das zwangsläufig zu einer Außerkraftsetzung der Partnerschaftlichkeit des Dienstes und Lebens der ganzen Gemeinde, in der alle Dienste gleich wertig sind (vgl. KD IV/2, 787). Die Folge ist die Befestigung des Unterschiedes „zwischen einer aktiven und einer inaktiven bzw. passiven Kirche“, in der z.B. viele Gemeindeglieder von der verfassten Kirche mit ihren Ämtern so reden als seien sie selbst nicht die Kirche. Mit dem Auseinanderdriften einer „regierenden und einer regierten, einer lehrenden und einer hörenden, einer bekennenden und einer ortsansässigen Gemeinde“, wollte Barth sich dagegen nicht abfinden. Indem er die ganze Kirche mit allen ihren Diensten als „Zeugnis- und Dienstgemeinschaft“ verstand, wollte er sie vielmehr ermutigen, die Kirche zu werden, die partnerschaftlich von Gottes erwählender Liebe glaubwürdig Zeugnis ablegen kann.

 

 

 

 

 

 

 

 


 
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