< Herausforderung; Gottesvergessenheit. Wie können Kirche und Theologie das massenhafte Vergessen in Europa unterbrechen?
18.05.2018 17:17 Alter: 207 Tag(e)
Kategorie: Predigten

Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen

Predigt im Fraumünster Zürich am 12.05.2018


Psalm 18, 30 - Jes. 43,18-1

 

Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“.

Liebe Gemeinde,

Dieses Wort aus Psalm 18, 30 ist für alle Glaubenden, deren Lebensraum von einer Mauer begrenzt wurde und wird, schon sehr oft eine starke Ermutigung gewesen. Weil der Gott aller Menschen keine Mauern zwischen seinen Geschöpfen will, hat es sie ermutigt, über Mauern hinweg zu leben und zu wirken. Die Grenzen zwischen Völkern und Nationen, die es in Tat gibt, sollen Tore haben, durch die Menschen sich begegnen, sich aneinander freuen und sich gegenseitig bereichern. Mauern auf unserer Erde aber haben mit Freude nichts zu tun. Mauern sind armselige Produkte der Angst von uns Menschen voreinander.

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ – das ist offenkundig ein Wort, das diese Angst austreibt. Es beflügelt den Herzschlag und die Sympathie mit den Menschen, die jenseits der Mauern leben. Es greift auf die Zukunft ohne Mauern vor, die Jesu Verkündigung des Friedensreiches Gottes verheißen hat.

Das klingt sehr wohlgemut, vielleicht zu wohlgemut. Denn die Mauern zwischen Völkern und Nationen können verschiedener Art sein, die je auf ihre Weise dem Springen lahme Muskeln verpassen. Da ist einerseits die Art von Mauer, welche Europa und Deutschland 28 Jahre lang gespalten hat. Die Berliner Mauer war ihr Symbol. Die waffenstarrende Grenze zwischen Nord- und Südkorea – die in diesen Tagen vielleicht ein wenig entschärft wird – ist es bis heute. Sie sperrt Menschen ein, um die Bevölkerung zu hindern, vor der sozialistischen Machtausübung davon zu laufen. „Republikflucht“ war in der DDR ein Straftatbestand, der mit hohen Zuchthausstrafen geahndet wurde. 

Da sind andererseits aber auch die Mauern, die seit Urzeiten errichtet werden, um Fremde und Aggressoren fern zu halten. Schon die alten Römer wollten ihr Weltreich mit dem über 500 Kilometer langen Grenzwall – dem limes – vor den Germanen schützen. Die chinesische Mauer übertrifft das bei weitem. Sie ist über 21.000 Kilometer lang. Sie wurde errichtet, um die nomadischen Reitervölker vom chinesischen Großreich fern halten. 

Wer nun aber meint, derartige Mauern seien heute höchstens eine Touristenattraktion aus dem Altertum oder dem Mittelalter, täuscht sich. Wir leben weiter in Zeiten, in welche Mauern gebaut werden. Sie sollen im Unterschied zur Berliner Mauer aber nicht Menschen hindern, aus dem Machtbereich ihrer Erbauer herauszukommen. Sie wollen Menschen vielmehr stoppen, in den Lebensraum anderer Menschen hineinzukommen. 

Der jetzige US-Präsident hat seine Wahlen mit dem Versprechen gewonnen, eine gewaltige Mauer zu Mexiko zu bauen. In Rio de Janeiro trennt eine Mauer die arme und reiche Bevölkerung. Zwischen Israel und Palästina wurde eine Mauer errichtet. Ungarn baut an einer Grenze, welche der tödlichen Grenze nicht unähnlich ist, die sich seit 1961 durch ganz Europa zog. 

Wir leben also wieder in Mauerbauzeiten, obwohl wir dachten, diese Zeiten hätten sich mit dem Fall der Berliner Mauer endgültig erledigt. Über die Mauern von heute zu springen, aber ist für viele Menschen in mancher Hinsicht schwerer, als es der Sprung im Geiste mit Psalm 18 über die Berliner Mauer war. Sie haben Angst, ihr freies Leben in einer demokratischen Gesellschaft durch die Anderen, Fremden zu verlieren, wenn sie die Grenztore für ihr Kommen öffnen. Die Eingemauerten des Sozialismus aber hofften ihre Freiheit zu gewinnen, als sie sich das Wort vom Mauerspringen zu Herzen nahmen. Es war für die sozialistischen Mauerbauer in der Tat ein gefährliches Wort. 

Ich kann das mit einer absurden Geschichte von damals illustrieren. Zum Einmauern gehörte da nämlich auch, dass alles, was gedruckt wurde, die Mühlen der Zensur passieren musste. In diese Mühlen gerieten deshalb auch die Losungen der Herrenhuter Brüdergemeinde. Vielleicht sind diese Losungen für manche von Ihnen hier in der reformierten Schweiz ja auch heute ein täglicher Begleiter. Sie kommen so zustande, dass in Herrenhut 364 oder 365 Bibelsprüche in eine Lostrommel geworfen und dann für jeden Tag des Jahres ausgelost werden. 

Im Jahre 1987 landete am Tag des Mauerbaus am 13. August in der Lostrommel nun der Psalm 24, 9, wo es heißt: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch“. Das hat den Zensor, einen Ökumenik-Professor an der Sektion Theologie der sozialistischen Humboldt-Universität, der als „Inoffizieller Mitarbeiter“ auch mit dem Staatssicherheitsdienst verbandelt war, misstrauisch gemacht. Er gab zu bedenken, dass dieser Text auf die Berliner Mauer bezogen werden könnte und alle Christenmenschen an diesem Tage beten würden, macht das Brandenburger Tor zu Westberlin auf. 

Er hat in sozialistischer Wachsamkeit darüber hinaus in Zweifel gezogen, dass es bei der Loserei der Herrenhuter überhaupt mit rechten Dingen zugehe. Denn schon am nächsten Tag tauchte wieder eine Mauer-Losung auf, diesmal aus Hesekiel 22,30: „Ich suchte unter ihnen, ob jemand eine Mauer ziehen würde“. Vollends verdächtig aber war die Losung vom 17. August dieses Jahres – eben aus Psalm 18, 30: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“. „Auch über die Berliner Mauer“? hat der Zensor gefragt. Er hat deshalb angeregt, staatlicherseits zu überprüfen, welche Texte in die Herrenhuter Lostrommel geworfen werden. 

Das ist – soweit ich weiß – unterblieben. Aber so ganz unrecht dieser Zensor dennoch nicht. Ich erinnere mich, dass diese Losung Christinnen und Christen immer wieder zu einem kleinen Sprung im Geiste über die Mauer hinweg veranlasst hat, der 1989 zu einem großen, realen Sprung wurde. Doch nach nun beinahe 29 Jahren hat das Wort vom Mauerspringen seinen befreienden Flügelschlag über alle Grenzen hinweg offenkundig eingebüßt. 

Denn als sich das Hinausspringen aus einer eingemauerten Gesellschaft erledigt hatte, bekam das Wort vom Mauerspringen einen anderen Klang, Der islamistische Terror löste das aus. Er hatte und hat eine anhaltende Diskussion über den Zusammenhang von Religion und Gewalt zu Folge. Dabei trat etwas zu Tage, was die lieben Herrenhuter mit ihrer Losung unterschlagen haben. Was das ist, wird sofort klar, wenn wir den ganzen Psalm lesen. „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ – das ist nämlich dort durchaus kein friedliches Wort. Es gehört vielmehr zu der im alten Israel gepflegten Vorstellung vom Heiligen Krieg. 

„Mit dir kann ich Kriegsvolk zerschlagen und mit meinem Gott über Mauen springen“, übersetzt die Lutherbibel den ganzen Vers 30 des 18. Psalms. Gemeint ist, dass das Volk Israel mit Gott als Kriegsherr an der Spitze mit Waffengewalt in die befestigten Städte der heidnischen Stämme und Völker eindringt und sie „vernichtet“, wie unser Psalm in Vers 41 sagt. 

Tatsächlich hat dergleichen wohl kaum stattgefunden. Unser Psalm stammt aus einer Zeit, in der das Volk Israel längst seine staatliche Selbständigkeit verloren und gewiss keine Mauern stürmenden Heerscharen aufzubieten hatte. Es sind Visionen, Wunschbilder, die ein an die Wasser von Babylon verschlepptes Volk hier aufbietet, um sich gegen die Übermacht eines Weltreiches Mut zu machen.

Es ist jedoch für unsere von der Friedensbotschaft Jesu, aber auch von den alttestamentlichen Propheten geschulten Ohren ein höchst problematischer Mut. Er setzt sein Vertrauen auf Waffen. Er phantasiert davon, dass sie Gottes bevorzugte Werkzeuge seien, um seine Macht zu beweisen. Für Atheisten und Religionskritiker aller Art von gestern und heute ist das der Beweis, dass in unserem biblischen Glauben an Gott ein bedrohliches Gewaltpotential steckt. Leider können sie dabei auf einen Gebrauch unseres Psalmwortes zum Beispiel auf deutschen Kanzeln im 1. und 2. Weltkrieg verweisen, der dafür spricht. 

Doch da wurde vergessen und verdrängt, was wir vorhin bei der Lesung vom Propheten Jesaja gehört haben. Nie mehr sollen sich Kampfwagen und Pferde, Heere und Starke auf Gott berufen können. „Denkt nicht an das, was früher war […] kümmert euch nicht darum“, lässt Gott durch diesen  Propheten ausrichten. „Seht, ich schaffe Neues, schon sprießt es. Erkennt ihr es nicht“? werden wir heute über den Abstand von Jahrtausenden direkt gefragt. Dieses Neue, das in Israel sprosste, aber ist der Geist des Friedens und der Menschenfreundlichkeit Gottes, der sich in der Bibel bis ins Neue Testament hinein anschwellend wie Wasserströme Bahn bricht. Es scheidet, es spuckt die religiösen Phantasien vom Heiligen Krieg aus.  

Insofern lagen die Herrenhuter schon richtig, als sie den Zusammenhang des Wortes vom Mauerspringen mit dem Heiligen Krieg gekappt haben. Die kritische Auseinandersetzung mit dieser Vorstellung, die in der Geschichte der Christenheit so viel Unheil angerichtet hat, sollten wir dennoch nicht vernachlässigen. Sie darf nicht Leuten überlassen werden, die von der Friedensdynamik des biblischen Gottesglaubens keine Ahnung haben. Die stänkern bloß rum, ohne wirklich Wege zu weisen, wie der Gottes- und Menschenverachtung das Wasser abgegraben werden kann. 

Unser Glaube an Gott aber verwandelt und läutert die Kriegstexte der Bibel in Ermutigungen, Mauern aller Art zu durchlöchern und abzubauen, die Menschen und Völker zwischen sich errichten: Mauern unserer Vorurteile gegenüber Menschen, die wir nicht kennen; Mauern, die politisch als unausweichlich gelten; Mauern von fanatischen Ideologien, mit denen sich Menschen selbst einkerkern.

Auf jedermanns Beifall wird die christliche Gemeinde freilich nicht rechnen nicht dürfen, wenn in ihr die Wasserströme vom Gott des Friedens sprudeln, die Mauern aller Art unterspülen. In einer christlichen Gemeinde, die in biblischer Friedens-Dynamik lebt, kann man das aber im Grunde gar nicht verhindern. Auch wenn sie einmal schläfrig und träge geworden ist, rüttelt sie das gewandelte Wort vom Mauerspringen auf. Auch wenn die Meinung grassiert, man könne am Mauerbauen sowie nichts ändern, macht es Mut, den Sprung über alle Mauern hinweg zu wagen. Denn eine christliche Gemeinde traut dem Gott, der keine Mauern will, das größere Zukunftspotenzial zu als allem, was auf Gewalt und Ungerechtigkeit gebaut ist. 

Überall auf der Welt, wo Gott die Herzen von Menschen erreicht und berührt hat, ankert darum in unserer Welt seine neue Welt. Da sprosst sie schon; nicht als ein Mauerblümchen, sondern als Gottes Pflanzung für die Zukunft seiner Geschöpfe, in der das Unkraut menschlicher Gewalttätigkeit und Herrschsucht nicht gedeihen kann. Jede christliche Gemeinde baut die Mauern ab, in deren Schatten solches Unkraut gedeiht. Sie wird darum für alle zum deutlichen Zeichen dessen, dass die Wege, die der Gott des Friedens bahnt, realistischer sind, als die Sackgassen menschlichen Mauerbaus. 

Möge die Gottespflanzung einer neuen Welt deshalb auch in ihrem Leben, liebe Schwestern und Brüder, und im Leben dieser Stadt sprossen und gedeihen. Amen.


 
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