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05.04.2018 11:45 Alter: 224 Tag(e)
Kategorie: Artikel

Befähigung zur eigenen Freiheit. Ein Sammelband gibt Einblick in das Denken des DDR-Theologen Ingo Klaer

Die Kirche Nr. 14 vom 08. April 2018, 13


Unsere Zeitung hat davon berichtet, dass im Oktober vorigen Jahres in Görlitz ein Band mit Aufsätzen und Vorträgen von Ingo Klaer  (1937-2016) vorgestellt wurde. In ihm hat Hans-Wilhelm Pietz 24 kleine Arbeiten dieses Theologen aus der DDR-Zeit zusammengestellt, die man durchaus als theologische Kostbarkeiten bezeichnen kann. Sie geben Einblick in eine gewissermaßen verborgene Theologiegeschichte in der DDR. Denn Klaer hat keinen Wert darauf gelegt, auf der Bühne öffentlicher Präsentation in Erscheinung zu treten. Zu seinen Lebzeiten hat er kaum etwas veröffentlicht. Als „Dozent des Theologischen Lehramtes“ zunächst am Berliner „Sprachenkonvikt“ (1969-1973) und dann am „Katechetischen Oberseminar“ in Naumburg/Saale (1973-1993) hat er sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – damit begnügt, mit seiner großen Gelehrsamkeit und seinem Scharfsinn Studierende für das Pfarramt zu befähigen.

Was Klaers theologische Beiträge so kostbar macht, ist, dass sie nicht in irgend Horn tuten, in das alle blasen. Sie begeben sich vielmehr auf Entdeckungsreisen, die alle „mainstreams“ in Kirche und Gesellschaft souverän durchschreiten. Die besondere Leidenschaft Klaers war es dabei, die Worte präzise – philologisch und theologisch – ernst zu nehmen, in denen das Zeugnis von Gott und von uns Menschen in der Bibel begegnet. Alle seine Studien zum Verständnis der Schöpfung, des Menschen, der Kultur, des Lebens im Glauben und in der Hoffnung sind fundiert im gewissenhaften Hören auf die Worte der Bibel. Man liest sie nicht, ohne irgendein „Aha-Erlebnis“ zu haben.

Nur ein Beispiel: In einer Studie zum biblischen Menschenverständnis, welche dem „Sinn der Gottebenbildlichkeit des Menschen im Kontext der Priesterschrift“ nachspürt, werden alle Deutungen dieser fundamentalen Bestimmung des Menschensein in Vergangenheit und Gegenwart destruiert, indem nach dem Handeln Gottes gefragt wird, wie es in 1. Mose dargestellt wird. Diesem Handeln Gottes, das sich Ziele setzt und sie ausführt und beurteilt, sind die Möglichkeiten von Gottes menschlichen Geschöpfen als seinen Ebenbildern „ähnlich“. Sie befähigen Menschen, in eigener Freiheit Verantwortung bei der Bewahrung der Schöpfung zu übernehmen und zum „Dienst für Gottes Gegenwärtigwerden“ bereit zu sein. Im „Weltdienst und im Gottesdienst“ wird die Gottebenbildlichkeit gelebt.

Das Einprägen der göttlichen Befähigung von uns Menschen zu eigener Freiheit, die sich aber ihrer Grenzen als irdischer Freiheit bewusst bleibt, zieht sich wie ein roter Faden durch alle hier veröffentlichten Arbeiten Klaers. Das war für ihn nicht bloß eine abstrakte theologische Richtigkeit. Seine nachdenklichen Überlegungen zum Verständnis der Zeit und zum Altwerden von Menschen, die im Horizont der Ewigkeit Gottes leben, stimmen damit zusammen. Niemand wird demnach wirklich „alt“ (senex) und damit abgeschrieben in einer Sackgasse der Erschöpfung des Lebens. Alle werden nur älter (seniores, Komparativ!) und hören nicht auf, ihr Leben vor Gott und den Menschen zu verantworten.

Eine besondere Rolle hat für Klaer bei diesem Verständnis des „Menschseins, Menschwerdens und Menschbleibens“ dabei die Musik gespielt. Er hatte vor der Theologie schon Musik studiert. Er hat selbst komponiert und mit eigenem Musizieren auch seiner Theologie Ausdruck verschafft. Denn das Zusammenstimmen der Musik mit dem Wesen des biblischen Glaubens, der uns über alle Grenzen des Irdischen hinweg führt und sie uns als Öffnungen für Gottes Ewigkeit verstehen lehrt, lag ihm am Herzen.

Darum ist es gut, dass Klaers Leidenschaft für die Musik im Einklang mit seinem theologisch-biblischen Eros am Ende dieses Bandes in sechs Beiträgen ausdrücklich gemacht wird. Einerseits sind diese Beiträge gelehrte Abhandlungen über die Wandlungen des Verständnisses der Musik im Raum der Kirche. Andererseits zielen sie darauf, das Singen, welches schon in der Musikalität der Sprache angelegt ist, als unentbehrlich für die Seelsorge und für die Verkündigung unserer Kirche eindrücklich zu machen, Man kann sich nicht ganz sicher sein, ob die posthume Veröffentlichung der „Vorträge und Aufsätze“ von Klaer wirklich im Sinne dieses Theologen war, der die Theologie als aktuelles und nicht als zu archivierendes Teilnehmen an der Freiheit verstand, zu der Christus uns befreit (Gal. 5,1). Seine Predigten hat er verbrannt. Eine erhalten gebliebene Predigt über Jer 17, 14 wurde an den Schluss dieses Bandes gestellt; sicherlich um zu belegen, worauf Klaers Theologie letztlich zielte.

Nichts desto trotz macht jeder einzelne dieser „Vorträge und Aufsätze“, die man nicht liest, ohne belehrt zu sein, Lust, mehr vom Forschen und Denken dieses Theologen in der DDR-Zeit zu erfahren. Er hat in seiner bescheidenen Weise, die sich seiner immensen Bildung verdankte, dazu beigetragen, der Freiheit der Theologie unter diktatorischen politischen Verhältnissen eine Bresche zu schlagen. Sich von ihm heute inspirieren zu lassen, dürfte allen gut tun, die sich darum bemühen, der Menschenfreundlichkeit Gottes Worte zu verleihen.

 

 

 


 
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