< Glaubenskurs Reformation: Luther und die Türken
07.12.2016 11:17 Alter: 143 Tag(e)
Kategorie: Artikel

Luther würde "heute das Gegenteil von dem sagen [...], was er damals gesagt hat". Dietrich Bonhoeffers Ringen mit Martin Luthers politischer Ethik

Unter dem Titel "Verschwörer gegen Hitler" in "Die politische Meinung", Sonderausgabe Nr. 4,2016


Dietrich Bonhoeffer wird heute weltweit beinahe als ein Heiliger der Evangelischen Kirche verehrt. Das war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs anders. Da passte es nicht in das Bild eines Pfarrers, dass er sich an einer Verschwörung mit dem Ziel der Tötung eines Tyrannen beteiligt. In der Tradition Luthers war der Sturz der „Obrigkeit“ durch Christen nicht vorgesehen. Die „Obrigkeit“ galt – auch wenn sie Unrecht tat – als von Gott gegeben. Martin Luthers wüste Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ (1525) hatte hier Markenzeichen gesetzt: „Aufruhr“ scheidet demnach aus.

        Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer – das passt also zunächst gar nicht zusammen. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Das Hören auf Luther war für Bonhoeffer ein Kontinuum seiner Existenz. Das Erstaunliche aber ist: Wir finden bei Bonhoeffer kein Wort der Kritik an Luther.

An solcher Kritik mangelt es heute nicht. Luthers Stellungnahme im Bauernkrieg stößt ab. Seine Judenfeindlichkeit löst Entsetzen aus. Der siebenundzwanzigjährige Bonhoeffer aber umrahmt seinen Aufsatz von 1933 „Die Kirche vor der Judenfrage“ – mit Lutherzitaten. Das Erste stammt aus Luthers Predigt von 1546, in der die Vertreibung der Juden befürwortet wird. Bonhoeffer lässt das weg. Er zitiert nur, dass wir die Juden „gern als unsere Brüder halten wollen“, wenn sie sich bekehren. Dem fügt er aus der Schrift von 1523 („Dass Jesus ein geborener Jude sei“) hinzu: Diese Bekehrung dürfe nicht mit Gewalt erzwungen werden (vgl. Dietrich Bonhoeffer Werke [DBW], Band 12, München 1997, 349).

Luther für die Juden – so argumentiert Bonhoeffer hier. Denn das „weltliche Regiment“ muss nach Luther „Recht und Ordnung“ für alle Mitglieder der Gesellschaft und so auch für die Juden zu gewährleisten. Tut es das nicht, dann hat die Kirche es zu ermahnen. Sie ist überdies „in unbedingter Weise verpflichtet“, den „Opfern des Staatshandelns“ beizustehen. Aber dann fasst Bonhoeffer auch ein „unmittelbar politisches Handeln der Kirche“ ins Auge. Es besteht darin, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“(DBW 12, 353).

Das ist eindeutig nicht mehr Luther. Zehn Jahre später wird Bonhoeffer an seine Eltern schreiben: „Kierkegaard hat schon vor 100 Jahren gesagt, daß Luther heute das Gegenteil von dem sagen würde, was er damals gesagt hat. Ich glaube, das ist richtig – cum grano salis“ (Widerstand und Ergebung, DBW 8, 179f.). Dass die Kirche in das Handeln des „Obrigkeit“ eingreift, ist in der Tat das Gegenteil von dem, was Luther „damals gesagt hat“. Bonhoeffer hat sich 1933 aber nur vage dazu geäußert, wie das „unmittelbare politische Handeln der Kirche“ vorzustellen sei. Das sei „jeweils von einem ‚evangelischen Konzil‘ zu entscheiden“ (DBW 12, 354).

Gemeint war nicht, ein solches Konzil möge beschließen, die Glieder der Kirche zu bewaffnen. Bonhoeffer war Pazifist. 1934 hat er auf der Tagung des Weltbundes für die Freundschaftsarbeit Kirchen das „eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Jesu Christi“ gefordert. Es sollte den Christen in den Völkern der Welt die Teilnahme am Krieg verbieten (vgl. DBW 13, 301). Anders als gewaltlos war politisches Handeln der Kirche für Bonhoeffer nicht zu denken. Für diesen Pazifismus hat er sich auch auf Luther berufen. Luther aber hätte ihn, welcher der Christenheit empfahl, einen „Angreifer“ „betend und wehrlos“ zu empfangen (DBW 13, 300), sicherlich einen „Schwärmer“ genannt.

Im Gespräch Bonhoeffers mit Luther begegnen wir also einer eigenartigen Widersprüchlichkeit: Auf der einen Seite die ständige Berufung auf Luther. Auf der anderen Seite immer wieder „das Gegenteil“ von dem, wofür Luther faktisch eingetreten ist. In jenem Brief an seine Eltern wird auch erklärt, warum das so ist. Nicht die „primären Motive“ – das, was Luther eigentlich wollte – hätten sich durchgesetzt, sondern die „sekundären Motive“ (DBW 8, 179).

Bonhoeffers ging es um die „primären Motive“, um die Orientierung der Kirche an „Gottes Wort“ allein. „Zum wirklichen Luther“ zurück (DBW 12, 417) war die Devise. Das war seit 1933 dringend nötig. Die „Deutschen Christen“ beriefen sich auf den „deutschen Luther“ und seine angebliche Befürwortung einer Offenbarung Gottes „in Rasse, Blut und Boden“ der Deutschen. Die „verzerrte Lutherphysiognomie“ zu entlarven, die sich hier zeigte, war regelrecht Bonhoeffers Leidenschaft (DBW 14, 257).

Das führte ihn zunächst nicht zu „unmittelbarem politischen Handeln“. Sein Lebensweg von 1933 an ist vom Einsatz für die „Bekennende Kirche“ geprägt. Das endete mit Publikationsverbot, Redeverbot und Aufenthaltsbeschränkungen. Damit war er in dieser Kirche lahm gesetzt und es begann seine aktive Beteiligung an der Verschwörung gegen Hitler. Er wurde Agent der militärischen Abwehr. Offiziell sollte er unter Ausnutzung seiner ökumenischen Kontakte die Pläne der Alliierten erkunden. Eigentlich ging es darum, die Alliierten über den Widerstand zu informieren und ihre Reaktion darauf zu erkunden.

Wie hat der Theologe und Pfarrer, der sich dem „wirklichen Luther“ verpflichtet wusste, diese Entscheidung begründet? Die theologische Konstellation von Luther her sah so aus: Der Christ hat der „Obrigkeit“ als Gottes „Ordnung“ Gehorsam zu leisten. Kann er das mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, wenn die Obrigkeit ihr Amt missbraucht, dann soll er das auch kundtun. Er muss dann aber auch bereit sein, zu erleiden, dass die Obrigkeit ihn bestraft.

Auf dieser Linie hat Bonhoeffer seine Beteiligung am Widerstand begründet. Er hat nicht in Frage gestellt, dass auch der NS-Staat „Obrigkeit“ ist. Die Kirche Jesu Christi propagiert kein „Recht auf Revolution“ (Staat und Kirche, DBW 16, 532). Das ist Luther. Aber dass der Einzelne das „Wagnis“ (DBW 16, 523) auf sich nehmen muss, aktiven Widerstand zu leisten, ist nicht mehr Luther. Im konkreten Falle der Planung eines Attentats verstößt er gegen das Gebot, einen Menschen zu töten. Bonhoeffer war sich dessen bewusst. Die Bereitschaft zur „Schuldübernahme“ (Ethik, DBW 6, 257) gehörte für ihn zu einem verantwortlichen Christsein. Dem Morden tatenlos zusehen und damit noch größere Schuld auf sich zu laden, war keine Option.

An diesem Verständnis verantwortlichen christlichen Lebens haben sich die Befreiungstheologien in Lateinamerika und das Anti-Apartheits-Bekenntnis von Belhar in Südafrika orientiert. Es spielte eine wichtige Rolle, als die Kirchen in der DDR 1989 zum Konzentrationsort der „friedlichen Revolution“ wurden – ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des „obrigkeitshörigen“ Protestantismus! Darüber ist in Vergessenheit geraten, dass Bonhoeffer für den neuen deutschen Staat nicht die Demokratie im Auge hatte. In den Spuren Luthers hat er vielmehr für ein „recht verstandenes Gottesgnadentum der Obrigkeit“ plädiert (Staat und Kirche, DBW 16, 534). Die Grundidee war dabei, dass Jesus Christus besondere Personen beauftragt, als „Stellvertreter“ und „Platzhalter“ Gottes für Recht und Frieden in der Gesellschaft zu sorgen.

Hier wirkt sich das Trauma des ganzen deutschen Widerstandes aus, nämlich dass demokratische Wahlen den Aufstieg der Nationalsozialisten ermöglicht haben. Außerdem wären beim Gelingen des Umsturzes mitten im Kriege sicher nicht Parteibildungen und „freie Wahlen“ das erste Erfordernis gewesen. Allerdings hat Bonhoeffer damals in der ihm eigenen rigorosen Weise mit Luther-Argumenten den Obrigkeitsstaat als allein möglichen Staat befürwortet. Das hat auf der Langstrecke des Weges der Kirchen in der DDR auch dazu geführt, dass die Kirchen in Ost und West mit einer Formulierung von ihm die DDR-„Obrigkeit“ „unabhängig von ihrem Zustandegekommensein“ (DBW 16, 517) als Gottes Anordnung bejaht haben.

Es war damit aber noch nicht aller Tage Abend. Am Ende wurde in der DDR das Gegenteil von dem, was Bonhoeffer für den Staat nach Hitler vorgesehen hatte, unter Berufung auf seine Vorstellung von einem verantwortlichen Christsein in der politischen Wirklichkeit ins Werk gesetzt. Heute steht der Name Dietrich Bonhoeffers in West und Ost überhaupt nur noch für ein Christsein gut, das den Glauben an Jesus Christus nicht vom politischen Einsatz für eine menschenwürdige und gerechte Gesellschaft trennen kann.

 

 

 


 
Sie sind hier: Artikel