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06.11.2016 13:31 Alter: 173 Tag(e)
Kategorie: Predigten

Hiob 14, 1-6

Predigt in der Luthergemeinde Berlin-Pankow am 06.11.2016


 

Liebe Gemeinde,

das Buch Hiob, aus dem die alttestamentliche Lesung dieses Sonntags stammt, die auch der heutigen Predigt zugrunde liegt, ist ein wirklich merkwürdiges Buch. Es hat zwei ganz verschiedene Teile. Der erste Teil erzählt davon, dass Gott dem Satan erlaubt habe, die Frömmigkeit dieses Mannes aus dem Lande Uz auf die Probe zu stellen. Es soll sich zeigen, ob er auch dann noch fromm ist, wenn er all seinen Besitz und seine Familie verliert und mit schlimmen Krankheiten geplagt wird.

Die „Hiobsbotschaften“, mit denen Hiob eine schlimme Katastrophe nach den anderen mitgeteilt wird, sind ja bis heute regelrecht sprichwörtlich. Doch Hiob lässt sich dadurch nicht erschüttern. Sein Glaubensbekenntnis lautet: „Der Herr hat’s gegeben; der Herr hat’s genommen. Der Name des Herrn sei gelobt“. Deshalb bekommt er am Ende auch alles wieder, was ihm genommen wurde, ja doppelt so viel. Er zeugte außerdem noch sieben Söhne und drei Töchter, von denen es heißt, schönere Frauen als sie gab es im ganzen Lande nicht. Hiob selbst aber lebte fabelhafter Weise noch 140 Jahre und starb dann „alt und lebenssatt“ 

Doch mit diesem Hiob Nr.1 hat der Hiob Nr.2, der im großen Mittelteil des Hiob-Buches zu Worte kommt, überhaupt nichts zu tun. Dieser große Mittelteil, der in Versform verfasst ist, gibt ein Gespräch wieder, das der geplagte Hiob mit seinen sogenannten „Freunden“ führt. In diesem Gespräch klagt Hiob scharf und ausdauernd Gott für sein Leid an. Der Grundton dieser Klage ist: Ein gerechter Gott darf nicht zulassen, das einem Menschen, der so fromm ist wie Hiob so viel Böses und Schlimmes widerfährt. Seine Freunde, die so reden wie superschlaueTheologieprofessoren, versuchen ihm das auszureden. Aber Hiob bleibt bei seiner Anklage Gottes, die so etwas ist wie eine frühe Regung des Atheismus, der Gottesleugung, die wir heute nur allzu gut kennen. Ausgerechnet ein Stück aus dieser Anklage ist also heute unser Predigttext. Er lautet:

Der Mensch, von einer Frau geboren, lebt kurze Zeit an Tagen und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch Du hältst über ihm Dein Auge offen und bringst ihn ins Gericht mit Dir. Kann wohl ein Reiner von Unreinem kommen? Nicht ein Einziger (wird's sein). Sind seine Tage bestimmt und die Zahl seiner Monde bei Dir, setzt Du sein Ziel, das er nicht überschreitet - So schau doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

„Amen“, liebe Gemeinde, – und das heißt auf deutsch: “Ja, das ist wahr“– „Amen“ also, wie wir's gewohnt sind, wenn der Predigttext gelesen ist, bleibt uns bei diesem Text tatsächlich im Halse stecken.

Hier redet zwar einer Wahres, allzu Wahres, über uns. Aber es nichts Wahres, das trägt und gewiss macht, wie es mit der Wahrheit im „Amen“ doch sein sollte. Es stimmt bloß. Es stimmt auf trübsinnige Weise, so wie die welken Blumen und Blätter im November. Die fegt der Wind und der Regen davon. Ganz knapp sind die Tage bloß noch für ein paar späte Rosen und Blümchen vor meinem Fenster. Schon morgen wird der Nachtfrost ihnen das bisschen Lebenskraft nehmen und mit seiner Kälte erstarren lassen, was noch aufsprossen will in der Zeit des Vergehens.

Ist der November der Spiegel, den Hiob uns vorhalten will, damit wir sehen, wer wir in Wahrheit sind, dann springen wir uns als lächerliche und traurige Kandidatinnen und Kandidaten des Vergehens ins Auge. Lächerlich ob des Rumors, den wir noch anrichten mit unseren Terminkalendern und unseren Geschäften, mit unserer Eile und unserem Gerangel nach dem sog. „Platz im Leben“. Traurig, weil wir damit die Tage nicht halten können und selbst nur noch fliehende Schatten sind im Schein einer Abendsonne, die ganz schnell untergeht.

Fällt solche November-Wahrheit in unser Gemüt, liebe Schwestern und Brüder, dann liegt sie dort schwer und drückt den Stempel der Nichtigkeit auf all unser Tun und Lassen, auf all unser Denken und Sagen. Wenn's nichts weiter mit uns auf sich hat, als mit den welkenden Blättern und den fliehenden Schatten, warum machen wir dann um uns und um unser Leben so ein Gewese? 

Warum ist es wichtig, ob wir gut oder böse handeln, gut oder böse sind? Warum planen wir die Zukunft, die doch jeden, den eine Frau geboren hat, letztlich bloß ins Grab bringen wird? Oder ist es um des Lebens an sich willen, das uns verbraucht, damit der Lebensstrom regeneriert wird? Um, weil wir nun mal da sind, uns dieses Dasein – wenigstens so lange es geht – einigermaßen annehmlich zu machen?

Hiob scheint das zu meinen, wenn er seine November-Wahrheit predigt. Wenigstens seine Ruhe will er haben in dieser Lebenszeit, mit der es im Ganzen so wenig und vielleicht gar nichts auf sich hat. Rackern will er schon den ganzen Tag lang – wozu auch immer. Am Abend aber wird der Tagelohn ausgezahlt. Dieser Lohn reicht, um sich bei ein paar Bierchen die Ruhe zu finanzieren, in der Menschen sich alle wirklich wichtigen Fragen ihres eigenen Lebens vom Halse halten. Tür zu, November-Fragen ade. Die Nische wird zur Lebenskunst, in der man sich das ganze Leben solange es eben geht mit kleiner Münze erträglich macht.

Der Sympathie von vielen Menschen, die heute ihr Leben so verbringen, darf der realistische Hiob sich wohl sicher sein. Ihnen reicht „det kleene Stück vom Jlück“, das man sich eben leisten kann. Doch reicht es wirklich? 

Fallen oder brechen die November-Wahrheiten der Nichtigkeit eines solchen Lebens in das Nischendasein, dann kommen da lauter allein gelassene Menschen zu Tage, nach denen selbst niemand schaut und die Türe wieder aufreißt, hinter der ein völlig unwichtiges gewordenes Leben vor sich hin wurstelt. 

Darum also, liebe Gemeinde, weil wir das große Weh von so vielen Menschen (und vielleicht auch von uns selbst?) in der billig bezahlten Lebensnische kennen, darum erstirbt uns das „Amen“ unter Hiobs Schrei, auch Gott möchte wegschauen von ihm. Schaut auch Gott noch weg, dann sind wir Zeit unseres Lebens wirklich nur noch sinnlos verwehende Blätter im Herbst. 

Es muss also schon ziemlich verzweifelt um einen Menschen stehen, so verzweifelt wie eben um Hiob, wenn ihm solch ein Atheismus der Menschenverachtung noch wie eine Glücksperspektive erscheint. Aber eines unterscheidet Hiob doch von denen, die heute in ihren Feierabendnischen schon längst vergessen haben, dass sie in Gottes Augen keine Nullen sind. Hiob wendet sich an Gott. „Beten“ kann man das wohl kaum nennen, wenn zu Gott sagt: „So schau doch endlich weg von mir! Du machst meinen Schmerz noch schmerzlicher und meinen Jammer noch jämmerlicher mit deinen immer wachen Augen“.

Aber das, liebe Schwestern und Brüder, tut Gott nicht: Wegschauen. Weiß Hiob das? Ahnt er das wenigstens, wenn er von Gott fordert, er solle aufhören, Gott zu sein für uns Menschen und uns alleine lassen mit dem „Rachen“ der Hölle, die uns mitten im Leben anficht? 

„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“? hat ein anderer geschrien, über den dieses Alleinsein tatsächlich hereinbrach, das ein Mensch nicht aushalten kann, das Gott selbst ausfüllen muss. Gottes Gegenwart bei den Gottverlassenen mischt sich im Zeugnis der Bibel unter Hiobs Schrei und fängt ihn von ganz unten auf.

Mitten in Hiobs Verzweiflung und dem Schrei, den sie gebiert, ist sie da. Sie wird auch Hiob Hiob noch einmal neue Worte für seinen Gott und neue Hoffnung für seinen Weg geben. Mitten in der Lebenskunst der kleinen Münze ist sie dabei. Da sorgt Gott mit seinen wachen Augen dafür, dass die Würde von Gottes Geschöpfen nicht verloren geht.

Ich darum gezögert, ob wir nach der Predigt wirklich das Lied „Ach wie nichtig, ach wie flüchtig ist das Leben“ singen sollen. Es schwelgt ja regelrecht in Hiobs November-Wahrheiten, so dass der letzte Satz „Wer Gott fürcht, wird ewig stehen“ kaum dagegen aufkommt. Auf der anderen Seite gehört dieses Lied aber auch zu den großen Schätzen unserer evangelischen Liedtradition, das nicht in Vergessenheit geraten sollte. Johann Sebastian Bach hat eine beeindruckende Kantate zu diesem Lied geschrieben. Und in der Mottete „Der Mensch vom Weibe geboren“, in der sein Sohn Johann Christoph Bach unseren Predigttext vertont hat, führt die wunderbare Melodie des Schlusschorals ganz von alleine über die Traurigkeit des Textes hinaus. 

Denn nicht wahr: Es ist etwas anderes, wenn einem Menschen in der Einsamkeit seiner Lebensnische die Nichtigkeit seines Daseins bewusst wird oder wenn er beginnt zu singen. Wem die Schwermut von Hiobs November-Wahrheiten ins Gemüt fällt, der singt nicht. Wer sie dagegen ins Singen münden lässt, der ist schon über sie hinaus, der hat schon die Perspektive, in der uns Gott mitten in den November-Wahrheiten mit seinem ewigen Weitblick tröstet und uns gewiss macht, dass wir für ihn ewig wichtig sind und bleiben. Dazu können wir dann wirklich sagen: Amen, ja das ist wahr.

 


 
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