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15.09.2016 10:56 Alter: 194 Tag(e)
Kategorie: Vorträge

"Auf diesen Menschen sollst du zeigen und sprechen: Das ist Gott".

Martin Luthers Verständnis Jesu Christi in der Theologie und im Leben Dietrich Bonhoeffers. Vortrag im Bonhoeffer-Haus Berlin am 14. September 2016


1.     „Wo stehen wir“? – „Wer zeigt uns Luther“?

Dietrich Bonhoeffer war zweifelsfrei kein Freund von Reformationsfeiern. Das hatte seinen einfachen Grund darin, dass es in der evangelischen Kirche, wie er sie erlebte, nach seinem Urteil nicht viel im Geiste der Reformation zu feiern gab. Er hat in einer Predigt zum Reformationsfest im Jahre 1932 den Reformationstag geradezu als einen „schlimmen Tag“ für diese Kirche bezeichnet (DBW 12, 424). An ihm findet der  „stärkste Feldzug Gottes“ gegen sie statt (DBW 12, 426). Gott selbst „protestiert“ hier in Jesus Christus gegen den sogenannten „Protestantismus“,  der „pathetisch“ und „selbstgewiß“ „gegen den Katholizismus und seine Gefahren, […] gegen alle enge Bindung, gegen Dogma und Autorität, […] für die Freiheit des Denkens und des Gewissens, des Individuums“ eintritt (DBW 12, 425). Reformation heißt im Spiegel dieses Protestes Gottes, der im Leben und Sterben Jesu Christi konzentriert ist, für die Kirche: Buße tun. Bonhoeffer sagt:

„Es ist nichts anderes als dieser Ruf, der Luther zu seiner Tat getrieben hat; ‚Gedenke, wovon du gefallen bist, tu Buße‘. Du solltest brennen und du bist kalt, du solltest wachen und du bis träg, du solltest hungern und du bist satt, du solltest glauben und du hast Angst, du solltest hoffen und du greifst nach der Macht, du solltest lieben und du kommst nicht von dir los, du solltest Christus den Herrn sein lassen und du fällst ihm ins Wort“ (DBW 12, 429).

 

Es ist sicherlich nicht schwer, alle diese Anlässe und noch viel mehr zum „Buße tun“ auch heute in unserer evangelischen Kirche zu benennen. Doch den Reformationstag in eine Art Bußtag zu verwandeln, kommt trotzdem kaum jemand in den Sinn – es sei denn man distanziert sich von den Sünden der Vergangenheit: von Luthers Judenfeindschaft und Türkenhass etwa, von seiner wilden Schrift gegen die Bauern, von seinem Teufels- und Dämonenglauben, vom Staatskirchentum, von der Obrigkeitshörigkeit usw. Doch diese problematische Seite der Reformation spielt wiederum bei Bonhoeffer nur eine marginale Rolle. Er hat Luther – so weit ich sehe – im Unterschied zu Karl Barth eigentlich nirgends richtig kritisiert oder gegen ihn polemisiert, auch wenn er – wie wir noch sehen werden – über ihn hinausgegangen ist.

Luther – das war für Bonhoeffer nämlich nicht nur eine Autorität, mit der er im Einklang sein wollte. Luther war für ihn die Stimme, welche die Kirche auch über Jahrhunderte hinweg  auf ihren eigentlichen Auftrag verwies, Gottes Wort in der Schrift ohne Beimischung allzu weltlicher Interessen, die Christus ins Wort fallen, zu verkündigen und sich von diesem Wort den Weg weisen zu lassen. „Hör doch die Bibel, lies doch Luther“, heißt es in jener Predigt zum Reformationsfest im Jahre 1932 (DBW 12, 428). Nicht von ungefähr hat Bonhoeffer im selben Jahre zusammen mit Franz Hildebrandt einen ausdrücklich „lutherisch“ genannten Katechismus geschrieben, der mit dem Lutherwort  „glaubst du, so hast du“ aus der Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ überschrieben ist (DBW 11, 228; vgl. WA 7, 24) und der von Lutherzitaten nur so strotzt. „Wer zeigt uns Luther“? (DBW 11, 213) lautet die Schlussfrage  der Vorlesung über die „Geschichte der systematischen Theologie“ vom Wintersemester 1931/32,  die den Paragraphen mit der Überschrift „Wo stehen wir“? abschließt.

Diese Frage „Wo stehen wir“? wurde nach der Machtergreifung der Nazis und als die „Deutschen Christen“ begannen, Luther für ihre religiös-nationalistische, antisemitische und rassistische Ideologie der Offenbarung Gottes im deutschen Volk in Anspruch zu nehmen umso dringlicher. Die Bewahrung und Aktualisierung der Grundlagen dieser Kirche fiel für Bonhoeffer mit der Aufgabe zusammen, Luthers unverfälschtes Verständnis des Wortes Gottes in Gesetz und Evangelium, des Glaubens, der Kirche und des christlichen Handelns zur Geltung zu bringen. Er hat sich dieser Aufgabe kompromisslos gestellt und von der Bekennenden Kirche die scharfe und entschiedene „Sprache Luthers und nicht die Melanchthons“ gefordert (Brief an Martin Niemöller 30.11.1933, DBW 13, 45). „Zum wirklichen Luther“ zurück (DBW 12, 417), war seine Intention angesichts dessen,  „daß das Tier, vor dem sich die Götzenanbeter neigen, eine verzerrte Lutherphysiognomie trägt“ (Brief an Erwin Sutz vom 24.10.1936,  DBW 14, 257).

         Dafür, dem „wirklichen Luther“ eine Stimme zu geben, war Bonhoeffer von seiner Studienzeit an, in der ihn seine Lehrer Karl Holl und Adolf von Harnack zum Lutherstudium veranlassten, bestens gerüstet. Es gibt fortan kein Buch und kaum einen Aufsatz von ihm ohne ausdrückliche oder implizite Bezüge auf Luther. Seine Vorlesungen und Predigten sind voller Hinweise auf diesen Reformator. In seine persönliche Gottesdienstagende hatte er Luthers „freies Bekenntnis“ von 1528 eingelegt und immer wieder verwendet. Luthers Gebets- uns Frömmigkeitspraxis war für seine eigene Spiritualität ein wertvolles Leitbild. Lutherzitate und Lutherlieder, die er auswendig konnte, fließen immer wieder wie selbstverständlich in seine eigene Sprache ein. Luther bleibt auch da ein wesentlicher Bezugspunkt seines Denkens, wo ihm – wie weithin bei der Arbeit an seiner „Ethik“ und dann im Gefängnis – keine Texte von ihm zur Verfügung standen.

Kurz und gut, Luther war für Dietrich Bonhoeffer kein „toter Mann“ (Predigt Reformationsfest 1932, DBW 12, 424). Was er bei Luther las, geriet in der Situation, in der sich befand, bei ihm selbst vielmehr in lebhafte Bewegung. Das gilt vor allem in einer grundlegenden und über alles andere entscheidenden Hinsicht. Das war das Ernstnehmen des solus Christus. Auf allen Etappen des Weges von Bonhoeffer finden wir nicht einen Pfad, der von der Konzentration seines Denkens und Lebens auf Christus allein weg führt. Auch sein mitten im Kirchenkampf verfolgter Wunsch, indische Religiosität kennen zu lernen, sollte nicht der Zersetzung, sondern der Stärkung dieser Konzentration dienen (Brief an Julie Bonhoeffer vom 22.05.1934, DBW 13,145f).

Denn Bonhoeffer konnte Luther nicht so verstehen, dass er sich hier eingeladen fand, auf den Wegen der theologia naturalis nach Gott im allgemeinen zu fragen und das solus Christus mindestens zeit- und teilweise zu sistieren oder zu relativieren. Luther – und nicht etwa Karl Barth – veranlasste ihn zur durchgehenden christologischen Konzentration seines Denkens. Seine Frage wurde, wie der sich in Jesus Christus der Welt zuwendende und für sie erniedrigende Gott den einzelnen Menschen, die Kirche und Gesellschaft konkret lebensverändernd angeht und selbst diejenigen betrifft, die nicht an ihn glauben. Das zieht sich von jenem schon erwähnten lutherischen Katechismus an über die „Nachfolge“ und die Ethikfragmente bis in die Gefängnisbriefe.

1932 heißt es von Jesus Christus:  „Er ist die Antwort auf alle (!) Fragen des Menschen. Er ist das Heil in allen (!) Leiden der Welt. Er ist der Sieg über alle (!) unsere Sünden. [...] ‚Auf diesen Menschen sollst du zeigen und sprechen: das ist Gott’ (Luther)“ (DBW 11, 234). Und am 14.08.1944 schreibt Bonhoeffer ein halbes Jahr vor seinem Tode aus dem Gefängnis: „Alles (!), was wir mit Recht von Gott erwarten, erbitten dürfen, ist in Jesus Christus zu finden. Was ein Gott, so wie wir ihn uns denken, alles tun müßte und könnte, damit hat der Gott Jesu Christi nichts zu tun“ (Widerstand und Ergebung, DBW 8, 572).

Die Frage, die sich von daher an das Profil des 500jährigen Reformationsjubiläums, wie es in einer ganzen „Reformationsdekade“ ausgebildet wurde, lautet darum zweifellos: Getraut sich unsere Kirche heute, das oder etwas auf dieser Linie zu sagen? Zweifel sind angebracht. Keiner der Themenkomplexe jener Dekade gilt eigens dem Verstehen Jesu Christi. In den Erläuterungen zum Reformationskirchentag „Du siehst mich“ sucht man selbst den Namen Jesu Christi vergebens. Es heißt dort: „Der reformatorische Aufbruch vor 500 Jahren war ein Ausbruch aus alten Gewohnheiten. Reformation ist Veränderung. Wie brechen wir heute auf, mutig, kreativ und mit Kraft, um Herausforderungen von Klimakrise, Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Friedenskrise zu begegnen“? Und weiter: „Du siehst mich – ein Satz, der über den biblischen Kontext hinaus (!) auch heute Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung aussagt“. Und weiter: „500 Jahre Reformation: Ein an sich selbst verzweifelter Mönch hat entdeckt, dass ein gnädiger Gott ihn anschaut. Und das hat ihn verändert. Und dann die Welt“. Wie würde sich inmitten einer solchen Darstellung des Reformatorischen der Satz ausmachen: „Auf diesen Menschen sollst Du zeigen und sprechen: Das ist Gott“? Hätte er überhaupt eine Chance? Sehen wir zu, wie Bonhoeffer ihn verstanden hat.

 

2.     Ecce homo

Als erstes ist leider eine gewisse Fehlanzeige am Platze. Dieses Zitat lässt sich nämlich bei Luther überhaupt nicht genau nachweisen. Bonhoeffer hat es offenkundig einer Sammlung von Lutherzitaten entnommen, die Franz Hildebrandt für ihn zusammengestellt hat und das  auch in dessen Dissertation „EST. Das lutherische Prinzip“, Göttingen 1932, 82 begegnet. Es lautet hier: „ich zeige auf den Menschen und spreche: das ist Gott“. Verwiesen wird dort einerseits auf Luthers Schrift „Vom Abendmahl Christi. Bekenntnis“ von 1528 (WA 26, 440, 34f.), wo es heißt: „Ich zeige auff den menschen Christum und spreche ‚Das ist Gottes son“ odder ‚dieser Mensch ist Gottes son‘“. Andererseits wird auf „de captivitate babylonica“ hingewiesen. Dort sagt Luther (in deutscher Übersetzung): „Aber über jede der beiden unversehrten Naturen (Jesu Christi) wird zu Recht wahrhaftig gesagt: Dieser Mensch ist Gott, dieser Gott ist Mensch“ (WA 6, 511, 36-38). So wie Hildebrandt und dann auch Bonhoeffer das Zitat als Luthers Äußerung deklarieren, handelt es sich offenkundig um eine Kombination beider Belegstellen.  

Um sie verstehen, muss man die Denk- und Argumentationsweisen der klassischen Christologie kennen, in denen Bonhoeffer zu Hause war und ohne die man im Grunde auch seine eigene Christologie nicht verstehen kann. In unserem Falle handelt es sich um die Lehre von den propositiones personales, das heißt um Redeweisen von der Person Jesu Christi, in der göttliche und menschliche Natur (Gott und Mensch) vereinigt sind. Aufgrund dieser communio naturarum (der Gemeinschaft der göttlichen und des menschlichen Wesen in der Person Jesu Christi) kann man vom Menschen Jesus sagen: Er ist Gott und umgekehrt von Gott: Er ist Mensch.

Hildebrandt und in seinem Gefolge Bonhoeffer haben aus dieser Möglichkeit dann einen Imperativ gemacht: „Auf diesen Menschen sollst du zeigen“. Sie wollten offenbar die Dringlichkeit und Unerlässlichkeit, so zu reden unterstreichen. Außerdem haben sie die Umkehrung weggelassen, nämlich dass man auch von Gott sagen kann: Er ist Mensch. Das bedeutet: Das Gewicht fällt hier ganz darauf, dass uns im Menschen Jesus Gott begegnet und – um noch einmal Bonhoeffers Äußerung von „Widerstand und Ergebung“ heranzuziehen – „alles, was wir mit Recht von Gott erwarten, erbitten dürfen, […] in Jesus Christus zu finden ist“.

Wie wichtig Bonhoeffer das schon Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts war, ist an seiner häufigen Verwendung des kombinierten Lutherzitats zu sehen. Nach dem „lutherischen Katechismus“ begegnet es in der „Christologie“-Vorlesung vom Sommersemester 1933 (DBW 12, 299f.), im Finkenwalder Vortrag über die „Vergegenwärtigung neutestamentlicher Texte“ von 1935 (DBW 14, 413) in einer Predigt über Psalm 42 aus demselben Jahre (DBW 14, 854), in der „Nachfolge“ von 1937 (DBW 4, 241) und in vielen indirekten Anklängen in Bonhoeffers sonstigem Schrifttum. Gott in der Niedrigkeit des Menschen Jesus zu erkennen, ist demnach Aufgabe der Theologie. Ihn so zu verkündigen, ist der Auftrag der Kirche. Das war die die entscheidende Orientierung von Bonhoeffers Denken und Wirken, die ihm Luther eingeprägt hat. „Du darfst nicht zu Gott emporsteigen, sondern fange da an, wo er angefangen hat: im Leib der Mutter ward er Mensch und verbiete dir den Geist der Spekulation“, heißt in Luthers Galatervorlesung von 1531. Und weiter: Paulus „will christliche Theologie lehren, welche nicht oben in höchster Höhe beginnt, wie alle anderen Religionen, sondern unten in tiefster Tiefe […] Eile zur Krippe und zum Mutterschoß und betrachte ihn, den Säugling, den Wachsenden, den Sterbenden.  Dann kannst du allen Schrecken und Irrtümern entlaufen“ (WA 40/1, 75ff.).

In diesem Sinne und diesem Geiste hat Bonhoeffer seine Christologievorlesung vom Sommersemester 1933 systematisch entfaltet und dann in der Sache immer wieder auf sie zurückgegriffen. Sie ist uns leider nur in Nachschriften überliefert, die manche Fragen aufwerfen. Aber eines ist doch deutlich zu erkennen. Orientiert an Luthers Niedrigkeits- und Kreuzeschristologie wollte sie einprägen, dass Gott nur so, wie er im Menschen Jesus begegnet, für uns (pro nobis, pro me) Gott ist und dass sich Kirche  und Theologie aller davon abstrahierenden Fragestellungen zu enthalten haben. Sich der Frage, „wer ist Jesus Christus“?  zu stellen, ist die Aufgabe der Christologie. Nicht aber ist von allen möglichen Voraussetzungen und religiösen Vorstellungen her die Frage zu traktieren, wie Jesus Gott sein kann, wird gleich am Anfang dieser Vorlesung eingeschärft (vgl. DBW 12, 280-289). Dabei sollen wir nicht meinen, „daß wir schon vorher wüßten, wer Gott sei“ (DBW 12, 340). Wir erfahren und lernen hier überhaupt erst, wer Gott ist.

Gerade das fand Bonhoeffer auch an den christologischen Entscheidungen Luthers und des frühen Luthertums, die sich im Abendmahlsstreit mit den Reformierten heraus bildeten, wichtig. Er hat deshalb die lutherische Sonderlehre, dass der menschlichen Natur Jesu Christi göttliche Majestätseigenschaften zuwachsen, aufgrund derer er als Mensch auch im Abendmahl allgegenwärtig sein kann, bejaht. Das geschah allerdings unter der Voraussetzung, dass sich der Gott-Mensch Jesus Christus in der Welt erniedrigt und jene Eigenschaften während seines Erdenlebens verhüllt hat. Diese Niedrigkeitsgestalt Gottes im Menschen Jesus  setzt sich gegenwärtig fort im Wort, im Sakrament und in der Gemeinde (vgl. DBW 12, 343-348). Sie begegnet auch hier in menschlicher, weltlich wenig durchschlagskräftiger „Gestalt“ im „Ärgernis“ der „Verhüllung“ von Gottes Herrlichkeit. Sie mutet denen, die in Jesu Nachfolge leben, selbst eine Niedrigkeitsexistenz zu. Das aber ist darin begründet, dass der Gott, der sich im Menschen Jesus der Welt zuwendet, „undurchsichtig“ im „Incognito“ wirkt.  Die „Ärgerlichkeit“ ist die „Gestalt […], in der Christus allein Glauben ermöglicht“, führt die Christologievorlesung aus (DBW 12, 345).

Luthers Wort, dass Jesus in den Augen der Welt zugleich der „allergrößte Sünder“ (peccator pessimus) sei (vgl. WA 40/1, 434f.), ist für Bonhoeffer deshalb von großer Bedeutung gewesen (vgl. DBW, 12, 344). ). Es ist darum doch wohl ein Missverständnis der schlechten Mitschrift der Finkenwalder Vorlesung „Sterben und Rechtfertigung“ (1936), wenn es dort heißt, Bonhoeffer habe diese Aussage negiert (vgl. DBW 14, 610). In Wirklichkeit bereitet sie den Boden für die zentrale christologische Passage, in der Bonhoeffer in den  Gefängnisbriefen die „religionslose Interpretation“ des Christentums begründet hat. „Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt“, heißt es da – allerdings ohne die Absicherungen der lutherischen christologischen Tradition  – „und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns“ (Widerstand und Ergebung, DBW 8, 534).

Man muss diese Aussage auf dem Hintergrund von Bonhoeffers theologischer Bildung in Luthers Christologie hören, die er im Laufe der Zeit keineswegs abgeschüttelt hat. Viele abenteuerliche Ausdeutungen seiner Überlegungen zu Jesus als der eigentlichen „Transzendenzerfahrung“ und als „Mensch für andere“ (DBW 8,558) hätten dann vermieden werden können. Bonhoeffer hat die Christologie hier nicht auf die Anthropologie reduziert. Er hat nur weiter gedacht, was er bei Luther gelernt hatte: „Soll Jesus Christus als Gott beschrieben werden, so darf nicht von seiner Allmacht und Allwissenheit geredet werden, sondern von seiner Krippe und seinem Kreuz“ (Christologievorlesung, DBW 12, 341).  „Das Kind in der Krippe ist Gott“ kann er darum unter Berufung auf die 3. Strophe des Lutherliedes „Gelobet seist Du Jesu Christ sagen: „Den aller Welt Kreis nie erschloss, der liegt jetzt in Marien Schoß“ (ebd.). Natürlich ist eine solche Aussage nur möglich im Glauben an das Wort, in dem Gott uns im Menschen Jesus gegenwärtig wird. Aber indem sie so möglich wird, ist das „Ecce homo“ – seht den Menschen Jesus! – das die Basis für alles, was über Gott in den Spuren Luthers Christologie Luthers zu sagen ist.

Ecce homo –  dieses mit Luthers Christologie angeeignete Pilatus-Wort (vgl. Joh 19,5) korrespondiert dem Imperativ, auf den Menschen Jesus als Gott zu zeigen. Bonhoeffer hat es im Fragment „Ethik als Gestaltung“ aus dem Jahre 1940 seinen Reflexionen darüber voran gestellt, was die wesentlichen Dimensionen des Seins Jesu Christi – Menschwerdung, Kreuz und Auferstehung – für das Handeln und Verhalten von Menschen bedeuten (vgl. DBW 6, 70-70). Er ist dabei durchweg im Gespräch mit Luther gewesen, obwohl er mit seiner Einsicht, dass es beim Handeln von Menschen, die an Jesus Christus glauben, um die „Gleichgestaltung“ mit dem Menschgewordenen, Gekreuzigten und Auferstandenen gehe, durchaus eigenständige Wege gegangen ist. Aber ein cantus firmus aus Luthers Christologie ist in allen christologischen Passagen in Bonhoeffers Werk präsent. Das ist das Verständnis des Lebens und Sterbens Jesu Christi als stellvertretendes Eintreten in die Situation der Sünde und Schuld der Menschheit.

Schon in Bonhoeffers Dissertation spielt dieses Verständnis des sogenannten „hohepriesterlichen Amtes“ Jesu Christi eine entscheidende Rolle. Unter ausdrücklicher Berufung auf Luther hat er dort die Stellvertretung Christi als „Schuld- und Strafstellvertretung im prägnanten Sinne“ interpretiert (Sanctorum communio, DBW 1, 99). Das Argument dafür ist: „Gott nimmt den Menschen ernst in seiner Schuld, darum kann nur Strafe und Überwindung der Sünde Abhilfe schaffen“ (DBW 1, 98). Aus diesem Grunde nimmt Jesus Christus als „Unschuldiger [...] Schuld und Strafe der Anderen auf sich“.  so dass die „stellvertretende Liebe“ Gottes für die Anderen triumphieren kann (DBW 1, 99). Bonhoeffer hat die theologischen und ethischen Bedenken, die ja nicht erst seit heute gegen die Lehre vom stellvertretenden Opfer erhoben werden, als untheologische Bedenken beiseitegeschoben (vgl. ebd.). Für ihn war entscheidend, dass Gottes „Zorn“ über die Sünde unausweichlich ist, dass Gott aber in Jesus Christus selbst die Strafe für die Sünde auf sich nimmt und – in den Tod geht.

Bonhoeffer hat sich darum die Rede Luthers vom „Tode Gottes“ zu Eigen machen können. Aufgrund der gegenseitigen Mitteilung der Eigenschaften der göttlichen und der menschlichen Natur in der Person Jesu Christi (communicatio idiomatum) gilt ja nach Luther: „Weil Gott und Mensch vereinigt ist in einer Person, so heißt’s recht Gottes Tod, wenn der Mensch stirbt, der mit Gott ein Ding oder eine Person ist“ (Von Konziliis und Kirchen, 1539, WA 50, 11-31; vgl. auch Vom Abendmahl Christi. Bekenntnis, 1528, WA 26, 319-322 ). In „Schöpfung und  Fall“ nimmt Bonhoeffer diese Rede vom „Tode Gottes“ sogar in der theologisch bedenklichen Weise auf, wie sie der zweiten Strophe des Liedes von Johann Rist „O Traurigkeit, o Herzeleid“ begegnet (DBW 4, 34). „O große Not, Gott selbst ist tot“ („liegt tot“, muss es eigentlich heißen). Heute ist das in EG 80, 2 korrigiert zu: „O große Not, Gotts Sohn liegt tot“.  

In diesem Sinne hat Bonhoeffer jedoch faktisch vom Tode Gottes geredet. „Gott tötet seinen Sohn“, kann er in der „Nachfolge“ sagen, „und mit seinem Tod tötet er alles, was Fleisch ist auf Erden“ (DBW 4, 271). Das Sterben des Sohnes Gottes ist des sündigen Menschen „Todes Tod“ (Schöpfung, DBW 3, 127; Heiliger Geist, DBW 9, 385) – entsprechend dem Lutherlied „Christ lag in Todesbanden“ (EG 101, 4): „Die Schrift hat verkündet das, wie ein Tod den andern fraß“ (vgl. Betrachtung zu Ostern: Auferstehung, DBW 16, 472). Diese Strophe drückt aus, worum es in der Stellvertretung Jesu Christi bis in den Tod hinein geht: Um unsere Freiheit von Sünde und Tod. Gott „stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod und vergibt ihnen beiden“, wird Bonhoeffer später im Gefängnis dichten (DBW 8, 515f.). Die Stellvertretung Jesu Christi in seinem Tode für uns, wie sie ihm Luther eingeprägt hatte, ist immer ein unhintergehbarer und zentraler Bezugspunkt seines Denkens und seines persönlichen Glaubens gewesen.

Denn sie hat für Bonhoeffer auch nicht nur exklusiv christologische Bedeutung gehabt. Die Einsicht von „Sanctorum communio“, dass der gegenwärtige „Christus als Gemeinde existierend“ verstanden werden muss (DBW 1, 127  u.ö.), hatte für ihn vielmehr die Konsequenz, dass die christliche Gemeinde selbst die Struktur der Stellvertretung hat. Er hat das unter extensivem Gebrauch von Luthers „Sermon von dem hochwürdigen Sakrament des heiligen wahren Leichnams Christi und von den Bruderschaften“ (1519) entfaltet (DBW 1, 117-127;  vgl. WA 2, 742-758). Von daher wird „Stellvertretung“ im theologischen Denken Bonhoeffers zu einem Grundwort, das nicht nur das Verständnis der Kirche und des Christsein mit der Christologie verzahnt, sondern „alles menschliche Leben“ wesentlich als „stellvertretendes Leben“ begreift (Ethik, DBW 6, 257).

Auch beim Verständnis Jesu als des „Menschen für andere“ und der „Kirche für andere“ in den Gefängnisbriefen (vgl. DBW 8, 559-561), mit dem Bonhoeffer das Leben der Christenheit in der „religionslosen Welt“ orientieren wollte, hat Luthers Verständnis der „Stellvertretung“ Pate gestanden. Es kein Zufall, dass Bonhoeffer bei der „tiefe(n) Diesseitigkeit […], in der die Erkenntnis des Todes und der Auferstehung (Jesu Christi) immer gegenwärtig ist“,  an Luther gedacht hat. „Ich glaube, daß Luther in dieser Diesseitigkeit gelebt hat“, heißt es im Brief vom 21.07.1944.

 

3.     „Christus für uns heute“?

Dass Bonhoeffer kein Freund von Reformationsfeiern war, dürfte nach diesem (viel zu kurzen) Überblick über die Prägung seines Verständnisses Jesu Christi durch die Christologie Luthers wohl einleuchtend sein. Das ist jedoch nicht bloß in einer für die Kirche schweren Zeit begründet, in der es mit der „scharfen Sprache Luthers“ zu streiten galt statt zu feiern. Die Christologie Bonhoeffers, die der Kirche in der Orientierung  an der Christologie Luthers einen Weg in die Niedrigkeitsexistenz weist, zeigt grundsätzlich nicht nach oben, nicht zur „triumphierenden Anhängerschaft einer sogenannten ‚Weltreligion‘“ – um mit Karl Barth zu reden, dem anderen Theologen, der ihn nach oder neben Luther theologisch am Meisten geprägt hat (vgl. Das christliche Leben. Die Kirchliche Dogmatik IV/4. Fragmente aus dem Nachlass, GA II, Zürich 1976, 329). Bonhoeffer ist im Bedenken der Frage, die ihn im Gefängnis „unablässig bewegt“ hat, nämlich „wer Christus heute für uns eigentlich ist“ (DBW 8, 402) sogar noch viel weiter gegangen.

Die „Kirche für andere“ ist weltlich die arme Kirche, die zu „Menschen aller Berufe“ von Christus nur glaubwürdig reden kann, wenn sie alles Eigentum verschenkt, auf alle weltlichen Herrschaftsformen verzichtet und „helfend und dienend“ existiert. „Maß,  Echtheit, Vertrauen, Treue, Stetigkeit, Geduld, Zucht, Demut, Bescheidenheit“, sind ihre Kennzeichen (DBW 8, 560). Nur so kann sie „Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt sein“, heißt es im Taufbrief für Dietrich Wilhelm Rüdiger Bethge vom Mai 1944 (DBW 8, 435). So aber, wie sie sich damals als religiöse Organisation und Institution darstellte, kann sie es nicht.

         Bonhoeffers christologisches Lieblingszitat aus den dreißiger Jahren taucht in den Gefängnisbriefen darum nicht mehr auf. Nicht „Zeigen und Sprechen“ ist jetzt an der Zeit, sondern „Beten und […] Tun des Gerechten“ (ebd.), Versenken „in das Leben, Sprechen, Handeln, Leiden und Sterben Jesu […], um zu erkennen, was Gott verheißt und was er erfüllt“ (Brief vom 26. Juli 1944, eine Woche nach dem gescheiterten Attentatsversuch, DBW 8, 573). Mit dieser Haltung zeigt die Kirche unter Menschen, denen der christliche Glaube an Gott fremd geworden ist, auf  Jesus! In dieser Haltung wartet sie auf den Tag, „an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, daß sich die Welt darunter verändert und erneuert“. Bis das aber geschieht, „wird die Sache der Christen eine stille und verborgene sein“ (DBW 8, 436).

         Bekanntlich ist es nicht so gekommen, dass sich die deutschen evangelischen Kirchen nach dem Ende der Nazizeit betend und helfend und dienend in den Wartestand begeben haben. Die Deutsche Evangelische Kirche wurde als Evangelische Kirche in Deutschland  so wiederhergestellt, wie sie vor dem Einbruch der „Deutschen Christen“ in ihre Ordnung und ihre Bekenntnisbindung war. So stellt sie sich summa summarum bis heute dar – nur mit dem Unterschied, dass ihre Gestalt als eine über das ganze Land ausgebreitete Flächenkirche in der religiös und weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft mehr und mehr erodiert. Man kann sicherlich nicht sagen, dass Bonhoeffers Impulse für eine „Kirche für andere“ in ihr gar nicht lebendig sind. An ihr versuchen sich nicht wenige Gemeinden unter den gegebenen Rahmenbedingungen, die der Institution Kirche einen Platz in der Gesellschaft sichert, zu orientieren. Sie sind auch im Leben vieler Christinnen und Christen beeindruckend lebendig. Dass die sogenannte „Weltverantwortung“ und damit das Diakonische beim Reformationsjubiläum eine so große Rolle spielt, hängt auch damit zusammen, dass in unseren Kirchen ein Bewusstsein dafür vorhanden ist, nur glaubwürdig reden zu können, wenn sie zu leben versucht, was ihr vom Jesu Eintreten „für andere“ her aufgetragen ist.

Aber in einer Kirche, deren Glied man faktisch ohne den eigenen verantwortlichen Vollzug eines christlichen Lebens sein kann und inmitten einer säkularisierten Gesellschaft ist die Gefahr groß, dass gerade die richtigen Worte „kraftlos“ werden. Darum hätte auch das Wort „auf diesen Menschen sollst Du zeigen und sprechen: Das ist Gott“ sicherlich keine Chance, Motto des Reformationsjubiläums zu werden. Man kann nur hoffen, dass seine Wahrheit unter den vielen Themen, der kaum mehr überschaubaren Fülle von Deutungen  der Reformation und ihrer Bedeutung für die Bildung und die Wissenschaften, für die Künste und die Sprache, für den Beruf und Ehe, für die Politik usw. Platz findet. „Was feiern wir eigentlich“? – kann man deshalb schon als bange Frage hören, welche die Befürchtung hegt, all diese Themen könnten den, um den es bei Reformation ging – Jesus Christus – zustellen und verbergen.

Angesichts dessen könnte man sicher Bonhoeffers Reformationspredigt von 1932, mit der wir eingesetzt haben, auf dieses Jubiläum beziehen. Dieser Predigt liegt der Text Apokalypse 2, 4f. 7 zugrunde, in dem es unter anderem heißt: „Gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke“. Bonhoeffer sagt dazu:

„Es mag fast unschicklich klingen, am Reformationstag gerade von den Werken zu reden. Aber es ist ein grauenvolles Mißverständnis des Evangeliums, wollte man meinen, der Glaube, die Buße sei ein Ding für fromme Abend- und Morgenstunden. Glaube, Buße heißt Gott Gott sein lassen auch in unserem Tun, gerade in unserem Tun gehorsam sein. Tu die ersten Werke, wie nötig ist es, das heute zu sagen. Keiner, der die heutige Kirche kennt, wird sich darüber beklagen wollen, daß die Kirche nichts tue. Nein, die Kirche tut unendlich viel, auch mit viel Aufopferung und Ernst; aber wir tun alle eben so viel zweite, dritte und vierte Werke, und sie tut nicht die ersten Werke. und eben darum tut sie das Entscheidende nicht. Wir feiern wir, repräsentieren, wir erstreben Einfluß, wir machen eine sogenannte evangelische Bewegung, wir treiben evangelische Jugendpflege, wir tun Wohlfahrtsdienste und Fürsorge, machen Gottlosenpropaganda – aber tun wir die ersten Werke, um die schlechthin alles geht? Gott lieben und den Bruder lieben mit jener ersten, leidenschaftlichen, brennenden, alles nur Gott nicht aufs Spiel setzenden Liebe“? (DBW 12, 429)

 

Ich vermute, es wird zum Reformationsjubiläum nicht eine Predigt geben, die so redet. „Alles auf Spiel“ zu setzen, das würde ja bedeuteten, auch die ererbte Gestalt der Kirche auf Spiel zu setzen, die ihre Wurzeln in der Reformationszeit hat wie z.B. das Landeskirchenwesen, das ja auch bei Fusionen von Landeskirchen praktisch erhalten bleibt, oder das deutsche Staatskirchenrecht, das wesentliche Aufgaben der Kirche in die Hände des Staates gibt? Ist es nötig auf das alles zu verzichten, um eindeutig Kirche Jesu Christi sein?

Am 31.10.1943 hat Dietrich Bonhoeffer an seine Eltern aus dem Gefängnis geschrieben: „Heute ist Reformationsfest, ein Tag, der einen gerade in unseren Zeiten wieder sehr nachdenklich machen kann. Man fragt sich, warum aus Luthers Tat Folgen entstehen mußten, die genau das Gegenteil von dem waren, was er wollte.“ Bonhoeffer denkt dabei an das Zerbrechen der Einheit der Kirche und Europas, an das Versanden der „Freiheit eines Christenmenschen“ in „Gleichgültigkeit und Verwilderung“, an die „Auflösung  aller echten Bindungen und Ordnungen“. Er erinnert sich dann an ine Auseinandersetzung zwischen Karl Holl und Adolf von Harnack in seiner Studentenzeit, bei der es um Frage ging, ob sich mehr die „primären“ oder die „sekundären Motive“ der Reformation durgesetzt haben. Bonhoeffer plädiert für das zweite. Und er fügt dann hinzu: „Kierkegaard hat schon vor 100 Jahren gesagt, daß Luther heute das Gegenteil von dem sagen würde, was er damals gesagt hat. Ich glaube das ist richtig – cum grano salis“ (DBW 8, 178).

Ist das richtig? Wie sähe das Gegenteil aus, wenn es schwerlich eine neue Werkgerechtigkeit sein kann? Das Gegenteil vom Zeigen auf Jesus, in dem uns Gott begegnet, kann jedenfalls nicht gemeint sein. Es kann sich in Wort, Tat und Existenzweise der Kirche, der Gemeinden und ihrer Glieder höchstens daraus ergeben. Das Reformationsjubiläum würde dann zu einem Ereignis echten Suchens und Fragens danach werden, welche Reformen unsere Kirche heute nötig hat, um eindeutiger Kirche Jesu Christi zu werden, als sie es heute ist.

 


 
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