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28.03.2016 12:18 Alter: 1 Jahr(e)
Kategorie: Predigten

Ostertempo (Matthäus 28, 1-10)

Predigt am Ostermontag 2016 in der Nordengemeinde Berlin


Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche aufleuchte, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es brach großes Erdbeben los. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee. Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und fielen wie tot um.Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet Euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus den Gekreuzigten sucht. Er ist nicht hier; er ist auferweckt worden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht den Ort, wo er gelegen hat. Und nun geht schnell los und sagt seinen Jüngern, dass er von den Toten auferweckt worden ist. Und siehe, er geht euch voran nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie liefen schnell von dem Grab weg mit Frucht und großer Freude und rannten, um es seinen Jüngern zu verkünden.Und siehe, da kam ihnen Jesus entgegen und sprach: „Seid gegrüßt“. Und sie traten zu ihm, umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Daraufhin spricht Jesus zu ihnen: „Fürchtet euch nicht. Geht hin und verkündigt meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen sollen. Dort werden sie mich sehen“.

Liebe Gemeinde,

bloß weg vom Grab, bloß weg vom Friedhof, bloß weg vom Tod – so könnte die Schlagzeile für diese Ostergeschichte vielleicht lauten, wenn sie heute in der Zeitung stünde. Wir sehen die beiden Frauen da regelrecht mit geschürzten Röcken über Stock und Stein davon stürzen. Furcht sitzt ihnen im Nacken und zugleich große Freude im Herzen. Eine merkwürdige Mischung von Gefühlen. Aber sie hat Triebkraft. Sie treibt die beiden Marien runter vom Friedhof. Schnell sollen sie sein mit ihrer Botschaft, hatte ihnen der Engel, der selber aussah wie der schnelle Blitz, zudem befohlen. Es ist ganz offenkundig: Dieses Ostertempo signalisiert uns: Jetzt hat das Leben wieder Fahrt aufgenommen.

Der Tod dagegen macht unsere Schritte langsam und schwer. An Gräbern sieht man deshalb auch keine Menschen herumrennen und herumhasten. Es ereignet sich dort ja nichts mehr, was wir verpassen könnten. Wo der Tod heimisch ist, kommen wir immer zu spät, auch wenn wir noch so frühe aufstehen. Es braucht keine Eile, um am Grabe eines Verstorbenen in Stille unseren Erinnerungen an sein Leben nachzuhängen. Und wenn’s nun noch so frische, schmerzende Erinnerungen sind wie die an einen gerade grausam zu Tode gequälten Menschen, dann hängen diese Erinnerungen wie Blei in den Beinen. 

Wir können uns also vorstellen, dass es den beiden Frauen so gegangen ist, die sich in der Stille der Morgendämmerung aufgemacht haben, um nach dem Grabe Jesu zu sehen. Wir wissen von den beiden nicht viel und das ist eigentlich schade. Denn diese Frauen mit den bleiernen Beinen sind offenkundig die mutigsten Menschen, die Jesus gefolgt sind, als er nach Jerusalem zog. Sie haben erlebt, wie er und mit ihm seine Botschaft von Gottes neuer Welt schrecklich zugrunde gingen. Aber sie sind nicht weggelaufen, wie die Jünger Jesu, die sich auch an diesem Morgen irgendwo verkrochen halten. Sie haben – bevor der Hahn krähte – nicht dreimal geschworen wie der fabelhafte Petrus, dass sie diesen Menschen nicht kennen. Von ihnen heißt es in der Geschichte von der Grablegung Jesu nur ganz schlicht: „sie saßen dem Grab gegenüber“. 

Heute würden wir wohl sagen: Sie haben die Totenwache für diesen Menschen gehalten. Sie haben etwas Grundmenschliches getan, was in unserer Kultur der diskreten Beseitigung der Toten leider weithin in Vergessenheit geraten ist. Totenwache – das ist eine intensive Zeit der Lebendigkeit, die wir einem verstorbenen Menschen ein letztes Mal geben. Er schließt sich da noch einmal, wie er war, mit unserem Leben zusammen. 

So wird’s auch gewesen sein, als Maria aus Magdala und die andere Maria dem Grabe Jesu gegenüber saßen. Da wurde noch einmal ein Weg in wundervoller Freiheit gegangen, auf den dieser Zimmermannssohn aus Nazareth Menschen gerufen hatte. Da strahlte noch einmal neue Welt auf, in der die Ausgestoßenen ebenso der Liebe Gottes ebenso würdig waren wie ihre Verächter. Da wurde kein böses Wort über Menschen als letztes Wort anerkannt und kein Urteil über ihre Taten als letztes Urteil. Da wurde einfach mit Gottes Liebe geliebt und nach uns Menschen selbst gefragt und nicht bloß nach unserem Schein.

Wir können uns also wiederum vorstellen, dass bei der Totenwache für Jesus das alles in den Seelen dieser Frauen auflebte. Vielleicht haben sie unter Tränen auch ein wenig in der Erinnerung daran gelächelt. Aber dann mussten sie gehen. Wir können nicht endlos an den Toten kleben. Unser kleines Leben reicht bloß für eine Wache und nicht für ein endloses Wachrufen der Toten in uns. Das würde uns selber töten. Da sind sie also gegangen, die beiden Marien.

Nun aber kommen sie zurück im Aufleuchten des dritten Tages nach Jesu Tod. Jedoch es ist ein anderes Zurückkommen als bei der Totenwache, beim Kontakt mit der nachhallenden Lebendigkeit eines Menschen. Es ist ein Zurückkommen bloß zum Grabe, zum Zeichen der Vergangenheit, das über allen errichtet wird, die Menschen sind. Denn natürlich ist es verständlich, dass wir wünschen, wenigstens damit möge es seine Ordnung haben – mit diesem Grab da. Und so begegnen wir denn ja bis heute den Friedhofbesuchern, die mit kleinen Schaufeln und Harken bewaffnet den Unkräutern auf den Gräbern ihrer Lieben zu Leibe rücken. Soweit war es mit Jesu Grab zwar noch nicht. Aber dass es seine Ordnung haben möchte mit diesem Grabe, das ist schon ein guter Grund für unsere mutigen Frauen, doch noch einmal nachzuschauen, auch wenn’s ein bleierner Gang ist. 

Bis hierhin, liebe Gemeinde, ist also alles normal – sozusagen. So geht’s zu, wenn ein Mensch stirbt und begraben wird. Sein Leben lebt noch einmal in uns auf und wird dann immer mehr zur Erinnerung, an welche uns die Grabhügel- und Grabsteine gemahnen. Aber mitten in dieser Normalität nimmt die Geschichte, die uns Matthäus erzählt, nun unerhörtes Tempo auf. Die Erde bebt. Der Engel-Blitz sprengt die Felsen und setzt sich dann doch gemütlich auf einen Stein, wie man es nach getaner Arbeit macht. Die Wachen vor Jesu Grab fallen vor Schreck um. Die Frauen bekommen den Befehl, zu den Jüngern zu rennen und starten mit dieser Mischung aus Angst und Freude durch, die uns schon aufgefallen ist. 

In der alten Kirche, wie man die Christenheit des Anfangs nennt, hat es einen wirklich schönen Brauch gegeben. Das war das Osterlachen. Die Gemeinde hat aus voller Brust darüber gelacht, wie es zugeht, wenn uns der Tod nicht mehr die bleiernen Füße verpasst. In unserer Zeit ist dieses Lachen vielen, viel zu vielen Menschen abhanden gekommen. Sie haben diese Geschichte dem deutschen Bierernst ausgeliefert. Der aber bringt’s allenfalls zu einem höhnischen Gekicher, wenn er von dem Engel hört, der da vor dem Grabe herumdonnert und blitzt. Der stoppt die Wendung vom Tode zum Leben. Er verpasst unseren rennenden Marien wieder die bleiernen Beine, weil er für unser menschliches Leben nur eine Richtung kennt. Und die geht vom Leben in den Tod, in den Sog des großen Staubsaugers für uns Menschen. 

Natürlich pfeift dieser Staubsauger nicht erst seit heute sein Lied vom Tod aufdringlich in den Ostermorgen hinein, liebe Gemeinde. Dieses eklige Pfeifen hat dem Lauf der Marien dem Leben Jesu entgegen von Anfang an zugesetzt. Wir merken das auch an den Geschichten, die das Neue Testament davon sonst erzählt. Sie sind ja, bevor sie aufgeschrieben wurden, an den verschiedensten Orten und über Jahrzehnte nur von Mund zu Mund getragen worden. Als Matthäus seine Fassung aufgeschrieben hat, war der Ostermorgen mindestens schon 40 Jahre alt. Da kannst Du keine Reportage mehr machen. Da hat diese Geschichte schon selbst eine Geschichte, die uns erkennen lässt, wie sich die Erzähler mit allerhand Unterstreichungen der Realität des lebendigen Christus gegen das Todespfeifen gewehrt haben. 

Bei Matthäus ist’s der große Donner am Grabe und der Engel wie ein Blitz, der diesem Pfeifen Einhalt gebietet. Es hat ihn nicht gestört, dass die anderen Evangelien davon nichts wissen. Und die lachende Christenheit des Anfangs hat’s nicht auch gestört. Denn es ist auf andere Weise wahr als die Protokolle, die der Todespfeifer unterschreibt. Es markiert ausdrucksstark die Wendung, die Menschen widerfährt, wenn ihnen die erweckende Kraft des Lebens Gottes in diesem Jesus begegnet. 

Wir können das an dem Fortgang der Geschichte von den rennenden Marien am Ostermorgen bemerken. Dieser Fortgang scheint die dramatische Dynamik dieser Geschichte auf den ersten Blick ja tatsächlich ein bisschen aufzulösen. Die beiden Frauen werden auf den Weg nach Galiläa geschickt. Das ist Landschaft des Wirkens Jesu zu seinen Lebzeiten. Dort sollen sie ihn sehen. Dort haben sich tatsächlich die wesentlichen Erscheinungen des auferstandenen Jesus abgespielt. Nun aber treffen ihn Maria von Magdala und die andere Maria schon vorher, hören aber nur das, was sie eigentlich im Prinzip schon wissen. Er wird in Galiläa erscheinen. Sie sollen das den Jüngern sagen, seinen „Brüdern“, wie Jesus sie ganz schön in auffälliger menschlicher Verbundenheit nennt. 

Für die Frauen aber ist es jetzt erst richtig Ostern geworden. All das, was sie am Grabe Jesu erlebt haben, ist jetzt nur noch Vorspiel, Hinweis auf das, worauf es eigentlich ankommt. Zuerst sind sie nur losgerannt und die Furcht der Ungewissheit saß ihnen ebenso im Nacken wie die Vorfreude auf Jesus selbst. Jetzt hat ihnen die Begegnung mit ihm die Furcht ausgetrieben, dass das Pfeifen des Todes sie doch noch einholt. Erst als sie sich vom Grabe abgewendet haben, erfüllt das Leben Jesu sie mit nichts als Freude. Nun ist es nicht mehr bloß so wie bei der Totenwache, als sie mit traurigem Gemüt noch einmal die Vergangenheit dieses Menschen in ihrer Erinnerung aufsteigen ließen. Nun ist diese Vergangenheit für immer Gegenwart geworden, von Gottes Ewigkeit aufgenommene, sie heute anrührende und anredende Gegenwart.

Dieselbe Erfahrung haben dann noch sehr viele gemacht, die nicht am Grabe Jesu waren. Wir haben ja vorhin in der Epistel gehört, wen der Apostel Paulus alles aufzählt. Sie sind der Kernbestand der christlichen Kirche geworden. Die Kirche aber ist nach Christi Willen dazu da, Menschen einzuladen, ihre eigene Auferstehungsfahrung zu machen. Denn darum handelt es sich ja, wenn die Kraft der Gegenwart des ewigen Gottes, die im Menschen Jesus den Tod überwunden hat, uns anrührt und anredet. Da greift dann die Wendung vom Tode zum Leben auch nach uns. 

Aber, liebe Gemeinde, das geht so langsam in einer Welt, in der die Lebenden nicht aufhören, die Geschäfte des Todes zu besorgen, wie wir gerade wieder in diesen Tagen nach den schrecklichen Anschlägen in Brüssel erfahren. Die schweren Beine, die wir angesichts der Ausmaße der Todeswut von Menschen in der Ferne und in unserer Nähe bekommen, sind uns nur allzu vertraut. Wir sehen, wie die Menschen um uns her gerade mal froh sind, wenn sie diese Beine ein wenig hochlegen und Ostern als eine Art Frühlingsfest mit lächerlichen Osterhasen feiern können. Das deutsche Wort für Ostern, das möglicherweise auf die germanische Frühlingsgöttin Ostera zurückgeht, gibt ihnen dabei vielleicht sogar noch recht.

Doch nur vielleicht. Die andere Möglichkeit ist, dass „Ostern“ von dem indogermanischen Wort Ostero herzuleiten ist und das wäre für unser Verständnis von Ostern sehr viel besser. Denn dieses Wort heißt: Beim Aufgang der Sonne oder im Morgenrot. Das erinnert deutlich an den Tag, der aufleuchtete, als Maria von Magdala und die andere Maria hinausgingen zum Grabe Jesu. Das erinnert an den Ruck, der durch die Todeswelt ging, als der auferstandene Jesus gesehen wurde. Das ruft das Ostergelächter über den entmachteten Tod wach. Das stimmt ins Ostertempo ein, welches die beiden Marien anschlagen und das auch unser Leben mit mutiger, fröhlicher Osterdynamik zu erfüllen vermag. Amen


 
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