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02.01.2014 20:52 Alter: 5 Jahr(e)
Kategorie: Artikel

Abraham und die drei Religionen

Die Kirche 17/2010


Die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam werden heute gerne „abrahamitische Religionen“ genannt. Die Absicht dabei ist klar. Angesichts einer langen Geschichte von Abgrenzung und Gewalt zwischen diesen Religionen soll das, was sie eint, ans Licht gestellt werden. Alle drei Religionen berufen sich auf Abraham als geschichtlichem Beginn ihres Glaubens. Steckt in dieser gemeinsamen Wurzel nicht die Triebkraft für ein friedliches Miteinander dieser Religionen?

So wird heute nicht nur in Kirche und Theologie, sondern auch von jüdischer und muslimischer Seite gefragt. Auf Grund dessen mehren sich die Stimmen, die für einen „Trialog“ eintreten, bei dem Abraham im Zentrum steht. Der Begriff „Trialog“ ist zwar ein Unwort. Denn er erweckt den Eindruck, an einem „Dialog“ seien immer nur zwei beteiligt. Doch das Wort „Dialog“ hat mit der Zahl „zwei“ nichts zu tun. Es meint den gesprächsweisen Austausch von Argumenten, die von den verschiedensten Seiten kommen können. In diesem Sinne geht es um Abraham im Dialog der drei Religionen.

Die Ausgangspositionen in diesem Dialog sind Folgende:

Für das Judentum ist Abraham der Stammvater der 12 Stämme Israels. Mit ihm hat Gott nach 1. Mose 17,7 einen „ewigen Bund“ geschlossen. Ihm wurde eine große Nachkommenschaft und der Besitz des Landes Kanaan verheißen. Der Name Abrahams (d.h.: „Vater vieler Völker“) steht darum für die Erwählung Israels. Mit ihm vergewisserte sich Israel seiner geschichtlichen Herkunft. Dem „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ treu zu sein und ihn zu bezeugen, wurde seine Sendung. Die Geschichten von der Glaubensstärke Abrahams haben ihn im rabbinischen Judentum zum Vorbild jüdischen Lebens in der Befolgung der Tora werden lassen.

Im Neuen Testament wird das Bild Abrahams in die alttestamentliche Abrahamstradition eingebettet. Matthäus 1,1 führt den Stammbaum Jesu auf Abraham zurück. Der Gott Jesu Christi gilt selbstverständlich als Gott „Abrahams, Isaaks und Jakobs“ (Apg. 3, 3). Paulus bezeichnet Abraham als „Vater aller Glaubenden“ (Römer 4, 11), also der Juden und Christen. Er geht davon aus, dass die Verheißungen an Israel in Kraft bleiben. Aber er will zeigen, dass sie durch den Glauben an Christus auch Nicht-Juden gelten. Auch sie sind „Abrahams Kinder und nach der Verheißung Erben“ (Gal 3, 29). Daneben wird die Berufung auf Abraham aber auch kritisiert. Am Schärfsten wird diese Kritik im Johannesevangelium artikuliert. Als „Kinder Abrahams“ werden nur die anerkannt, die sich zu Christus bekennen (Joh 8, 37-45). Mehr noch: Christus wird Abraham vorgeordnet. „Ehe Abraham wurde, bin ich“ sagt Christus (Joh 8, 58).

Der Islam ist wesentlich vom Bezug auf Abraham und seine „Hingabe an Gott“ (= Islam) bestimmt. Der Prophet Mohammed hat sich als Nachfahre von Abrahams und Hagars Sohn Ismael, den er als Stammvater der Araber ansah, verstanden. Sein Anspruch war, zum ursprünglichem Monotheismus Abrahams zurück zu führen. Obwohl er den Islam erst im 7. Jahrhundert nach Christus begründete, geht dieser Monotheismus danach dem Judentum und dem Christentum voraus. Abrahams Hingabe an Gott prägt die muslimische Frömmigkeit. Sie wird im täglichen Ritualgebet und in der Pflicht zum Almosengeben vergegenwärtigt. Seinen besonderen Ausdruck findet die Hochschätzung Abrahams in der Pilgerreise zur Kaaba in Mekka. Sie gilt als Ort der ursprünglichen Gotteshingabe Abrahams. Das zentrale Fest der Muslime ist das Opferfest, an welchem an die Bereitschaft Abrahams, seinen Sohn (Ismael, nicht Isaak!) zu opfern, erinnert wird.

Aus jüdischer und christlicher Sicht wirkt es sicher befremdlich, wie Mohammed biblische Traditionen umgestaltet und angereichert hat. Es ist auch schmerzlich, dass der Koran trotz der Anerkennung jüdischer Propheten und Jesu als Vorläufer Mohammeds dem Judentum und dem Christentum am Ende eine Verfälschung des Gotteshingabe Abrahams unterstellt. An umgekehrten Vorwürfen hat es nicht gemangelt. Im Christentum wurde der Islam wegen seiner Ablehnung der Menschwerdung Gottes und des trinitarischen Gottesverständnisses christlichen Ketzereien zugeordnet. Dennoch ist unbestreitbar, dass es sich bei den drei Religionen um verwandte Religionen handelt. Sie beziehen sich mit der Berufung auf Abraham zweifellos auf denselben Gott. Sie haben deshalb ein anderes Verhältnis zueinander als zu Religionen ohne biblische Bezüge.

Dieses Verhältnis der drei auf die Bibel bezogenen Religionen ist aus christlicher Sicht allerdings nicht gleichartig. Die Verheißungen des Gottes Abrahams an Israel bleiben in der Sicht des christlichen Glauben gültig. Die Texte, die von ihnen zeugen, gehören im Unterschied zu denen der Muslime zu den Texten der christlichen Verkündigung. Die Relativierung Abrahams durch Christus im Johannesevangelium darf die Erwählung Israels nicht in Frage zu stellen.

Was aber das christliche Verständnis des Glaubens der Muslime betrifft, so ist theologisch nach wie vor Vieles im Fluss. Auf der einen Seite steht die Ansicht, dass der christliche Glaube gar nicht mit einem Glauben zu reimen ist, der die Menschwerdung Gottes verneint. Auf der anderen Seite stehen Bemühungen, die anerkennen möchten, dass Gott sich auch anders offenbaren kann, als in Israel und in Christus. Die Frage ist, ob es dazwischen einen Mittelweg gibt.

Die Synode der rheinischen Landeskirche hat im vorigen Jahre mit der Verabschiedung einer „Arbeitshilfe“ unter dem Titel „Abraham und der Glaube an den einen Gott“ versucht, sich für die Anerkennung der Offenbarungen Gottes an Mohammed zu öffnen. Heraus gekommen sind dabei sehr gewundene Formulierungen. Paulus, so wird z.B. gesagt, wende sich in Römer 4 „offenbar ... gegen eine Sicht, nach der Abraham der Vater allein Israels ist“. Oder: Das Verhältnis „zu anderen Glaubensgemeinschaften“ sei nicht abgeschlossen. Der „Blick auf die Verheißung ... muss auch den Blick auf die islamische Glaubensgemeinschaft einschließen“. Wenn diese vagen Sätze sagen sollen, schon in der Bibel sei das Entstehen des Islam vorgesehen, dann wäre das ein verwegener Umgang mit den biblischen Texten. Er hätte die Konsequenz, dass das Bekenntnis der Kirche zugleich einen Glauben „einschließen“ müsste, nach dem Gott gar nicht Mensch werden kann. Das ist offenkundig widersinnig.

Bei der theologischen Reflexion des Dialogs mit den Muslimen ist deshalb vorgeschlagen worden, die Verständigung nicht auf der hohen Ebene zweier sich ausschließender Wahrheitsgewissheiten, sondern eine Ebene tiefer zu suchen. Die Berufung auf Abrahams Glauben in beiden Religionen weist aus, dass es strukturelle Ähnlichkeiten und Berührungen gibt. Beides begründet keinen gemeinsamen Glauben. Es bewirkt aber, dass Christen und Muslime faktisch schon immer gemeinsame Ziele verfolgen.

Ihr Glaube an den einen Gott führt zu gemeinsamer Götzenkritik, d.h. zur Kritik an aller Erhebung von Irdischem und Weltlichem zu göttlicher Qualität. Der Glaube an den Schöpfer erschließt die Welt als Feld freier menschlicher Verantwortung in Erkenntnis und Handeln zugunsten der Geschöpfe Gottes. Die Ausrichtung des Lebens auf Gottes Gericht verwehrt Menschen die absolute Erhebung über andere Menschen. Das hat auch Konsequenzen für den achtungsvollen Umgang mit denen, die eine andere Religion haben. Zumal, wenn sie sich als „Kinder Abrahams“ begegnen, wird diese Achtung die Atmosphäre zwischen ihnen bestimmen. Das Stehen zu eignen Glaubenswahrheit hindert dann nicht, für die genannten gemeinsamen Ziele auch gemeinsam einzutreten.

Angesichts der weltweiten Konflikte zwischen dem Islam und dem Christentum werden solche Perspektiven von Vielen als illusorisch betrachtet. Der christlich-muslimische Dialog, in dem sie zu entwickeln sind, ist in der Tat immer noch ein zartes Pflänzchen, dem jene Konflikte die Lebensluft zu nehmen drohen. Darum sollte er in unserer Gesellschaft, wo er nicht äußerlich gehindert wird, so intensiv wie möglich geführt werden. Seine Konzentration auf Abraham kann dazu wesentlich beitragen.


 
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